Nachricht | Geschichte - Parteien- / Bewegungsgeschichte Zum 145. Geburtstag von Lenin

«Der erste..., der die historische Tendenz der Machteroberung durch das Proletariat zur geschichtlichen Tat gestaltete»

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Als Paul Levi diesen Beitrag aus Anlass des Todes Lenins schrieb, war er selbst schon aus der kommunistischen Bewegung ausgestoßen. Levi war enger Kampfgefährte Rosa Luxemburgs, Mitbegründer der KPD und von 1919 bis 1921 ihr Vorsitzender. Der Bruch hing unter anderem damit zusammen, dass Levi Lenins Einschätzung über eine bevorstehende Revolution in Deutschland nach 1919 nicht teilte und gegen die künstliche Beschleunigung revolutionärer Prozesse opponierte. Vor diesem Hintergrund ist die Würdigung, die Levi hier Lenin zuteilwerden lässt, umso bemerkenswerter. Es ist eine Würdigung im Geiste Lenins selbst, für den «die Sache» und nicht politische Eitelkeit immer im Vordergrund stand. Und hält man sich das 20. Jahrhundert vor Augen, hat sie ihren Bestand bewiesen. Lenin stellte sich den Widersprüchen seiner Zeit und versuchte sie im Sinne der am meisten Ausgebeuteten zu lösen. Dabei vertraute er bedingungslos den Fähigkeiten der «Massen», über kurz oder lang die Gesellschaft selbst zu gestalten. Damit wurde er selbst Teil der Widersprüche – und scheiterte letztlich. Lenin an seinem 145. Geburtstag (22.04.1870) zu würdigen bedeutet dieses Scheitern ernst zu nehmen, ihn in Frage zu stellen und im Marxschen Sinne zu kritisieren: «Proletarische Revolutionen … kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht…»

Lenin

Von Paul Levi

Bewundert viel und viel gescholten, wird doch dieser Mann im Andenken des Proletariers weiterleben für alle Zeiten. Denn leugnen wir es nicht: Nicht die Richtigkeit der Theorie und nicht die Unfehlbarkeit des Weges sind die Tugenden, die ein Denkmal im Herzen der Mit- und Nachwelt errichten. Er hat die Theorie des Sozialismus nicht geschaffen, vielleicht sogar hat er des Schöpfers Werk verstümmelt, gewiss ist er Wege gegangen, die nur eine Schar Kritikloser – manchmal Bewunderer, manchmal Schlimmeres – mit ihm teilten; Fehler hin – Fehler her: Er ist doch der Erste gewesen, der die historische Tendenz der Machteroberung durch das Proletariat zur geschichtlichen Tat gestaltete. Aus dem Kompost altrussischen Feudalismus, aus dem Jammer des Krieges heraus, wuchsen die Voraussetzungen für die Tat: Aus seinem Willen aber quoll die Kraft, die aus Voraussetzungen schuf. Und damit hat Lenin zunächst plastisch dargestellt jene lebendige Auffassung von dem Materialismus in der Historie, der mitnichten daran denkt, alles geschichtliche Werden in einen öden Automaten zu verwandeln, aus dem die geschichtlichen Taten herausfallen wie die Schokoladentäfelchen, der es nicht immer auf die »Verhältnisse« schiebt, wenn etwas missrät, sondern der in der Geschichte eine Wechselwirkung sieht zwischen Gesetzen und ihren Vollstreckern, zwischen Dingen und Menschen. Und dreierlei ist in dieser Wechselwirkung möglich: Es kann das Sehnen und Streben des Menschen hinausgehen über alle geschichtliche Möglichkeit und sich so verlieren in schöner, aber zweckloser Philosophiererei; die Geschichte des frühen und des antiken Sozialismus bietet dafür Beispiele. Es können aber auch die Menschen zurückbleiben hinter den geschichtlichen Möglichkeiten und das zu tun sich scheuen, was zu tun die Geschichte ihnen gebot; die Geschichte der gegenwärtigen Arbeiterbewegung, nicht nur in Italien, bietet dafür Belege. Und es kann endlich sein, dass das, was die Geschichte heischt, ein Mensch zu tun sich unterfängt, und das scheint uns in der Tat Lenins Werk gewesen zu sein.

Denn anders sind letzthin die Erfolge dieses Mannes nicht zu erklären. Wir, die wir Augenmaß für Zeit und Dinge verloren haben, vermögen ja kaum zu ermessen, wie es kommende Geschlechter würdigen werden, dass in knapp fünf Jahren in Russland der Zarismus gestürzt, der Feudalismus ausgerottet, die Bauernschaft zum Herrn über Grund und Boden gemacht und eine – man mag über ihre soziale Funktion, denken, wie man will – aus der Arbeiterschaft herausgewachsene Regierung geschaffen wurde, die mehr Jahre gedauert hat und dauern wird, als ihr selbst wohlgesinnte Kritiker zu Anfang Monate Existenz voraussagten. Das war nicht, wie einige geistreiche Leute das meinten, ein «Kommunistenputsch», sondern ein wohlgegründetes, einheitliches Werk.

Aber es war ja nicht nur ein Werk, das seine Wurzel in Russland hatte. Die russische Revolution war nicht nur eine russische Angelegenheit: Nach Ursache wie nach Wirkung war sie aufs innigste verknüpft mit der Entwicklung des europäischen Sozialismus. Es gibt Leute, die glauben, der beginnende Krieg habe die russische Revolution nur verzögert, und es gibt deutsche Sozialisten, die glauben, sie hätten sie mit ihrer Kriegskreditbewilligung beschleunigt. Mag dem so oder so sein: dass sie kam und wie sie kam, kam sie aus dem Kriege. Und das zeigte sie auch sofort an ihren Wirkungen. Denn im Augenblick, da sie da war, ward diese russische Revolution das bestimmende Ereignis auf dem Kriegsschauplatz. Die Wirkung der Gasgranaten und die Wirkung der Tanks verblassten: Diese haben ein paar Hunderttausende Proletarierleiber dahingerafft; jede Regung der russischen Revolution aber weckte Millionen Proletarierseelen auf; sie, die russische Revolution war es, die des russischen Zarismus nächste Gebilde, den deutschen und den österreichischen Monarchismus in Trümmer schlug.

Die internationale nicht nur Bedeutung, sondern Wirkung der russischen Revolution, war klar. In Europa aber, in der weiten Welt waren Verhältnisse von der Einheitlichkeit nicht, wie sie in Russland waren. Hier folgten einander die Ereignisse nicht wie Donner und Blitz. Und hier wird die Gestalt und das Werk Lenins problematisch. Hier werden einst andere, spätere Geschlechter urteilen müssen, ob sein Geist den Dingen vorauseilte, ob sein Geist etwa zu schwach, ob überhaupt eines Menschen Geist hätte stark genug sein können, die in Dingen und Menschen liegenden Hemmungen zu überwinden, ob er die Andersartigkeit der Verhältnisse voll übersah, ob er manche Schritte nur tat, getrieben von den Notwendigkeiten der russischen Ereignisse, ob er selber tat oder ob er nur decken musste, was andere taten. Aber auch hier scheinen uns Zweifel, die dereinst gelöst werden können, zurückzutreten vor dem, was unzweifelhaft ist. Und das ist, dass, mag vieles unmarxistisch, unsozialistisch, falsch und noch mehr als falsch gewesen sein, mag es gleich hundertmal nicht der Sozialismus gewesen sein, sein Werk doch der «ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft» gewesen ist. Und mögen wir die Klinge mit ihm gekreuzt haben, mögen wir den Verfall des Werkes erkannt und davor gewarnt und daran kritisiert haben: Uns scheint es keinen Sinn zu haben, zu leugnen, dass um der Tat und nicht um ihrer Fehler und noch weniger um seiner Nachläufer willen der Mann doch «eingeschreint sei in dem großen Herzen der Arbeiterklasse».

Besucher, die ihn erst kürzlich sahen, schildern Lenin, wie er stumm und unbeweglich in einem Lehnstuhl gelegen habe, mühsam die Zeitung lesend, nicht imstande, eine Silbe zu äußern, und wie ihm langsam Tränen über die Wangen liefen. Kein Mensch wusste, keiner weiß, keinem konnte er sagen, warum er weinte. Vielleicht hat er gesehen, wie sein Werk von der höchsten Höhe allmählich herniederglitt. Vielleicht das, vielleicht aber hat er ahnend mehr gesehen. Und doch ist es vielleicht mehr als ein Zufall: An demselben Tag, an dem Lenin die Augen schloss, der Mann, der streng marxistisch wirkte und manchmal selbst den Marxismus zur Karikatur übertrieb, trat in England die Arbeiterklasse, ganz in anderer Form, ganz «unrevolutionär» die Herrschaft an. Aber da und dort dasselbe Proletariat, dessen Befreiungskampf sich zum Einen fügt, und das über Gräber und über Erinnerungen hinweg lebt und wirkt als ein Teil der unerschöpflichen Naturkraft, unsterblich nach den Goetheschen Worten: «Dass du nicht enden kannst, das macht dich groß!»

Den Text auch als PDF zum download.


Aus: Sozialistische Politik und Wirtschaft, Jg. 1, Jg. 2, Nr. 2, 24. Januar 1924

Der Karl Dietz Verlag wird in den nächsten Jahren die Werke Paul Levis unter dem Titel „Ohne einen Tropfen Lakaienblut. Gesammelte Schriften, Reden und Briefe“ wieder zugänglich machen. In diesem Jahr erscheinen die ersten Teilbände mit Artikeln aus der Zeitschrift SWP (Sozialistische Politik und Wirtschaft) aus den zwanziger Jahren. Im nächsten Jahr dann folgen Arbeiten aus der Zeit der Spartakus-Gruppe. Alle Bände sind mit mit kommentiertem Personenregister, geographischem Register und Sachregister versehen.

Nähere Informationen unter www.dietzberlin.de