Nachricht | Geschichte - Deutsche / Europäische Geschichte - Rezensionen Pfadfinder in den 1960er und 70er Jahren

Autobiographischer Bericht eines Aktiven als Buch erschienen

Information

Während des Pfingstlager 1976 des Landesverbands Hessen im Jugendhof Bessunger Forst gab es auch Kulturaktivitäten, hier z.B. zwei Straßenmusiker aus dem Dunstkreis des BDP. CC BY-ND 4.0, Jürgen Fiege

»Pfadfinder bleibt man ein Leben lang.« Das war die Parole in der Jugend des 1942 geborenen Jürgen Fiege. Dahinter verbirgt sich in den 1950er und 1960er Jahren der
Absolutheitsanspruch der Pfadfinder-Ideologie: Pfadfinder-Gesetz und -Versprechen als moralische Leitlinie für die eigene Lebensgestaltung. In den Vorwehen der 1968er Jahre wird die teilweise noch nach militärischen Prinzipien ausgestaltete Pfadfinderarbeit des Bund deutscher Pfadfinder (BDP) dann modernisiert. Aus den Zeltlagern z.B. werden zusehends Orte kultureller und politischer Bildung und der Verband auch intern demokratisiert. Die alte Pfadfindermethode der Natur-Erkundung wird im BDP für die Auseinandersetzung mit Politik und Gesellschaft übernommen.
Fast sechs Jahrzehnte nach seinem Eintritt in den BDP 1957 wirft Fiege als Autor einen Blick zurück auf seine Jugendzeit in der Pfadfinderbewegung und erzählt anschaulich von den prägenden Fahrten in europäische Länder und anderen Ereignissen.
Den weitaus größten Teil des Buches nehmen allerdings die Erzählungen Fieges über seine Zeit als Aktiver im BDP auf Bundesebene ein, zuerst als Ehrenamtlicher, und dann bis 1978 mehrere Jahre als Hauptamtlicher. Danach arbeitet er bis zu seiner Berentung im Jahre 2005 im Jugendhof Steinkimmen (zwischen Oldenburg und Bremen).
Der Text ist ein persönlich gefärbter Erfahrungsbericht eines Zeitzeugen, der aus der Innenperspektive über die konkrete Arbeit und die strukturellen Debatten und Konflikte
berichtet. Er ist insofern ein Stück Zeitgeschichte sowie ein Beitrag zur Geschichtsschreibung sozialer Bewegungen, als er eindrücklich zeigt, wie
politisch Jugendverbandsarbeit in jenen Jahren ist: Die BDP-Mitglieder beteiligten sich aktiv an der Jugendzentrumsbewegung wie auch an der Ökologie- und anderen Protestbewegungen.
Fiege und andere geben auch Bücher und Zeitschriften heraus, die die theoretische Debatte um eine emanzipatorische Jugend(verbands)arbeit abbilden und anstoßen.
»Pfadfinder zwischen Tradition und Fortschritt« ist ein Lesebuch, laut Verlag nicht dazu gedacht, von Anfang bis Ende in einem Rutsch gelesen zu werden. Sondern der Leser und die Leserin können nach und nach schmökern. Es lädt ein zum Blättern und Stöbern. Die Texte folgen vorrangig einem chronologischen Ablauf, sind stellenweise auch thematischgeordnet, was die Lektüre andererseits aber auch etwas unübersichtlich macht.

Jürgen Fiege: Pfadfinder zwischen Tradition und Fortschritt. Zwanzig Jahre im Bund Deutscher PfadfinderInnen, Verlag AG SPAK, Neu-Ulm 2017, ISBN 978-3-945959-17-6, 200 Seiten, 14,50 EUR