Nachricht | Sozialökologischer Umbau - COP 25 Atomkraft

Die Legende von der klimafreundlichen Energie

Die Atomindustrie arbeitet an der vierten AKW-Generation und argumentiert mit dem drohenden Klimawandel. Es gibt jedoch weitaus bessere, wesentlich billigere und vor allem vollkommen ungefährliche Möglichkeiten.

Ein Kilo Uran-235 enthält die Energie, um 24 Millionen Kilowattstunden Wärme zu erzeugen, ein Kilo Kohle kommt nur auf acht. Kein Wunder, dass die Atomindustrie ihre Kraftwerke seit Jahrzehnten als Heilsbringer beschwört – neuerdings zum Schutz des Klimas. »Sämtliche Technologien, die einen niedrigen CO2-Ausstoß haben, werden gebraucht, um die Ziele des Pariser Klimavertrags zu erreichen – auch Kernkraft«, kann man in der Schrift »Nuclear Power and the Paris Agreement« der IAEA lesen. Klimaschutz ist heute das zentrale Argument, um Atomkraft wieder salonfähig zu machen. Die gesundheitlichen Gefahren des Uranabbaus, die Möglichkeit eines Super-Gaus und die immer noch ungelöste Endlagerfrage werden nicht erwähnt.

Um das Klima zu retten, müssten laut IAEA bis 2050 900 Gigawatt Kernkraft neu installiert werden – selbstverständlich mit massiver staatlicher Unterstützung. Das wären 600 bis 700 neue Atommeiler, weit mehr als heute in Betrieb sind. Ein solch massiver AKW-Ausbau würde das bereits bestehende Sicherheitsrisiko dramatisch vergrößern und wäre für die jeweiligen Staaten ein wirtschaftliches Desaster. Hinzu kommt, dass sich mit dem Ausbau der Atomkraft ihre CO2-Bilanz immer weiter verschlechtern wird: Genau wie Kohle oder Erdöl muss Uran aus der Erde herausgeholt werden. Die ergiebigen Uranlagerstätten sind jedochweitgehend abgebaut, so dass die Erschließung neuer Minen immer energieintensiver wird. Denn je minderwertiger das Uranerz ist, aus dem das Natururan gewonnen wird, desto höher ist der Energieaufwand – und damit der CO2-Ausstoß pro Kilogramm. Warum immer größere Investitionen tätigen, wenn gleichzeitig Wind- und Sonnenstrom immer kostengünstiger zu haben sind?

Die Atomindustrie war bereits in den vergangenen Jahrzehnten hochsubventioniert und ist rein ökonomisch betrachtet nicht überlebensfähig. Von der Beseitigung der Schäden des Uranbergbaus über den Normalbetrieb bis hin zu den schwer bezifferbaren Kosten für Rückbau und Endlagerung hat diese Industrie weder den wahren Preis ihres Wirtschaftens ermittelt, noch ihre wirtschaftliche Situation angemessen beleuchtet. Durch ihre Verflechtung mit dem Bau von Atombomben und dem Unterhalt atomar betriebener U-Boot-Flotten und anderer Kriegsschiffe wurden immer wieder staatliche Subventionen bereitgestellt.

Deutschland hat den Atomausstieg beschlossen und begonnen, Atomreaktoren der zweiten Generation stillzulegen. Reaktoren der dritten Generation werden nur unter wachsenden Schwierigkeiten in Frankreich und Finnland gebaut, seit kurzem auch in Großbritannien. Von der Atom-Lobby wird gerne behauptet, dass die im Entwicklungsstadium befindlichen Atomreaktoren der vierten Generation deutlich weniger problematisch seien. Diese Flüssigsalzreaktoren (Molten Salt Reactor und dessen Weiterentwicklung Molten Salt Fast Reactor) arbeiten mit Thorium als Brennstoff. Die Behauptung, dieser Reaktortyp sei aufgrund seiner Konstruktion besonders sicher, bezieht sich lediglich auf die technische Anlagensicherheit. Die Bedrohung durch Naturkatastrophen, Terroranschläge, Flugzeugabstürze, menschliches Versagen und so weiter bleibt bestehen.

Hinzu kommt das große Risiko der Weiterverbreitung von waffenfähigem Uran: Alle bisherigen Atomreaktoren machen die Entnahme von waffenfähigem Material nahezu unmöglich. Beim Thorium-Flüssigsalzreaktor ist die Materialeinspeisung und -entnahme mittels einer eingebauten Aufarbeitungsanlage fester Bestandteil des Reaktors. Eine überzeugende technische Lösung, die eine Verbreitung von bombenfähigem Material zuverlässig verhindern könnte, ist bislang nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die vierte Reaktorgeneration vereinfacht den Bau von Atomwaffen wesentlich, da sie keine aufwendige Anreicherung erfordert.

Ein Thoriumreaktor produziert zwar weniger und kürzer strahlenden Atommüll als ein Uranreaktor, dafür strahlt er stärker, was Transport und Lagerung erschwert. Die Behauptung, dass man dem Brennstoff den bereits vorhandenen langlebigen Atommüll (Transurane) aus Atomreaktoren der ersten und zweiten Reaktorgeneration beimischen, den Müll auf diese Weise loswerden und dabei auch noch Energie gewinnen könne, ist äußerst fragwürdig. Dazu sind die vorhandenen abgebrannten Brennelemente der ersten und zweiten Reaktorgeneration viel zu stark verunreinigt. Bestenfalls können Radionuklide wie Uran und Plutonium aus Restbeständen vorhandener Reaktorbrennstoffe oder ausgesonderten Atombomben mit verbrannt werden.

Auch in Deutschland wird trotz beschlossenem Atomausstieg an der vierten AKW-Generation geforscht. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beteiligt sich im Auftrag von EURATOM an deren Weiterentwicklung. Derartige Forschungsbeiträge konterkarieren jedoch den Atomausstieg, da ein ernstgemeinter Ausstieg auch die Beendigung der Atomforschung bedeuten müsste.

Globales Potenzial der Erneuerbaren

Rund um den Globus sind Erneuerbare Energien inzwischen deutlich kostengünstiger als Atomstrom und selbst gegenüber bestehenden Kraftwerken konkurrenzfähig, die mit Kohle oder Kernkraft betrieben werden. Je nach Standort und Region sind es mal Windräder, mal Wasserkraftwerke und mal Photovoltaikanlagen, die den preiswertesten Strom liefern, wie die International Renewable Energy Agency ermittelt hat.

In Nordafrika und auf der Arabischen Halbinsel liefern Photovoltaikanlagen inzwischen Strom für weniger als zwei Dollar-Cent pro Kilowattstunde. Aber auch an windreichen Standorten im Norden ist die Kilowattstunde inzwischen für drei Dollar-Cent zu haben.

Weiterführende Informationen:
IRENA: Renewable Power Generation Costs in 2017, als PDF unter irena.org
Links: dont-nuke-the-climate.org; ise.fraunhofer.de

Länder wie Norwegen oder Österreich wiederum nutzen ihr enormes Potenzial an Wasserkraft und zeigen damit, dass es schon heute auch preislich sehr interessante Alternativen zu Kohle und Atom gibt. Atomkraft kann mit dieser Konkurrenz wirtschaftlich nicht mithalten.

Der Artikel erschien zuerst im «Uranatlas. Daten und Fakten über den Rohstoff des Atomzeitalters».