Nachricht | Afrika - Südliches Afrika - Corona-Krise Corona und die südafrikanische Realität

Zur sozialen Dimension von Corona in Südafrika und der Notwendigkeit eines radikalen Umdenkens

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Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Coronavirus in Südafrika auftritt. Mit Stand vom 18. März 2020 wurden 116 infizierte Personen gemeldet; bei 2.826 Personen verliefen die Tests negativ. Universitäten und Schulen sind geschlossen, das öffentliche Leben deutlich verlangsamt. Präsident Cyril Ramaphosa hat weitere Maßnahmen zur Bekämpfung der Verbreitung von Covid-19 in Südafrika angekündigt. Dazu gehört ein Einreiseverbot für Besucher*innen aus Hochrisikoländern, darunter auch Deutschland, ab dem 18. März 2020. Eine Vielzahl von Grenzübergängen zu den Nachbarländern sind geschlossen worden. Südafrikaner*innen wurden aus dem chinesischen Wuhan ausgeflogen. Ansammlungen mit mehr als 100 Menschen sind verboten. Präsident Ramaphosa hat die Epidemie zum «national disaster», entsprechend der südafrikanischen Gesetze, erklärt.

Jedoch handelt Präsident Ramaphosa erst nach einigem Zögern, welches harsch kritisiert wurde. Hoffentlich noch rechtzeitig. Die Aufklärungskampagnen laufen seit Langem. Seit Tagen sprechen die Nutzer*innen in den sozialen Netzwerken von einem Ziel: «flatten the curve».

Waren die infizierten Personen bisher zurückkehrende Reisende aus Europa, geht es jetzt darum die Übertragung im Land zu bekämpfen. Trotz aller bisherigen Maßnahmen trifft die «Corona-Krise» auf ein Land, in dem die Gesundheitsversorgung mangelhaft ist. Ein Land, das kaum Ressourcen bereitstellen kann, um eine größere Anzahl von Menschen ausreichend medizinisch zu betreuen. Besonders gefährdet sind Menschen mit chronischen (Vor)Erkrankungen wie HIV/AIDS, Tuberkulose oder Diabetes, wovon Südafrika stark betroffen ist. Wenn sich die Krise verschärft, wird es notwendig sein, eine Brücke des Mitgefühls zwischen den Menschen zu bauen, die Zugang zu einer guten privaten Gesundheitsversorgung haben, und denjenigen, welchen dieser verwehrt bleibt. Ob sich dieses solidarische Handeln zeigen wird, ist im Moment noch ungewiss.

Ebenso problematisch sind die sozialen und hygienischen Bedingungen in Südafrika. Wie sollen Quarantäne-Maßnahmen in einer informellen Siedlung aufrechterhalten werden, in der viele Menschen auf engstem Raum leben? Ebenso, wenn fließendes Wasser und Seife oder Desinfektionsmittel nicht vorhanden sind? Das Erbe der Apartheid und das Versagen der Regierungen, die Wohnungssituation und die Wasserversorgung grundlegend zu verbessern, würde im Ernstfall mit voller Wucht zurückschlagen. Dann greifen auch die besten Aufklärungskampagnen und Ermutigungen zu hygienischem Handeln nicht. Dass die Ministerin für «Menschliche Behausungen, Wasser und Sanitäres», Lindiwe Sisulu, nicht an der Kabinettsitzung letzten Sonntag teilnahm, auf der Präsident Ramaphosa die weiteren wichtigen Schritte zur Bewältigung der Epidemie  bekanntgab, ist eher ein beunruhigendes Zeichen.

Die Krise trifft das Land in der jetzigen wirtschaftlichen Notlage hart. Die südafrikanische Wirtschaft befindet sich seit Jahren auf einer Talfahrt. Bergbauminister Mantashe traf sich zuletzt mit Vertreter*innen des Bergbausektors, über Ergebnisse dieses Gesprächs wurde nicht öffentlich berichtet. Finanzminister Tito Mboweni sagte, die Regierung sei bereit, zwei Dinge zu tun, um die fiskalischen Maßnahmen zu finanzieren: Erstens könnte sie Geld aus dem Nationalen Katastrophenfonds freigeben. Obwohl er keine Zahl nannte, sagten Quellen, dass 5 Milliarden Rand zur Verfügung gestellt werden könnten. Zweitens könnte die Regierung weitere Mittel bereitstellen, aber nur, wenn sie die Ausgaben in anderen Bereichen reduziert. Mit anderen Worten, es gäbe keine fiskalischen Anreize.

Daher ist davon auszugehen, dass sich die Lage für die südafrikanische Arbeiterklasse noch weiter verschlechtern wird; ebenso die Situation der «casual worker», der Taxifahrer*innen und der Arbeiter*innen im informellen Sektor wie Straßenhändler*innen, wenn das öffentliche Leben weiter zum Stillstand kommt. Mit dem Fortbleiben der Kund*innen fällt die einzige Einkommensquelle weg – und das bei zu erwartenden höheren Preisen für Grundnahrungsmittel.

Auch wenn es abgedroschen klingen mag, die «Krise muss zur Chance» werden. Ähnlich wie in Europa muss die «Corona-Krise» auch in Südafrika zu einer Änderung der Politik führen, zu staatlichen Interventionen, zu lokaler und regionaler Wertschöpfung und zum Ausbau der öffentlichen Sozialinfrastruktur und Daseinsvorsorge. Stromabschaltungen müssen ein Ende haben. Vor allem gilt es die Scheuklappen abzulegen und (radikale) Konzepte, die bei einer Bewältigung der Krise hätten helfen können, wie das bedingungslose Grundeinkommen, endlich aktiv politisch zu diskutieren und einzuführen. Letztendlich ist auch eine «spanische Lösung», also die Verstaatlichung der privaten Krankenhäuser denkbar.