Nachricht | Bernhard Schär u.a. (Hrsg): Bern 68. Lokalgeschichte eines globalen Aufbruchs, Baden 2008

“1968” in der Schweiz? War da was? Ja, da war etwas, wenn auch etwas anderes, und in einer anderen politischen Umgebung, als in Frankreich oder in Deutschland. Mit “Bern 68” liegt ein reichlich illustrierter und ansprechend gestalteter Sammelband im Katalogformat vor, der die Breitenwirkung von “1968” in der schweizerischen Hauptstadt Bern anhand verschiedener Themenbereiche und am Beispiel von zwölf AktivistInnen und ihrer Biographien veranschaulicht.
Die Einleitung von Bernhard Schär versteht “1968” ganz im Mainstream der derzeitigen Forschung als Chiffre für einen längeren Zeitraum, der den Umbruch von den “autoritären Industriegesellschaften” hin zu “liberaldemokratischen Konsumgesellschaften” bezeichne. Dieser Umbruch habe viel mit Faktoren wie Wirtschaftswachstum und Bildungsexpansion zu tun gehabt, die erst einmal unabhängig von “1968” existierten. Speziell ist die “erinnerungspolitische” Dimension der politischen Kultur der Schweiz vor “1968”: Das Selbstbild wurde davon dominiert, dass man während des Zweiten Weltkrieges neutral gewesen sei und mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt habe. Diese Neutralität sei aber nur um den Preis einer erhöhten inneren Wachsamkeit gegen linke Bestrebungen zu bewahren gewesen. Dieses eiserne Prinzip der sogenannten “Geistigen Landesverteidigung” begann um “68” herum langsam aufzuweichen und wurde dann erst Ende der 1980er-Jahre wirklich ernsthaft in Frage gestellt, als es in der Schweiz zu einer zivilgesellschaftlich begründeten Abkehr vom Bild “Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine” kam.
Der Untersuchungsgegenstand Schweiz bzw. Bern lädt natürlich zu weiteren transnationalen Vergleichen ein: Vieles lässt sich mit Deutschland vergleichen, auch wenn die Bedeutung von “1968” für die Schweiz insgesamt als, so Schär, „marginal“ bezeichnet werden muss. So gab es in der Schweiz später keinen “Terrorismus”, keine Allianz zwischen Studierenden und ArbeiterInnen, auch wenn “1968” in der Schweiz nicht so stark studentisch geprägt war, wie in Deutschland. Schär behauptet sogar, es habe in der Schweiz “keine vergleichbaren Diskriminierungen wie in den USA” gegeben, was zwar in diesem Vergleich wahr sein mag, aber angesichts der rechtlichen Diskriminierung der “Saisonniers” genannten ArbeitsmigrantInnen als etwas gewagt angesehen werden muss. Schär bezeichnet die Langzeitwirkungen von “1968” zusammengefasst als “bürgerliche Revolution”, was freilich nur geht, wenn man, wie er selbst schreibt “von den sozialistischen Absichten der AktivistInnen abstrahiert“.
Im Anschluss finden sich zehn Detailstudien zu einzelnen wichtigen Themenbereichen und dazugehörigen exemplarischen AkteurInnen. Gegenstand ist die Dritte-Welt-Solidarität, der Protest gegen den Vietnamkrieg, die Lesbenbewegung, die Musikszene, die Schüler- und StudentInnenbewegung, die Bewegung gegen Knäste sowie einer Gruppe der radikalen Linken. Auf zwei Beiträge sei noch näher eingegangen. Die sogenannten “Nonkonformisten” waren die Journalisten, literarischen und in anderer Weise künstlerisch tätigen Individuen, die schon in den frühen 1960er Jahren die “Geistige Landesverteidigung” und den Allparteienkonsens zu Wachstum, Planung, Rassismus und Langeweile in Frage gestellt hatten. Das Bündnis der Nonkonformisten mit Prominenten wie Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt war wichtig für die Außenwirkung der im Binnenverhältnis relativ elitären Nonkonformisten, die nonkonformistischen Journalisten hatten eine wichtige Vermittlungsfunktion für „1968“. Ein Thema, das es so meines Wissens in der BRD zu jener Zeit nicht gab, war die Auseinandersetzung mit und die Solidarität mit den “fahrenden Leuten”, den „Jenischen“, jener Gruppe, die heute Sinti und Roma genannt werden. Sie wurden (und werden) diskriminiert und vom Schweizer Staat verfolgt, ihre Kinder damals in Heime zwangseingewiesen. Die Solidarität mit ihnen war auch von romantischen Bildern der damaligen Hippiebewegung gespeist, Bilder wiederum, mit denen die “Jenischen” für ihre mediale Repräsentation arbeiteten.
Bemerkenswert ist, dass der Band durchweg von jungen bis sehr jungen HistorikerInnen und Angehörigen anderer Disziplinen geschrieben wurde, was ihm nicht geschadet hat, im Gegenteil. In ähnlicher Aufmachung und inhaltlicher Struktur liegt auch ein Band zu “68” in Zürich vor. Beide sind auch für NichtschweizerInnen sehr anregend zu lesen; und beide können, was die Gestaltung und die inhaltliche Breite angeht, als Anregung für weitere lokale oder regionale Studien dienen, zu “1968”, aber auch zu den sozialen Bewegungen der 1970er Jahre, deren Historisierung bevorsteht.

Bernhard Schär u.a. (Hrsg): Bern 68. Lokalgeschichte eines globalen Aufbruchs. Ereignisse und Erinnerungen, Hierundjetzt Verlag, Baden/Schweiz 2008, 227 S., 22,80 EUR