Nachricht | ifa e.V. (Hrsg.): Die ganze Welt ein Bauhaus; München 2019

Gab es wirklich eine «globale Moderne» und ihre Begegnung mit dem Bauhaus?

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Dieser Band thematisiert noch einmal die globalen Aspekte des bauhaus, er möchte die dem bauhaus innewohnende Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen. Er erscheint anlässlich einer internationalen Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen, die bereits in Argentinien, Mexiko, Uruguay und in den USA zu sehen war.

Zu Beginn werden unter Schlagwortenwie Experiment, Pädagogik und Gemeinschaft noch einmal (vermutlich vor allem für das internationale Publikum) die grundlegenden Ideen und Entwicklungen des bauhaus einführend zusammengefasst. Dieses wird hier als Sammelbecken der transnationalen Avantgarden charakterisiert, also all jener, die nach den traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges für Weltoffenheit statt Nationalismus eintreten. Dies wird zum Beispiel anhand der 14 Bauhaus-Bücher und der dort vertretenen AutorInnen diskutiert.

In der zweiten Hälfte finden sich dann Fallstudien u.a. aus Buenos Aires, Mexiko-Stadt, Santiago de Chile, Moskau und zu den USA. Sie zeigen das weltweite Interesse am bauhaus und die Kulturtransfers, aber eher mit dem Schwerpunkt auf einer Erzählung a la «Vom bauhaus hinaus in die Welt», und weniger als wechselseitige und verschränkte Einflüsse. So war das bauhaus 1928 (pädagogisches) Vorbild für die Gründung einer Kunsthochschule in Chile. Bildung sollte dort, wie in den Reformdiskursen der Weimarer Republik, ein Motor der gesellschaftlichen Emanzipation sein. Dabei wird mit reflektiert, wie auch im Beitrag zu Marokko, ob nicht die Vorstellung von «Moderne», wie sie das bauhaus propagierte, auch ein kolonialer und kolonialistischer bzw. eurozentristischer Ansatz war. Die Texte zu den USA und zu Argentinien zeichnen nach, über welche Personen und Netzwerke, welche Ausstellungen, Zeitschriften und andere Publikationen die Ideen des bauhaus (gezielt) von wem importiert und rezipiert wurden. Die WChUTEMAS in Moskau, an der z.B. Rodtschenko und El Lissitzky lehren, existierte von 1920 bis 1930. Sie hatte zehn mal mehr Studierende als das bauhaus und war stärker «industriell» ausgerichtet, nahm aber gleichwohl Bezug auf die Einrichtungen in Weimar bzw. Dessau.

Selbst angesichts der vielen Publikationen zum Bauhaus100-Rummel bietet dieser preiswerte Band in seiner Zusammenstellung noch neues, hinzu kommt, dass er sehr ansprechend gestaltet und mit vielen, ungewohnten Bildern versehen ist. Die erwähnte Ausstellung ist am ZKM - Zentrum für Kultur und Medien in Karlsruhe noch bis 16. Februar 2020 zu sehen. Das Institut für Auslandsbeziehungenist ein staatlich gefördertes «Kompetenzzentrum der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik». Es hatte schon 1968 in Stuttgart die große, in Zusammenarbeit mit Bauhaus-Größen wie Walter Gropius und Herbert Bayer entstandene und deshalb für die hegemoniale bauhaus-Geschichtsschreibung sehr wichtige Ausstellung «50 Jahre bauhaus» des Württembergischen Kunstvereins finanziert - und auf Tour um die Welt geschickt.

Institut für Auslandsbeziehungen (Hrsg.): Die ganze Welt ein Bauhaus; Hirmer Verlag, München 2019, 200 Seiten, 160 Abbildungen in Farbe, 19,90 EUR