Nachricht | Afrika - Südliches Afrika «Sauberste Stadt Afrikas»

Über die Sauberkeits-Obsession in Windhoeks kolonialer Vergangenheit

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Windhoek
«Zu den Dingen, die Touristen und Besuchern an Windhoek besonders gefallen, gehört die Sauberkeit unserer Stadt. Wenn man sie nach ihrem ersten Eindruck fragt, lautet die Antwort meistens: ‹Es ist eine sehr saubere Stadt!›»

Als Windhoek zur Gastgeberstadt des panafrikanischen Städtegipfels Africities 2000 gewählt wurde, lobte der damalige Bürgermeister der Stadt, Immanuel Ngatjizeko, vor allem ihre «Sauberkeit» als entscheidendes Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Städten und besonders wertvolle Eigenschaft. Windhoeks Auszeichnung als «sauberste Stadt Afrikas» wurde von der Stadtführung stets besonders hervorgehoben, bis Kigali Windhoek 2015/16 die «Krone» abspenstig machte. Die Auszeichnung kommt nicht von ungefähr, sondern war (und ist noch immer) das Ergebnis einer fest verwurzelten Kultur der Sauberkeit unter den Bewohner*innen von Windhoek. Doch vielleicht ist diese Sauberkeits-Obsession auch nicht ausschließlich der Stadtbevölkerung zuzuschreiben. Tatsächlich hat die Fixierung auf Sauberkeit eine lange Tradition und reicht – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der rassistischer «Zivilisierungsmission» – bis in die Zeit der deutschen und der südafrikanischen Kolonialherrschaft zurück.

Ellison Tjirera lehrt Soziologie an der University of Namibia. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Public Policy, Stadtsoziologie, Demokratieforschung, Governance, Entwicklungspolitik und Gender Studies.

Nach dem Ende der deutschen Besatzung festigten die südafrikanischen Behörden ihre Kontrolle über die Städte Süd- und Zentralnamibias und, so die Historikerin Marion Wallace: «weiteten die Natives (Urban Areas) Proclamation von 1924 aus und verschärfte 1932 die Zugangskontrollen gegenüber den schwarzen Frauen. In Windhoek begann die Stadtverwaltung nunmehr (wenngleich noch in recht geringem Umfang), ‹unerwünschte Personen› in die Reservate abzuschieben […]. Bei solchen städtischen Maßnahmen gerieten besonders afrikanische Frauen ins Visier. So waren sie Zielscheiben des regelmäßigen harten Durchgreifens gegen illegales Bierbrauen sowie des 1939 vom Staat unternommenen Versuches, Zwangsuntersuchungen auf Geschlechtskrankheiten durchzuführen; diese Maßnahmen trafen auf erbitterten Widerstand, der – wenn auch begrenzt – erfolgreich war.»

In mehreren Städten versammelten sich wütende Frauen, und am 20. März 1939 leisteten etwa hundert von ihnen mit einer Demonstration vor dem Regierungsgebäude in Windhoek Widerstand gegen die neuen Maßnahmen. Es flogen Steine, Fenster gingen zu Bruch. Obwohl die Frauen sich 1939 den Zwangsuntersuchungen unter Androhung der Ausweisung unterziehen mussten, fanden in den darauffolgenden Jahren keine derartigen Kontrollen mehr statt.

Die Lage spitzte sich zu, als die Behörden Ende der 1950er Jahre mit der Einführung der Apartheid begannen, Zwangsausweisungen zum Zwecke einer «sauberen» räumlichen Segregation anzuordnen. Im Dezember 1959 führte das zu einem Aufstand der Einwohner*innen gegen ihre geplante Umsiedlung aus Windhoeks Altstadt in die über acht Kilometer außerhalb des Stadtzentrums neu angelegte Township Katutura. Innerhalb der namibischen Geschichtsschreibung gilt dieser Aufstand als Beginn des nationalen Befreiungskampfes.

Dieser Blick in die jüngere und ältere Vergangenheit von Windhoek sind nicht ohne Relevanz für die heutige postkoloniale Stadt und die Frage wie Windhoek und seine Stadtplanungsabteilung heutzutage auf die zunehmenden Forderungen nach Dekolonisierung des öffentlichen Raums reagieren. Tragen die Verantwortlichen in der Hauptstadt Namibias den Entwicklungen einer afrikanischen Stadt Rechnung? Berücksichtigen sie also das Nebeneinander verschiedener Aktivitäten innerhalb des urbanen Raums – also etwa informeller Straßenhandel, Imbissstände u.Ä. in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Hauptsitzen von Banken und Industrieunternehmen? In Windhoek geht es eben nicht um eine solche afrikanische Vision. Stattdessen wird hier ein revisionistischer Urbanismus vorangetrieben, der den Bedürfnissen einer postkolonialen afrikanischen Stadt widerspricht.

Die Gestaltung des öffentlichen Raums ist nie ein unschuldiges Unterfangen. Sie ist immer durch Ideen, Wünsche, Vorgaben und Verbote geprägt. Wie Städte geplant und gebaut werden, beeinflusst das städtische Leben auf vielerlei ArtUrban planning . Das bedeutet nicht, dass die Bewohner*innen einer Stadt keine Handlungsmacht hätten; es finden vielmehr ständig teils feindselige Aushandlungsprozesse statt. Auf Grundlage festgefahrener Vorstellungen davon, wie die Stadt gestaltet ist oder sein sollte, bedienen sich Bürokrat*innen bestimmter Instrumente wie Verordnungen, um festzulegen, wo welche Aktivitäten stattzufinden haben. Urbane Vorstellungswelten in afrikanischen Städten imitierten ursprünglich oft andere Orte. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts bedienten sich medizinische und andere öffentliche Behörden in Südafrika gerne einer stark von rassistischen Vorurteilen beeinflussten Ansteckungs-Metaphorik, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen hatte und die Segregation vorantrieb. Im Folgenden geht es um die Frage, inwiefern stadtverwalterische Praktiken anhand bestimmter Sauberkeitsvorstellungen verschiedene urbane Lebensweisen befördern beziehungsweise sanktionieren.

Auf den Spuren des Sauberkeits-Diskurses

Was die verschiedenen Bürgermeister*innen von Windhoek verbindet, ist ihre Fixierung auf «Sauberkeit». In gewisser Hinsicht deutet das auf den Zusammenhang zwischen kolonialen Diskursen und heutiger Stadtpolitik hin. Der ehemalige Bürgermeister Mathew Shikongo verkündete 2004 in Bezug auf das Solid Waste-Free Environment Project, Windhoek sei entschlossen, «sauber zu bleiben». Zehn Jahre später bemerkte die damalige Bürgermeisterin von Windhoek Agnes Kafula anlässlich der Inbetriebnahme neuer Müllwagen, «Windhoeks Sauberkeit ist berühmt». Ununterbrochen wird Sauberkeit von den Behörden durch Symbolik und Werbung kolportiert. Erst im Oktober 2015 wurde darüber berichtet, wie der damalige Bürgermeister von Windhoek, Muesee Kazapua, eine Gruppe Freiwilliger anführte, um nach eigener Aussage «Windhoeks Ruf als sauberste Stadt Afrikas» wiederherzustellen. Dass Bürgermeister*innen reihenweise mit Sauberkeit hausieren gingen, deutet darauf hin, dass Sauberkeit Windhoek als Stadt ganz wesentlich definiert – zumindest aus Sicht der Stadtverantwortlichen. Besonders in den nordwestlichen Stadtteilen, in denen die Sauberkeit verglichen mit dem blitzblanken Hauptgeschäftsviertel deutlich zu wünschen übrig lässt, sind Hinweisschilder verbreitet, die die Bewohner*innen auffordern, ihren Müll nicht in der Öffentlichkeit zu entsorgen.

Während einer stadtweiten Saubermach-Aktion, zu der der Bürgermeister im Januar 2013 aufrief, wurden die Bewohner*innen von Windhoek unter dem Motto «Mein Müll, meine Verantwortung» angehalten: «Lasst uns unsere Stadt sauber halten», denn, so weiter im Text, «das ist wichtig». In einem ähnlichen Duktus heißt es auf dem Tourismusportal der offiziellen Internetpräsenz von Windhoek:

«Windhoek gilt als eine der saubersten Hauptstädte Afrikas und viele Besucher sind überrascht, dass diese Stadt, die sie für einen Teil des tiefsten Afrikas hielten, die modernsten Annehmlichkeiten bietet, deren hohe Standards den Vergleich mit dem Rest der Welt nicht zu scheuen braucht».

Drei Dinge werden bei dieser reklameartigen Inszenierung deutlich: erstens, dass der Wert der Sauberkeit auf externer Bestätigung beruht, also auf dem Urteil Außenstehender und dem Wunsch, den Medienbildern des heruntergekommenen, schmutzigen Afrikas etwas entgegenzusetzen; zweitens die implizite Annahme, das rückschrittliche und von Mangel geprägte «tiefste Afrika» könne nicht dieselben Annehmlichkeiten oder Dienstleistungen bieten, die man in der Regel mit «modernen» Städten in Verbindung bringt. Diese Darstellung afrikanischer Städte ist allerdings nicht ohne Widerspruch geblieben. Der Stadthistoriker Bill Freund hat dazu angemerkt, dass «viele wissenschaftliche Texte […] afrikanische Städte als grundsätzlich dysfunktionale und gefährliche Orte dar[stellen]», und folgt damit im Wesentlichen der weitverbreiteten Kritik an einer Forschungsrichtung, die das urbane Afrikas unter die Rubrik Chaos und Unordnung fasst. Drittens gilt die Überraschung, die der Werbetext hervorhebt, weniger dem bloßen Vorhandensein von Annehmlichkeiten und Dienstleistungen als ihrem implizierten «hohen Standard», der sie auf ein Niveau mit dem «Rest der Welt» hebt.

Es sieht hier genauso aus wie in einer kleinen europäischen Stadt

Ein Stadtangestellter berichtete mir in einem Interview, Tourist*innen und andere Besucher*innen würden Windhoek oft folgendermaßen kommentieren: «[E]s sieht hier genauso aus wie in einer kleinen europäischen Stadt». Die geschmeichelte Reaktion auf den Europa-Vergleich bekundet ein bestimmtes Leitbild, das auch die Perspektive darauf prägt, was es um jeden Preis zu erhalten gilt, wenn Windhoek der Wunschvorstellung der Bürokrat*innen genügen soll.

Der lobende Vergleich mit Europa gilt vor allem «der Stadtverwaltung von Windhoek, der es gelungen ist, ein so hohes Niveau im Bereich der öffentlichen Dienste, der Sauberkeit und der Instandhaltung der Infrastruktur zu aufrechtzuerhalten». Diese Qualitäten machen Windhoek angeblich «einzigartig», denn dasselbe lässt sich ja nicht über viele afrikanische Städte sagen, die generell als chaotisch, dysfunktional und darin symptomatisch für das allgemeine Versagen afrikanischer Staaten wahrgenommen werden.

Was steht auf dem Spiel?

Die anhaltenden Konkurrenzansprüche auf den urbanen Raum weisen darauf hin, dass die Apartheid-Stadt eine Renaissance erlebt – aber unter verändertem Vorzeichen: Sie wird im Dienste von Profit und allumfassender Kommodifizierung umgenutzt. Räumliche Ausschlussmechanismen werden zum zentralen Organisationsprinzip. Das sieht man etwa daran, wie Straßenhändler*innen systematisch schikaniert und ihre Aktivitäten auf bestimmte Räume beschränkt werden, um das blitzsaubere Erscheinungsbild der Stadt, besonders des Hauptgeschäftsviertels, nicht zu beschmutzen. Dieselben Gruppen von Menschen, deren Zugang zur Stadt in früheren Zeiten physisch unterbunden wurde, werden heute durch ökonomische Strukturen verdrängt, die diejenigen Aktivitäten bevorzugen und fördern, die möglichst viel Kapital in die Stadtkassen spülen.

Zu welchen extremen Maßnahmen die Behörden im Dienste der neoliberalen Gestaltung der Stadt bereit sind, wenn es darum geht, nicht steuerbare Aktivitäten zu beseitigen oder unsichtbar zu machen, macht das folgende Szenario deutlich:

Im August 2010 wurde der 31-jährige Jan Markus verhaften, weil er im Stadtzentrum von Windhoek gegen Bezahlung ein Auto gewaschen hatte. Nach seiner Verurteilung saß er drei Monate in Haft, weil er die verhängte Geldstrafe von N$300 nicht bezahlen konnte. «Johan Kellerman, der Polizist, der Markus am 6. August festgenommen hatte, erklärte dem zuständigen Richter Jermaine Muchali […], dass es laut Stadtverordnung nicht einmal zulässig sei, auf der Straße ein Auto zu putzen – geschweige denn eine richtige Autowäsche durchzuführen. Weiter gab Kellerman vor Gericht an, er habe Markus bereits am 31. Juli aufgrund einer Autowäsche in der Öffentlichkeit aufgegriffen, dieser habe jedoch sein Kleinkind bei sich gehabt, weshalb Kellerman ihm aus Mitleid lediglich eine Verwarnung erteilte habe.»

Man könnte diese Episode als Zeichen der Überregulierung deuten, als zwanghafte Durchsetzung von Regeln, um die alltäglichen und geringfügigen Geschäfte im Zaum zu halten, mit denen sich die arme Stadtbevölkerung über Wasser hält. Oft wird argumentiert, dass von regulativen Systemen – zum Beispiel von Lizenzvergaben, Zonierungen, ordnungsrechtlichen Bestimmungen sowie Gesundheits- und Sicherheitskontrollen – nur ein Teil der Menschen auf Kosten der anderen profitiert.

Die Fixierung auf Hygiene und Sauberkeit ist aber kein unschuldiges Ritual ohne weitere Bedeutung. In ihrer berühmten Abhandlung Reinheit und Gefährdung (engl. Purity and Danger) legt die Sozialanthropologin Mary Douglas die gesellschaftlichen Implikationen des Konzepts «Schmutz» dar. Schmutz sei nicht einfach das Gegenteil von Sauberkeit. Douglas bringt Schmutz vielmehr mit der Subversion von Ordnung in Verbindung: «Schmutz verstößt gegen Ordnung. Seine Beseitigung ist […] eine positive Anstrengung, die Umwelt zu organisieren». Douglas’ Analyse der «Maßnahmen zur Beseitigung und Meidung von Schmutz» lassen sich auf die Überlegungen zu der extremen Versessenheit auf Sauberkeit in Namibias Hauptstadt übertragen. Denn auch die Windhoeker Stadtverwaltung ist wohl weniger von Angst vor Krankheiten geleitet als dem Wunsch, die Ordnung der Umwelt wiederherzustellen und einer ganz bestimmten Vorstellung anzugleichen.

Was also auf dem Spiel steht, sind die Bedürfnisse der armen Bevölkerung, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen müssen und deren Existenz durch die Sauberkeits-Obsession bedroht ist. Besonders stark ist die Entschlossenheit zur Schmutzbeseitigung innerhalb des Hauptgeschäftsviertels, das in besonderem Maße dem «tourist gaze» ausgesetzt ist. All das beruht auf dem innigen und unerschütterlichen Wunsch, Tourist*innen und Besucher*innen ein bereinigtes Stadtbild zu präsentieren. Ohne Windhoeks Bedeutung überzubewerten, verraten die Dynamiken in dieser Stadt einiges über die generelle Ausrichtung namibischer Stadtpolitik.
 

 

[Übersetzung von Katharina Martl und Utku Mogultay für Gegensatz Translation Collective.]