Nachricht | Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Europa - Europa / EU - Mitteleuropa «Meine jüdischen Eltern, meine polnische Eltern.»

Ausstellungseröffnung in Nürnberg

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Nachdem die Ausstellung «Meine jüdischen Eltern, meine polnischen Eltern» im November und Dezember 2018 mit großer Resonanz in Fürth in der «Grünen Scheune» gezeigt wurde, ist sie nun bis zum 17. Februar 2019 in Nürnberg in der Kulturwerkstatt auf der AEG zu sehen. In Anwesenheit von Joanna Sobolewska-Pyz, die vor einigen Jahren die Idee zu dieser Ausstellung hatte und lange Zeit Vorsitzende des Verbandes der Kinder des Holocaust in Polen war, wurde am 25. Januar 2019 die Ausstellung mit einem kleinen Kulturprogramm feierlich eröffnet.

Joanna Sobolewska-Pyz, die wenige Wochen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Warschau als Kind jüdischer Eltern geboren wurde, berichtete aus ihrem Leben, auch davon, wie emotional aufgeladen jener Moment gewesen sei, in dem sie erfahren habe, wer ihre leiblichen Eltern gewesen seien. Viele Jahrzehnte später war es ihrem Anstoß zu verdanken, dass ihren polnischen Eltern postum die Ehrenmedaille aus Yad Vashem verliehen werden konnte, die sie mit großem Stolz auch hier in Nürnberg hochzeigte. Auch deshalb, weil sie sich den langen Kinderwunsch erfüllen konnten, seien sie sofort bereit gewesen, ein ohne die Eltern aufgefundenes jüdisches Kleinkind als eigenes Kind anzunehmen, obwohl sie um die Gefahr für das eigene Leben nur zu gut gewusst hätten. Laut den Papieren war Joanna Sobolewska-Pyz ein zur Adaption freigegebenes Waisenkind aus einem katholischen Kinderheim, doch die neuen Eltern wussten um die Herkunft des kleinen Mädchens aus dem Warschauer Ghetto. Es gelang ihnen, sich und das Mädchen durch die Okkupationszeit zu bringen.

Sie habe gelernt, so berichtete Joanna Sobolewska-Pyz in Nürnberg, das Leben in eine Zeit bis zur Entdeckung der eigentlichen Herkunft und in eine Zeit danach zu unterscheiden. Ausführlicher berichtete sie an diesem Abend, wie sie in späteren Jahren auf das einzige Bild ihrer leiblichen Mutter gestoßen sei. Es sei ein Zufall gewesen, als ihr in einem kleinen Ort bei Warschau ein bis dahin unbekannter Mann ein Klassenfoto seiner Mutter gezeigt habe, auf dem auch die eigene Mutter abgebildet gewesen sei. Die Ähnlichkeit der Hände falle ins Auge, so Joanna Sobolewska-Pyz tief bewegt, und verwies dabei auf die Fotographie in dem hochgehaltenen kleinen Fotoalbum. Auf die Frage aus dem Publikum, ob sie in späteren Jahren mehr über das Schicksal ihrer jüdischen Eltern im Ghetto in Erfahrung bringen konnte, entgegnete sie knapp, dass sie bis heute nicht sehr viel erfahren habe, allerdings annehmen könne, dass sie das Ghetto und den massenhaften Judenmord im okkupierten Polen nicht überlebt hätten. Sie selbst sei erst am Vorabend des Ausbruchs des Aufstands im Warschauer Ghetto am 19. April 1943 in den Abwasserkanälen unterhalb des Ghettos zurückgelassen worden, versehen mit einem Namensschild, mit dem Geburtsdatum und mit der Angabe, wohin sie in der Stadt nach dem Auffinden durch die erhofften Helfer zu bringen sei. Hätten die jüdischen Eltern den Aufstand und das Ghetto überlebt, hätten sie sich unweigerlich auf die Suche begeben und sie gefunden.

Zum politischen Begleitprogramm gehörte vor der feierlichen Ausstellungseröffnung ein Besuch in der Gedenkstätte für den Nürnberger Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher von 1945/46. Joanna Sobolewska-Pyz erinnerte sich, wie sie in Warschau als kleines Mädchen im Radio und in den packenden Gesprächen der Erwachsenen zu Hause und auf der Straße von den Vorgängen im fernen Nürnberg gehört hatte. Ihr sei es in der kindlichen Phantasie damals so vorgekommen, als müssten die Deutschen, über die dort im geheimnisvollen Radio Gericht gehalten wurde, schreckliche Teufel in Menschengestalt sein. Nicht im Entferntesten aber hätte sie ahnen können, wie sehr das eigene Schicksal mit dem verknüpft war, was dort zur Sprache kam. Bewegt schaute sie in der Gedenkstätte auf das Bild mit dem auf der Anklagebank sitzenden Hans Frank, dem einstigen Generalgouverneur im besetzten Polen.

Die Ausstellung der Kinder des Holocaust wurde mit großem Erfolg erstmals im Frühjahr 2015 im Warschauer Museum zur Geschichte der polnischen Juden (Polin) gezeigt. Seitdem konnte sie regelmäßig in Polen – unter anderem im Museum in der Gedenkstätte in Treblinka und in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim – sowie mehrmals auch in anderen Ländern gezeigt werden. Im Januar/Februar 2016 war sie in Berlin im Sitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung erstmals in Deutschland öffentlich präsentiert worden.

Durch den Abend in Nürnberg führten Niklas Haupt für die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Georg Neubauer für die VVN-BdA Nürnberg. In der «Nürnberger Zeitung» erschien am 26./27. Januar 2019 ein ausführlicher Beitrag über Joanna Sobolewska-Pyz.