Nachricht | COP 23 Vernetzung, Inspiration, Empowerment

Perspektiven unserer Delegation in Bonn auf den People's Climate Summit

Was hat der People‘s Climate Summit gebracht? Hier tragen wir die Perspektiven unserer Delegation in Bonn zusammen.

Räume wie der People‘s Climate Summit sind zentral für die Klimagerechtigkeitsbewegung. Nicht nur zeigen sie, wie viele Menschen bereit sind, am Wandel mitzuwirken und hierfür aufzustehen. So wie es auch die 25.000 Teilnehmenden der Demonstration in Bonn und die 4.500 Teilnehmenden der Ende-Gelände-Aktion am 4. und 5. November gezeigt haben. Während Gipfeln wie dem People‘s Climate Summit kommen Gleichgesinnte zusammen. Die Atmosphäre, die dabei entsteht, ist intensiv und ermächtigend.

  • „Ich habe erfahren, dass sich Dinge verändern, wenn wir unsere Stimmen laut werden lassen und uns mit vielen einig sind, dass unser Ziel extrem wichtig ist.“   Nguy Thi Khanh, Green ID, Vietnam

Vor allem war der People‘s Climate Summit vom 3. bis 7. November der Ort, an dem Themen besprochen wurden, die auf dem offiziellen UN-Klimagipfel viel zu kurz kommen oder gar nicht erst erwähnt werden: So ging es unter anderem um die Verknüpfungen zwischen Klimawandel und Militarismus. Das heißt zum einen darum, wie Ressourcenextraktivismus Spannungen anheizt, Konflikte befeuert und militärische Auseinandersetzungen und Kriege verstärkt. Und zum anderen darum, wie Kriege den Zugriff auf fossile Rohstoffe und natürliche Ressourcen und den Zugang zu Handelsrouten sichern.

  • "Um die ökologische Krise zu bekämpfen, ist Demilitarisierung ein absolut notwendiger Schritt. Denn Kriege sind eine wesentliche Quelle für Treibhausgasemissionen. Wenn das Geld, das jetzt in die Kriegsindustrie gesteckt wird, in den Ausbau der Erneuerbaren fließen würde, könnte wir den Klimawandel entscheidend eindämmen. Im Indischen Ozean wurden unsere Leute durch die Militarisierung von ihren Inseln vertrieben. Nationen verlieren hier wie anderswo auf der Welt durch die Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen wie Fisch, Öl, Erdgas, Edelmetalle ihre Souveränität. Die Lobbys, die dahinter stehen, sorgen für soziale Ungerechtigkeit und verringern unsere Fähigkeit, die ökologische Krise zu stoppen."     David Sauvage, CARES, Mauritius

Ebenso war ein wichtiges Thema die Kritik an gefährlichen Techniken wie Bioenergy with Carbon Capture and Storage (BECCS), die dazu dienen sollen, gigantische Mengen an Kohlendioxid wieder aus der Atmosphäre zu holen. Hier wurde deutlich, dass diese Technologien den Anbau riesiger agrarindustrieller Baumplantagen, verheerendes Landgrabbing, eine starke Pestizidbelastung sowie die Vertreibung von Menschen und den Kampf um knappe Flächen weiter anheizen. Gefährlich ist hierbei, dass all dies um den Preis der falschen Illusion geschieht, dass sich die Welt mit der Eindämmung der Treibhausgase doch noch etwas Zeit lassen könne.

Auch das Thema der ‚gerechten Übergänge“ (just transition) wurde auf dem People‘s Climate Summit diskutiert. Beleuchtet wurden hierbei die verschiedenen Perspektiven von Gewerkschaften und Klimaktivist*innen. Unter anderem ging es um die Frage, wie sich im Erneuerbaren-Sektor faire und gerechte Arbeitsbedingungen gestalten lassen. Das Thema geht jedoch noch weit darüber hinaus. Denn auch die Erneuerbaren berühren Fragen der Ressourcenverteilung, wurde in den Diskussionen deutlich. Auch hier muss diskutiert werden, wie sie sich auf Landnutzung, Wasser, bedrohte Arten und nicht zuletzt Gemeinschaften überall auf der Welt auswirken. „Wir brauchen hier noch sehr viele Diskussionen“, sagte Nina Somera aus dem philippinischen RLS-Büro. „Wir müssen darüber sprechen, wie wir ‚just transition‘ so definieren können, dass die Risiken, Rechte und Verantwortlichkeiten aller verschiedenen Akteure und Interessen berücksichtigt werden.“

  • "Das Leben in Nigeria ist radikal vom Klimawandel beeinflusst. Der Klimawandel entscheidet schon heute darüber, wo wir leben und wie wir leben... Es ist der Klimawandel, der die Grenzen von Gemeinschaften verschiebt, weil diese sowohl Böden als auch Wasserquellen in unglaublicher Geschwindigkeit verlieren"   Vivian Bellonwu, Social Action Nigeria, Nigeria

Vom Ende des fossilen Zeitalters bis zu Fragen des gerechten Übergangs, von der Kritik an CO2 als der alles überragenden Maßzahl bis zu kirchlichen Initiativen, von der Vernetzung gegen Luftverkehr bis Freihandelsabkommen, Klimaflucht, Recht auf Nahrung, Gewerkschaften, Degrowth und Arbeitszeitverkürzung - wirft man einen Blick in das Programm des People‘s Climate Summit, lässt sich erkennen man, mit welchen grundlegenden Fragestellungen die Klimakrise verknüpft ist. Und es lässt sich erahnen, wie vielfältig die Wege heraus sind.

Dass der People’s Climate Summit konzeptionell gut aufgegangen ist, zeigen die gut gefüllten drei Abendpodien sowie 50 Workshops an diesen fünf intensiven Tagen. Vor Ort waren viele Menschen aus aller Welt, darunter auch Menschen aus Bonn, Studierende, Arbeitende, Senior*innen. Auch Interessierte aus den offiziellen Delegation verschiedener Länder auf der COP23 selbst zog der alternative Gipfel an.

Wir sind in unseren Kämpfen nicht allein; sie werden überall auf der Welt von Menschen vorangetrieben.

Entscheidend ist: Solche Gipfel wie der People‘s Climate Summit sind zentrale Orte für Austausch und Vernetzung der Bewegung – zwischen den fünf Kontinenten des globalen Südens und Nordens, aber auch innerhalb der Regionen. Beispiel eins: Auf dem People‘s Climate Summit trafen sich Aktivist*innen aus verschiedensten Ecken Europas, um die Daten und Pläne für Klimacamps, Proteste und Aktionen für das kommende Jahr auszutauschen und deren strategische Verknüpfung zu besprechen. Vor allem im Kampf gegen die Kohle, zunehmend aber auch gegen Gas-Infrastruktur und den weiterhin drastisch zunehmenden Flugverkehr findet derzeit eine intensive Vernetzung europäischer Klimaaktivist*innen statt, die zunehmend auch auf zivilen Ungehorsam als Mittel für Protest setzt.

  • "Die „Allgemeine Erklärung der Rechte von Mutter Erde“ ist so wichtig, weil es die Biosophäre gegen alle Formen von Extraktivismus – sowohl privatwirtschaftlichen als auch staatlichen  - schützt. Wir, die Menschen von den kleinen Inselstaaten im Indischen Ozean, haben keine fossilen Ressourcen im Boden, wir produzieren keinen Atomstrom, unser CO2-Fußabdruck ist verglichen mit den Industriestaaten moderat. Trotzdem sind wir es, die unter dem Klimawandel leiden. Wie viele UN-Klimakonferenzen wird es noch brauchen, bis man sich endlich von den Marktmechanismen abwendet? Der Handel mit Emissionsrechten, wie ihn das UNFCCC vorantreibt, bewahrt nur den Status quo und verhindert grundlegende Lösungen für den Klimawandel. Wissenschaftlern zufolge befinden wir uns schon mitten im Anthropozän, dem Erdzeitalter, das durch den Menschen geprägt ist. Vier von neun zentralen planetaren Grenzen haben wir bereits überschritten. Die erneuerbaren Energien alle werden nicht ausreichen, um den Klimawandel aufzuhalten, wenn sie nicht mit einer grundlegenden sozialen Transformation einhergehen, hin zur Souveränität der Menschen und jenseits vom Anthropozentrismus. Millionen von Klimaktivisten weltweit fordern "System Change, not Climate Change!". Möge unsere Stimme auf der COP23 gehört werden."    Kashmira Banee, CARES, Mauritius

Beispiel zwei: Frauen von allen fünf Kontinenten kamen zusammen, um ihre Geschichten des Kampfes gegen den Abbau von fossilen Rohstoffen und den Auswirkungen des Klimawandels zu teilen. Ermächtigend war zu sehen, wie sich die Frauen dabei nicht in die Rolle der hilflosen, sondern vor allem in der Rolle von Fordernden sahen. Und: Es wurden nicht nur ernüchternde Erfahrungen geteilt, sondern auch viele positive Beispiele zu bereits erfolgreich geführten Kämpfen und konkreten Handlungsmöglichkeiten.

Wie wichtig Vernetzung ist, zeigen diese Worte unseres Delegationsmitglieds David Sauvage, der für die NGO CARES aus Mauritius dabei war: „Wir sind in unseren Kämpfen nicht allein; sie werden überall auf der Welt von Menschen vorangetrieben.“ Genau aus diesem Grund geben solche Treffen denen, die vor Ort sind, viel Kraft und Hoffnung. Sie sind“ zentral für die Seele der Bewegung“, formulierte es ein anderes Mitglied der RLS-Delegation. Stellvertretend dafür steht auch folgende Aussage von Liliane Danso-Dahmen aus dem RLS-Büro in Vietnam: „Heute habe ich Energie für die anstehenden Kämpfe bekommen – durch die lauten und aussagekräftigen Stimmen, die während der Demonstration und während der Veranstaltungen ihre Erfahrungen miteinander geteilt haben. Starke Stimmen, die nach einem Systemwechsel rufen genauso wie nach „vorsichtigeren“ Ansätzen. Sie haben mir geholfen, mir über meine eigenen Erfahrungen und Positionen klarer zu werden. Welche Differenzen es auch immer in den Argumenten geben mag, all diese Beiträge haben eines gezeigt: Es ist nicht möglich, die Kämpfe zu vertagen. Wir müssen jetzt für den Wandel sorgen.“

  • "Nigeria leidet sehr unter den Effekten des Klimawandels: angefangen beim ansteigenden Meeresspiegel und den massiven Fluten im Süden des Landes bis hin zu der massiven Ausbreitung der Wüsten im Norden. Diese Veränderungen haben bereits dazu beigetragen, dass Menschen ihre Lebensgrundlage verloren haben, Konflikte zunehmen und Armut und Elend. Wir können nicht länger weitermachen wie bisher. Die Welt muss handeln, um den Planeten zu heilen. Ich bin in Bonn, um dazu beizutragen und dafür zu sorgen, dass die Stimmen der Opfer des Klimawandels etwas zählen. Wenn nicht wir, wer? Wenn nicht jetzt, wann?"   Ken Henshaw, Social Action Nigeria, Nigeria   

Symbolhaft hierfür steht auch die wütende Stimme der Pacific Climate Warriors, die den People‘s Climate Summit mit einer Zeremonie eröffneten: „We are not drowning, we are fighting!“ Die 12 Inselstaaten im Pazifik, von denen die Klima-Aktivist*innen stammen, sind akut vom Klimawandel bedroht. Beziehungsweise – und hierin liegt die zentrale Botschaft - drohen ihre Ackerböden, Häuser, Fischgründe, Gemeinschaften, Arbeitsplätze und Traditionen unter die Räder der imperialistischen Lebensweise des globalen Nordens zu geraten. Die Teilnehmenden des People's Climate Summit haben deutlich gemacht: Dagegen regt sich Widerstand überall auf der Welt

Trotz aller Energie und Motivation, die der Gipfel erzeugt hat. Eines hat er auch deutlich gemacht: Wenn die Klimagerechtigkeitsbewegung anlässlich der UN-Klimagipfel anreist, ist es tatsächlich wichtig, dass es den einen Ort gibt, an dem sie sich während der Protesttage und vor, nach, zwischen den Programmpunkten der Klimagerechtigkeitsbewegung treffen kann. Das war in Bonn nicht der Fall, weil es aus organisatorischen Gründen leider nicht möglich war, alle Veranstaltungen an einem Ort unterzubringen. So mäanderten die Aktivist*innen von der Uni-Mensa zu einer Gesamtschule zu einem Wissenschaftszentrum zu einem Tagungshaus, teilweise etliche Tram-Stationen voneinander entfernt. "Das führte dazu, dass das Gefühl für die Bewegung etwas zerfaserte", so eine Stimme aus der RLS-Delegation. "Dass es sich nicht anfühlte wie eine wütende Bewegung, die bereit ist, jeden Moment die Straße zu stürmen. Die nicht länger bereit ist zu warten, dass der Wandel sich schon irgendwie einstellen wird."

Zumal der Gipfel auch kein konkretes Ziel definiert hatte und es keine festgelegten Räume gibt, was aus den vielen Ideen, Strategien, Resultaten der Workshops werden soll. Das soll keine Kritik am gut organisierten People‘s Climate Summit sein, in den so viele Freiwillige so viel Energie gesteckt haben. Aber eine wichtige Beobachtung ist es doch.

Wir müssen darüber hinaus gehen, die bereits Überzeugten zu überzeugen.

Und noch etwas gilt – über den wichtigen und erfolgreichen People’s Climate Summit hinaus. Als linke Bewegung müssen wir darüber hinaus gehen, die bereits Überzeugten zu überzeugen. Stattdessen müssen wir uns dringend darum kümmern, kreative Wege zu finden, diejenigen zu überzeugen, die dies noch nicht sind. Dazu gehört, realistische Lösungen für Probleme zu finden. Was wir dafür brauchen, sind viele verschiedene Modelle und Vorbilder für Alternativen - kleinere und größere.

  • "Die Philippinen gehören zu den fünf Staaten, die auf dem Klimarisiko-Index ganz oben liegen. Der Meeresspiegel steigt an und führt mehr und mehr zur Versalzung unseres Trinkwassers. Die Häufigkeit der Stürme macht es immer schwieriger, dass sich selbst die ältesten der Mangrovenwälder erholen können, die eigentlich unsere Küsten schützen. Und schlimmer noch. Der steigende Meeresspiegel bringt Leute dazu zu überlegen, ob sie dauerhaft umsiedeln. Denn er zerstört öffentliche Infrastrukturen, wie etwa Schulen.
    Der Klimawandel verstärkt außerdem existierende Diskriminierungen und Ungleichheiten. Unbezahlte Sorge-Arbeit nimmt zu, außerdem auch Gewalt, die nicht länger auf Frauen und Mädchen beschränkt bleibt. Tatsächlich hat die Diskriminierung von Lesben und Schwulen nach dem Taifun Haiyan zugenommen; sie wurden marginalisiert und bekamen oft nicht einmal Zugang zu einfachen Jobs. Weil gleichgeschlechtliche Ehen nicht anerkannt sind, haben es gleichgeschlechtliche Paare schwer, Zugang etwa zu Übergangsunterkünften zu finden, wenn nicht ihre Nachbarn für sie bürgten. Darüber hinaus kämpfen vor allem die Ärmsten -  vor allem Fischer*innen, Saisonarbeiter*innen und informelle Arbeitskräfte - damit, Zugang zu Wasser, Sanitäranlagen oder Gesundheitsversorgung zu bekommen.

    Je weiter der Klimawandel voranschreitet, desto spürbarer wird er. Im öffentlichen Diskurs spielt das Thema allerdings eine immer geringere Rolle, vor allem, seitdem die aktuelle Regierung damit gedroht hat, sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückzuziehen und auch bedingt durch die bestehenden Konflikte im Süden und die Spannungen im Südchinesischen Meer. Mit ihren autoritären und frauenfeindlichen Tendenzen und ihrem Festhalten an der Kohle drohen die Philippinen gerade ihr moralisches Gewicht in den Klimaverhandlungen zu verspielen"   
    Nina Lourdes Somera, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Philippinen