Nachricht | Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Soziale Bewegungen / Organisierung - Geschlechterverhältnisse - Partizipation / Bürgerrechte - Nordafrika - Algerien - Feminismus Man stirbt nicht zweimal

Die Filmemacherin Ager Oueslati über Frauen auf der Flucht und die Proteste in Algerien

Information

Ager Oueslati’s Film «Exilées» ist einer von zehn Filmen, die im Rahmen der afrikaweiten Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung entstanden. Mit «10 views on migration» präsentieren wir die unterschiedlichen Sichtweisen junger Filmemacher*innen auf dem afrikanischen Kontinent auf Migration in und aus Afrika. «Exilées» ​wurde erstmals im November 2019 beim Migrationsfilmfestival MOViEMENT in Athen gezeigt, wo auch dieses Interview zustande kam.
 

Tanja Tabbara: Worum geht es bei deinem Kurzfilm «Exilées»?

Ager Oueslati: Was erlebt eine Frau auf der Flucht? Was widerfährt ihr, wenn sie sich dafür entscheidet, ihr Land auf illegalem Weg zu verlassen? Wenn sie die Grenze zu Fuß zu überquert, vielleicht auch mit dem Bus, aber in jedem Falle illegal? Das sind Fragen, die mich beschäftigen. Ich befrage vor allem Frauen, die sich gerade auf der Flucht befinden. Da kommen gleich mehrere Faktoren zusammen: eine Frau zu sein, Schwarz, kein Geld zu haben und auf der Flucht zu sein, also in einer sehr verletzlichen Situation.

Ager Oueslati ist Filmemacherin und Journalistin tunesisch-algerischer Herkunft. Sie arbeitet in erster Linie im Maghreb und mit Frauen, die sich für Migration entschieden haben. 

Tanja Tabbara leitet das Afrikareferat der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Es ist ihr ein Anliegen, kreative Initiativen gegen Stereotype und Klischees zu unterstützen.

Wie kamst du auf die Idee für diesen Film?

2012 und 2013 habe ich eine Menge Aufnahmen von Migrant*innen gesehen, die mit Booten ankamen. Darunter waren auch viele Frauen und Kinder, aber geredet haben immer nur die Männer. Die Frauen sind auf den Aufnahmen zu sehen, aber wir hören sie nicht sprechen. Warum? Das wollte ich verstehen. Im Laufe der Zeit habe ich begriffen, dass es nicht so ist, dass diese Frauen nicht sprechen können. Vielmehr haben sie Angst davor, weil sie ihren Familien gegenüber verschweigen, was ihnen auf der Flucht zugestoßen ist. Sie lassen sich oft vor schönen Häusern oder schicken Autos fotografieren und schicken diese Bilder nach Hause, um zu suggerieren, dass es ihnen gut geht. Für den Film habe ich in Tunesien, Algerien und Nigeria recherchiert. Man könnte sagen, dass mir die Frauen eher über den Weg gelaufen sind, als dass ich sie gezielt gesucht hätte.

Du hast gesagt: «Mir geht es nicht darum, wie sich Türen öffnen und schließen. Ich interessiere mich für die Geschichten der Menschen und möchte diesen Frauen eine Stimme geben.» Was meinst Du damit?

Ich wollte, mit allem Respekt den diese Frauen verdient haben, ein Stück ihrer Geschichte erzählen. Ihnen ihre Würde zurückgeben. Und ich wollte den Menschen sagen: «Nehmt euch ein paar Minuten Zeit, setzt euch und schaut hin. Werdet euch bewusst, dass das hier in erster Linie Frauen und nicht einfach nur Migrantinnen, Illegale oder Geflüchtete sind, und dass sie euch nicht eure Jobs oder euer Geld klauen wollen.» Oft sind es die Menschen, zu denen ich eine starke Nähe spüre, die mir dann auch ihre Geschichte anvertrauen. Manchmal habe ich das Gefühl, die andere Frau schon ewig zu kennen, auch wenn ich sie in Wahrheit erst vor einer Stunde getroffen habe. Prisca von der Elfenbeinküste habe ich im Juli 2016 in Tunesien kennengelernt. Sie durfte nicht ausreisen, und ich hatte sie fast davon überzeugt, nicht über das Mittelmeer zu fliehen, sondern nach Hause zurückzukehren. Und dann ist sie bei der Überquerung des Mittelmeers ums Leben gekommen. Sie ist ertrunken und wurde in Italien bestattet. Der Titel meines neuen Films lautet «You don’t die two times», weil die Frauen oft den Eindruck haben, sie seien schon tot und hätten deswegen nichts zu verlieren. Weil eine der Protagonistinnen es so ausgedrückt hat, habe ich mich für die erste Variante als Titel entschieden.

Worum geht es bei deinem neuen Filmprojekt?

Es geht um zwei Schwestern aus Nigeria, Jennifer und Gift. Gift ist auch in «Exilées» zu sehen. In meinem neuen Film begreift man nach und nach, dass sie arbeiten und womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen und warum sie sich für diesen Job entschieden haben. Ihr Ziel ist es natürlich, nach Europa auszuwandern, aber zu welchem Preis? Im Prinzip möchte ich herausfinden, wie es den Frauen gelingt, sich durch traumatische Dissoziation zu schützen: Wie sie also ihre Psyche spalten und sich von ihrem Körper trennen. Welche Systeme oder Mechanismen haben sie entwickelt, um ihren Alltag oder ihre psychische Unversehrtheit zu verteidigen?

Du selbst bist tunesisch-algerischer Herkunft. In Algerien führten Proteste dazu, dass der langjährige Präsident Bouteflika im April 2019 zurücktrat. Wie siehst du die aktuelle Lage?

Was sich gerade in Algerien abspielt, ist wirklich außergewöhnlich. Man hatte das Volk nach der Unabhängigkeit Algeriens quasi mundtot gemacht und zu Angst erzogen. Das Leben in Algerien war bestimmt von stummer Gewalt, die in der Unterdrückung durch den Staat, durch das System und durch die Polizei bestand. Die Algerier*innen haben mit den Protesten ihre Angst besiegt. Junge Algerier*innen aus den Arbeiter*innenvierteln haben Slogans skandiert und sich auf den Straßen heiser geschrien. Das sind genau die Kids, die sich für Fußball begeistern, die nichts zu verlieren haben und von denen vorhersehbar war, dass sie am Ende wahrscheinlich als Harragas [arabisch wörtlich: «die, die brennen», meint nordafrikanische Migrant*innen, die auf illegalem Weg, meist in Booten, versuchen, nach Europa zu migrieren – Anm. Interviewerin] nach Europa gehen würden. In den Fußballstadien geht es äußerst politisch zu. Seit dem 22. Februar 2019 demonstrieren die Menschen jeden Freitag. Leute aus ganz Algerien reisen an, sind zum Teil zwei oder drei Tage unterwegs und schlafen Donnerstagnacht auf der Straße. Manche kommen irgendwo unter, es gibt auch Menschen, die zwar keine Unterkunft anbieten können, den Leuten dafür aber etwas zu Essen geben. Bis ein oder zwei Uhr morgens herrscht Lärm auf den Straßen, es sind ja Hunderttausende da, einmal waren es sogar drei Millionen. Es ist fast so, als hätte man beschlossen: «Am Freitag sind wir zusammen.» Manchmal fragen dich irgendwelche Kids: «Hey, können wir ein Selfie mit dir machen?» Fotos zu schießen war vorher ja quasi verboten. So vieles war nicht möglich. Es gibt auch einige Liebesgeschichten, die durch die Revolution entstanden sind.

Es gab keine von der Polizei oder vom Staatsapparat ausgehende Gewalt – liegt das auch daran, dass das algerische Volk aufgrund seiner Geschichte Angst vor Gewalt hat?

Bei den ersten Malen ging es durchaus gewalttätig zu. Am 22. Februar 2019 gab es in der Nähe des Präsidialpalasts einen Zusammenprall. Aber darüber wurde nicht gesprochen, denn selbst die betroffenen Jugendlichen haben befürchtet, dass es am Ende gegen sie verwendet würde. Deswegen haben sie sich geweigert, mit der Presse zu reden. Die Algerier*innen haben sich dafür entschieden, nicht über die Gewalt zu sprechen, die sie erlitten haben, sondern über den Kampf, den sie auf den Straßen austragen. Ja, es war brutal, und es ist auch jemand gestorben, ein junger Mann namens Ramzy. Sie haben mit dem Knüppel auf den Kopf des Jungen eingedroschen. Er lag schon am Boden und sie haben einfach weitergemacht. Ein paar Tage später ist er im Krankenhaus gestorben. Als der Staat mit Gewalt auf die Demonstration reagiert hat, haben sich die Algerier*innen wie menschliche Schutzschilde zwischen die jungen Leute und die prügelnden Polizist*innen gestellt und gerufen: «Silmiya, Silmiya» [arabisch: «friedlich» – Anm. Interviewerin].

Wie sind die Lebensbedingungen in Algerien und mit welchen Forderungen gehen die Leute auf die Straße?

Die wirtschaftliche Situation ist hart. Wenn man in Algerien beispielsweise eine Wohnung mieten will, muss man die Miete ein ganzes Jahr im Voraus bezahlen. Das bedeutet, dass die Leute manchmal gezwungen sind, 2.000 oder 3.000 Euro auf den Tisch zu legen. Auf jeden Fall haben sie oft gar nicht die Mittel, um sich eine schöne Wohnung zu leisten. Für einen jungen Mann ist es ohnehin schon richtig schwer, einen Job zu finden. Und findet er einen, muss erst einmal ein Jahr warten, bis er genug angespart hat und die Miete vorstrecken kann. Später will er vielleicht heiraten, kann das aber nicht tun, solange er keine Wohnung hat, in der er mit seiner Familie leben kann. Es kommt sehr oft vor, dass mehrere Generationen einer Familie zusammenwohnen und unter den harten Lebensbedingungen leiden. Die Lebensumstände zu verbessern ist insofern eine zentrale Forderung der Protestbewegung.

Eine weitere lautet: Keine überstürzte Wahl! Die Algerier*innen wollen eine Überarbeitung der Verfassung und eine radikale Veränderung des Systems. Ein anderes Beispiel: Das Gesundheitssystem in Algerien ist eine Katastrophe. Eigentlich ist Algerien in vielerlei Hinsicht eines der mächtigsten Länder Afrikas, verfügt über eine starke Öl- und Erdgasindustrie. Aber die öffentlichen Krankenhäuser muss man wirklich mal gesehen haben. Es kann zum Beispiel passieren, dass ein Arzt zu dir sagt: «Gehen Sie erst einmal Kompressen kaufen und kommen Sie dann wieder.» Es gibt keine Handschuhe, und auch die Einrichtung ist unglaublich. In Algier wird die große Moschee gebaut. Wenn du das siehst und dagegen einen Blick auf den Zustand der Krankenhäuser wirfst, kriegst du echt das Kotzen. Eigentlich gibt es ja Ärzt*innen. Das Schlimmste ist, dass es eine Abwanderung von Fachkräften, besonders von medizinischen, nach Frankreich gibt. Sie träumen oft davon, wieder in Algerien praktizieren zu können, weil sie ursprünglich nur zum Studium weggegangen sind und anschließend zurückkehren wollten. Aber die Bedingungen sind zu schlecht.

Welche Rolle spielen die Frauen bei den Protesten?

Es gibt das Carré Feministe, eine Gruppe von algerischen Feministinnen, die schon seit einigen Jahren sehr aktiv sind. Sie setzen sich zum Beispiel für die Revision der Familiengesetze und des Personenstandsrechts ein, das seit der Unabhängigkeit das Leben der algerischen Frauen bestimmt. Natürlich machen sie sich auch für das Recht auf Scheidung stark und die Vereinfachung von Scheidungsprozessen. In dem sie als Carré Feministe zusammen mit allen anderen auf die Straße gehen, fordern sie auch ihren Platz in der Gesellschaft ein. Ich selbst gehe immer am Freitag hin, und um mich herum gibt es jeweils verschleierte und nicht verschleierte Frauen, blonde, brünette, rothaarige. Und alle schreien: «Man hat uns viel zu lang getrennt, die Frauen hier, die Männer da.» Es gibt in Algerien sogenannte Familienräume – in die geht ein Mann, wenn er mit seiner Frau, seiner Familie oder einem Mädchen unterwegs ist. Und dann gibt es noch die Räume für die Männer. So ist es viel zu oft, aber auf den Straßen laufen wir jetzt gemeinsam. An den Freitagen sind wir zusammen, wie bei einem großen Treffen. Tatsächlich entstehen auf diese Weise sichere Räume.

Siehst du der Zukunft optimistisch entgegen?

Ich glaube, dass die aktuellen Proteste die Meinung vieler Menschen geändert haben. Außerdem bleibt die Hoffnung, dass ein Zusammenleben möglich ist. Natürlich ist der Alltag trotzdem hart, besonders für junge Leute, die keine Arbeit und nicht einmal mehr Träume haben. Das Schlimmste ist wahrscheinlich, wenn man sich nicht vorstellen kann, wie die eigene Zukunft aussehen wird. Aber ich habe viele Freund*innen, die hochmotiviert sind. Ein Freund von mir ist zum Beispiel aus den USA zurückgekommen, als er seine Greencard hätte erneuern müssen. Er hat das erste Flugzeug genommen und ist nach Algerien zurückgekehrt, hat alles aufgegeben, obwohl es ihm da sehr gut ging. Die Hoffnung besteht darin, sich zu sagen: «Es ist möglich, hier zu leben, in der Nähe der eigenen Eltern, ganz nah dran an dem, was einen ausmacht. Also lasst uns dafür kämpfen, dass das für alle möglich wird.»

 
Übersetzung von Laura Lichtblau und Tabea Xenia Magyar für Gegensatz Translation Collective.