Nachricht | GK Geschichte Mit TAMM-TAMM gegen das "Tamm-Museum" in Hamburg

Mit "TAMM-TAMM" präsentiert der VSA-Verlag eine Neuerscheinung, die den Hintergründen der Tammschen Militaria-Sammlung im neuesten Hamburger Museumsprojekt sehr kritisch nachgeht.

Am 25. Juni 2008 werden Bundespräsident Horst Köhler und der schwarz-grüne Erste Bürgermeister der Hansestadt, Ole von Beust, das Internationale Maritime Museum Hamburg im Kaispeicher B in der Hamburger HafenCity eröffnen. Das Museum besteht zu großen Teilen aus der Privatsammlung von Peter Tamm, der einstigen "rechten Hand" Axel CäsarSpringers, des späteren Verlegers von Militär- undSchifffahrtspublikationen und fanatischen Militaria-Sammlers.

Aufgrund der Informationspolitik der Tamm-Stiftung weiß die Öffentlichkeit allerdings bis heute noch immer nicht genau, was sie endgültig im Museum erwartet: Wurde bei der Museumsgestaltung darauf verzichtet, Seestreitkräfte, Waffen, Orden und Kriegshandlungen distanzlos in einem ästhetisch reizvollen Rahmen vorzuführen? Oder weht der militaristische Geist, der große Teile der Tammschen Sammlung in der Elbchaussee 277prägte, weiter durch das Museum? In der aktualisierten Auflage der vom Informationskreis Rüstungsgeschäfte in Hamburg herausgegebenen Broschüre  wird den Hintergründen der Tammschen Sammlung kritisch nachgegangen und die Vorgänge und Auseinandersetzungen um das neueste Hamburger Museumsprojekt innerhalb der letzten drei Jahre dokumentiert.

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www.internationales-maritimes-museum.de

Nachfolgend noch die

zusammenfassenden Thesen der Herausgeber der Broschüre.

Im Ergebnis unserer Recherchen kommen wir zu folgenden Aussagen: Das künftige Tamm-Museum droht durch die vorhersehbar beschönigende Art und Weise, in der die internationale und vor allem die deutsche Kriegs-und Rüstungsgeschichte dargestellt werden soll, ein öffentliches Ärgernis zu werden. Wir verkennen nicht die große Faszination, die von der Schifffahrt und ihrer Geschichte ausgeht. Ein Museum jedoch, in dem gewaltsame Eroberungspolitik, Werkzeuge der Vernichtung und Kriegshandlungenverharmlost oder glorifiziert werden, würde im Widerspruch zur Präambel der Hamburger Verfassung stehen, nach der die Hansestadt „im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt“sein will. Die Hamburger Öffentlichkeit ist bisher nicht angemessen darüber informiert worden, in welch hohem Maß Tamms Sammlung kriegs- und militärbezogene Gegenstände umfasst und welches Geschichtsbild er mit ihnen verbindet. Der mit der Stadt abgeschlossene Vertrag ermöglicht es Tamm, in völlig autokratischer Weise zu bestimmen, welche Exponate er in dem neuen Museum präsentiert. Die Art und Weise, in der man sich an frühere Kriege erinnert, ist von großer Bedeutung für die Haltung, die man jetzt und künftig zu Kriegen und Kriegsgefahren einnimmt. Gerade deswegen halten wir eine öffentliche Diskussion über das Museum für wichtig. Das frühere Wirken Tamms als Vorstandschef des Springer-Verlags, seine Neigung zum Denken in militärischen Kategorien und die Tatsache, dass er Besitzer von Verlagen mit extrem militaristischen und nationalistischen Traditionen ist, begründen schwerste Bedenken im Hinblick auf die Darstellung von Krieg und Kriegsursachen im kommenden Museum. Eine seriöse geschichtswissenschaftliche Fundierung des Museumskonzepts ist bisher nicht zu erkennen.

Tamm betrachtet Geschichte mit dem Blick von oben, aus der Perspektive der politisch Mächtigen, der Kriegsherren und Kommandanten. Die Not der einfachen Menschen und das grausame Schicksal der Kriegsopfer bleiben weitgehend  unsichtbar. Tamm will vermitteln, dass Seemacht immer die Voraussetzung für den Aufstieg zur Weltmacht gewesen ist, und tritt auch in der Gegenwart für eine Politik der maritimen Stärke ein.

Kaiserzeit: Tamms Begeisterung für Glanz und Gloria unter Kaiser Wilhelm II. ist offenkundig. Die Seeinteressen-Argumentation der wilhelminischen Flottenpropaganda und die für viele verführerische Ästhetik des damaligen Marinekults sind bei Tamm ungebrochen. Dass die deutsche Flottenrüstung bei der Entwicklung hin zur Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs eine unheilvolle Rolle spielte, ist für Tamm bisher kein darstellenswertes Thema.

Nationalsozialismus: Peter Tamms Institut an der Elbchaussee ist die wohl größte in Hamburg öffentlich zugängliche Ansammlung von Hakenkreuzen und anderen Zeugnissen der NS-Zeit. Dabei fehlt jegliche kritische Distanz. Die Beteiligung der Kriegsmarine am Angriffskrieg des NS-Regimes wird beschönigt. Die Großadmiralstäbe von Hitlers Seekriegsführern Raeder und Dönitz in einer Aura von Ehrwürdigkeitzu präsentieren, wie es an der Elbchaussee der Fall ist, ist unzumutbar.

Das Museum wird, wenn dies nicht noch von außen verhindert wird, einem unkritischen Waffenkult Vorschub leisten. Kriegsschiffe und Waffen werden als Meisterleistungen der Ingenieurskunst präsentiert – wer durch sie für welche Interessen sein Leben verlor und welche Unternehmen von ihrer Produktion profitierten, bleibt ausgeblendet. Auch in Bezug auf die nichtmilitärischen Ausstellungsstücke muss davon ausgegangen werden, dass hinter der äußerlichen Ästhetik der Exponate und hinter der Detailverliebtheit der Schiffsmodelle die – oft harte und konfliktreiche – sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Realität von Seefahrt und Schiffbau verborgen bleibt. Das Tamm-Museum wird aller Voraussicht nach über wesentliche Bereiche der Schifffahrts- und Marinegeschichte hinweggehen, nämlich vor allem über solche, die mit den dunklen Seiten der maritimen Vergangenheit verbunden sind. Damit würde das Museum den einem demokratischen Selbstverständnis verpflichteten Bildungsauftrag in wichtigen Punkten verfehlen. Für eine umfassende und vielschichtige Präsentation wären in das Ausstellungskonzept z.B. folgende Themen einzubeziehen:

– die Rolle der Schifffahrt bei der Ausbeutung anderer Kontinente, beim Sklavenhandel und Kolonialismus

– Geschichte des maritimen Wettrüstens

– die Seemachtideologie von Alfred Thayer Mahan und der Navalismus

– Entstehung und Entwicklung militärisch-industrieller Komplexe im Bereich der Seekriegsrüstung

– die Geschichte der Flottenpropaganda

– historische Bilanz: Seestreitkräfte unter dem Blickwinkel von Kosten und Nutzen

– inhumane Aktionen von Seestreitkräften und deren Opfer

– Meuterei der Kriegsschiffsbesatzungen/Revolution 1918

– Geschichte politischer Kontroversen um die Flottenrüstung

– Arbeitsbedingungen und Arbeitskämpfe in den Häfen und auf den Werften

– Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen in der deutschen Seewirtschaft.

Die Ausgaben der Stadt für Tamms Privatmuseum schmälern die anderen kulturellen Aktivitäten zur Verfügung stehenden Mittel in nichtvertretbarer Weise. Wir wollen kein Museum in Hamburg, das Militaristen, Heldenverehrer und Waffennarren anzieht und in ihrem Weltbild bestärkt! Wir wollen kein Museum in Hamburg, mit dem die Seeinteressen-Propaganda  zur Begründung von starken Seestreitkräften wiederbelebt wird! Wir wollen kein Museum in Hamburg, das zur Popularisierung der Deutschen Marine oder für Werbezwecke der deutschen Kriegsschiffsindustrie (mit Thyssen-Krupp an der Spitze) genutzt werden kann! Und schon gar nicht wollen wir ein solches Museum mitfinanzieren!