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Rezension zu einem Buch über genossenschaftlichen Alltag in einer Wohnsiedlung bei Basel

Unbekannt

Antikapitalistische Wohnungspolitik, Commons, Vergesellschaftung und Gemeingüter sind aktuelle Schlagworte. Mit ihren Anliegen soll der Aufwertung von Stadtteilen, gesteigerten Profitinteressen und Verdrängung eine andere Wohnraumversorgung entgegengesetzt werden. Gleichzeitig verfolgen zahlreiche Neugründungen von Haus- und Wohnprojekten eine alternative Praxis für den Alltag ihrer Bewohnerinnen und Bewohnern. Wer sich hierzu mit bereits bestehenden Erfahrungen ernsthaft auseinandersetzen will, sollte die hervorragende Schrift von Matthias Möller über die Siedlung Freidorf bei Basel gründlich durcharbeiten.

Versuche mit anderen Wohnformen und die dabei gesammelten Erfahrungen haben eine lange Geschichte: Bereits in den 1880er Jahren gründeten sich erste Wohngenossenschaften als Alternative zur kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft. Damals entstand eine Genossenschaftsbewegung, die Wohnraumversorgung mit basisdemokratischen und sozialistischen Reformvorstellungen verband – als Schritt auf dem Weg zu einer anderen Gesellschaftsordnung.

Experiment Siedlungsgenossenschaft

Erst später entstand die Siedlungsgenossenschaft Freidorf/Basel, die im deutschsprachigen Raum eines der herausragenden Beispiele für wohnreformerische Experimente darstellt. Dort organisierten sich nach 1919 rund 150 Familien, um in einer großzügig angelegten Siedlung an einem antikapitalistischen, dörflich-kooperativen Wohnexperiment zu arbeiten. Selbstorganisation, Kooperation und genossenschaftliche Organisierung prägten für Jahrzehnte das Leben und den Alltag in der Siedlung. Doch obwohl das Freidorf in Kriegszeit und Wirtschaftsaufschwung ohne äußere Eingriffe blieb, stand es immer wieder vor neuen, grundlegenden Herausforderungen, die auch in Hinblick auf heutige Wohnprojekte und Alternativstrukturen von Interesse sind. Matthias Möller hat in seiner Dissertation die Erfahrungen aus Freidorf anschaulich und fundiert aufgearbeitet. Der Hinweis auf die Dissertation sollte nicht abschreckend, da er auf typische sprachliche Verkomplizierungen vieler wissenschaftlicher Arbeiten erfreulicherweise verzichtet. Das Buch ist sehr gut lesbar und gleichzeitig systematisch aufgebaut. Bilder aus der Geschichte der Siedlung geben einen Eindruck über das Leben. Gleichzeitig helfen viele Quellenhinweise, bei Interesse nach Vertiefung, dem nachzukommen.

Ethnologische Brille

Der einleitende Teil der Arbeit stellt wichtige Bezüge zu aktuellen Themen wie Gemeingüter, Gemeinwirtschaft und Genossenschaften her, ebenso zur Arbeiterbewegung und der Arbeiteralltagskultur, die für ein Verständnis von Ansätzen wie Freidorf unerlässlich sind. Möller ordnet zudem die Entstehung und Entwicklung der Siedlung in wichtige gesellschaftliche Zusammenhänge ein. Dazu gehören grundlegende Diskussionen der wohnungsgenossenschaftlichen Akteure zur Wohnungs- und Eigentumsfrage, die Entstehung der städtischen Bau- und Sparvereine sowie deren Ergänzung auf dem Lande in Form von Siedlungsgenossenschaften. Diesen Teil der Ausführungen schließt er mit einem Überblick über den Aufschwung und die weitere Ausdifferenzierung der Wohnungsgenossenschaften ab.

Das spannende der Herangehensweise von Möller ist aber seine „ethnologische Brille“. Das Fallbeispiel Freidorf arbeitet er auf, indem er versucht einen möglichst tiefgehenden Einblick in dessen Alltagskultur zu geben. Es werden also nicht nur der Gremienarbeit wie beispielsweise dem Ablauf der Generalversammlung, der Arbeit der Kommissionen als Basisgruppen der Bewohner und dem Agieren der Geschäftsführung nachgegangen. Vielmehr stehen viele wichtige Bausteine des Siedlungslebens im Mittelpunkt der Ausführungen: Wie waren Bildung, das Thema Versorgung einschließlich Bewirtung und Geselligkeit organisiert? Wer etwas über die Alltagskultur der damaligen Zeit in solchen genossenschaftlichen Siedlungen erfahren will, dem verschafft Möller tiefergehende gute Einblicke.

Lernen für heute

Freidorf legte seinen gesellschaftsreformerischen Ansatz in den 1960ger Jahren ab. Trotzdem sieht Möller in der Aufarbeitung der Geschichte eine große Chance, für heutige Wohnkooperativen viel für sich und ihre eigene Zukunft mitzunehmen. Dies betont er, obwohl der Bruch und der Unterschied zwischen früherer Arbeiterkultur und heutiger Alternativkultur immens sind. Seine sechsseitigen Ausführungen dazu sind aber leider viel zu kurz. Dabei sind diese eine hervorzuhebende Bereicherung. Beispielsweise bei der Ausrichtung der Gemeinschaft. In Freidorf wurden viele Dinge in ein rigides Regelwerk gegossen. Sie könnten eine der wichtigen Gründe dafür sein, dass eine gemeinschaftliche Neuausrichtung nicht gelungen ist, sondern bei den Bewohnern individuelle Abkehr und Rückzug irgendwann zu stark wurden.

Ein weiteres Konfliktfeld ergab sich zwischen Eingesessenen und neuen Bewohnern. Die Weitergabe eingespielter Praktiken erwies sich oftmals als schwierig. Ihre symbolischen Formen erschließen sich Außenstehenden bzw. Neuen in vielen Fällen nicht. Die Folge ihrer „Verstecktheit“: Sie werden teilweise auf gemeinschaftlicher Ebene nicht wirklich mehr verhandelbar. Sie führen irgendwann zu der schweigenden Abkehr aus ungewollten kollektiven Bereichen, ohne dass neue geschaffen werden. Dieses Dilemma zwischen Struktur und Offenheit dürfte eine der vielen Schwierigkeiten sein, denen sich auch heutige gemeinschaftliche Wohnformen immer wieder aufs Neue stellen müssen.

Matthias Möller: Leben in Kooperation. Genossenschaftlicher Alltag in der Mustersiedlung Freidorf bei Basel (1919-1969), Campus Verlag, Frankfurt/M. 2015, 34,90 Euro

Text: Burghard Flieger (Freiburg), CONTRASTE-Redaktion Genossenschaften