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Kiel 1918: Vom Matrosenaufstand zur Novemberrevolution.

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Florian Wilde,

Revolution – Aufbruch zu Demokratie und Republik
Cover: Revolution – Aufbruch zu Demokratie und Republik

In den ersten Novembertagen 1918 fanden an der Kieler Förde Ereignisse von welthistorischer Bedeutung statt, die den Auftakt zur deutschen Novemberrevolution bildeten und zum Sturz des Kaisers und zum Ende des 1. Weltkrieges führten. Nun liegt ein Buch vor, dass die Kieler Revolutionstage detailliert nachzeichnet. Florian Wilde hat es für uns gelesen. 

In den frühen Morgenstunden des 1. November war das III. Geschwader der Reichsmarine in seinen Heimathafen Kiel zurückgekehrt. Die Matrosen hatten zuvor auf offener Nordsee den Befehl verweigert, zur «Ehrenrettung» der deutschen Hochseeflotte zu einem letzten, militärisch sinnlosen Gefecht gegen die Engländer auszulaufen. Die Rädelsführer wurden zur Strafe verhaftet und in Kieler Gefängnisse gebracht. Die Mannschaften erhielten zur Beruhigung der Situation auf den Schiffen die Genehmigung zu einem Landgang erteilt.

Matrosen und Arbeiter vereint

Doch was zur Beruhigung gedacht war, führte in die Eskalation. Denn auch in Kiel selbst hatte die Stimmung unter den über 100.000 Arbeitern und den zehntausenden kriegsmüden Matrosen schon länger gegärt. Die Matrosen des III. Geschwaders verloren sich nicht wie erhofft in den Kneipen am Hafen. Sie wollten ihre inhaftierten Kameraden befreien und nahmen sofort Kontakt zu Arbeitern und anderen Matrosen auf. Dabei spielen die zur radikalen USPD gehörenden Vertrauensleute auf den Schiffen eine Schlüsselrolle. Noch am selben Abend kommt es zu einem ersten gemeinsamen Treffen im Kieler Gewerkschaftshaus.

Um die Verbindung zwischen Arbeitern und Matrosen zu kappen, lässt Militärgouverneur Wilhelm Souchon in den folgenden Tagen das Gewerkschaftshaus absperren – und provoziert damit eine Verlagerung des Protestes auf die Straßen. Am 3. November versammeln sich bereits 6.000 Arbeiter und Matrosen und versuchen, das Gefängnis zu stürmen. Kaisertreue Truppen halten sie auf und richten ein Blutbad mit 9 Toten und 29 verletzten Demonstranten an.

Doch noch in der Nacht ergreift der Aufstand weitere Schiffe und Kasernen, die ersten Soldatenräte werden gewählt. Am Morgen des 4. November treten viele Arbeiter in einen Solidaritätsstreik. Aus dem Soldatenaufstand wird so ein Volksaufstand, dessen Kristallisationspunkt das Kieler Gewerkschaftshaus bildet. Am 5. November ist die Stadt komplett in den Händen der Revolutionäre, auf allen Schiffen wehen rote Fahnen, es herrscht Generalstreik, in den Betrieben werden Arbeiterräte gewählt. Von Kiel aus beginnt sich die Revolution entlang der Bahnschienen durch das Reich auszubreiten.

SPD fällt Revolution in den Rücken

Minutiös und detailliert schildert Martin Rackwitz die Kieler Ereignisse vom 1.-10. November aus den Perspektiven sowohl der Obrigkeit als auch der Revolutionäre. Deutlich wird die revolutionsfeindliche Haltung der SPD herausgearbeitet. Bereits am 3.11. bat Admiral Souchon in einem Telegramm nach Berlin um die Entsendung eines prominenten Sozialdemokraten, um in Kiel «im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen».

Gesandt wurde Gustav Noske, der Kiel am Abend des 4. November erreicht. In kürzester Zeit gelingt es dem Polit-Profi, die USPD-nahen Anführer der ersten Revolutionstage an den Rand zu drängen, als neuer Militärgouverneur die Kontrolle zu übernehmen und die «Meuterei», die er nach eigenen Angaben «persönlich auf das Schärfste verurteilt», abzuwürgen. Ihm gelingt es auch, die vom Kieler Arbeiterrat geplante Ausrufung einer sozialistischen Republik in Schleswig-Holstein nach bayrischem Vorbild und eine tatsächlich revolutionäre Umgestaltung von Wirtschaft, Militär und Verwaltung zu verhindern. Als die Revolution am 9. November Berlin erreicht, ist sie in Kiel bereits gestoppt.

Konterrevolution, Kapp-Putsch und Freikorps

Das Buch schildert auch die Entwicklungen der folgenden Monate: den schleichenden Bedeutungsverlust der Kieler Arbeiter- und Soldatenräte, den gescheiterten Versuch Kieler Kommunisten, die Revolution durch einen Aufstand im Februar 1919 fortzuführen, und den konterrevolutionären Kapp-Putsch im März 1920, bei dem sich die mit Unterstützung Noskes zur Bekämpfung der Linksradikalen aufgebauten Freikorps gegen die junge Republik selbst wenden und der in Kiel zu besonders heftigen Auseinandersetzungen führt. Diesen Putsch kann die Arbeiterschaft noch niederwerfen, doch das durch die SPD abgesicherte Fortbestehen eines republikfeindlichen Beamten- und Militärapparates sowie die Verhinderung einer Verstaatlichung von Banken und Schlüsselindustrien erwiesen sich als zu schwere Belastung für die Republik und sollten schließlich der nationalsozialistischen Machtergreifung in die Hände spielen.

Das Buch bietet einen detaillierten, quellengestützten und gut lesbaren Überblick über die Kieler Ereignisse, die sowohl die revolutionären als auch die sozialdemokratisch-revolutionsbremsenden Entwicklungen in Deutschland vorweg nahmen.


Martin Rackwitz:

Kiel 1918: Revolution – Aufbruch zu Demokratie und Republik
Verlag: Wachholtz Murmann Publishers
März 2018, 304 Seiten