Nachricht | Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Deutsche / Europäische Geschichte - 8. Mai 1945 Die Mordgemeinschaft

Daniel Blatman über die Todesmärsche 1944/45

Deutsche Zivilisten aus Neunburg nehmen an einer Trauerfeier für polnische, ungarische und russische Juden teil, die im Wald in der Nähe ihrer Stadt gefunden wurden. Die Opfer wurden von der SS auf einem Todesmarsch vom KZ Flossenbürg aus erschossen (29.4.1945). United States Holocaust Memorial Museum

Daniel Blatman, geboren 1953, ist Direktor des Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry der Hebrew University of Jerusalem. Für sein Buch über die Todesmärsche hat er zehn Jahre geforscht.

Sie betrachten die Todesmarsche 1944/45 als letzten Abschnitt der von den Nazis verübten Völkermorde. Was ist das Besondere dieses Abschnitts?

Blatman: Der durch Deportationen und Todesmärsche verursachte Massenmord führte Mörder und Opfer über einen langen Zeitraum zusammen. Anders als in dem kurzen Intervall zwischen Gefangennahme oder Transport und Ermordung war dieses Zusammentreffen nicht blitzartig vorüber. Die Märsche waren ein Prozess schrittweiser, sich über Wochen und Monate hinziehender Vernichtung, bei dem Mörder und Opfer sich im Gleichschritt fortbewegten.

Zudem fand diese Form des Genozids im offenen Raum der Gesellschaft und der normalen Bürger statt.

Welchen Umfang hatte dieser Teil des Völkermords?

Blatman: Nach den Aufzeichnungen der Nazis gab es im Januar 1945 ungefähr 714.000 Gefangene in Konzentrationslagern. Vier Monate später waren mindestens 250.000 nicht mehr am Leben. Mehr als 35 Prozent der Lagerinsassen starben also während der Todesmärsche.

Wer waren die Opfergruppen, wer die Täter?

Blatman: Die Todesmärsche schufen eine Gemeinschaft von Mördern, deren Zusammensetzung und Motive heterogener als zuvor waren. Dazu gehörten die letzten Verbliebenen der historischen Gruppe der Täter, hauptsachlich SS-Männer sowie jene, die in den Konzentrationslagern gedient und die Marschkolonnen für die Evakuierung organisiert hatten, aber auch Gruppen, die bis dahin eher am Rand am Genozid beteiligt waren: frühere Kapos, hauptsächlich Deutsche, aber auch Polen und Volksdeutsche aus Osteuropa, ältere Männer vom Volkssturm und Jugendliche aus der Hitlerjugend, auch Parteifunktionäre, örtliche Polizisten und Feuerwehrleute.

Manchmal gesellten sich Soldaten dazu, deren Einheiten sich beim Rückzug aufgelöst hatten.

Die Opfer umfassten alle Gruppen der Lagerinsassen. Sie kamen aus allen europäischen Nationen. Unter ihnen waren viele Juden, aber auch nicht-jüdische KZ-Häftlinge.

Weshalb standen die Todesmärsche so lange im Schatten der besser erforschten nationalsozialistischen Massenmorde?

Blatman: Von Historikern sind sie lange als Epilog der Geschichte der Lager behandelt worden, was aus chronologischer Sicht auch stimmt. In den Geheimdienstberichten der Alliierten dominierte seit Anfang 1945 die chaotische Realität, die in Deutschland herrschte.

Viele Monografien führen dieses Chaos als wesentlichen Faktor zur Beschreibung der letzten Monate des Dritten Reichs an. Die Todesmärsche galten als charakteristische Ereignisse dieser Periode. Das konnte erklären, weshalb sie der Gesamterzählung des apokalyptischen Untergangs des Dritten Reichs untergeordnet wurden.

Die Fragen stellte Axel Krumrey.

«Die Todesmärsche 1944/45»

Dauer

50:08

Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords. 18.10.2011: Der israelische Historiker Daniel Blatman stellt die deutsche Ausgabe seines Buches vor. Start einer Lesereise von Rosa-Luxemburg-Stiftung und Rowohlt Verlag im Oktober 2011