Nachricht | International / Transnational - Europa Junge Generationen auf der Suche nach Identität

Im Rahmen der internationalen Jugendkonferenz diskutierten junge Menschen in Dilijan/Armenien über die Definition von Identität, maßgebliche Einflüsse auf Identitäten sowie ihre Bedeutung für die Konflikte in der Kaukasusregion.

Eine Besonderheit der Konferenz im August 2008 war, dass es dem Armenian National Center „Dialogue of civilizations“ und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gelungen ist, dass junge Menschen aus Armenien, Aserbaidschan, Deutschland, Georgien, Iran, Berg-Karabakh, Polen, Russland, der Türkei und Ukraine teilnahmen. Nicht zuletzt sorgten die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen sowie eine geplante Resolution zum Ende der Konferenz für einige mediale Aufmerksamkeit.

Es ist dem Zufall geschuldet, dass die Kaukasusregion kurz vor der Konferenz erneut weltweite Aufmerksamkeit durch die plötzliche Verschärfung des Konfliktes zwischen Russland und Georgien hinsichtlich der abtrünnigen Regionen Süd-Ossetien und Abchasien erhalten sollte. Somit war auch klar, dass sich dieses Thema auf der Konferenz nicht ausblenden ließ, vor allem da der Identitätsgedanke immer wieder als Grund für territoriale Ansprüche herangezogen wird.

Die Bedeutung des Austausches über die Frage der Identitäten und Identifikationen in der Kaukasusregion wurde nicht zuletzt durch den einleitenden Vortrag des armenischen Premierministers Tigran Sargsyan unterstrichen. Im Rahmen einer Beschreibung von vorindustrieller, industrieller und postindustrieller Phasen stellte er dar, dass die Welt sich noch in einer industriellen Phase befände, in welcher Rassen, Nationen und Staaten zusammen mit Konsum die maßgebliche Rolle für den Identitätsbegriff spielen. Die postindustriellen Phase sei erst möglich, wenn der Mensch bzw. „human being“ mit seiner Einzigartigkeit und seinem eigenen Denken ins Zentrum des Identitätsbegriffes rückt, wobei hier auch Religion für ihn eine wichtige Rolle spiele. Dies sei jedoch noch nicht erreicht, da bis heute alte Konflikte und Fehler der Vergangenheit reproduziert werden.

Insbesondere die Nachfrage von Oya Eren (Türkei) nach den Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei war von großem Interesse. Hintergrund sind die nicht vorhandenen diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten begründet durch den Konflikt über die Frage des Völkermordes in den Jahren 1915 bis 1917 und den Konflikt um die Karabach-Region.

Tigran Sargsyan verwies erneut darauf, dass wir uns noch im industriellen Zeitalter befänden und Verhandlungen in der Vergangenheit aufgrund der alten Auffassungen gescheitert seien. Die Türkei suche auch nach Selbstidentifikation. Eine essentielle Frage sei in diesem Rahmen auch, wer zu Europa gehöre. Und so stellen sich auch „jüngere“ (National)Staaten beim Blick in die Zukunft die Frage: „Was bedeutet die Europäische Union für uns?“ Hinsichtlich der Beziehungen zur Türkei bekräftigte er sein Angebot, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren – ohne Bedingungen und ohne Ansprüche. Wie wichtig diese Frage und Aussage für die armenische Öffentlichkeit und Außenpolitik ist, zeigte auch die Berichterstattung im armenischen staatlichen Fernsehen über die Konferenz.

Im Anschluss präsentierten TeilnehmerInnen im Rahmen einer Plenarrunde erste einleitende Vorträge und äußerten Wünsche für die anschließenden Diskussionen.

Boris Krumnow (Deutschland, LinXXnet Leipzig, Zentrum für Politik und Kultur) sprach über aktuelle Probleme von Identität und Religion in Europa und wie Religion junge Menschen in ihrer Identität beeinflusst. Zhanna Ponomorenko (Russland) stellte dar, welche Probleme die Globalisierung in der Formung einer eigenen Individualität mit sich bringe. Levan Kavtaradze (Georgien) bezog sich in seinem Vortrag auf regionale und ethnische Konflikte und die Möglichkeit eines Dialoges zwischen jungen Menschen in der Region. Alexander Karavaev (Russland) sprach über die Rolle des Staates im Prozess zur Sicherung der Rechte und Möglichkeiten von Menschen in der Diaspora.

In anschließenden Gruppendiskussionen wurden Kurzvorträge der TeilnehmerInnen unter den Überschriften „Probleme der Selbstidentifikation der jungen Generation im Prozess der Integration in eine globale, kulturelle Gesellschaft“ sowie „Integration in die globale Gesellschaft: Bewahrung der nationalen Identität“ diskutiert. In diesem Rahmen stellten auch die TeilnehmerInnen aus Deutschland ihre Ideen und Präsentationen vor. Susanna Karawanskij sprach über „The struggle of identities – Discourses between globalisation and nationhood” und René Lenz stellte in seinem Vortrag „European Universities and Students: between Employability and Political Participation“ die Partizipationsschwierigkeiten und -möglichkeiten von Studierenden in Europa an politischen Diskursen vor.

Am Folgetag wurde die Diskussion, u.a. mit einem Vortrag von Alexis Kunze zu „Problems in the constitution of „European values“ based on common values“ und weiteren Beiträgen zur Rolle von Religion bei der Überwindung kultureller Grenzen fortgesetzt. Darüber hinaus wurde insbesondere eine geplante Resolution unter den TeilnehmerInnen sehr kontrovers diskutiert. Hierfür spielte insbesondere die Erwähnung von Berg-Karabakh eine große Rolle. Die Diskussion hierum und zwei abschließende, emotionale Vorträge der Teilnehmer aus Georgien zeigten, wie schwierig eine Annäherung – auch unter jungen Menschen – in den Fragen zu den Konflikten in der Kaukasusregion sein kann.

Die Annäherung an die Identitätsproblematik in den verschiedenen Beiträgen bot Anknüpfungspunkte für engagierte Debatten auch am Rande der Konferenz, welche die Aktualität und Bedeutsamkeit des Themenfeldes besonders verdeutlicht. Weiterhin ergaben sich aus den zahlreichen Gesprächen viele neue Ideen und Eindrücke, die zukünftig eine Basis für einen dauerhaften Austausch und weitere Projekte sein können.

Trotz aller Kontroversen und Diskussionen zeigte sich bei den gemeinsamen Aktivitäten am Rande der Konferenz, dass interkulturelle Grenzen überwindbar sind – vielleicht nicht immer mit Worten und Resolutionen, sondern vielmehr durch Austausch und gemeinsames Erleben.

Fotos von oben nach unten:

1) TeilnehmerInnen der Konferenz gemeinsam mit dem armenischen Ministerpräsidenten Tigran Sargsyan
2) Eröffnung der Konferenz durch Aram Sargsyan (Vorsitzender des Armenian National Center „Dialogue of civilizations“ sowie der Demokratischen Partei Armeniens, Vizepräsident des Armenian World Congress), links daneben Tigran Sargsyan, Ministerpräsident Armeniens und der Gouverneur von Tavush
3) Oya Eren (2. v.l.) bei ihrer Nachfrage an Tigran Sargsyan; rechts Karolina Latarska (Polen), Gevorg Gulyan (Armenien) und Serob Antinyan (Armenien), links Professor aus der Türkei
4) Delegation aus Deutschland während der Konferenz


5) Delegation aus Deutschland in Jerewan vor dem Büro des Armenian National Center „Dialogue of Civilizations“ (v.l.n.r) Susanna Karawanskij, Alexis Kunze, Boris Krumnow, René Lenz und Katharina Weise