Nachricht | Asien - Westasien - Positiver Frieden - Naher Osten «Wir würden sterben, wenn wir nur von der Landwirtschaft leben müssten»

Erdölindustrie und Landwirtschaft im Irak und in Irakisch-Kurdistan

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Autorin

Schluwa Sama,

November 2018: Heizöltonne, Amediye, Irakisch-Kurdistan
November 2018: Heizöltonne, Amediye, Irakisch-Kurdistan   Foto: Schluwa Sama

Wenn es um die politische Ökonomie des Irak oder Irakisch-Kurdistans geht, dann stehen die Erdölvorkommen im Vordergrund der Betrachtung. Öl wird als so genannte resource curse analysiert, womit der Irak quasi dazu verdammt sei, ewig in autoritären Strukturen mit «schwacher» Zivilgesellschaft und überbordender Korruption zu verharren. Die Bevölkerung sei demnach auf Staatsgelder bzw. heutzutage auf Gelder der Parteien, Gruppen und Milizen angewiesen, die sich die Staatsgelder zu Eigen machen.

Schluwa Sama hat in Berlin, Marburg und London, Politik und Wirtschaft Westasiens und Nordafrikas studiert und anschließend in Sulaymaniya, Kurdistan-Irak gearbeitet. Zurzeit promoviert sie zur politischen Ökonomie des Iraks und Kurdistans am Centre for Kurdish Studies, University of Exeter.

Problematisch und zu kurz gegriffen ist dabei vor allem, dass Analysen der politischen Ökonomie Irakisch-Kurdistans meist getrennt vom Rest des Irak vorgenommen werden.

Dabei kann Wirtschaft im Allgemeinen nie isoliert betrachtet werden, ob nun innerhalb einer Region oder innerhalb eines Nationalstaates. In diesem Artikel soll die Wirtschaft des Irak und Irakisch-Kurdistans globalhistorisch und aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet werden. Den Anfang macht die Landwirtschaft.

Gulchin und die Landwirtschaft

Gulchin (alle Namen geändert) steht auf ihrem kleinen Feld im Gouvernements Dohuk im ländlichen Irakisch-Kurdistan und erntet die letzten weißen Bete-Pflanzen ab. Es ist Herbst 2018. Dabei gibt sie den Takt vor und ordnet an, was gemacht werden muss, während sie ihren Mann, ihre Tochter und den Sohn anleitet. Gulchin schneidet die Bete ab, die Tochter legt sie an den Rand des Feldes, ihr Mann schneidet die Pflanzen vom anderen Ende der Reihe, der Sohn sammelt sie in den alten, weißen UN-Säcken, mit denen man während der 90er Jahre in Zeiten der UN-Sanktionen mit importierter Nahrung versorgt wurde. Heute können sie zumindest wieder ihre eigene Ernte in die Säcke füllen. Ich helfe Gulchin die Bete abzuschneiden, während sie mir erklärt, dass ihr Sohn, ein junger Mann Anfang 20, majbur ist, gezwungen, mit ihr zu arbeiten. Andere Arbeit, mit der er Geld verdienen könnte, gebe es nicht. Ihr Sohn hört mit, verdreht aber die Augen während Gulchin lacht und weitererzählt, dass sie durch ihre Arbeit auf diesem Feld eigentlich ja nichts verdient. Ihr eher wortkarger Mann Selim, der im Feld kniet, hebt seinen Kopf und erklärt: «Wir würden doch sterben, wenn wir nur von der Landwirtschaft leben würden».

Damit geht es ihm ähnlich wie Yassir, der aus dem Umland von Bagdad kommt. Yassir traf ich im Februar 2019 in Bagdad, wo er erzählte, wie schwierig es mit der Landwirtschaft sei. Seine Familie baue heute noch Auberginen und Zitronen an: «Alles andere kommt von außen.» Yassir kommt mit dem Gehalt einer Person innerhalb der Familie über die Runden. Es ist nicht viel, daher versucht Yassir sich nun über ein Mathematik-Studium in Bagdad die Chance zu sichern, Lehrer im Staatsdienst zu werden. Innerhalb der langen Sommerferien als Lehrer könnte er so auch weiterhin auf dem Feld mit seiner Familie arbeiten.

Dass Selim nicht stirbt und dass Yassir über die Runden kommt, hängt damit zusammen, dass beide über ein Staatsgehalt verfügen, in Yassirs Fall indirekt über seine Familie. In Selims Fall sind es ca. 170 Dollar im Monat, die zumindest das materielle Überleben sichern. Das Gehalt kommt aus Staatseinnahmen, die sich hauptsächlich aus dem Verkauf von Öl ergeben. Der Öl-Sektor macht dabei 99 Prozent der irakischen Staatseinnahmen aus. 

Ein globales Verständnis von Kapitalismus im Irak und Kurdistan-Irak

Für das Verständnis der kurdisch-irakischen und irakischen Ökonomie ist es zentral, die Verbindungen und Abhängigkeiten von Landwirtschaft und Ölwirtschaft zu sehen. Dabei ist auch eine globale Perspektive auf die Wirtschaft Irakisch-Kurdistans und des Irak vonnöten, die sowohl die Landwirtschaft als auch die Ölwirtschaft im globalen Zusammenhang sieht. Eine rein auf den Nationalstaat oder Irakisch-Kurdistan bezogene Analyse von Wirtschaft kann es nicht geben. Dies führt nur zu einem begrenzten Ergebnis, das sich schon zu tief im westlichen Diskurs festgesetzt hat: Der Ölreichtum des Irak und Irakisch-Kurdistans verhindert eine tatsächliche Demokratie und brächte eine abhängige und «schwache» Zivilgesellschaft und korrupte Politiker*innen hervor. Eine andere Perspektive bietet der Historiker Timothy Mitchell. Er erklärt, dass aus globaler Perspektive der Irak gar nicht als «Öl-Land» dargestellt werden kann, ohne dass auch die führenden Industrienationen im globalen Norden als «Öl-Länder» bezeichnet werden, denn ohne die Energie, die sie aus dem Öl beziehen, könnten die heutigen politischen und ökonomischen Lebensformen des globalen Nordens gar nicht existieren (Mitchell, 2011, 2).

Dass der Irak die Welt heute mit Energie in Form von Öl beliefert, ist auch mit der Geschichte der Landwirtschaft verbunden. Die heutige Dominanz des Ölsektors entwickelte sich historisch auf Kosten der Landwirtschaft. Dabei ist zu bedenken, dass der Ölsektor weit weniger Arbeiter*innen benötigt als die Landwirtschaft. Landwirtschaft ist arbeitsintensiv und in ihrer nicht-industrialisierten Form am ehesten noch gemeinschaftlich, indem es nicht nur um die ökonomische, sondern auch um die soziale Reproduktion geht. In bestimmten Situationen kann Landwirtschaft sogar das Rückgrat von Revolutionen sein, wie Gulchin mir in Bezug auf die 80er und 90er Jahre in Irakisch-Kurdistan erklärt. Ihr Dorf liegt weit in den kurdischen Bergen, bei denen damals die gesamte irakische Opposition gegen den Diktator Saddam Hussein kämpfte. Es waren nicht nur «Peschmerga», also Kämpfer*innen der kurdisch-nationalistischen Partei, sondern auch solche der Kommunistischen Partei des Irak, die bei ihnen an die Tür klopften. «Manchmal hatten wir 30 Kämpfer*innen bei uns im Wohnzimmer sitzen, die alle hungrig waren. Da habe ich auch zum ersten Mal Arabisch gehört und auch andere Sprachen. Wir haben alle als unsere Geschwister gesehen, denn wir kämpften ja gegen Saddam.»

Es war die kleinbäuerliche Landwirtschaft und die Lage des Dorfes innerhalb der schwer zugänglichen Gebirgsketten Kurdistans, die ihnen ermöglichte, einen Grad der Unabhängigkeit zu erlangen, um so eine langjährige Revolution aufrechtzuerhalten. 

Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Selbst die ökonomische Reproduktion ist bei Gulchin, Selim und Yassir nicht mehr nur über Landwirtschaft möglich. Nach der Revolution und dem Aufstand von 1991 schienen alte Strukturen wieder zu erstarken. Auf den Iran-Irak-Krieg (1980-88), die Giftgasattacken auf Irakisch-Kurdistan 1988, den Aufstand im gesamten Irak gegen Saddam 1991 folgten harsche UN-Sanktionen. Die lokale Ökonomie wurde mit Importen überhäuft und ab 1995 war das globale Interesse an Öl erstarkt. Eine Folge war das Oil-for-food-Programm, mit dem es dem Irak ermöglicht wurde, auf dem Weltmarkt Öl gegen Lebensmittel und Medikamente eintauschen, so als ob es im Irak und in Irakisch-Kurdistan keine Menschen gebe, die ihre eigenen Lebensmittel erzeugen könnten. Mit den Sanktionen waren die Wege für den US-Einmarsch von 2003 gebahnt. Allerdings ist die heutige Situation nicht allein durch diese Kriege entstanden. Es waren auch schon lange zuvor errichtete koloniale Strukturen, die teilweise wieder auftauchen.

Die koloniale Geschichte der Landwirtschaft

Dass heute Bäuer*innen noch auf dem Land leben, für das sie keine rechtliche Sicherheit haben, auf dem aber schon ihre Großeltern gelebt und gearbeitet haben, hat seine Ursprünge in der Einführung des Konzepts von Eigentumsrecht durch den britischen Kolonialismus. Besonders das Eigentumsrecht, das als eine wichtige Errungenschaft der kapitalistischen Moderne gilt, wurde in kolonialen Kontexten genutzt, um die Akkumulation von Reichtum zu strukturieren (Bhandar 2018, 4).

 Bevor British Petrol in den 1930er Jahren anfing, Iraks Ölsektor aufzubauen, sprach man 1931 im britischen Parlament noch davon, die kultivierbare Erde Mesopotamiens, das einst die Kornkammer der Welt war, wieder produktiv zu machen (Wilson [1931]: 241-242, in Sluglett 2007, 245). Die indirekte Kontrolle über diese «Kornkammer der Welt» wurde über die Einführung und Implementierung von Privatbesitz gesichert. Land wurde als individueller Privatbesitz religiösen und tribalen Autoritäten, Scheichs und in Irakisch-Kurdistan Aghas (Sluglett, 1990) zugeteilt. Dieses «neue» Landrecht wurde schon zuvor, im Jahr 1858, als Teil der osmanischen Reformen formal eingeführt, jedoch nicht umgesetzt. Erst durch die Implementierung der Briten von 1932 wurde Land als indirektes Machtinstrument benutzt (van Bruinessen, 1992; Baali, 1969; Sluglett und Farouk-Sluglett, 1990).

Indem die Produktionsmittel von Bäuer*innen und Bauernland privatisiert wurden, wurden nicht nur autoritäre Strukturen gestärkt, in denen nun Aghas und Scheichs zur wichtigen landbesitzenden Klasse aufstiegen, sondern es wurden auch die Bäuer*innen ihres Landes beraubt. Über diese Aghas und Scheichs konnte der britische Kolonialismus nun indirekt und ohne eigene militärische Präsenz die Ressourcen des Irak und Irakisch-Kurdistans ausbeuten. Zudem entwickelte er Normen individuellen Rechts auf Privatbesitz und drückte sie der Gesellschaft auf. Britische Expertenkommissionen, die für die Implementierung des neuen Landrechts verantwortlich waren, kamen zum Schluss, dass die landwirtschaftliche Produktion sich automatisch mit der Vergabe von neuem Land als individuellem Privatbesitz erhöhen werde (Baali 1969, 67). Individuelle Rechte an einem klar vermessenem Stück Land besitzen zu können, wurde damit zu einem zentralen Punkt für die Vorstellung einer profitablen Nutzbarmachung von Land.

1958 kam es mit dem Sturz der britisch eingesetzten Monarchie zu einer weitreichenden Landreform durch Präsident Abdel Karim Qasim, der die durch den Kolonialismus eingeführten Prozesse rückgängig machen wollte. Seine Landreform beruhte hauptsächlich darauf, Obergrenzen für Landbesitz einzuführen. Zwar verbesserte sich langsam die Situation von Bauern und Bäuerinnen, allerdings wurde Land nun nur noch als individueller Privatbesitz gehandelt und diskutiert. Der Wert von Land wurde nun nach ökonomischer Profitabilität bemessen.

Da auch Selim und Gulchin fast gar nicht von ihrem Land profitieren, frage ich, ob sie es wegen der geringen Einnahmen nicht einfach verkaufen wollen. Doch sie sind sich einig, dass das «eigene» Land nicht verkauft wird. Die Wertigkeit von Land wird hier nach anderen Maßstäben bemessen. Mit diesem Land verbindet sie eine Geschichte. Sie leben hier seit Generationen, auch wenn Gulchin erklärt, dass sie nun schon dreimal in ihrem Leben von ihrem Land fliehen musste. Dieses Land ist nicht nur Gulchins Heimat, sondern auch ihr Produktionsmittel. Mit dem Land arbeitet sie, um nicht nur Nahrung, sondern auch soziale Beziehungen herzustellen. Nach marxistischer Definition wird Arbeit meist für einen bestimmten Geldwert eingetauscht. Hier kann zwar – durch kapitalistische Verhältnisse diktiert- kein Geldwert produziert werden, dafür werden jedoch soziale Beziehungen reproduziert, die zentral für den eigenen sozialen Selbstwert sind. Dass Gulchin die Früchte ihrer gemeinsamen Arbeit nicht nur ernten und essen, sondern ihre Arbeit und ihr Können auch mit anderen teilen kann, ist zentral für ihr Leben auf dem Land.

Trotz allem arbeiten Gulchin, Selim und Yassir in Verhältnissen, in denen ihr Leben innerhalb der Landwirtschaft entwürdigt wird. Eine wichtige Ebene ist die ökonomische Abwertung durch massive Importe ins Land. Yassir erklärt, dass fast alles aus der Türkei oder dem Iran kommt. Dies ist in Irakisch-Kurdistan nicht anders. Geht man in die verschiedensten Supermärkte, ob in Erbil oder Bagdad, dann findet man Milch aus der Türkei, dem Iran oder auch Saudi-Arabien. Einerseits ist dies ein Resultat der US-Invasion, die eine massive, weitgehend bekannte Privatisierung in allen Bereichen des Lebens in Gang setzte, andererseits ist es Resultat der UN-Sanktionen. Allerdings setzte die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten schon zu Zeiten des Baath-Regimes ein. Zu dieser Zeit wurde schrittweise ein Staatskapitalismus eingeführt, innerhalb dessen Lebensmittelimporte in den 80er Jahren rasant anstiegen. 1980 wurden Lebensmittel im Wert von 1,4 Milliarden US-Dollar ins Land eingeführt (Springborg 1986, p. 34). Die Einnahmen aus der Ölwirtschaft machten nicht nur diese massiven Importe möglich, sie setzten auch den Wert der Landwirtschaft in Iraks Ökonomie herab.

Der globale Ölkapitalismus im Irak

Neben der indirekten Kontrolle von Land war es ab 1930 jedoch maßgeblich der koloniale Aufbau des Ölsektors durch BP, durch den der Irak an den globalen kapitalistischen Weltmarkt gebunden wurde. Dabei war es die Strategie von BP, die Ölproduktion im Irak möglichst unterentwickelt und weitere irakische Ölreserven unangetastet zu lassen (Mitchell, 2011, 147). Damit konnten Preisschwankungen ausgeglichen und der Ölpreis hoch gehalten werden. Die irakische Bevölkerung selbst hatte keine Mitspracherechte, denn das Öl wurde von BP erst mittels Pipelines durch Syrien und an das Mittelmeer weitergeleitet, von wo aus es dann verschifft wurde. Auch als die Monarchie gestürzt war und die nationale Regierung des Irak BP aufforderte, moderne Raffinerien im Irak selbst zu bauen, wurde dies abgelehnt (Mitchell, 2011, 5). Erst 1972 konnte das Öl im Irak nationalisiert werden. Mit den massiven Einnahmen aus dem Ölexport konnte Diktator Saddam Hussein ab 1979 nicht nur einen drakonischen Überwachungsstaat errichten, sondern gleichzeitig einen Versorgerstaat aufbauen, in dem politische Rechte jedoch verwehrt wurden.

Dieser Staat trat im Süden des Irak wie im Norden von Irakisch-Kurdistan in ähnlicher Weise auf. Ahmed aus der Stadt Dohuk in Irakisch-Kurdistan erinnert sich noch daran, als er in den 70er Jahren nach seinem Studium der Ingenieurwissenschaften in Bagdad direkt vom Staat mit einem guten Gehalt eingestellt wurde. Mehrere Kriege, Sanktionen und Regimewechsel hat sein Staatsgehalt nun überstanden. Doch für seinen Sohn sieht es heute anders aus. Ahmed versteht nicht, warum sein Sohn Omed mit dem gleichen Studium, das er in Erbil mit einem guten Abschluss vor fünf Jahren absolviert hat, bis heute deprimiert zu Hause sitzt. Wie Omed geht es vielen jungen Menschen im gesamten Irak.

Mohammed aus Bagdad berichtet mir, dass es erst am Tag zuvor in Bagdad wieder einige Sit-ins von meist jungen Menschen gegeben habe, die Arbeit fordern. Er selbst nehme auch daran teil. Auf der Straße seien nur einige wenige. Vielleicht um die 100 Leute, aber Tausenden von junger Menschen gehe es in allen Teilen des Irak ähnlich. Die Gesellschaft kommuniziert ihnen, dass sie nicht gebraucht werden. Es gibt unterschiedliche Zahlen zur Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen (15  bis 29 Jahre), die knapp ein Viertel der Jugendlichen für arbeitslos erklären.

Eine Möglichkeit des Geldverdienens, besonders für junge Männer aus armen Familien, besteht darin, sich Milizen anzuschließen. Mohammed glaubt, dass die Milizen ein Resultat der Arbeitslosigkeit sind. In den verschiedenen Protesten im Irak zeige sich die Desillusionierung mit religiösen Parolen, die die politischen Machtverhältnisse verschleiern.

Forderungen nach Arbeit sind zudem zentrale Themen innerhalb der Proteste. Dabei führt Basra, die ölreiche Stadt im Süden, die Proteste momentan an.

Hayder in Bagdad schloss sich kurzerhand der Hashd al-Shabi an, der Volkseinheit einer schiitischen Miliz. Das erzählte mir der 24-jährige junge Mann, der inzwischen bei einer Bagdader Nicht-Regierungsorganisation arbeitet, Anfang dieses Jahres. Er war arbeitslos, nicht sonderlich religiös, aber als Daesh/ISIS Massaker beging und schutzlose Zivilist*innen umbrachte, konnte er nicht einfach zu Hause bleiben und nichts tun. Es ging ihm nicht unbedingt um seine Unterstützung der Hashd Al-Shabi, sondern darum, hier das ethisch Richtige zu tun und an der Befreiung seiner Heimat mitzuwirken. Ca. 400 Dollar erhielt er dafür. Als der größte Teil des Kampfes vorbei war, zog er sich wieder zurück, denn die Strukturen innerhalb der Miliz gefielen ihm nicht.

Ähnlich ist die Situation für Menschen aus dem ländlichen Raum. Der älteste Sohn von Gulchin ist bei den kurdischen Peschmerga. Auch er wurde im Krieg gegen Daesh/ISIS eingesetzt und erhielt dafür ca. 400 Dollar monatlich. Der jüngere Sohn soll allerdings lieber auf dem Feld mithelfen. Das sei sinnvoller. Es scheint, als ob Marx‘ Begriff der Reservearmee im gesamten Irak wortwörtlich zu nehmen sei. 

Im ländlichen wie im urbanen Raum des Irak und Irakisch-Kurdistans versuchen Menschen nicht nur ein Einkommen zu schaffen, das ihnen das Überleben ermöglicht, sondern das auch die Würde sichert. Es sind der globale Kapitalismus und die Ökonomien des globalen Nordens mit ihren transnational agierenden Firmen, die die Entwertung von Landwirtschaft, eine brutale Öl-Wirtschaft und Arbeitslosigkeit mit zu verantworten haben. Dies bringt auch eine Geringschätzung von irakischem und kurdisch-irakischem Leben mit sich, gegen die sich besonders marginalisierte und ärmere Teile der Gesellschaft stellen. Zum einen geschieht dies in massiver Form von Protesten. Zum anderen geschieht dies im Alltag, ob es nun der Anbau von Nahrung auf eigenem Land ist, obwohl der Kapitalismus dies längst entwertet hat, oder aber durch die Verteidigung der eigenen Community.
 

Literatur

  • Baali, Fuad. 1969. Agrarian Reform in Iraq: Some Socioeconomic Aspects. The American Journal of Economics and Sociology 28 (1): 61–76.
  • Bhandar, Brenna. 2018. Colonial Lives of Property: Law, Land, and Racial Regimes of Ownership. Global and Insurgent Legalities Ser. Durham: Duke University Press.
  • Farouk-Sluglett, Marion, and Peter Sluglett. 1990. Iraq Since 1958: From Revolution to Dictatorship. London: I.B. Tauris.
  • Mitchell, Timothy. 2011. Carbon Democracy. London: Verso Books.
  • Sluglett, Peter. 2007. Britain in Iraq. Contriving King and Country. London: I.B. Tauris.
  • Springborg, Robert. 1986. Infitah, Agrarian Transformation, and Elite Consolidation in Contemporary Iraq. Middle East Journal 40 (1): 33–52.
  • van Bruinessen, Martin. 1992. Agha, Shaikh and State: The Social and Political Structures of Kurdistan. London: Zed Books. Teilw. zugl. Utrecht Univ. Diss. 1978.