Nachricht | Migration / Flucht - Südasien - Südostasien Der Identität und Rechte beraubt

Meghna Guhathakurta über Wunden und Wünsche geflüchteter Rohingya-Frauen

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Meghna Guhathakurta ist Geschäftsführerin der Organisation Research Initiatives, Bangladesh.

Meghna Guhathakurta ist Geschäftsführerin der Organisation Research Initiatives, Bangladesh. Die Partnerorganisation der Rosa-Luxemburg-Stiftung setzt sich für benachteiligte Bevölkerungsgruppen sowie Menschen- und Bürgerrechte in Bangladesch ein. Auf der internationalen Konferenz «The State of the Global Protection System for Refugees and Migrants» in Kolkata – organisiert vom Think Tank und RLS-Partner Mahanirban Calcutta Research Group – berichtete die Wissenschaftlerin und Aktivistin Ende November, wie sich geflüchtete Rohingya-Frauen die Rückkehr in ihre Heimat Myanmar vorstellen.
Antje Stiebitz hat mit ihr gesprochen:

Zwischen August und Dezember 2017 flohen 625.000 muslimische Rohingya aus Myanmar über die Grenze nach Bangladesch. Schätzungen zufolge leben in Bangladesch inzwischen rund eine Million Menschen in Flüchtlingscamps. Was sind die Gründe für diese Massenflucht?

Früher konnten die Rohingya in Myanmar siedeln, allerdings verweigert ihnen das Regime mit umstrittenen Gesetzgebungen seit Jahrzehnten die Anerkennung als Staatsbürger*innen. Hinzu kommt, dass diese Menschen Unterdrückung und Verfolgung durch das Militärregime ausgesetzt sind, weshalb seit den 1970er Jahren Hunderttausende Rohingya nach Bangladesch geflohen sind. Mehr noch: Aufgrund ihrer ethnischen Herkunft werden die Menschen in Myanmar als Bengalen bezeichnet, wodurch sie de facto zu illegalen Zuwanderer*innen ohne Rechte gestempelt werden.

Die Rohingya lehnen diese Identität ab?

Myanmars Regierung betrachtet die Rohingya als Bengalen. Deshalb sollen sie zurück nach Bangladesch gehen. Die historischen Siedlungsgebiete der Rohingya liegen jedoch auf beiden Seiten der heutigen Grenze, in der Arakan-Region, die sich von der Stadt Chittagong am Golf von Bengalen bis nach Rakhine in Myanmar erstreckt. Deshalb bezeichnen sich viele Rohingya nach wie vor als arakanesische Muslime.

Die burmesische Regierung zwingt den Rohingya eine fremde Identität auf, damit sie jegliches Recht auf eine Staatsbürgerschaft in Myanmar verlieren?

Das machte sich zunächst in der Sprache bemerkbar. Die Flüchtlinge berichten, dass sich ihre Großeltern als arakanesische Muslime und Rohingya bezeichnet haben. Dann verschwand das Wort Rohingya aus dem Sprachgebrauch und sie wurden nur noch arakanesische Muslime genannt. Damit konnten sie leben. Doch dann verschwand auch der Begriff arakanesische Muslime und sie wurden nur noch als Bengali bezeichnet. Das bedeutete für sie, dass ihnen die Mehrheitsgesellschaft weder ihre Identität als arakanesische Muslime noch als Rohingya zubilligt. Und es zeigt, wie zunächst unbedeutend erscheinende sprachliche Veränderungen, einen großen Effekt entwickeln können. Denn mit der zugeschriebenen Identität als Bengali werden sie gezwungen, ihre Staatenlosigkeit endgültig zu akzeptieren. Sie betrachten sich aber als Einwohner*innen Myanmars und fordern die burmesische Staatsbürgerschaft.

Ihre Organisation arbeitet mit Rohingya, die bereits seit mehr als 30 Jahren als anerkannte Flüchtlinge in Bangladesch leben. Sie motivieren diese Menschen, sich selbst aktiv für ihre Belange in den Camps einzusetzen. Wie sieht das aus?

Wir haben beispielsweise ein Modellprojekt für Kleinkindpädagogik ins Leben gerufen, um Zugang zu den Kindern zu finden. Für das Projekt haben wir Rohingya-Frauen als Lehrerinnen gewonnen. Auf diese Weise versuchen wir den Flüchtlingen das Gefühl zu geben, dass sie gebraucht werden. Normalerweise erhalten Flüchtlinge vor allem Schutz, aber in einer solch langwierigen Flüchtlingssituation war es uns wichtig, dass sie selbst tätig werden, dass sie ein Hilfsprojekt als das ihre verstehen.

Warum ist es so wichtig die Flüchtlinge einzubinden?

In Myanmar wurden die Menschen ihrer Rechte beraubt und aufgrund ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert. Sie besitzen kein Land, sie können ihren Kindern keine Ausbildung bieten und keinen staatlichen Gesundheitsdienst in Anspruch nehmen. Wir wollen sie stärken, indem wir sie mitwirken lassen.

Sie haben geflüchtete Rohingya-Frauen befragt, ob sie nach Myanmar zurückkehren wollen. Zu welchen Ergebnissen sind sie gekommen?

Die Frauen begreifen Myanmar als ihre Heimat. Eine erzählte mir, dass sie aus einer Fischerfamilie stamme. Ihr Vater und Bruder seien zum Fischen gegangen. Die Frauen hätten dann darauf gewartet, dass die Männer mit dem Fang zurückkehren und sie den Fisch zubereiten konnten. Solche Geschichten hören wir immer wieder. Viele Frauen weinen dabei, denn für sie sind das glückliche Erinnerungen an ein normales Leben. Und in dieses Leben möchten sie zurückkehren. Doch das ist nicht möglich, denn sie fühlen sich in Myanmar nicht mehr  sicher. Bangladesch, so sagen sie, sei zwar nicht ihre Heimat, aber dort können sie nachts ohne Angst schlafen.

Haben die Frauen, nach allem was ihnen widerfahren ist, überhaupt eine Vorstellung davon, was Gerechtigkeit ist? 

Mütter haben ihre Kinder verloren, viele Frauen wurden gefoltert. Manche von ihnen können bis heute nicht darüber sprechen, was ihnen zugestoßen ist. Diejenigen, die sich artikulierten, sagten: Allah wird uns Gerechtigkeit geben. Eine Gerechtigkeit, die durch eine staatliche Institution hergestellt wird, können sich viele nicht vorstellen. Als sie davon hörten, dass es etwa eine unabhängige Gerichtsbarkeit gibt, erwiderten sie: Natürlich wollen wir Gerechtigkeit. Doch sie wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen. Gleichwohl tragen sie das Bedürfnis nach Gerechtigkeit in ihren Herzen.

Zur Autorin:
Antje Stiebitz berichtet als Hörfunk- und Printjournalist über die Region Südasien. Das Interview entstand im Auftrag des Regionalbüros Neu Delhi der Rosa-Luxemburg-Stiftung.