Dokumentation «Revolutionen und Arbeitsbeziehungen in globalhistorischer Perspektive»

Bericht von der 53. Konferenz der ITH in Linz/Österreich

Information

Zeit

21.09.2017 - 23.09.2017

Themenbereiche

Deutsche / Europäische Geschichte, Parteien- / Bewegungsgeschichte, Geschichte, GK Geschichte

Zugeordnete Dateien

Im Jubiläumsjahr der Russischen Revolutionen von 1917 widmet sich auch die ITH International Conference of Labour and Social History / Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen) diesem Themenfeld, allerdings mit einem für die Konferenzreihe spezifischen Zugang. Gefragt wurde nach der Wechselwirkung von revolutionären Prozessen mit Veränderungen in den Arbeitsbeziehungen. Damit wurde angestrebt, das erneut erwachte Interesse an Revolution in der Geschichtswissenschaft mit den Debatten auf dem Gebiet der Global Labour History, die nicht zuletzt auf den vergangenen ITH-Konferenzen geführt wurden, zusammenzubringen.

Hatten sich die Konferenzen in den vergangenen Jahren dabei stark sozial- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen geöffnet, so war dieses Jahr eine deutliche Politisierung der Fragestellungen und Diskussionen zu beobachten. Dies wurde bereits in der Begrüßung von ITH-Präsident DAVID MAYER deutlich, der das gestiegene Interesse an Revolution nicht nur auf das Jubiläumsjahr zurückführte, sondern auch auf eine weltweite Situation, die an vorrevolutionäre Zustände erinnere. Anknüpfend hieran versuchte IMMANUEL NESS in seinem Eröffnungsvortrag einen historischen Überblick über Formen von Spontanität und Organisation der ArbeiterInnenklasse in revolutionären Situationen zu geben und daraus Lehren für aktuelle Herausforderungen zu ziehen. Die behandelten Beispiele reichten vom Syndikalismus Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, der Rätebewegung und dem Rätekommunismus nach 1917/18 bis hin zu Operaismus und Arbeiterautonomie um 1968 und danach. Aktuell könne eine wachsende globale Ungleichheit und eine Ausbreitung von informellen Arbeitsverhältnissen auch im globalen Norden verzeichnet werden. Zugleich ließe sich ein rapide sinkender gewerkschaftlicher Organisationsgrad bei wieder zunehmender Streikaktivität beobachten. Dennoch hielt Ness starke Organisationen für notwendig, um Kontinuität im Rahmen unbeständiger Arbeitsverhältnisse zu gewährleisten und um politisch-kulturelle Gegenhegemonie aufzubauen. Als Beispiele führte er neue Arbeiterparteien im globalen Süden an, die sich durch eine breite Aktivität in den Stadtteilen und Wohnorten der ArbeiterInnen auszeichnen würden.

Die 15 weiteren Beiträge der zweitägigen Konferenz (das Programm kann hier als PDFeingesehen werden) umfassten einen breiten zeitlichen Rahmen vom Ende des 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Die behandelten Regionen erstreckten sich von Südamerika über Europa bis Asien. Neben den Auswirkungen von Revolutionen auf Arbeitsverhältnisse, bzw. den Impulsen, die von diesen für revolutionäre Entwicklungen ausgingen, wurden auch Probleme der Arbeit und der Arbeitsteilung für die Konstruktion revolutionärer Ideologie und Identität (WOLFGANG HÄUSER über den 1848er Revolutionär Ernst Violand und MATTHEW GALWAY über den Mitbegründer der Kommunistischen Partei Kambodschas Hou Yuon) sowie Revolution als Beruf (BERNHARD BAYERLEIN über die Organisation der Komintern) untersucht.

Der komplette Bericht ist als PDF verfügbar.

Ankündigung

Nach langer Quarantäne hat die „Revolution“ wieder Einzug in historiographische Debatten erhalten. Das bevorstehende Jubiläum von 1917 – wohl eines der, wenn nicht das wirkmächtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts – hat dieses erneute Interesse weiter verstärkt. Die Gründe für diesen Trend können einerseits in breiteren gesellschaftlichen Krisenerfahrungen der Gegenwart gesucht werden. Zu nennen wären hier ökonomische Krisen, die jüngsten Umbrüche in der arabischen Welt oder auch die auf Transformation oder sogar Revolution abzielenden Bewegungen und Regierungen in Lateinamerika. Andererseits haben innere Verschiebungen auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaften Revolutionen wieder zu einem reizvollen Untersuchungsgegenstand gemacht: Unter dem Einfluss der dynamischen Debatten rund um „Globalgeschichte“ und „transnationale Perspektiven“ erscheinen Revolutionen für jene, die sich sowohl für die Zirkulation von Ideen, Personen, Waren, Praktiken usw. als auch für die Beziehung zwischen Orten interessieren, als augenscheinlicher Untersuchungsgegenstand.

Ausgehend von dieser erneuten Aufmerksamkeit gegenüber Revolutionen beabsichtigt die ITH-Konferenz 2017 den Fokus spezifischer auszurichten und die Wechselverhältnisse zwischen Revolutionen und Arbeitsbeziehungen zu beleuchten. Am offenkundigsten ist dieses Wechselverhältnis in all jenen Bewegungen und politischen Projekten, die, insbesondere nach 1917, explizit in der Veränderung der Besitz- und Arbeitsverhältnisse die Haupttriebkraft von Revolutionen sahen. Revolutionäre Prozesse waren jedoch stets stark von den aus den Welten der Arbeit entstehenden Krisen und Auseinandersetzungen und den Aspirationen und der Handlungsmacht von Arbeitenden geprägt.

In der Auseinandersetzung mit Veränderungen in den „Welten der Arbeit“ beabsichtigt die Konferenz das erneute Interesse an Revolutionen mit den lebhaften Debatten auf dem Gebiet der Global Labour History zusammenzuführen. Die Global Labour History ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus der Beschäftigung mit Arbeitsbeziehungen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Unterschiedlichkeiten und der damit einhergehenden Koexistenz unterschiedlicher Arbeitsverhältnisse im modernen Kapitalismus hervorgegangen. Wie waren Revolutionen in dieser Unterschiedlichkeit von Arbeitsbeziehungen begründet und durch diese geprägt? Wie haben sich unterschiedliche Gruppen von Arbeitenden in revolutionären Prozessen verhalten und diese beeinflusst? Und wie haben diese revolutionären Transformationen sowohl Verschiebungen in der Zusammensetzung des Faktors Arbeit als auch die Ausgestaltung von Arbeitsbeziehungen bestimmt?

Ausgehend von diesen grundlegenden Fragen über das Wechselverhältnis zwischen Revolutionen und Arbeit wird eine Reihe an Themengebieten, Fragestellungen und Untersuchungsansätzen im Rahmen dieser Konferenz diskutiert. Dies umfasst Vorher-Nachher-Analysen (die systematische Untersuchung von Arbeitsbeziehungen vor, während und nach Revolutionen); die auffällige Wechselbeziehung zwischen Arbeit, Revolution und Krieg (versinnbildlicht in den Erfahrungen des 1. Weltkrieges und später); verschiedene Formen der Mikroanalyse, die spezifische Blicke auf die „großen“ Revolutionsprozesse ermöglichen, indem eher kleine Einheiten der Produktion (Fabriken, Werkstätten, Plantagen, Haushalte) oder der Gemeinschaft (Dörfer, Stadtteile) in den Mittelpunkt von Untersuchungen gestellt werden, einschließlich der Formen der Selbstorganisation von ArbeiterInnen, BäuerInnen und anderen Gruppen in Räten, Sowjets oder Komitees; Tele-Connections zwischen AkteurInnen an verschiedenen Orten und „Revolution als Arbeit“, sprich die Arbeit jener, die für und von revolutionärer Tätigkeit leben.

Diese Konferenz ist darum bemüht (sowohl synchronen als auch diachronen) vergleichenden Ansätzen und Verbindungen zwischen einzelnen Orten und AkteurInnen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Alle Weltregionen sind vertreten und zahlreiche Beiträge gehen über das wohlbekannte Spektrum „klassischer“ Revolutionen hinaus. Die OrganisatorInnen regen auch zu einer langen globalhistorischen Perspektive an und die Konferenz steht Beiträgen aus unterschiedlichen Epochen offen. Dies umfasst auch weiter zurückliegende Prozesse und Ereignisse in der Frühen Neuzeit oder die Transformationen um 1989 und danach. Die Konferenz wird sich auch explizit des Begriffes der längeren transnationalen „Revolutionszyklen“ bedienen, der davon ausgeht, dass miteinander in Verbindung stehende Revolutionscluster bestehen, die zur selben Zeit verschiedene Regionen beeinflussen.

Diese Konferenz erkennt die umkämpfte Natur aller Revolutionen (sowohl unter den AkteurInnen der Zeit als auch späteren HistorikerInnen) ausdrücklich an. Die Konferenz fußt auf einem breit gefassten Revolutionsbegriff und schließt ausdrücklich auch gescheiterte Revolutionen ein, sowie Revolutionsversuche, revolutionäre Situationen und Revolutionen, die von oben oder durch Krieg durchgesetzt wurden. Dennoch wird beabsichtigt, dass sich die Debatte um verdichtete (und relativ kurze) Prozesse von Krise, Konflikt und Veränderung dreht. Zentraler Gegenstand der Konferenz bleiben somit Fälle, in denen sowohl ein Element von (politischem) Übergang als auch ein Element (gesellschaftlicher) Transformation besteht.

Die Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH) wird unterstützt von der Kammer für Arbeiter und Angestellte Oberösterreich, der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.