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Ein Gespräch mit dem syrischen Fotojournalisten Hosam Katan

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Hoasm Katan: «Was ich wirklich will, ist Gerechtigkeit in Syrien»
«Natürlich habe ich die Pflicht zu dokumentieren, aber wenn es die Möglichkeit gibt, meine Botschaft zu vermitteln, ohne die typischen Kriegsbilder zu produzieren, dann ziehe ich das vor.» Hosam Katan

(Foto: Harald Etzbach)

Hosam Katan (geboren 1994 in Aleppo, Syrien) begann bereits mit 18 Jahren als Fotograf für das Aleppo Media Center zu arbeiten. Kurze Zeit später verbreiteten sich seine Aufnahmen über die Agentur Reuters und wurden in zahlreichen internationalen Magazinen publiziert. Katans Arbeiten wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Ende 2015 verließ Katan Syrien über die Türkei und kam als Geflüchteter nach Deutschland, wo er an der Hochschule Hannover Fotojournalismus studiert. 2017 erschien im Kehrer-Verlag sein Fotoband «Yalla Habibi – Living with War in Aleppo» mit Fotos, die zwischen 2013 und 2015 in der Heimatstadt des Fotografen entstanden.

Das Interview führte Harald Etzbach.
 

Harald Etzbach: Als die Revolution 2011 in Syrien begann, warst du noch ein Teenager. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Hosam Katan: Als der arabische Frühling begann, war das ein völliger Schock für uns. Wir haben genau beobachtet, was in Tunesien, Ägypten oder Libyen passierte, den Sturz von Ben Ali, Mubarak, Gaddafi. Wir waren aufgewachsen mit dem Bewusstsein, dass «die Wände Ohren haben», dass man nicht offen sprechen kann. Zugleich wussten wir, dass Syrien eigentlich ein reiches Land ist und dass es diese große soziale Ungleichheit gibt. Ich komme aus dem Ostteil von Aleppo, da war es ganz offensichtlich. Man muss nur den Ostteil von Aleppo mit dem Westteil vergleichen, es ist, als komme man in ein anderes Land. Syrien war ein Land für Menschen mit Macht und Geld. Wenn man keine Macht und kein Geld hatte und niemanden in der Regierung oder anderen einflussreichen  Positionen kannte, hatte man keinerlei Rechte. Für uns bedeutete die Revolution die Chance, etwas zu ändern. Dabei war die Forderung zunächst gar nicht einmal der Sturz des Regimes. Wir wollten einfach nur ein paar grundlegende Freiheiten, die Aufhebung des Ausnahmezustands, freie Wahlen. Aber das Regime reagierte sofort mit brutaler Gewalt. Freunde von mir wurden erschossen oder verschwanden in den Gefängnissen. Wir mussten erkennen, dass es keinen Verhandlungsspielraum mit dem Regime gibt. Assad betrachtet das Land als sein Eigentum.

In dieser Zeit hast du auch angefangen, als Fotojournalist zu arbeiten.

Auf den Demonstrationen gab es vor allem junge Menschen. Es war sehr gefährlich. Man konnte dort nur etwa zehn Minuten bleiben, dann tauchten die Schabiha[1] auf und begannen, auf die Leute zu schießen oder sie zu verhaften. Wir haben diese Demonstrationen dann mit unseren Handykameras gefilmt, um sie zu dokumentieren. Ausländische Journalist*innen waren nicht dabei, und in Syrien gibt es keine unabhängigen Medien. So habe ich angefangen zu fotografieren. Als ich dann später meine Videos auf al-Dschasira oder anderen Sendern sah, wurde mir klar, welche große Bedeutung Medienarbeit hat, dass es wichtig ist zu zeigen, was in Syrien geschieht. Nach der Teilung von Aleppo im Juli 2012 habe ich dann begonnen, verstärkt als Fotograf zu arbeiten. Der östliche Teil der Stadt war nicht mehr unter der Kontrolle des Regimes, und ich konnte Freund*innen treffen, die ich vorher nur unter ihren Pseudonymen bei Skype oder in den sozialen Netzwerken kannte. Ich wurde damals Mitglied des Aleppo Media Center. Wir waren dort etwa 35 Leute. Wer einen Laptop oder eine Kamera hatte, brachte die Geräte mit, und wir begannen Schritt für Schritt mit einer organisierten Medienarbeit. Zugleich arbeiteten wir auch für ausländische Journalist*innen. Ich habe mir in dieser Zeit sehr viel selbst beigebracht, aber auch von den Journalist*innen gelernt, die ich gefragt habe, wie sie arbeiten, nach welchen Kriterien sie bestimmte Fotos zur Veröffentlichung auswählen und so weiter.

Ab 2013 hast du dann selbst auch für Reuters gearbeitet. Hast du von der Agentur Vorgaben für deine Arbeit bekommen, oder warst du nach wie vor frei in der Auswahl deiner Themen?

Reuters hatte damals dreizehn Fotografen in Ost-Aleppo, sie hatten also viel Auswahl, und ich war in meiner Arbeit weitgehend frei. Natürlich, wenn sie spezielle Dinge haben wollten, haben sie mich gefragt. Aber im Allgemeinen habe ich ohne Vorgaben gearbeitet und zum Beispiel Fotos aus dem Alltag der Menschen gemacht. Es ist auch einfach nicht vorhersehbar, was passiert. Es kann plötzlich ein Hubschrauber auftauchen, der Bomben abwirft. Dann kommt es darauf an, unmittelbar Zeuge des Augenblicks zu sein und die Ereignisse zu dokumentieren.

In deiner Arbeit gibt es grob gesagt zwei Kategorien, auf deiner Homepage nennst du sie «Daily Life» und «Moments». Einmal Fotos vom «normalen» Alltag im Krieg: Spielende Kinder, Marktszenen und ähnliches, und dann die «klassische» Kriegsfotografie: Zerstörung, Verletzte, Tote. In welcher Beziehung stehen diese beiden Arten von Fotografien?

Die Dinge geschehen gleichzeitig und die Situation kann sich von einer Sekunde zur nächsten ändern. Hinzu kommt, dass ich nicht nur einen eindimensionalen Blick auf diesen Krieg werfen, sondern das ganze Bild zeigen wollte. Ich bin mit der Stadt vertraut, bin ein Teil von ihr, ich spreche Arabisch und falle nicht durch mein Äußeres auf. Aus diesem Grund konnte ich mich freier bewegen. Ich war nicht wie ein ausländischer Journalist, der immer Aufmerksamkeit auf sich zieht, und der nur ein oder zwei Wochen vor Ort bleibt, um ein spezifisches Projekt zu realisieren, sondern ich lebte in der Stadt. Ich habe also nicht nur fotografiert, wenn etwas Dramatisches geschah, wenn es zum Beispiel einen Angriff gab, sondern ich hatte die Verantwortung, auch alle anderen Dinge, das tägliche Leben zu zeigen.

Aber du zeigst eben auch die Gewalt, die blutüberströmten Menschen, die toten Kinder, die aus den Trümmern der Häuser geborgen werden. Wie entscheidest du, ob du in einer bestimmten Situation fotografierst oder nicht? Das ist ja auch eine ethisch-moralische Frage.

Es gibt in diesen Situationen nicht viel Zeit, um nachzudenken, man handelt mehr oder weniger automatisch. Wenn ich zum Beispiel jemanden sehe, der verletzt ist, und ich in dieser Situation der Einzige bin, der helfen kann, dann wäre es sicher falsch, ein Foto zu machen. Wenn ich aber sehe, dass die Weißhelme bereits vor Ort sind, um zu helfen, kann ich anfangen, meiner Arbeit als Fotograf nachzugehen. Ich habe immer versucht, meine eigenen Gefühle von meiner Arbeit zu trennen, um professioneller sein zu können. Zugleich gab es aber immer auch etwas, das ich nicht genau beschreiben kann, das man aber fühlen kann: Wenn Menschen nicht fotografiert werden wollen, dann zeigen sie es ganz deutlich, und wenn es für sie in Ordnung ist, dann zeigen sie es auch. Manchmal hat man plötzlich das klare Gefühl, dass es nicht richtig ist, ein bestimmtes Foto zu machen. Ich sehe durch den Sucher und stelle fest, dass jetzt etwas nicht stimmt. Denn schließlich, ich selbst oder jeder andere könnte in dieser Situation sein, die ich gerade fotografiere. Aber um ehrlich zu sein, gab es für mich keine spezifische  Art und Weise festzulegen, was ich zeige und was nicht. Ich habe versucht, an mein Foto zu denken, und mich darauf zu konzentrieren, es gut zu machen, denn selbst in einer Kriegssituation müssen Fotos nicht einfach nur schrecklich sein. Für mich ist Fotografie eine Sache von Verstand und Gefühlen, und auf dieser Grundlage muss ich als Fotograf immer wieder neu entscheiden.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das Foto einer Hand, die aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses herausragt. Das ist geradezu ein Symbol für Krieg, Zerstörung und Tod.

Das ist es, was ich meine. Ich empfinde dieses Foto als stärker als jene Fotos, auf denen Blut und Tote zu sehen sind. Natürlich habe ich die Pflicht zu dokumentieren, aber wenn es die Möglichkeit gibt, meine Botschaft zu vermitteln, ohne die typischen Kriegsbilder zu produzieren, dann ziehe ich das vor.

Hosam Katan: Alltag im Krieg
Eine Fotoausstellung in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin präsentiert Arbeiten von Katan bis zum 18. April 2019
Die Ausstellung «Alltag im Krieg» des Fotografen Hosam Katan führt uns die Zivilbevölkerung des Ostteils von Aleppo vor Augen, die ihren Alltag inmitten des Kriegs mit Beharrlichkeit und Erfindungsreichtum meistert. Die Bilder aus der Heimatstadt des Fotografen entstanden zwischen 2013 und 2015 und zeigen Momentaufnahmen der zwiespältigen und kontrastierenden Erfahrungen und Emotionen dieser Menschen. Väter, die den Tod ihrer Kinder beweinen. Ein Mann, der streunende Katzen füttert. Jugendliche beim Baden in Bombentrichtern, gefüllt mit Regenwasser. Wut, Freude, Trauer, Mut, Verzweiflung, Entschlossenheit, Solidarität, Widerstand, Aufregung – all diese Gefühle können sich im Krieg von einer Sekunde zur nächsten ändern.

Gab es Situationen, in denen du ein Foto gemacht und später entschieden hast, es nicht zu veröffentlichen?

Ja, es gibt zum Beispiel das Foto eines jungen Mädchens, das ich nach einem Luftangriff im September 2014 gemacht habe. Es waren zwei Fassbomben auf das gleiche Gebiet abgeworfen worden. Es gab furchtbare Zerstörungen, dreizehn Menschen waren getötet worden. Ich fotografierte die eingestürzten Häuser und die Menschen, die unter dem Schutt nach ihren Angehörigen suchten, als ich das Mädchen sah. Das war ein Foto, das ich unbedingt machen wollte, es war ein Foto, das etwas zu erzählen hatte. Das Mädchen stand vor dem zerstörten Haus ihrer Großeltern, in ihrem Gesicht war etwas Blut. Sie war blond, trug ein blaues T-Shirt und eine Jacke mit Dalmatiner-Muster. Ich fotografierte sie ein paarmal aus ungefähr einem Meter Abstand. Sie sagte nichts, aber ich konnte sehen, dass sie sehr wütend war, wütend nicht unbedingt über mich, weil ich sie fotografierte, sondern über all das, was um sie herum geschehen war. Als ich dann später meine Fotos für Reuters zusammenstellte, hatte ich das Gefühl, dass es falsch wäre, das Foto einfach als Pressefoto zu publizieren. Es ist jetzt in meinem Buch veröffentlicht. Dort steht es in einem anderen Kontext. Im Buch versuche ich, alle Aspekte des Krieges zu zeigen, und ihr Foto ist dort Teil einer Story, in der ich beschreibe, wie Menschen auf das Fotografiertwerden reagieren.

Du hast von der Botschaft deiner Fotos gesprochen. Was ist diese Botschaft, was willst du mit deinen Fotos erreichen?

Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, ich könne mit meinen Fotos die Welt verändern. Wir alle wissen, es gibt viel Schreckliches in dieser Welt. Aber ich glaube, es gibt Hoffnung. Es gibt immer noch Menschen, die sich kümmern, die versuchen, etwas zu tun. Es gibt diesen Satz, dass auch ein Marathon mit dem ersten Schritt beginnt. Ich versuche einfach, weiterzugehen, weiterzumachen mit meiner Arbeit. Auch wenn ich nur etwas in einem kleinen Rahmen ändern kann, ist das für mich im Augenblick in Ordnung. Wir sollten dazu beitragen, dass die Menschen bewusster werden. Was mich selbst betrifft, ich bin jung, ich habe Energie, und ich möchte mit meiner Arbeit etwas weitergeben. Im Sommer 2014 habe ich eine Pause gemacht und war einen knappen Monat in der Türkei. Ich war ziemlich niedergeschlagen und ein wenig depressiv. Ich hatte Fotos in der New York Times und im Wall Street Journal veröffentlicht. Ich hatte Preise gewonnen, aber ich fragte mich, ob ich die Menschen, die ich fotografierte, nicht einfach benutzte, um in meinem Beruf voranzukommen. Ich hatte keinerlei Lust mehr zu arbeiten, zu fotografieren, eigentlich auf gar nichts. Und dann nahm aus heiterem Himmel jemand aus Belgien Kontakt mit mir auf. Er fragte mich nach einem Album über eine Familie, das ich fotografiert hatte. Es waren sehr bewegende und emotionale Bilder und er sagte, dass ihn diese Bilder sehr berührt hätten und dass er jetzt nach einer Möglichkeit suche, um mit dieser Familie in Kontakt zu kommen und ihr zu helfen. Natürlich, Geld ist nicht alles. Diese Familie zum Beispiel hat eine Tochter verloren, und eine andere Tochter wurde schwer verletzt, Geld würde das nicht gutmachen können, Geld bringt keinen Menschen zurück. Andererseits gab das Geld ihnen die Möglichkeit, ihr Leben weiterzuleben, zum Beispiel das Flüchtlingslager zu verlassen und eine richtige Wohnung zu suchen. Ich hatte es also geschafft, mit meiner Arbeit die Aufmerksamkeit auf spezielle Geschichten zu lenken. Zugleich hoffe ich, dass Menschen, die sich die Fotos aus dem Alltagsleben im Krieg ansehen, leichter eine Verbindung zu ihrem eigenen Leben herstellen können.

Wenn man wirklich Frieden will, muss man sich erst darum kümmern, Gerechtigkeit herzustellen.

Was ich aber wirklich erreichen will, ist Gerechtigkeit in Syrien. Ich bin sehr wütend, wenn ich Menschen von einem sehr naiven Standpunkt aus darüber sprechen höre, dass alle in Syrien irgendwie gewalttätig und schlecht sind. Sicherlich, dieser Krieg ist eine komplizierte Angelegenheit, aber er hat eine klar benennbare Ursache. Wenn man wirklich Frieden will, muss man sich erst darum kümmern, Gerechtigkeit herzustellen. Wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mich dafür einsetze, dann ist das etwas, das meinem Leben etwas Sinnvolles gibt. Das ist etwas, wozu ich mit meiner Arbeit und mit meinem ganzen Leben beitragen möchte.

Du hast ein Buch herausgegeben. Es heißt  «Yalla Habibi: Living with War in Aleppo». Wie kam es zum ersten Teil dieses Titels?

Es gibt eine Verbindung zum Konzept des Buches. «Yalla» bedeutet «los, schnell» oder «Beeil Dich», denn in Aleppo musste immer alles schnell gehen, immer weiter und weiter. Alles konnte sich ganz plötzlich und unerwartet ändern. Eben noch war alles in Ordnung, aber einen Moment später siehst Du in der Straße, auf der Du stehst, nur noch Zerstörung, und viele Menschen sind getötet worden. Zugleich bedeutete für viele Menschen in Aleppo das Zuhause sehr viel. Die Bedingungen waren sehr hart, aber dennoch blieben viele Menschen in der Stadt und in ihren Vierteln. Das hat etwas mit Liebe zu tun, und darum steht das Wort «Habibi» («Liebling») im Titel. Auf der anderen Seite kennen Menschen im Westen, wenn sie etwas Arabisch verstehen, oftmals genau diese Worte: «Yalla Habibi». Aber für sie hat es eher etwas mit Party oder ähnlichem zu tun. Man kann daher aus dem Titel des Buches nicht unbedingt sofort schließen, worum es darin geht. Es gibt also ganz verschiedene Aspekte, warum ich diesen Titel ausgesucht habe.

Das Buch ist der Fotojournalistin Anja Niedringhaus[2] gewidmet, die 2014 in Afghanistan getötet wurde. Welche Beziehung hast du zu ihr und ihrer Arbeit?

Ich habe sie leider niemals kennenlernen können, aber ich habe ihre Arbeit verfolgt. Als ich nach Deutschland kam, war ihr Fotobuch das erste, das ich gekauft habe. Ich habe wirklich großen Respekt vor ausländischen Journalist*innen und Fotograf*innen, die ihre eigene Komfortzone verlassen, um über solche Konflikte oder Kriege zu berichten. Anja Niedringhaus kam in Afghanistan ums Leben, sie hat sich für dieses Leben entschieden, obwohl sie ganz andere Möglichkeiten hatte. Und obwohl wir in Syrien nicht mehr sehr viele ausländische Journalist*innen haben – abgesehen von ein paar in den Gebieten, die vom Regime kontrolliert werden –, sind wir doch irgendwie miteinander verbunden. Es sind Menschen, die von diesen Kriegen eigentlich überhaupt nicht unmittelbar betroffen sind und die dennoch versuchen, etwas zu tun. Menschen wie Anja Niedringhaus oder auch Marie Colvin[3] sind ungeheuer inspirierend, und deshalb sollte man die Erinnerung an sie aufrechterhalten.

Du hast Syrien verlassen und lebst jetzt in Deutschland. In gewisser Weise hast du also jetzt den unmittelbaren Zugang zu dem Thema verloren, das dein Leben und deine Arbeit in den letzten Jahren beherrscht hat. Wie gehst du damit um, was sind deine Pläne?

Es gibt viele Gründe, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Ich war sehr jung und hatte Erfolg mit meiner Arbeit. Aber wir hören nie auf zu lernen, und ich wollte mehr über Fotojournalismus wissen. Mir ist bewusst, dass das Thema, mit dem ich als Fotojournalist angefangen habe, der Krieg ist. Dieses Thema interessiert mich nach wie vor sehr, und ich habe eine starke Verbindung zu ihm. Aber ich weiß auch, dass Fotojournalismus viel mehr ist als Krieg, und es gibt eine ganze Reihe anderer Themen, die mich auch interessieren. Ich studiere jetzt seit einem Jahr in Deutschland. In diesem Jahr habe ich mein altes Archiv durchgesehen und mein Buch veröffentlicht, was mir sehr wichtig war. Im Augenblick arbeite ich zum Thema «Integration». Ich habe einige Storys fotografiert, aber es ist ein kompliziertes und weites Thema, es ist nicht etwas, mit dem man in ein, zwei Monaten fertig ist. Ich habe eine ganze Reihe von Berichten über das Thema gesehen, aber ich glaube, sie vermitteln nicht das ganze Bild. Ich möchte meine Erfahrung als Geflüchteter benutzen, um eine Perspektive von innen heraus zu eröffnen. Aber ich denke auch, dass ich zu meinem Thema zurückkehren und wieder Konflikte und Kriege fotografieren werde. Integration und andere gesellschaftliche Themen sind wichtig, aber letztlich halte ich das Thema Krieg doch für das wichtigere.

 
Harald Etzbach ist Historiker und Politikwissenschaftler und arbeitet als Übersetzer und Journalist. Er publiziert zu Themen des Nahen Ostens und zur US-amerikanischen Außenpolitik.


[1] Schabiha, wörtlich: «Gespenster», vom Assad-Regime geförderte irreguläre bewaffnete Gruppen, die insbesondere zur Niederschlagung aufständischer Bewegungen und zur Ausschaltung von Oppositionellen eingesetzt werden.

[2] Anja Niedringhaus (1965 - 2014) war eine deutsche Fotojournalistin, die seit den Neunzigerjahren aus einer Vielzahl von Kriegsgebieten berichtete. Im April 2014 fiel sie einem Attentat zum Opfer, als sie über die Präsidenschaftswahl in Afghanistan berichtete.

[3] Marie Colvin (1956 - 2012) war eine US-amerikanische Journalistin. Sie wurde 2012 in Syrien getötet, als sie über die Belagerung von Homs berichtete. Im Januar 2019 machte ein US-amerikanisches Gericht die syrische Regierung für Colvins Tod verantwortlich und verurteilte Damaskus zu einer Schadensersatzzahlung in Höhe von 300 Millionen US-Dollar an Colvins Familie.