Nachricht | Geschlechterverhältnisse - Türkei - Feminismus «Ich möchte eine queere Oper schreiben»

Interview mit dem türkischen Künstler Anthony Hüseyin

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Anthony Hüseyin
«Ich bin der Überzeugung, dass unser Leben eine einzige Reise ist, deren Pfade mit Möglichkeiten zur Veränderung gespickt sind.» Anthony Hüseyin (Facebook)

Anthony Hüseyin ist ein queerer Musiker, Performancekünstler und Musiklehrer, der im konservativen Urfa im Südosten der Türkei aufgewachsen ist. Hüseyin hat sich im vergangenen Jahr in Berlin niedergelassen, wo er unterschiedliche Projekte im Bereich Musik und Performancekunst realisiert. Gamze Kafar hat Anthony Hüseyin in einem Berliner Cafe für uns getroffen, um mehr über sein Leben zu erfahren und auch darüber, was es bedeutet, sowohl ein queerer als auch ein migrantischer Künstler zu sein.
 

Gamze Kafar: Was kannst du uns über dich und Anthony Hüseyin erzählen?

Anthony Hüseyin: Von meinem jetzigen Standpunkt aus kann ich sagen: Anthony Hüseyin ist ein sich ständig verändernder, fluider, non-binärer Mensch und Künstler. Heute bin ich Anthony Hüseyin, ich weiß aber nicht, wie ich mich in Zukunft verändern werde. Anthony Hüseyin ist aufgrund seiner Ausbildung professioneller Musiker, Sänger, Performancekünstler und Lehrer.

Ich wollte meine eigene Musik machen.

Ansonsten bin ich in Urfa geboren und aufgewachsen. Mein Vater war Sänger und arbeitete in Istanbul, weshalb wir immer eine Verbindung zu dieser Stadt hatten. Ich besuchte das anatolische Gymnasium der schönen Künste in Urfa. Dort hat meine musikalische Ausbildung begonnen. Im Jahr 2000 begann ich klassischen Operngesang und Gesangslehre an der Fakultät der Bildenden Künste der Marmara-Universität in Istanbul zu studieren. Für mein Studium habe ich acht Jahre lang in Istanbul gelebt. Während meines Studiums begann ich mich für Jazzmusik zu interessieren. Mir wurde sehr früh klar, dass ich meine eigene Musik machen wollte.

Seit der Oberstufe schreibe ich meine eigenen Songs. Ich merkte, dass es in der klassischen Musik dafür wenig Spielraum gibt. Ich wollte mehr über Jazzmusik lernen, um mein musikalisches Können zu erweitern und meine eigene Musik zu machen. Auf diese Weise begann meine Beschäftigung mit Jazz, und ich nahm jahrelang intensiven Unterricht in Jazzgesang und Jazzharmonik. Im Jahr 2008 ging ich nach Rotterdam, um meinen Master in Gesangsdarbietung (Jazz, Pop, World Music) zu machen. In meiner Masterarbeit analysierte ich vorrangig Beispiele für Vokalimprovisationen im Jazz und der türkischen Musik und arbeitete heraus, wie ich beides zusammenbringen und auf meine eigenen Songs anwenden konnte. Dieser Prozess war sehr erkenntnisreich für mich.

Die Gezi-Park-Proteste haben mich politisiert.

2012 veröffentlichte ich mein erstes Album Safran unter dem Namen Hüseyin Badıllı. In diesem Jahr fing ich außerdem an, am Rotterdamer Konservatorium Gesang zu unterrichten. Ich habe in Urfa, Istanbul und Rotterdam gelebt. Jetzt bin ich in Berlin.

Kannst du uns etwas über deinen Selbstfindungsprozess als Anthony Hüseyin erzählen?

Die Verwandlung von Hüseyin Badıllı zu Anthony Hüseyin war ein sehr großer Schritt für mich. Eine Unmenge an Faktoren haben dabei mit hineingespielt. Es war ein Prozess, bei dem meine innere Reise auch von äußeren Faktoren beeinflusst wurde. Ich hatte mich immer schon für die Performancekunst interessiert, aber konnte bis dahin nie den Mut fassen, selber in dem Bereich aktiv zu werden. Dann gingen 2013 die Gezi-Park-Proteste in der Türkei los. Aus diesem Anlass drehte ich zusammen mit einem befreundeten Videokünstler ein Musikvideo mit dem Titel Sayın Başkan [Lieber Präsident]. Das Video war überaus erfolgreich und ging viral. So fing meine Reise in Richtung Performancekunst an und ich entdeckte meine aktivistische Seite. Ich begann zu verstehen, wie ich Kunst und Musik für politische Zwecke nutzen konnte. Nach meinem ersten Jazzalbum arbeitete ich ausschließlich an politischen Projekten. Bevor die Gezi-Park-Proteste losgingen, habe ich nur Musik gemacht. Nach den Protesten begann ich jedoch, mit meiner Musik soziale Missstände zu thematisieren. Ich habe einen Song über «Hassmorde» mit dem Titel Ayna [Spiegel] geschrieben. Heute kann ich sagen, dass der Aktivist oder das Queere in mir in diesem Moment erwacht ist.

Ich komme aus einer zugleich konservativen als auch modernen Familie.

Zusammen mit einem niederländischen Fotografen habe ich ein Fotoprojekt verwirklicht. Aber wie jeder weiß, haben sich die sozialen Medien in all unseren Lebensbereichen breitgemacht. So kam es, dass mein Cousin in den sozialen Medien auf mein Foto aufmerksam wurde und es meiner Familie zeigte. Ich komme aus einer zwiegespaltenen Familie, die sowohl modern als auch sehr konservativ ist. Mein Cousin zeigte dieses Foto also meinen Brüdern, die mich daraufhin dazu aufforderten, das Foto zu entfernen, und mich sogar bedrohten. Dieses Foto, für das ich sehr viel Mut aufbringen musste, war zum ersten Mal überhaupt ein öffentlicher Ausdruck meiner queeren Identität.

My Brothers Might Kill Me

Diese Situation war ein Wendepunkt für meine künstlerische Entwicklung. Ich wurde bedroht und die Menschen, die mich bedrohten, waren meine Brüder. Ich dachte darüber nach, in meiner Arbeit zur Selbstzensur zu greifen. Es war eine sehr beängstigende Situation. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich mit meiner Arbeit weitermachen soll, was letztlich zu einer Depression führte. Mit meiner Performance Playing Possum My Brothers Might Kill Me[Schreckstarre – Meine Brüder bringen mich womöglich um] versuchte ich, mit dieser Depression fertig zu werden. Diese Arbeit war mein erstes Performanceprojekt. Mit dieser Arbeit wurde Anthony Hüseyin geboren. Davor hatte ich immer den Namen Hüseyin Badıllı verwendet. Zuerst nannte ich mich Anthony Hüseyin Pharaoh – eine Referenz an meinen Geburtsort und die ägyptischen Wurzeln meiner Mutter. Da mich meine Brüder bedrohten, brauchte ich einen neuen Namen, um weiter arbeiten zu können. So kam es dann zu meinen jetzigen Namen.

Ich habe meine eigene Bestattung inszeniert.

In meiner Performance Playing Possum My Brothers Might Kill Me inszenierte ich meine eigene Beerdigung nach islamischer Tradition. Ich inszenierte meine Waschung, die Umhüllung mit dem Leinentuch bis hin zum Gebetsruf. Der Ausgangspunkt hierfür war, dass ich während meiner Depression – ähnlich wie ein Opossum – im Angesicht einer Gefahr in eine Art Schreckstarre gefallen war, und natürlich auch die Frage danach, wer wohl meine Beerdigung organisieren würde, falls mich meine Brüder tatsächlich umbrächten. Ich habe meine Bestattung selbst durchgeführt, weil die Familien der Opfer von «Hassmorden» die Bestattungen ihrer Ermordeten grundsätzlich nicht selber übernehmen. Ich habe für diese Performance den Namen Hüseyin Pharaoh gewählt, damit meine Familie auf dieses Projekt nicht aufmerksam werden und es verhindern konnte. Später fügte ich den Namen Anthony hinzu, weil ich ein großer Fan von Antony and The Johnsons war. Als ich Recherchen zu diesem Namen anstellte, stieß ich auf Antonius den Großen – ein nicht-weißer Prophet, der ebenfalls ägyptischer Herkunft war. Diese Verbindung zu den ägyptischen Wurzeln meiner Mutter gab schlussendlich den Ausschlag dafür, diesen Namen anzunehmen. Außerdem spiele ich mit der Wahrnehmung der Menschen: Sobald ich Anthony Hüseyin sage, sind weiße Menschen zunächst verdutzt, aber äußern sich nicht dazu. Wenn ich auf die Frage nach meiner Herkunft mit «Türkei» antworte, verwirrt es sie umso mehr.

Warum bezeichnest du dich als queer?

Queer ist eine politische Haltung.

Ich bezeichne mich als queer, weil es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und empathisch zu sein. Dafür gilt es, sämtliche Lehren zu hinterfragen, die auferlegt, kolonialisiert und normativ sind. Queer ist für mich eine politische Haltung und nicht bloß eine sexuelle Identität beziehungsweise Zugehörigkeit. Queersein heißt, sich nicht nur auf persönliche Probleme zu beschränken, sondern auch auf globale Missstände hinzuweisen. Mein Glaube, mein Gewissen, mein Urteilsvermögen ... Oder um es mit Hilfe eines türkischen Sprichworts auszudrücken: «Queer ist, hungrig ins Bett zu gehen, weil dein*e Nachbar*in an Hunger leidet». Eines der wichtigsten Dinge, die ich zu tun versuche, ist, für meinen Platz in der Welt zu kämpfen und diesen Platz zu beschützen. Menschen ohne Privilegien wurden bislang ignoriert. Heute wird für ihre Sichtbarkeit gekämpft.

Womit beschäftigt sich Anthony Hüseyin zurzeit und was erwartet er sich vom neuen Jahr?

Ich kann behaupten, dass ich sowohl in Rotterdam als auch in Berlin lebe. Für die Durchführung von Workshops und Konzertauftritten besuche ich auch andere Städte. Zuletzt habe ich einen Workshop in Wien geleitet, das sich um die Frage drehte, wie sich die Stimme nach der Entdeckung der sexuellen Identität und dem anschließenden Coming-Out verändert. Entspricht diese Stimme der von außen auferlegten und gewünschten Geschlechtsidentität oder ist es eine ganz eigene, neue Stimme? Der Titel dieses Workshops lautete How do you wanna sound? [Wie möchtest Du klingen?] Derzeit arbeite ich auch an meinem neuen Album, das nach Plan im April 2020 veröffentlicht werden soll. Es kann sein, dass ich für dieses Album wieder meinen Namen ändere. Mein aktuelles Album ist auf Englisch, aber mein nächstes Album wird sowohl türkische als auch englische Songs umfassen.

Du machst weiterhin Promotion für dein zweites Album. Kannst du uns etwas über dieses Album erzählen?

The Lucky One

Mein zweites Album The Lucky One [Der/die Glückliche] erzählt die Liebesgeschichte zwei queerer Menschen. Angesichts der Drohungen, die ich bisher von meiner Familie erhalten habe, ist die Produktion solch eines Albums an sich schon eine politische Handlung. Die Liebesgeschichte The Lucky One wurde 2017 veröffentlicht. Dieses Album ist überaus wichtig für mich, da es mir erlaubt, mit meiner queeren Identität als Anthony Hüseyin zu existieren. Wichtig ist auch, mit dieser Identität und diesem Album an Festivals teilzunehmen.

Queere Oper

Ich möchte bald meine eigene queere Oper schreiben. Ich bin der Überzeugung, dass unser Leben eine einzige Reise ist, deren Pfade mit Möglichkeiten zur Veränderung gespickt sind. Ich weiß nicht, welche Art von Veränderung mich und meinen Körper dieses Jahr erwartet. Aber das Einzige, was ich mir und allen anderen Menschen wünsche, ist, dass wir uns gegenseitig mehr Mitgefühl entgegenbringen können – sowohl mehr Mitgefühl uns selbst gegenüber als auch gegenüber unseren Mitmenschen.

 
Übersetzung von Çiğdem Üçüncü und Utku Mogultay für Gegensatz Translation Collective