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Interview mit Francia Márquez über den illegalen Goldbergbau, den Friedensprozess und die Rolle von Frauenbewegungen in Kolumbien.

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Francia Márquez,

Francia Márquez
Francia Márquez (Foto: Goldman Environmental Prize)

Francia Márquez ist eine afrokolumbianische Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin, die sich seit Jahren gegen den illegalen Goldbergbau und Landraub einsetzt. Für ihr Engagement erhielt sie Todesdrohungen und wurde von ihrem Heimatort Suárez vertrieben, allerdings ohne ihren Kampf um die Landrechte der Afro-Gemeinde in Cauca aufzugeben. 2018 erhielt sie den Goldman Umwelt-Preis.

Interview: Daniela Rivas Grajales
 

Daniela Rivas: Francia Márquez, sie haben im April dieses Jahres den Goldman Umwelt-Preis erhalten, was bedeutet für Sie diese Ehrung?

Francia Márquez: Ich habe gemischte Gefühle. Ich finde es gut, dass unser Kampf von afrokolumbianischen Frauen anerkannt wird. Dass ich als eine afrokolumbianische Frau, alleinerziehend und von unten kommend, anerkannt werde, ist wichtig für die Gemeinde und die nächsten Generationen. Denn wir brauchen Referenten in dem Kampf der Afrogemeinden gegen ein rassistisches System. Ein Kampf, der oft nicht anerkannt wird. 

Trotz des Verbots der Sklaverei und der Tatsache, dass uns Rechte als ethnisches Volk eingeräumt wurden, gibt es noch keine Garantien, dass unsere Rechte auch durchgesetzt werden. Die Menschen sind in einem konstanten Kampf um Territorien und stehen immer noch einem System des Todes gegenüber. Es ist wichtig sichtbar zu machen, dass wir Teil des globalen Kampfes für die Umwelt sind und Alternativen für die Landnutzung entwickeln. Ich zeige mein Gesicht, aber es ist eine kollektive Würdigung aller dieser Kämpfe und all der Menschen, die auf diesem Weg gestorben sind.

Sie waren schon als Teenager politisch aktiv, was war der Auslöser dafür? 

Ich fing mit fünfzehn Jahre an, mich politisch zu engagieren. Motiviert hat mich die Umleitung des Flusses Ovejas für den Wasserdamm La Salvajena, der in den 1980er Jahren gebaut wurde. Dieses Projekt hatte damals bereits Menschen vertrieben, die dabei ihre Wirtschaft und die Beziehung mit dem Fluss Cauca verloren. Mitte der neunziger Jahre wollte die Regierung, im Namen des Fortschritts und Entwicklung, eine Wirtschaft etablieren, die nicht im Sinne der Gemeinden war. Außerdem hatte ich eine besondere Beziehung zu dem Fluss, die schwer zu erklären ist. Es ist mehr ein Gefühl, etwas, das da ist, das Teil unseres Selbst ist. Das Land ist für uns ein Wesen, das lebt. Ich war oft im Fluss schwimmen, oder betrieb mit anderen Bergbau. Wir kochten dort, wuschen unsere Kleidung oder gingen nachts dorthin fischen. Es war schön und machte mich glücklich.

Die Gemeinden haben damals die Umleitung des Flusses verhindert. Wie haben Sie diesen Prozess des Wiederstandes erlebt?

Das war einer der ersten Prozesse mit Konsultation der afrokolumbianischen Gemeinden. Das Gesetzt 70 wurde 1993 erlassen und die Organisation der afrokolumbianischen Gemeinden (PCN) kam dort an, um mit den Leuten über die Folgen der Flussumleitung zu sprechen und über die Rechte unserer Gemeinde zu informieren. Die Menschen gründeten thematische Gruppen und mit der Unterstützung von alternativen Medien haben wir unsere Situation am Ufer des Flusses Ovejas sichtbar gemacht.

Ich war damals nicht so aktiv in der Gruppe von Jugendlichen, aber eine gute Freundin von mir war deren Sprecherin. Da ich gerne Ausflüge machte, bat ich sie darum mich mitzunehmen und so begann ich die Protokolle von den Treffen zu schreiben. Im Anschluss habe ich dann die Gemeinde darüber informiert.

Als ich sechszehn war, hatte ich schon meinen ersten Sohn bekommen. Anfänglich war es sehr schwierig, aktiv zu sein und mich um mein Kind zu kümmern, aber ich blieb dabei. Ich habe viel gelernt und dabei die Bedeutung meines afrokolumbianischen Daseins besser verstanden. Und so fing ich damals an zu singen und selber Lieder zu schreiben. Wir machten Theaterstücke – ich habe sowas nicht gelernt, aber wir improvisierten. Manchmal stellten wir Unternehmer dar, um sie lächerlich zu machen, wie sie in den Gemeinden mit ihren Anzügen und technischen Sprache ankamen, um uns einzuschüchtern. 

Danach zogen sie das erste Mal nach Cali um …

Weil ich im Haus der Kultur in Suárez engagiert war, bekam ich ein Stipendium für Gesangtechnik an der Musikhochschule. Dort war ich zweieinhalb Jahre. Um studieren zu können, arbeitete ich als Haushaltshilfe bei einer Familie, was sehr hart war. Vor allem wegen der Erniedrigungen, die man erfährt. Man musste die Menschen Patron oder Patronin nennen, ihre Unterwäsche waschen und um Erlaubnis bitten, um sich frei zu bewegen. Ich wurde schlecht bezahlt, aber kochte und arbeitete allgemein sehr viel. Ich konnte nicht jedes Wochenende wegfahren, hatte bereits meinen ältesten Sohn und musste ihn bei anderen Menschen zurücklassen, während ich fremde Kinder pflegte. Das war sehr anstrengend, aber ich habe das durchgezogen, so gut ich konnte. Danach bin ich in meine Gemeinde zurückgekehrt. 

Wie war ihre Rückkehr nach La Toma, vor allem als der illegale Abbau von Gold begann?

Am Anfang sahen wir das nicht als ein großes Problem, denn es bedeutete mehr Arbeit für die Leute in der Region. Ich habe anfangs selbst dort gearbeitet. Aber dann sahen wir die negativen Effekte. Wir verloren die Orte, wo wir arbeiteten, schwammen oder fischten. Für den Abbau wurde Quecksilber benutzt und damit das Flusswasser wurde verschmutzt. Die großen Maschinen zerstörten die Flussufer und hinterließ riesige Löcher. Doch viele Leute gingen dorthin, denn sie fürchteten, dass die Bergleute das ganze Gold ohne sie abbauen würden. Die Löcher waren aber so tief, dass es Erdrutsche gab, manchmal starben 13 bis 25 Menschen auf einmal. Sowas passierte mit den traditionellen Methoden vorher nicht.

Der illegale Goldbergbau ist Teil des Finanzierungsmodells der bewaffneten Gruppen, wie hat sich das in der Region bemerkbar gemacht? 

Man kann die Präsenz bewaffneter Akteure rund um den illegalen Bergbau nicht leugnen -was auch immer Unsicherheit für die Gemeinde bedeutet. Damit gehen Menschenrechtsverletzungen, Morde und Bedrohungen von Aktivisten*innen einher. Sogar die Prostitution breitet sich aus. Ein Stück goldhaltiges Mineral wird gegen Sex mit dem Maschinenbetreiber verhandelt. Frauen sind speziell betroffen, denn wir waren diejenigen, die auch vorher traditionellen Bergbau betrieben. Das Produktivsystem veränderte sich. Ursprünglich gingen wir zwei Tage die Woche in die Minen, den Rest der Tage waren wir auf den Bauernhöfen. Erst als die Maschinen ankamen, wurden die Bauernhöfe aufgegeben und man ging jeder Tag in der Mine. Die Wirtschaft und Nahrungssicherheit in der Region waren damit zerstört. Am Ende gab es weder Gold, noch Kochbananen. Nichts.

Welche Rolle spielen in diesem Kontext die großen Bergbauunternehmen?

Das Problem ist nicht nur der illegale Bergbau. Ich glaube, dass dieser Teil einer Strategie ist, um die großen Bergbauprojekte zu rechtfertigen. Denn bevor der illegale Bergbau in der Region ankam, wurden bereits Abbaurechte verteilt. Im Rahmen des bewaffneten Konflikts und ohne Konsultation der Gemeinden. 2001 gab es Paramilitärs in der Region und die Bevölkerung war beängstigt. Es geschah das Massaker der Naya (24 Menschen wurden von Paramilitärs der AUC ermordet, circa 3.000 Menschen vertrieben. Anm. der Verf.) und das hat eine Spur in den Gemeinden hinterlassen. Als 2009 die großen Unternehmen in der Region ankamen und die ersten Räumungsbefehle erteilt wurden, organisierten sich die Mitglieder der Gemeinden und sagten: wir gehen hier nicht weg! Jeder Räumungsbefehl durch die staatlichen Kräfte war eine Qual. Wir haben eine Verteidigungsgruppe gegründet, machten Lobbyarbeit in den USA und haben eine Anklage eingereicht, die wir 2010 gewonnen haben. Aber der illegale Bergbau ist geblieben - ich wurde gesetzliche Vertreterin von CPN und musste mich den illegalen Bergbaubetreibern gegenüberstellen. Ich bekam Todesdrohungen, auch andere Gemeindemitglieder. Viele mussten die Region verlassen.

2014 organsierten Sie die «Mobilisierung afrokolumbianischer Frauen für die Sorge um das Leben und Territorium» …

Damals sagte die Regierung vom Verwaltungsbezirk Cauca, dass es in der Region zweitausend Bagger gibt, die illegalen Bergbau betreiben. Zweitausend! Und das obwohl Cauca so ökologisch wertvoll und vielfältig ist! Dort entstehen die meisten Flüssen des Landes. Und was bedeutet das? Was bedeutet die Tatsache, dass da Quecksilber in die Flüsse gelangt? Ich habe überall versucht Anzeigen zu erstatten, aber irgendwann wusste ich nicht mehr weiter. Wir organisierten den Marsch nach Bogota, um die Folgen des illegalen Bergbaus zu denunzieren. Als Frauen forderten wir, dass um die Umwelt gesorgt wird, so wie wir uns um unsere Kinder kümmern. Am Ende schlossen wir einige Verträge mit der Regierung, aber diese wurden nicht eingehalten. Allerdings haben wir dadurch an innerem Zusammenhalt gewonnen.

Sie besuchten die kubanische Hauptstadt Havanna während der Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der revolutionären Streikkräfte Kolumbiens (FARC) als Teil der letzten Opfergruppe und sprachen vor beiden Delegationen. Wie war das für Sie?

Auf dem Weg nach Havanna wurde mir mitgeteilt, dass ich über Francia Márquez sprechen müsste, über die Geschichte meiner Vertreibung und wie ich Gewalt erlebt hatte. Das wollte ich aber nicht. Ich habe über die afrokolumbianische Gemeinde gesprochen, denn diese, besonders die Frauen, waren unverhältnismäßig stark vom bewaffneten Konflikt betroffen. Wir haben Gewalt von allen bewaffneten Gruppen erfahren. Die Pazifikküste ist in Blut getränkt. Aber darüber zu reden, impliziert über den historischen Konflikt zu diskutierten, in dessen Zusammenhang besonders unsere Rechte verletzt wurden. Denn der Konflikt begann mit dem System des Todes, das uns versklavte. Ich habe einen Brief der afrokolumbianischen Organisationen nach Havanna mitgenommen, mit der Bitte im Friedensprozess beteiligt zu werden, doch das wurde abgelehnt.

Heißt das, dass im Abkommen die Situation der Afro-Gemeinden nicht erwähnt wird? 

Nach drei Jahren harter Arbeit, um die Situation der Afro-Gemeinden im Friedensprozess sichtbar zu machen, entschieden wir, uns mit den indigenen Gemeinden zusammenzuschließen. Wir wollten eine interethnische Kommission für den Frieden gründen, das wurde aber auch abgelehnt. Wir mussten sehr viel Druck ausüben. Und nun gibt es drei Seiten im Abkommen mit einer Reihe von Schutzklauseln, darüber wie die Verträge in unsere Gebiete umgesetzt werden sollen. Da aber das Abkommen schon wieder völlig zerpflückt wurde und bis jetzt nur wenig umsetzt, gibt es bezüglich des ethnischen Kapitels noch keinen konkreten Fortschritt.

Nun sind fast zwei Jahre seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit der Guerilla vergangen, was hat sich in Cauca seitdem verändert?

Weil das Abkommen zurzeit nicht implementiert wird, gibt es mehr Unsicherheit im Territorium. Zum Beispiel wurde im Abkommen beschlossen, dass die Pläne für die freiwillige Vernichtung von Koka-Plantagen mit den Gemeinden organsiert werden sollte. Jetzt will die Regierung die Plantagen zwangsvernichten und das auch noch mit Glyphosat. Das Problem mit den Megaprojekten wurde in Havanna nicht diskutiert und die Situation verschlimmert sich weiter. Es gibt ein scheinbares Verständnis von Frieden, damit die Bergbauunternehmen in den Regionen operieren können, wo es früher nicht möglich war. Ich glaube, das wird zu einem Wiederaufflammen des Konfliktes führen. Jetzt sind bewaffneten Akteuren in den Gebieten präsent, wo früher die FARC war. Der Paramilitarismus hat sich reaktiviert und die Morde an Menschenrechtsaktivisten nehmen weiter zu. Zurzeit geht Kolumbien rückwärts.  

Der Frauenmarch von Cauca nach Bogotá 2014, sowie andere aktuellere Protestaktionen haben dennoch gezeigt, dass die Zivilgesellschaft Druck auf die Regierung ausüben kann. Welche Rollen spielen die Frauenbewegungen in diesem Kontext?

In Kolumbien gibt es sehr viele Frauenorganisationen, die zurzeit viel diskutieren. Es gibt Feministinnen, aber es gibt so viele Versionen des Feminismus. Noch existiert der weiße Feminismus, der nicht die zusätzliche Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe oder Einkommensklassen wahrnimmt. Es gibt aber auch Frauen, in ländlichen Regionen, die solche technischen oder akademischen Begriffe nicht kennen. Es ist wichtig, intersektionell zu denken. Denn ich glaube, dass Frauen der Antrieb von politischen und sozialen Kämpfen sind. Auch wenn sie manchmal nicht an vorderster Front stehen, gestalten sie den Alltag.

Die afrokolumbianischen Frauen sind diejenige, die am häufigsten ihre Kinder allein erziehen. Jeden Tag stehen sie aufrecht auf und kämpfen weiter, trotz der Schwierigkeiten. So war das auch in meiner Familie. Wir sind die Kontinuität eines historischen Kampfes. Es begann nicht mit Francia Márquez, sondern mit unseren Großmüttern und -Vätern. Wenn sie den Schritt nicht gemacht hätten, den sie gemacht haben, würde ich wahrscheinlich noch mit Fußfesseln laufen. Und die habe ich nicht. Aber es gibt noch mentale Ketten.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter, sie findet sich im Alltag aber auch fern ab davon wieder. Doch besonders in Kolumbien hat es über Jahrzehnte unvorstellbare Ausmaße angenommen, wie können Frauen und die verschiedenen sozialen Bewegungen dagegen arbeiten?

Ich glaube, dass die Probleme nicht gelöst werden können, indem die Frauen auf einer Seite und die Männer auf der anderen stehen. In unseren Gemeinden ist die Macho-Kultur sehr stark ausgeprägt, was sich in den Formen der Gewalt und des Missbrauchs widerspiegelt. An dieser Stelle fragen wir uns immer, wie thematisieren wir diese Sachen, ohne dass uns vorgeworfen wird, die Gemeinde zu spalten? Es ist wichtig, dass diese «Kultur» als eine Kultur der Gewalt erkannt wird. Es ist wichtig, dass wir zusammen das patriarchalische System dekonstruieren und es auf kommunaler Weisen transformieren. Manchmal wird mir vorgeworfen, keine Feministin zu sein, weil ich nicht allein für die individuellen Rechte von Frauen kämpfe, sondern für kollektive Rechte. Ich glaube, dass wir den Feminismus anders denken müssen und dass man kein Feminist sein kann, ohne Rassismus und das gegenwärtige Wirtschaftssystem zu bekämpfen.

Und, welche wirtschaftlichen Alternativen schlagen die Afrogemeinden Kolumbiens vor?

Wir fordern nicht ein alternatives Model, wir bauen gerade ein anderes auf. Dieses Model gibt Acht auf das Territorium, denn es ist unser Lebensraum. Wir sehen das Land nicht als ein Mittel, um Kapital zu akkumulieren. In Kolumbien wird Bergbau als die Antriebkraft von Entwicklung angesehen. Aber dieses Entwicklungsmodell tötet. Wir verarmen und werden zu einem Leben in Elend verdammt. Doch wir kämpfen für ein Leben in Frieden auf dem Land, für die Möglichkeit andere Lebensbedingungen zu schaffen. Auf globaler Ebenen ist es klar, dass wir mit dem Extraktivismus nicht so weiter machen können. Wir müssen saubere Energieerzeugung fördern und Konsum anders denken. Die Erde hält das nicht mehr aus. Wir müssen alle selber Verantwortung übernehmen, wenn wir der nächsten Generation ihre Existenz garantieren wollen.