Nachricht | Geschichte - Rosa Luxemburg Rosa Luxemburg in Vancouver

Ein Bericht über die Social Studies Conference von Julia Killet.

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Autorin

Julia Killet,

Das politische Denken und Handeln Rosa Luxemburgs war Thema auf dem «Congress Of The Humanities And Social Science» an der University of British Columbia in Vancouver. «Circles of Conversation» war das Motto des größten akademischen Kongresses in Kanada, der im Juni 2019 bereits zum 88. Mal stattfand. 10600 Teilnehmende aus mehr als 70 wissenschaftlichen Vereinigungen und verschiedenen Ländern hatten sich registriert.  Das Luxemburg-Panel war Teil der «Society for Socialist Studies Canada» und wurde von der «Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft» (IRLG) in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung New York organisiert.

Eröffnet und federführend betreut wurde das Panel von dem Kooperationspartner Ingo Schmidt, der seit Jahren ehrenamtlich bei der (IRLG) und als Assistant Professor der Labour Studies an der Athabasca University in Kanada tätig ist. Ziel war es, dem vorwiegend nordamerikanischen Publikum, das theoretische und politische Erbe Rosa Luxemburgs 100 Jahre nach ihrem Tod vorzustellen. Es wurde der Frage nachgegangen, ob die kapitalistische Globalisierung Bedingungen geschaffen hat, um Luxemburgs revolutionäre Politik und ihre globale analytische Perspektive zu verbinden.

Zu Beginn sprach Sobhanlal Datta Gupta, ehemaliger S.N. Banerjee Professor der Staatswissenschaft, Universität von Kalkutta (Indien) und langjähriges Mitglied der IRLG, über die Bedeutung und Relevanz der IRLG. Er erinnerte daran, dass Rosa Luxemburg zum Zeitpunkt der Gründung der Gesellschaft im Jahr 1980 aufgrund ihres angeblichen anarchistischen Images und ihrer Darstellung als Theoretikerin der Spontaneität und ihres angeblichen Anti-Leninismus eine vergessene Figur im Diskurs des Mainstream-Marxismus war. Linksradikale Kreise hingegen feierten sie als Ikone der Aufstandspolitik und als kompromisslose Gegnerin des Reformismus.

Die IRLS habe eine Wiederentdeckung von Rosa Luxemburg auf zwei Ebenen fokussiert. Erstens: Die Erkundung des revolutionären demokratischen Potenzials von Rosa Luxemburgs Denken im Unterschied zur liberalen Demokratie und zur Sozialdemokratie sowie ihrer Verknüpfung mit Marx. Zweitens hätten es die IRLS-Forschungen den Wissenschaftler*innen ermöglicht, die große theoretische Bedeutung ihrer Schriften als Alternative zu dem demokratischen Zentralismus, der Parteibürokratie und der Unterdrückung der Demokratie im parteiinternen Leben durch den Mainstream-Marxismus herauszustellen.

Im Laufe der Zeit habe sich innerhalb der IRLG ein großes internationales Netzwerk etabliert. Die Konferenzen der IRLG finden bis heute in vielen Ländern der Welt statt. Sobhanlal Datta Gupta endete seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass in der heutigen Welt, die vom Neoliberalismus beherrscht und von der Entstehung der Ultra-Rechten in verschiedenen Teilen der Welt bedroht sei, die IRLS-Studien die Vision einer alternativen Linken, die eine Herausforderung für das allgemeine, offizielle Verständnis der Linken des Marxismus darstellen würden (Download Dokument: Datta Gupta, Sobhanlal (2018): Evaluation of Rosa Luxemburg: An Examination of the changing perspectives of International Scholarship).

Über den Ideologiebegriff bei Rosa Luxemburg und Antonio Gramsci referierte Sevgi Doğan von der Universität Pisa (Italien). Sie vertrat in ihrem Vortrag die Meinung, dass diese beiden revolutionären Philosophen in vielerlei Hinsicht einen ähnlichen Ansatz in Bezug auf Konzepte wie Ideologie, Hegemonie, Kultur, Selbstbewusstsein, Partei, Intellektuelle und das Verhältnis zwischen Praxis und Theorie verfolgen würden. Nach Gramsci solle sich eine Partei auf das Gebiet der Ideologie konzentrieren und ihre Aktivitäten in diesem Bereich gestalten. Es sei deren Aufgabe, das Bewusstsein für die marxistisch-leninistische Doktrin zu schärfen. Im Gegensatz zu Marx betrachte Gramsci Ideologie nicht nur als falsches Bewusstsein. Rosa Luxemburg scheine näher bei Gramsci zu sein als bei Marx, wenn ihr Verständnis zur Beziehung zwischen Intellektuellen und Massen bewertet würde (Download Dokument).

Andreas Günther, Büroleiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung New York, spannte einen Bogen von seiner Schulzeit in der Rosa-Luxemburg-Schule in der DDR hin zum Scheitern des sozialistischen Staates. Exemplarisch wies er auf die Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 17. Januar 1988 in der Berlin hin, bei der Bürgerrechtler*innen verurteilt und ausgewiesen wurden, weil sie u.a. den berühmten Satz «Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden» auf einem Spruchband trugen. Er verwies darauf, dass Rosa Luxemburg einige der Fehlentwicklungen, die später zum Scheitern des Staatssozialismus führten, schon früh kritisiert hatte und merkte an, dass die Linke für viele der Fragen, die sich aus diesem Scheitern ergeben - wie etwa nach dem Verhältnis von Freiheit und Gerechtigkeit in einer künftigen Gesellschaft - noch Antworten finden müsse.

Zum Thema «Revolutionäre Unterrichtspraxis: Rosa Luxemburgs kritische Pädagogik an der Parteischule 1907 ­– 1914» sprach Joshua Wavrant von der Université Reims Champagne Ardenne (Frankreich). In seinem Vortrag stellte er zunächst dar, was Rosa Luxemburg unter emanzipatorischer Erziehung für die Arbeiterklasse verstehe und wie sie sich damit radikal von den reformistischen Vorstellungen der SPD-Mitglieder abgrenzte. Während Rosa Luxemburg für eine Aufklärung kämpfte, die eine aktive und horizontale Erziehung sei, in der es keine Führer und Anhänger gebe, sondern Menschen, die sich durch kritisches Denken auf Selbstreflexion einlassen würden, führten die Reformisten eine passive Bildung ein, in der die Arbeiter die vom selbsternannten «Führer» der Arbeiterklasse festgelegten Prinzipien akzeptieren und befolgen müssten. Anschließend beschrieb der Referent Rosa Luxemburgs pädagogische Praxis als Lehrerin an der Parteischule von Berlin (1907-1914) und stellte einen Zusammenhang ihrer Pädagogik und der Pädagogik Paulo Freire her, welche später als Pädagogik der Unterdrückten bezeichnet wurde. In dieser Bildungspraxis galten die sokratische Debattenmethode und die Ablehnung einer Wissenshierarchie zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen als Schlüssel zur politischen Emanzipation.

Ingo Schmid  analysierte in seinem Vortrag Rosa Luxemburgs Theorie zur Akkumulation und zum Imperialismus und stellte die Fragen: Was sind ihre politischen Implikationen? Sind sie mit ihrer Massenstreikstrategie kompatibel? Diese Fragen stellte er in einen Zusammenhang mit aktuellen politischen Phänomenen, nämlich die derzeitige Krise der Sozialdemokratie, instabile Bewegungen und der Aufschwung von Rechtspopulisten und Faschisten. Er stellte die Hypothese auf, dass sich soziale Bewegungen um wirtschaftliche Ideen durch einen kollektiven Lernprozess drehen. In Bezug auf Rosa Luxemburgs politische Theorie forderte er, dass ihre Frage der Organisation weiteres Interesse der Forschung sein müsste. Luxemburg habe sich gegen die Führung von Parteifunktionären oder Gewerkschaftssekretären in den Klassenkampf ausgesprochen sondern vielmehr das kollektive Lernen innerhalb der Bewegung fokussiert. Er kritisierte, dass Rosa Luxemburg selbst keine Konsequenzen aus dem Revisionismus und Nationalismus innerhalb der SPD zu Beginn des ersten Weltkrieges gezogen habe, sondern an ihrer Linie des Massenstreikes festgehalten habe.

Julia Killet, Leiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern, beschäftigte sich anhand der Biographie von Paul Frölich mit Ratschlägen an eine sozialistische Bewegung. Diese Biographie mit dem Titel «Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat» erschien 1939 und suchte nach Antworten und Lösungen für die sozialistische Bewegung in Zeiten von Nationalsozialismus und Stalinismus. Rosa Luxemburg erscheine bei Frölich als demokratische Sozialistin, die Meinungs-, Versammlungs-, Organisations-, und Pressefreiheit als Grundpfeiler einer sozialistischen Gesellschaft ansah. Diese politische Zielvorstellung sei es auch, die Frölich aus verschiedenen Perspektiven als Ratschläge für die sozialistische Bewegung herausarbeite.

Der UBC Vancouver Campus befindet sich auf dem traditionellen und überlieferten Territorium der Musqueam. Die Musqueam sind eine der kanadischen First Nations (Indigene Völker in Kanada im Südwesten der Provinz British Columbia). Das Land, auf dem die Universität liegt, war schon immer ein Ort des Lernens für die Musqueam-Leute, die seit Jahrtausenden ihr Wissen, ihre Kultur, ihre Geschichte und ihre Traditionen von einer Generation zur nächsten weitergegeben haben. Auch innerhalb der «Society for Socialist Studies Canada» spielt das Thema der First Nations eine bedeutende Rolle. Bei einem runden Tisch zum Thema «Indigenes Wissen und die Akademie» betrachteten betrachten indigene Wissenschaftler, Intellektuelle und Aktivisten die Beziehung zwischen indigenen Kenntnissen und der Akademie, einschließlich ihrer eigenen Beiträge indigene Seins-, Wissens- und Handlungsweisen in der Wissenschaft zu etablieren. Inwiefern sich Rosa Luxemburg mit diesem Thema beschäftigte könnte Teil der nächsten Konferenz in Kanada sein.

 
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