Nachricht | Geschichte - Deutsche / Europäische Geschichte Konferenz des European Labour History Network

220 ForscherInnen treffen sich in Amsterdam

Amsterdam 20.9.2019: Labour historians support the Climate Strikes, CC BY 4.0, IISG

Aller zwei Jahre organisiert das European Labor History Network (ELHN) eine Konferenz und bietet damit den Mitgliedern des Netzwerkes sowie Interessierten die Möglichkeit eigene Forschungsarbeiten vorzustellen und in einen internationalen Austausch zu treten (Gesamtprogramm). Dem ELHN sind verschiedene, insgesamt dreizehn Arbeitsgruppenangeschlossen, die ihren Schwerpunkten gemäß die Tagung organisierten. Dementsprechend divers gestaltete sich das Programm der diesjährigen Konferenz, die vom Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam ausgerichtet wurde.

Über drei Tage hinweg fanden parallel vier bis fünf Panels statt, die sich (mitunter epochenübergreifend) der Geschichte und Formen der Arbeit, ihren AkteurInnen und deren Bewegungen oder Organisationen widmeten. Einige dieser Beiträge werden im Folgenden vorgestellt.

In den jeweiligen Panels, die mit bis zu fünf Kurzreferaten ambitioniert besetzt waren, wurden überwiegend im europäischen Raum angelegte Regionalstudien präsentiert. In einem Panel des Netzwerkes « Industrial Heritage Activism» sprachen beispielsweise Stefan Moitra und Katarzyna Noguiera über ihr aktuelles Forschungsprojekt, das sich mit der Deindustrialisierung des Ruhrgebiets auseinandersetzt. Beide betonten, dass innerhalb der, mit der Deindustrialisierung einhergehenden Neuorientierung der Region, die Vermarktung des eigenen industriellen Erbes eine zentrale Rolle spiele. Spannungen und Widersprüche einer industriellen Arbeitswelt werden im Zuge dieser (Image)Kampagnen jedoch nicht wahrgenommen bzw. nicht dargestellt und marginalisierte Gruppen, wie migrantische ArbeiterInnen und deren Erzählungen, ignoriert. Eine Oral History, die sich im Sinne einer «Geschichte von unten» jenen Fragen und Gruppen annimmt, könne hier als Korrektiv eingreifen.

Der Prozess der Deindustrialisierung und den damit verbundenen Kämpfen war auch Thema des Referates von Gilda Zazzara in einem Panel zur «Working Class Politics». Zazzara fragt nach dem Mobilisierungspotential von ArbeiterInnen, die von Fabrikschließungen betroffen sind, und konnte beobachten, wie schnell solidarische Strukturen durch Konzessionen auf ArbeitgeberInnenseite gebrochen werden können. Indirekt verwies sie damit auf das Referat von Marcel von der Linden, der die Konferenz eröffnet hatte. Van der Lindens Beitrag, der sich der aktuellen Krise der ArbeiterInnenbewegung und möglichen Erklärungsansätzen widmete, verdeutlichte, dass für die Labor History Geschichtsschreibung auch mit politischen Zeitfragen verknüpft ist.

Nicht alle Vorträge beschäftigten sich jedoch explizit mit aktuellen Fragen und Herausforderungen.  Wiktor Marzec beispielsweise referierte zu einem Streik der Straßenbahnarbeiter in Łódź von 1917, der für die Forschung deshalb interessant ist, da sich eine Synthese von ArbeiterInnen- und Nationalbewegung (Łódź stand 1917 unter deutscher Besatzung) an diesem Fall anschaulich nachvollziehen lässt. Das frühe 20. Jahrhundert beschäftigt auch Yuan Yi im Zuge ihrer Studien zu den Produktionsbedingungen innerhalb der Baumwollfabriken Chinas. Yi wies das bisherige Narrativ zurück, demzufolge es sich hier um ungelernte Arbeitskräfte, vor allem ungelernte Arbeiterinnen, gehandelt habe. Im Gegenteil, die Handhabung der Maschinen habe zwar kein theoretisches, jedoch eine hohes Maß an praktischem Wissen vorausgesetzt und sei den Akteurinnen möglicherweise aufgrund ihres Geschlechts abgesprochen worden.

Insgesamt bot das Programm mit den fast 50 Sitzungen, den zwei Keynotes und zwei Podiumsdiskussionen eine breite Auswahl an Themen und Perspektiven. Durch die Einladung von WissenschaftlerInnen, die sich an sehr unterschiedlichen Punkten ihrer Karriere befinden, ermöglichte das ELHN nicht nur einen internationalen, sondern auch vertikalen Austausch. Allerdings konnten nicht alle Beiträge in gleichem Maße überzeugen, was weniger an den zu vermittelten Inhalten als an Sprachbarrieren oder schlechtem Zeitmanagement lag. Die inhaltliche Offenheit der Tagung sorgte zudem dafür, dass den Sitzungen mitunter die Kohärenz fehlte. In den Diskussionen, für die teilweise nur bis zu fünfzehn Minuten Zeit blieben, gelang es selten mehrere Themen miteinander zu verknüpfen und eventuelle Zusammenhänge herzustellen.

Für ausführlichere Debatten hatten sich einige Arbeitsgruppen jedoch Zeitfenster während der Konferenz frei gehalten, wie unter anderem das «Feminist Labor History Network». In einer offenen Gesprächsrunde wurden Entwicklungen im eigenen Forschungsfeld und mögliche neue Projekte erörtert. Auch das «Factory History»-Netzwerk nutzte die Gelegenheit zum Austausch und zur Planung. Gorkem Akgoz, Nicola Pizzolato und Bridget Kenny eröffneten die Diskussion mit ihren kurzen, aber aussagekräftigen Inputreferaten zum aktuellen Stand und Perspektiven der Factory History. Die drei ReferentInnen waren sich darin einig, dass sowohl Klasse als auch die Fabrik bzw. der industrielle Arbeitsplatz als Forschungsobjekte weiterhin relevant sind, allerdings auch neu gedacht und neu erfasst werden müssten. Aktuelle Trends in der Forschung, wie die Debatte um das Verhältnis von freier und unfreier Arbeit, dürften hierbei ebenso wenig aus den Augen verloren werden, wie die Frage, was die Factory History, zum Verständnis des Kapitalismus insgesamt beitragen kann.

Dass sich HistorikerInnen und SozialwissenschaftlerInnen eben diesem Anspruch stellen, als auch die gesellschaftspolitische Aufgabe ihrer Arbeit mitdenken sowie Hürden als auch Mängel der eigenen Disziplin diskutieren, ist nur zu begrüßen. Neben der thematischen Spannbreite, der internationalen und auch interdisziplinären Zusammensetzung der Teilnehmenden zeichnete sich die Tagung in Amsterdam durch eben jenes Bemühen aus, die eigene Forschung mit aktuellen politischen Fragen zusammen zu bringen. Es wäre wünschenswert, gelänge es den einzelnen Netzwerken in Zukunft diese Perspektive zu schärfen. Vor diesem Hintergrund bilden die Konferenzen des ELHN einen wichtigen Beitrag zu einer kritischen Geschichtswissenschaft.

Die nächste European Labour History Konferenz findet 2021, voraussichtlich in Wien, statt.

Jule Ehms promoviert zum Thema »Syndikalistische Betriebsarbeit in der Weimarer Republik« an der Universität Bochum. Sie war (von 2015 bis 2018) Stipendiatin des Promotionskollegs «Geschichte linker Politik in Deutschland jenseits von Sozialdemokratie und Parteikommunismus»der Rosa Luxemburg Stiftung.