Nachricht | GK Klassen und Sozialstruktur Daten zu den Vermögensverhältnissen von Arbeitern sowie einfachen und mittleren Angestellten

Arbeitsmaterialien zur Klassenanalyse des RLS-Gesprächskreises Klassen und Sozialstruktur

Information

Zu den Aufstiegsversprechen der »sozialen Marktwirtschaft« zählt, dass es auch Arbeitern und Angestellten möglich sein soll, über das individuellen Sparen hinaus Vermögen zu erwerben bzw. aufzubauen. Die Einbindung in kapitalistische Verwertungskreisläufe über das Lohnverhältnis und den Massenkonsum hinaus zählte zu den wichtigeren Zielen rechtskeynesianischer Politik bis weit in die 1970er Jahre. »Bausparprämien« bzw. Wohnungsbauförderung, »Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand« bzw. Arbeitnehmersparzulage sind dafür wichtige Stichworte. Später, mit der wachsenden Schwäche sozialdemokratischer Politik rückte der Gedanke der privaten Vorsorge in Gestalt der Kapitallebensversicherung und der »Riester-/Rürup-Rente« in den Vordergrund. Beteiligungen am Betriebskapital (»Mitarbeiterbeteiligungen«), also der Aufbau von Teilhabe an den Produktionsmitteln entweder als Beschäftigter oder als Belegschaftsangehöriger, stand lediglich im Zusammenhang mit den Debatten um die Mitbestimmung Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre stärker im Vordergrund, ohne allerdings jemals den Durchbruch zu einer administrativen Förderung zu schaffen. Wohneigentum, kapitalbildende private Versicherungen, Sparkonten und Aktien-und Wertpapierbesitz sowie Sachvermögen (»Alltagsvermögen« wie z.B. ein Auto; Schmuck, Kunstwerke usw.) bilden die bevorzugten Vermögens(anlage)formen bei Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen.

Die Verbreitung von Vermögensbesitz und die Höhe des Besitzes können wichtige Faktoren sein, um die Selbstwahrnehmung von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen in der Gesellschaft nachzuzeichnen sowie aufzeigen, mit welchen Reaktionen auf politische Maßnahmen zur Regulierung des Geldkapitals und Vermögens (Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer) in bestimmten sozialen Schichten gerechnet werden kann, oder anders formuliert, wo Gesichtspunkte des Vermögensbesitzers auch unter Arbeitern und Angestellten größere Handlungsrelevanz erlangen könnten.

Mit der Frage nach den Vermögensverhältnissen von Arbeitern und Angestellten verbindet sich die Frage, inwieweit das Streben nach Vermögensaufbau und Geldanlagen zu den »Sicherheitsstrategien « von Arbeiter- und Angestelltenhaushalten zählen. Je verbreiteter solche Strategien sind, um so bedeutsamer dürften Finanzkrisen und ihre politische Bearbeitung für Einstellungen unter Arbeitern und Angestellten sein. Je deutlicher hierbei Regeln (bei der Bankenrettung, bei der Euro-Schuldenkrise mit folgenden Niedrigzinsen) verletzt wurden, auf die beim Aufbau auch nur kleiner Sicherheiten etwa für den Lebensabschnitt nach dem Erwerbsleben vertraut wurde, desto größer könnte die Offenheit zum Beispiel für die von der »Professoren«-AfD vertretenen marktliberalen Positionen sein. Es geht am Ende mithin um die Frage, welche Rolle die Erfahrungen von Kleinanlegern auf den Finanzmärkten für das Erstarken rechtspopulistischer Positionen gespielt haben könnten.

Die Vermögensungleichheit in Deutschland ist hier nicht Thema. Auch ob sie als gerecht oder ungerecht empfunden wird, ist ein anderes Thema und wird am Ende kurz angesprochen.

Die wichtigsten Datenquellen über die Vermögensverhältnisse stammen aus dem SOEP des DIW, aus repräsentativen Erhebungen der Deutschen Bundesbank, vom Deutschen Aktieninstitut und den Einkommens- und Verbrauchsstichproben (EVS) des Statistischen Bundesamtes. Verschiedene Datenquellen werden für die Lebenslagen-Berichterstattung des SOEB ausgewertet. Allerdings unterscheiden die veröffentlichten Daten überwiegend nicht nach dem sozialen Status der Haushalte oder Individuen, sondern vorwiegend nach Alter, Geschlecht und Haushaltstyp. Deshalb wird hier überwiegend auf die drei erstgenannten Quellen zurückgegriffen. Überwiegend stellen die Daten auf Haushalte und nicht auf Individuen ab, wodurch berücksichtigt werden kann, dass »Haushalte« den primären handlungsstrategischen Rahmen bilden. Die Zuordnung zum sozialen Status »Arbeiter« oder »Angestellte« folgt in der Regel einer Selbsteinstufung. Soweit die verfügbaren Daten es zulassen, wird hier versucht, durch Daten zum Bildungs- und Berufsabschluss die Blickrichtung auf die »untere Hälfte« der Gesellschaft zu verfeinern.

Eine Reihe von Studien beschäftigt sich mit den Vermögensverhältnissen der »Mittelschicht«, wobei jeweils nur eine obere, mittlere und untere Einkommensmitte unterschieden und auf Differenzierungen nach sozialem Status, Bildung und Berufsausbildung verzichtet wird. Diese Studien wurden hier nicht weiter berücksichtigt, zumal ihre Datenbasis selten von der hier herangezogenen abwich. Ebenfalls keine Berücksichtigung fand eine Studie des Handelsblatt Research Institute für Union-Investment, die das unterschiedliche Sparverhalten von Sinus-Milieus untersuchte.

Inhalt des Arbeitspapiers:

  • Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS 2013): Vermögen der Haushalte
  • Vermögen in Arbeiter- und Angestelltenhaushalten (Deutsche Bundesbank)
  • Verteilung des Aktienbesitzes (DAI)
  • Regionale Verteilung der Aktienbesitzer
  • Kleiner gesellschaftspolitischer Exkurs I
  • Kleiner gesellschaftspolitischer Exkurs II
  • Nachrichtlich - Daten aus dem SOEP (2012)
  • Datenquellen