Nachricht | Asien - Westasien - Türkei - Westasien im Fokus «Many friends in the mountains»

Eine andere kurdische Geschichte

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Schluwa Sama,

Blick über Amadiye (Kurdistan-Irak)
Blick über Amadiye (Kurdistan-Irak)
  Foto: Schluwa Sama

«No friends but the mountains» ist wohl der weitverbreitetste Slogan, wenn es um Kurd*innen geht. Darin zusammengefasst ist eine weitverbreitete Sicht auf die kurdische Geschichte: Eine tragische Geschichte, die die kurdische Minderheit entweder als Opfer oder als Widerstandskämpfer*innen sieht, immer allein gelassen und von Feinden umgeben. Die Konsequenz, die gezogen wird, ist häufig, dass es einen kurdischen Staat braucht.

Ich liebe die Berge, aber sehe nicht ein, warum ich als Kurdin keine anderen Freunde außer den Bergen gehabt haben soll. Wie also sieht eine komplexere kurdische Geschichtsschreibung aus, die auch die Lebensrealitäten der tatsächlichen Bevölkerung Kurdistans widerspiegelt? Und wie wurden Kurd*innen zur Minderheit?

Schluwa Sama hat in Berlin, Marburg und London, Politik und Wirtschaft Westasiens und Nordafrikas studiert und anschließend in Sulaymaniya, Kurdistan-Irak gearbeitet. Zurzeit promoviert sie zur politischen Ökonomie des Iraks und Kurdistans am Centre for Kurdish Studies, University of Exeter.

Die Erzählung kurdischer Geschichte bricht per se nationalstaatliche Denkmuster von einheitlicher Geschichtsschreibung auf, vor allem in Ländern wie der Türkei, Syrien oder dem Irak. In der Folge ist es jedoch ebenfalls illusorisch, eine einzige, lineare kurdische Geschichte erzählen zu wollen, in denen Kurd*innen meist auf zwei Rollen reduziert werden, entweder sind sie Opfer oder sie sind im heroischen Widerstand. Zudem basiert diese Art der kurdischen Geschichtsschreibung auf den Erfahrungen des Kurdischseins in der Türkei. Dass die Politik der Türkei zentral ist, um kurdische Geschichte zu verstehen, ist ganz klar. Dabei werden jedoch andere Erfahrungen von Kurd*innen in Ländern wie dem Irak, Syrien und dem Iran unsichtbar gemacht. Zu oft werden nationalistische Mythen kurdischer Eliten übernommen, die Kurd*innen als homogenen, isolierten Block darstellen. Dabei bleibt wenig Raum für eine komplexe Geschichte mit Widersprüchen oder eine kurdische Geschichte von «unten», zum Beispiel von kurdischen Bäuerinnen im Irak. Zunächst jedoch die Frage, wie Kurd*innen zur Minderheit wurden.

Dekolonisierung kurdischer Geschichte: als wir zur Minderheit erklärt wurden

Dass Kurd*innen zu einer Minderheit gemacht werden und dass wir dies bis heute so weitertragen, ist unter anderem auf die koloniale Politik Frankreichs in Syrien und Großbritanniens im Irak zurückzuführen.

Dass koloniale Mächte Minderheiten benutzt haben, um ihre eigene koloniale Macht zu stützen, ist für viele ehemals kolonialisierte Länder schon lange klar. Für Kurdistan ist diese Tatsache weniger gut erforscht. Ähnlichkeiten gibt es trotzdem, wie das Beispiel meiner Heimatstadt Amadiye, gelegen im äußersten Norden Kurdistan-Iraks, zeigt. Von 1930 bis 1950 hatten die Briten dort ein Militärcamp als Erholungsort für ihre Soldaten aufgebaut.[1] Die Region wurde aber schon 1918 von den Briten besetzt.[2] Zur Unterstützung der britischen Truppen wurden die Iraq Levies aufgebaut, wobei zunehmend und zum Ende hin nur noch christliche Assyrer rekrutiert wurden. Es sei gesagt, dass Amadiye zumindest bis zur Auswanderung jüdischer Kurd*innen nach Israel im Jahr 1948 eine multireligiöse Stadt war.[3] Als es 1919 zu einem lokalen Aufstand gegen die Briten kam, wurden auch die Iraq Levies eingesetzt, um diesen Aufstand niederzuschlagen.[4]

Minderheiten werden kreiert, um koloniale Macht zu festigen

Wie der Minderheitsstatus in der Kolonialzeit (Mandatszeit) für Syrien und Irak erschaffen und genutzt wurde, um koloniale Macht auszubauen, zeigt die Historikerin Nelida Fuccaro auf. Innerhalb der Mandatssatzung wurden Garantien für den Schutz von Minderheiten besonders betont. Allerdings wurde unter Berufung auf diese Satzung häufig in die inneren Angelegenheiten eingegriffen, bzw. sie wurde als Mittel «für eine Teile und Herrschaftspolitik par excellence»[5] verwendet. Zudem wurden Kurd*innen zum Beispiel als Minderheit genutzt, um sich die Ölreserven im damaligen Vilâyet[6] von Mosul zu sichern. Mit dem Verweis auf den Schutz der kurdischen Minderheit, setzten die Briten durch, dass Mosul dem Irak zugerechnet und ihr Völkerbundmandat, also die koloniale Ausbeutung des Irak, um 25 Jahre verlängert wurde.[7] Wären wir damals nicht als Minderheit kreiert worden, welche anderen Identitäten und Formen von Zusammenleben wären möglich gewesen?

Minderheit oder gleichberechtigte Nation?

Diese Kreierung von Minderheiten wurde zeitweise unterbrochen, wie das Beispiel Irak zeigt. Im allgemeinen Verständnis scheint Minderheit eine objektive Bezeichnung, denn die kurdische Bevölkerung ist zahlenmäßig kleiner als andere Bevölkerungsgruppen in den Staaten. Doch auch Zahlen hängen davon ab, wie wir sie interpretieren. Die Wissenschaftlerin Fischer-Tahir erklärt, wie die Konstruktion von Minderheit auch von der politischen Position der*s Betrachter*in abhängt, von den Adressaten etc., denn ihr Label als Minderheit können Kurd*innen auch verlieren:

«So definierte die 1970er Verfassung unter dem irakischen Baath-Regime die Kurden, welche circa 18-20 Prozent der Bevölkerung ausmachten, als zweite Hauptnation neben den Arabern: ein Zugeständnis an die politisch starke kurdische Bewegung. Der hegemoniale politische Diskurs nach Beseitigung des Regimes 2003 etablierte das Narrativ von Sunniten, Schiiten und Kurden als den drei Hauptkomponenten Iraks.»[8]

Heute sind diese hegemonialen Diskurse wieder ins Wanken geraten, wie die Proteste im Irak und auch die langjährigen Proteste in Kurdistan-Irak zeigen, in denen weniger Fragen von kurdischer Identität, sondern eher Fragen von sozialer Gerechtigkeit wie eine gute Gesundheitsversorgung, Arbeitsplätze und ein Ende der Korruption sowohl in Bagdad als auch in Sulaimaniya auf der Tagesordnung stehen.

Freunde in den kurdischen Bergen: Beispiel verflochtener Geschichte

Dass sich das Bewusstsein für eine kurdische Identität stetig wandelt, ob nun heute oder in der Vergangenheit, ist klar. Wann genau die kurdische Identität für Menschen zentral wurde, ist umstritten. Allerdings wurde die Frage immer akuter, als sich sowohl in Syrien als auch im Irak mit den Ba’ath-Regimen autoritäre Staaten entwickelten, die sich weitestgehend auf eine eng-definierte arabische Identität stützten. Damit wurden Kurd*innen, aber auch andere gesellschaftliche Gruppen zunehmend zur Gefahr für den Staat erklärt.

Als Reaktion auf die Diktatur erstarkten im Irak verschiedenste Widerstandsbewegungen, meist innerhalb von Parteien, gegen das Ba’ath-Regime. Häufig beschränkt sich die kurdisch-nationalistische Geschichtsschreibung allein auf den Widerstand der heute regierenden Parteien KDP und PUK. Dabei lohnt es auch, die Geschichte der Kommunistischen Partei des Irak als kurdische Geschichte zu betrachten. Die Kommunistische Partei des Irak (IKP) hatte nämlich eine große Anhängerschaft unter Kurd*innen. Seit ihrer Entstehung 1934 war sie in Kurdistan aktiv. Die erste kommunistische Zeitung, Kifah al-Sha’b (Kampf des Volkes), trat für die politischen Rechte von Kurd*innen ein. 1941 und 1942 wurden kommunistische Organisationen in Erbil und anderen kurdischen Städten gegründet. Azadi (kurdisch für Freiheit), die erste kurdische politische Zeitung, wurde von Herausgebern der Kommunistischen Partei publiziert. Zudem war die KP-Irak die einzige nationale irakische Partei (also nicht exklusiv kurdische Partei), die eine ausgearbeitete Kurdistanpolitik entwickelt hatte, in der die Selbstbestimmung von Kurd*innen postuliert wurde.[9]

Damit waren die kurdischen Berge nicht nur Zufluchtsort für Kurd*innen. Die «kurdischen» Berge waren die Freunde aller Menschen im Irak und anderswo, die sich gegen die Unterdrückung und den Autoritarismus der Ba’ath-Regierung wandten. Jiyan, eine Bäuerin in den Bergen Kurdistan-Iraks, erzählte mir von ihrer Erinnerung, als ihr Dorf viele der Peshmerga-Kämpfer*innen aufgenommen hatte: «Ja, wir hatten damals alle möglichen Menschen bei uns. Es waren Christen und Araber und andere von denen ich gar nicht wusste, dass sie in diesem Land leben. Ich habe meinen Vater gefragt, wer all diese Leute sind, da manche gar kein Kurdisch sprachen. Er sagte nur, dass wir sie alle unterstützen müssen, denn wir sind alle gegen Saddam.»

Jiyans Geschichte ist auch kurdische Geschichte. Ihre Geschichte zu erzählen, trägt zu einer Dekolonisierung kurdischer Geschichte bei. Das Wissen um diese Geschichte kann zu neuen Identitäten, zu weiteren Freundschaften und progressiven Allianzen unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Westasien führen.


[1] Ammann, Birgit (2004a/2005, p.182-184): Kleine Geschichte der Stadt Amadiya: Von streitbaren Fürsten, kurdischen Juden und grausamen Zeiten. In: Europäisches Zentrum für Kurdische Studien. Kurdische Studien. 4.+5., pp. 175–226.

[2] Ammann, Birgit (2004b/2005, p. 218): Ser Amadia: Amateuraufnahmen aus der Umgebung des Sommercamps der Royal Air Force im irakischen Kurdistan. In: Europäisches Zentrum für Kurdische Studien. Kurdische Studien. 4.+5., pp. 227–256.

[3] Ebd. 219.

[4] Ebd. 227.

[5] Fuccaro, Nelida (2004, p. 583) 'Minorities and Ethnic Mobilisation: The Kurds in Northern Iraq and Syria.' In: Meouchy, N. and Sluggett, P., (eds.), The British and French Mandates in Comparative Perspectives. Brill, pp. 579–595.

[6] Territoriale Verwaltungseinheit im Osmanischen Reich [Anm. der Red.].

[7] Mitchell, Timothy (2011, p. 97) Carbon Democracy: Political Power in the Age of Oil. London: Verso.

[8] Fischer-Tahir, Andrea (2018: 99): Nation, Region, Position: Wissensproduktion und Selbst(er)findung in den Kurdischen Studien, in: Wippel, Fischer-Tahir: Jenseits etablierter Meta-Geographien - Der Nahe Osten und Nordafrika in transregionaler Perspektive, Nomos, Baden-Baden, pp. 95-113, hier p. 99.

[9] Farouk-Sluglett, Marion, and Peter Sluglett. (1990, p. 27) Iraq Since 1958: From Revolution to Dictatorship. London: I.B. Tauris.