Nachricht | GK Geschichte Frank Uekötter: Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. München 2007

Umweltgeschichte gibt es in Deutschland erst seit gut zehn Jahren als relevante eigene geschichtswissenschaftliche Disziplin. So war zu erwarten, dass dazu in der renommierten Enzyklopädie Deutscher Geschichte auch ein Band erscheint. Die Zahl der umwelthistorischen Veröffentlichungen nimmt zwar weiter zu, es gibt auch interessante Cross-Over etwa zur Agrar-, Konsum- oder auch zur Urbanisierungsgeschichte – eine eigenständige Fachzeitschrift zu diesem Feld gibt es aber immer noch nicht.

Uekötter gibt zu Beginn einen kurzen enzyklopädischen Überblick über den behandelten Zeitraum, der chronologisch angelegt ist. Uekötter geht richtigerweise davon aus, dass Umweltgeschichte “unvermeidlich anthropozentrisch begründet” sein müsse, Dies resultiere schon allein aus der Tatsache, dass die Suche nach ursprünglicher Wildnis zumindest für die letzten 200 bis 300 Jahre ergebnislos verlaufen sei und sich auch die Vorstellungen einer “heilen Natur” oder von “ökologischer Stabilität” zusehends als soziale Konstruktion, wenn nicht als Projektionen entpuppt hätten. Das Kaiserreich bezeichnet er als “umwelthistorische Sattelzeit”, da mit ihm der Übergang von der hölzernen zur fossilen Ära und damit auch vom Agrar- zur Industriestaat vollends abgeschlossen sei und die Urbanisierung immer weiter voranschritt. Dass die industrialisierten Großstädte mit ihrer auf Technik und Wissenschaft gestützten Leistungsverwaltung dabei Vorreiter der Umweltpolitik in den Bereichen Wasser, Abwasser, Müllentsorgung, Grünflächenplanung etc. wurden, ist augenscheinlich. Nennenswert für diesen Zeitraum ist noch die überraschend große Bedeutung der quer durch alle politischen Lager reichenden Heimat- und Naturschutzbewegung. Im Nationalsozialismuskommt es zu dem schon öfter beschriebenen Boom des Naturschutzes.

Das goldene Zeitalter des fossilen Fordismus schließt sich in der Darstellung an: Zwischen 1948 und 1972 steigt der Mineralölverbrauch in Westeuropa auf das Fünfzehnfache, die Ausrichtung der gebauten Umwelt auf das Automobil erreicht ungeahnte Höhen. Ab 1970 kommt zur traditionellen Umweltbewegung von unten die sozialliberale Umweltpolitik von oben hinzu.

Der zweite Abschnitt untersucht dann “Grundprobleme und Tendenzen der Forschung” in neun inhaltlichen Felder – etwa Forstgeschichte, Naturschutz, Umweltbewegungen, Energie - um sich im zehnten methodischen Fragen zu widmen. In diesem Abschnitt finden sich schon ausführliche Literaturhinweise. Die 437 Titel umfassende Literaturliste bildet dann den dritten Teil des Buches. Ein Personen-, Orts- und Sachregister schließt den Band ab.

Das Buch richtet sich vorrangig an HistorikerInnen und Interessierte verwandter Disziplinen und verwendet relativ viel Energie auf die Problematisierung innerdisziplinärer Fragestellungen. Wer sich also darüber informieren und gleichzeitig eine umfangreiche Bibliographie zusätzlich bekommen will, ist mit diesem Titel gut bedient. Eine Chronologie oder gar ein “Handbuch” zu Umweltproblemen, Umweltbewegungen oder zur Umweltpolitik der vergangenen 200 Jahre kann – schon allein angesichts des Umfangs – freilich nicht erwartet werden.

Bernd Hüttner (Bremen)

Frank Uekötter: Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 81. München: Oldenbourg Verlag 2007. ISBN 978-3-486-57631-3; 160 S.; 19,80EUR.

Dieser Text erscheint auch in Heft 3/2008 von externer Link in neuem Fenster folgtForum Wissenschaft.