Nachricht | Afrika - Nordafrika - Südliches Afrika - Westafrika - Ostafrika - Corona-Krise - Ernährungssouveränität Bäuerliche Erzeuger*innen unter Druck

Über potentielle Auswirkungen von Corona auf die afrikanische Landwirtschaft, Tendenzen und Vorschläge für staatliche Politiken.

Information

Landwirte beurteilen die Merkmale von Weizensorten, Äthiopien
Landwirte beurteilen die Merkmale von Weizensorten, Äthiopien, CC BY-NC-ND 2.0, Bioversity International/J.van de Gevel, via Flickr

Noch sind die Effekte der Corona-Epidemie auf die afrikanischen Agrarsysteme schwer abzuschätzen, aber erste Tendenzen zeigen ein kritisches Bild: Grenzschließungen könnten dazu führen, dass Nahrungsmittel nicht mehr ausreichend in «land-locked countries» wie die Zentralafrikanische Republik oder Tschad gelangen. Als Kamerun seine Grenzen schloss, ließ das Land schnell verlauten, dass LKWs mit Nahrungsmitteln durchgelassen werden würden; gleiches gilt für Südafrika und Mosambik. In vielen Ländern bieten entweder Schulspeisungen oder Erträge aus Schulgärten eine wichtige Ergänzung für die Ernährung der Kinder. Die Schließungen von Schulen verhindern diesen essenziellen Service jetzt. Durch (temporäre) Ausgangssperren und die Schließung von (informalisierten) Märkten können Verbraucher*innen und Verkäufer*innen nicht wie gewohnt handeln, das trifft Straßenhändler*innen besonders hart – so aktuelle Berichte aus Simbabwe oder Tunesien. Schwankende Preise für Nahrungsmittel sind eine weitere Herausforderung: Zwar gingen angesichts der Corona-Krise die Preise für Nahrungsmittel im März für einige Produkte zurück. Das betraf vor allem Zucker oder pflanzliches Öl, während der Rückgang bei Weizen nur gering war. Bei Reis - auch in Afrika eines der Grundnahrungsmittel - stiegen die Preise aufgrund der Exportverbote in Ländern wie in Indien und Vietnam dagegen an.

Andreas Bohne ist Referent für Südliches Afrika und Ostafrika der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Jan Urhahn leitet das Programm Ernährungssouveränität der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Johannesburg / Südafrika.
Wir danken Maha Ben Gadha und Fredson Guilengue für Hinweise und wertvolle Kritik.

Trotz aller Vielschichtigkeit des Themenfeldes, versucht dieser Artikel potentielle Auswirkungen und Tendenzen der Corona-Krise auf bäuerliche Erzeuger*innen auf dem afrikanischen Kontinent zu skizzieren und anhand einiger Beispiele zu illustrieren. Sie sind zwar die Hauptversorger des afrikanischen Kontinents mit Nahrungsmitteln, aber gleichzeitig gehören sie zu den verwundbarsten Gruppen und sind vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt. 

Auswirkungen von Corona auf bäuerliche Erzeuger*innen

Man könnte sagen, dass bäuerliche Erzeuger*innen in Afrika von Corona kaum betroffen wären. Die meisten afrikanischen Staaten sind heutzutage landwirtschaftliche Nettoimport-Länder. Sie sind also von globalen Lieferketten abhängig. Zu erwartende Preissteigerungen würden sich vor allem auf die afrikanischen Verbraucher*innen auswirken. Und die Millionen von bäuerlichen Subsistenzerzeuger*innen, die vor allem für sich selbst produzieren, wären kaum betroffen. Nick Westcott, Präsident der britischen Royal African Society, schrieb: «Diejenigen, die von der Subsistenzlandwirtschaft abhängig sind und in ländlichen Gemeinden leben, sind relativ gut in der Lage, einen globalen finanziellen Einbruch sowie die Infektion zu überstehen.» So sehr es zu begrüßen ist, dass hier zur Abwechslung mal ein Bild eines widerständigen und nicht eines Opferkontinents gezeichnet wird, greift dieses deutlich zu kurz.

Die wenigsten bäuerlichen Erzeuger*innen versorgen sich zu 100 Prozent durch ihren eigenen Anbau auf ihren meist kleinen Flächen. Faktisch jeder bäuerliche Haushalt ist auf Verkäufe seiner Erzeugnisse angewiesen. Sie ermöglichen zusätzliches Einkommen, das für eine notwendige vielfältige Ernährung und für die Erfüllung weiterer grundlegender Bedürfnisse unentbehrlich sind, darunter beispielsweise die Bezahlung des Schulgeldes, der Kauf von Mobilfunkguthaben oder die Finanzierung eines Arztbesuches.

Ausgangssperren treffen bäuerliche Erzeuger*innen schwer

Ein Großteil der Waren von Straßenhändler*innen oder Zwischenhändler*innen werden von bäuerlichen Erzeuger*innen geliefert. Dieser Handel ist nun wegen Ausgangssperren in etlichen Fällen unterbrochen und viele (lokale) Märkte sind geschlossen. Zwei Beispiele: In Tunesien wurden für eine Woche die beiden größten Verkaufsmärkte über drei Tage, alle städtischen Straßenmärkte und Supermärkte für eine Woche geschlossen. In der Folge konnten die Erzeuger*innen ihre Waren nicht absetzen. Im südafrikanischen Johannesburg werden schätzungsweise 60 Prozent der gehandelten Waren auf informalisierten Township-Märkten verkauft. Hier wurde das gesamte Land in einen fünfwöchigen Lock-Down versetzt und die bäuerlichen Erzeuger*innen sind auch hier direkt von der Schließung des Straßenhandels betroffen und ihre Einkommen brechen weg. Kaum vorhandene Lagerungsmöglichkeiten erweisen sich als weiteres Problem. Gleichzeitig sind die großen Supermarkketten in vielen afrikanischen Ländern von Ausgangssperren und anderen Einschränkungen ausgenommen und zählen – ähnlich wie in Deutschland – sogar aktuell zu den Gewinnern der Pandemie. Bäuerliche Erzeuger*innen gehören sowieso in den wenigsten Fällen zu den Lieferanten für große Supermärkte, weil sie zum Beispiel deren Standards nicht erfüllen können. Supermärkte beziehen ihre Produkte in aller Regeln von großen kommerziellen Betrieben oder importieren gar aus dem globalen Norden. Zwar besitzen afrikanische Städte zunehmend eine gewisse Supermarktdichte, deren Angebote können sich jedoch bei weitem nicht alle Menschen leisten. Bäuerliche Erzeuger*innen sind immer auch Verbraucher*innen. Wenn lokale Märkte in Städten infolge von Corona geschlossen sind, ist auch ihre Versorgungslage mit ausreichend und diversen Nahrungsmitteln gefährdet.  

Aktuell haben neben Südafrika auch Ruanda und die Seychellen totale Ausgangssperren angeordnet. Für Südafrika wird berichtet, dass Privat- und Gemeinschaftsgärten («community gardens») nicht aufgesucht werden können. Aus kommunalen Gebieten, in denen viele Schwarze Erzeuger*innen leben, wird zudem berichtet, dass sie sich nicht um ihre Tiere kümmern können. Die Polizei verhängte sogar Bußgelder von bis zu R 5.000 (mehr als 300 Euro) für das Weiden ihrer Tiere. In anderen Ländern, wie in Uganda, können Bauern und Bäuerinnen auf ihre Felder, müssen diese aber um 7 Uhr abends verlassen haben. In Tunesien war es am Anfang der Ausgangssperre Erzeuger*innen und Arbeiter*innen nicht erlaubt, ihre Felder zu betreten, mit der Konsequenz, dass Früchte in der gegenwärtigen Erntesaison nicht gepflückt werden konnten und auch ihre Vertriebskanäle unterbrochen waren. In der Zwischenzeit hat die tunesische Regierung die Regeln gelockert. Noch sind afrikaweit vergleichsweise wenige bäuerliche Erzeuger*innen von den befristeten Ausgangssperren betroffen. Oben genannte Beispiele könnten sich je nach Verlauf und der Handhabung der Corona-Pandemie aber um ein vielfältiges verstärken.

«Entwicklungsprojekte» wie AGRA nicht krisenfest

Viele landwirtschaftliche «Entwicklungsprojekte» wie die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) oder Ansätze wie «Entwicklungskorridore» fördern eindimensional eine input-orientierte und Ressourcen verschwendende Landwirtschaft. Diese ist auf synthetische Düngemittel und Hybridsaatgut angewiesen. AGRA und andere Initiativen sind aus vielen Gründen zu kritisieren; doch die aktuelle Situation zeigt die Defizite dieses Ansatzes der industriellen Landwirtschaft besonders gut. Nicht nur sind die versprochenen Erfolge dieser Strategie im Bereich Hungerbekämpfung und Einkommenssteigerung ausgeblieben, zusätzlich sind jetzt auch noch viele Staaten, darunter Malawi, auf Grund der von AGRA und anderen empfohlenen und angewandten Maßnahmen, unter anderem bei Düngemittelkonzernen, verschuldet. Die Ausweitung des Einsatzes von synthetischen Düngemitteln wurde von vielen afrikanischen Staaten wie Sambia oder Tansania massiv subventioniert, nicht selten muss die Hälfte des Landwirtschaftshaushaltes für diese nicht nachhaltigen Subventionen herhalten. Viel schlimmer ist aber, dass viele Bauern und Bäuerinnen von externen Lieferungen von Hybridsaatgut abhängig gemacht wurden, anstelle wie vorher ihr eigenes bäuerliches Saatgut zu züchten und zu vermehren. Nun gibt es bereits erste Berichte, dass Bauern und Bäuerinnen nicht mehr an das Saatgut oder andere Inputs kommen oder diese erst verspätet erhalten. Das heißt im Extremfall, dass sie nicht aussäen können und damit in einigen Monaten Ernten ausfallen würden. Zudem ist zu erwarten, dass die Preise für die Inputs wegen weiterer Lieferschwierigkeiten ansteigen werden oder die Staaten ihre teuren Subventionsprogramme herunterfahren müssen, wodurch sich die Situation weiter zuspitzen würde.

Umwelt- und Klimakrisen machen zu Corona-Zeiten keine Pause

Zusätzlich zu Corona wirken die Umwelt- und Klimakrisen auf dem Kontinent. Mehrere Länder in Ostafrika und am Horn von Afrika sind schont seit Wochen von einer immensen Heuschreckenplage betroffen, die jetzt ins mediale Hintertreffen gerät. Nicht nur in den Ländern selbst wirken die oben skizzierten Probleme. Zusätzlich behindern die mit dem Corona verbundenen Flugbeschränkungen laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die Bemühungen, Heuschreckenschwärme zu bekämpfen, um einige Ernten in Ostafrika noch zu retten. Wegen den Beschränkungen wurde die Lieferung von Pestiziden, deren Anwendung in der gegenwärtigen Situation notwendig scheint, auch weil biologische Mittel zu gering vorhanden sind, verzögert.  In Kenia werden die Vorräte bei der derzeitigen Sprührate innerhalb weniger Tagen erschöpft sein. Die Katastrophe könnte sich verstärken, da zurzeit die nächste Generation Heuschrecken schlüpft. Angaben zufolge könnten weitere vier Millionen Menschen, zu den bereits 20 Millionen, in Kenia betroffen sein.

Landarbeiter*innen leiden unter Corona-Beschränkungen

Auch Landarbeiter*innen bekommen die Folgen der Pandemie zu spüren. Um nochmal auf das Beispiel Südafrika zurückzugreifen: Kommerzielle landwirtschaftliche Betriebe sollen die Produktion so normal wie möglich weiterführen. Die auf den Betrieben Arbeitenden und meist dort wohnenden Landarbeiter*innen gelten als «systemrelevante Gruppe». Aber sie und ihre Familien dürfen in manchen Fällen wegen den Ausgangsbeschränkungen nicht mehr in die Stadt gehen, um dort Lebensmittel einzukaufen. Einige der kommerziellen Farmer*innen haben auf ihren Betrieben Lebensmittelläden, in denen sie die Produkte zu oftmals überhöhten Preisen, die weit über denen in der Stadt liegen, verkaufen. Bereits vor der Corona-Krise litten beispielsweise mehr als 80 Prozent der saisonalen Landarbeiter*innen am Nordkap in den Monaten April bis August unter schwerem Hunger in der Nebensaison. Nun sind noch mehr Landarbeiter*innen einem erhöhten Hungerrisiko ausgesetzt. Hinzu kommt das Heer an meist migrantischen Saisonarbeiter*innen, die gerade zur Erntezeit gebraucht werden. Können sie aufgrund von Grenzschließungen nicht zu ihren Arbeitsplätzen gelangen sind sowohl die Ernten bedroht als auch die saisonalen Arbeitskräfte in ihrer Existenz, weil sie keine Einkommen erwirtschaften können. Ähnliche Herausforderungen stellen sich für tunesische Agrarbetriebe durch Grenzschließungen nach Spanien, Italien und Libyen. Ihre Exportmärkte für Früchte können wegbrechen und die angestellten Landarbeiter*innen verlören so ihre Jobs.

Tendenzen

Es ist schwer detaillierte Szenarien für die afrikanischen Agrarsektoren zu entwerfen, einige Tendenzen – sowohl für die nächsten Monate als auch darüber hinaus – zeichnen sich jedoch ab:

Die Preisentwicklung ist volatil. Das temporäre Schließen von Märkten in Tunis sorgte bei der Wiedereröffnung für ein Überangebot mit der Konsequenz, dass Preise einiger landwirtschaftlicher Waren sanken und zu Einkommensverlusten der Erzeuger*innen führten. Das kann auch für andere Länder gelten. Mittelfristig aber könnte es, weil die Felder wie gewohnt bearbeitet können zu Ernteeinbußen und damit zu erhöhten Lebensmittelpreisen kommen und sowohl bei Erzeuger*innen und Verbraucher*innen zu einer ansteigenden Zahl an Hungernden führen. Denn in vielen Ländern des globalen Südens geben Menschen einen Großteil ihres Einkommens – teilweise bis zu 95 Prozent – für Nahrungsmittel aus. Für sie kann schon ein kurzfristiger Anstieg der Preise fatale Folgen haben. Bereits durch die Rezessionen im letzten Jahr ging man weltweit von 20 Millionen Hungernden mehr aus. Entwicklungen, ähnlich wie in den Jahren 2008/2009 mit den Hungerunruhen in verschiedenen afrikanischen Ländern sind denkbar. Die meisten Proteste werden sicherlich wie damals in den urbanen Räumen stattfinden.

Sehr schwer abzuschätzen ist, wie sich die Weiterverarbeitung und die Lagerung agrarischer Erzeugnisse verändern werden, wenn Bewegungsfreiheiten und Transport für einen längeren Zeitraum eingeschränkt bleiben. Gleiches gilt für die Versorgung mit Inputs wie Hybridsaatgut und synthetischen Düngemitteln. Im Idealfall erhält bäuerliches Saatgut zukünftig die staatliche Unterstützung, die es verdient hätte, weil es perfekt an die lokalen Verhältnisse angepasst und ohne globale Lieferketten verfügbar ist. Das Paradigma der Saatgutsouveränität gewinnt immer mehr an Bedeutung und ist für bäuerlichen Erzeuger*innen unerlässlich, um nicht von den marktorientierten Produktionstechnologien abhängig zu sein, um gerade im aktuellen Kontext einer Systemkrise überleben zu können.

Interessant ist, wie die Agrarmärkte zukünftig organisiert werden könnten. Corona zeigt deutlich, dass globale Lieferketten nicht krisenfest sind. Eine stärkere Regionalisierung der Märkte könnte die Folge sein. Im Zuge dessen könnten Formen des städtischen Gardenings und der landwirtschaftlichen Erzeugung in urbanen und peri-urbanen Räumen zunehmen, um entweder lokale Märkte in den Städten mit frischen Erzeugnissen zu versorgen oder als Überlebensstrategie, um einzelnen Haushalten die Versorgung mit Essen teilweise zu garantieren.

Mittelfristig wird der Druck auf die vor allem bäuerlichen Erzeuger*innen weiter steigen. Aktuell wird vermehrt volatiles Kapital aus dem globalen Süden abgezogen, was sich zum Beispiel an der Entwicklung des Wechselkurses zwischen südafrikanischen Rand und Euro ablesen lässt. Der Wechselkurs ist innerhalb weniger Wochen von 1 zu 16 auf fast 1 zu 21 förmlich explodiert – ein Anstieg von rund 30 Prozent. Sobald sich die Krise ein wenig lichtet, könnte eine Umkehr der Kapitalströme stattfinden. Eine erneute Jagd der (institutionellen) Investoren auf Land wie 2008/2009 ist in den nächsten Jahren daher nicht auszuschließen. Denn Land ist weiterhin ein hohe Profite versprechendes Renditeobjekt. Für viele bäuerliche Erzeuger*inne könnte das bedeuten von ihrem Land vertrieben zu werden.

Staatliche Interventionen sind wichtig – aber welche?

Welche staatlichen Interventionen im Landwirtschafts- und Ernährungsbereich sind angesichts der Corona-Krise auf dem afrikanischen Kontinent notwendig? Eine erste Sammlung von Vorschlägen, die sicherlich einer Weiterentwicklung bedarf.

Erstens sind Erzeuger*innen und Verbraucher*innen in Extremsituationen auf kurzfristige Maßnahmen wie Notfallhilfe, direkte Finanzunterstützungen oder «social grants» angewiesen, zum Beispiel wie aktuell in Uganda für in Armut lebende Menschen. Südafrika hat bereits finanzielle Zusagen für bäuerlichen Erzeuger*innen in Höhe von 1.2 Milliarden Rand (das entspricht circa 75 Millionen Euro) zugesagt. Zudem müssen die momentan ausfallenden Schulmahlzeiten dringend ersetzt werden, indem zum Beispiel die Mahlzeiten über lokale Gemeindeeinrichtungen ausgegeben werden. Im Idealfall stammen diese Nahrungsmittel von bäuerlichen Erzeuger*innen aus der Region und sichern damit deren Einkommen ab.

Zweitens müssen den bäuerlichen Erzeuger*innen staatliche Aufkaufgarantien für ihre Produkte für die Lagerbildung von Grundnahrungsmitteln gegeben werden. Die Côte d'Ivoire hat ihre Lagerbestände bereits aufgestockt. Nach Angaben des Handelsministeriums hat das Land unter anderem für sieben Monate lang genug Reis, für fünf Monate Tomaten und für vier Monate Milch auf Lager. Diese Maßnahmen müssen jedoch auf regionaler Ebene abgestimmt sein, damit es aufgrund der Aufstockung der Lager in dem einem Land nicht zu Mangel in einem Nachbarland kommt.

Es ist drittens essenziell, dass bäuerlichen Erzeuger*innen Bewegungsgarantien gegeben werden. Sie müssen dazu in der Lage sein, ihre Felder zu bewirtschaften und sie müssen zugleich die Chance haben ihr Erzeugnisse an noch einzurichtende kollektive Abgabestellen zu bringen, von denen die Nahrungsmittel dann weiter auf lokale Märkte verteilt werden.

Viertens ist es wichtig, die Preise für Nahrungsmittel staatlich zu kontrollieren – das gilt sowohl für die Preise, die bäuerliche Erzeuger*innen erhalten, die existenzsichernd sein müssen. Da gilt aber auch für die Verbraucherpreise, die nicht explodieren dürfen. Mit solchen Maßnahmen kann Preisspekulation entgegengewirkt werden. Ruanda und Marokko haben diesen Weg bereits teilweise eingeschlagen. In Tunesien wird gefordert, dass staatliche Subventionen für Inputs, deren Preise jetzt ansteigen, staatlich übernommen werden. Notwendig festgelegte Preise für Grundnahrungsmittel für Weizen, Milch oder Eier, die aus linker Sicht notwendig sind, führen bei ansteigenden Inputpreisen dazu, dass die Einkommen der bäuerlichen Erzeuger*innen sinken. Es muss verhindert werden, dass Erzeuger*innen und Verbraucher*innen gegeneinander ausgespielt werden.

Fünftens ist der Schutz von Landarbeiter*innen wichtig und ihre Arbeitsrechte müssen auch zu Corona-Zeiten vollumfänglich geschützt werden. Dazu gehören unter anderem die Bereitstellung von Anleitungen für Arbeiter*innen, die in der Lebensmittelproduktion, -handhabung und -verarbeitung tätig sind, über Maßnahmen, die das Risiko einer Ansteckung und Verbreitung von Corona verringern. Des Weiteren müssen die Interessen von saisonalen Arbeiter*innen, einschließlich migrantischer Arbeitskräfte, durch die Vermeidung unnötiger Einschränkungen der Bewegungsfreiheit gewahrt bleiben. Darüber hinaus ist Gewährleistung angemessener Unterbringungsmöglichkeiten und die Einhaltung von Hygienemaßnahmen zum Schutz der Landarbeiter*innen notwendig. Die Corona-Krise darf von Arbeitgebern nicht dazu genutzt werden unliebsame Landarbeiter*innen von den Farmen zu entfernen und es müssen angemessene Löhne gezahlt werden.

Wunschdenken und Handeln liegen oftmals auseinander: Dennoch kann die Corona-Pandemie aber auch wie ein Katalysator auf den ohnehin notwendigen Umbau der afrikanischen Agrarsysteme wirken – hierin liegt selbst in der Krise auch eine Chance. Es muss jetzt darum gehen, die afrikanische Agrarwende einzuläuten. Dazu zählen eine Abkehr von der teuren input- und exportorientierten Landwirtschaft. Dafür müssen afrikanische Staaten die Kooperation mit Initiativen wie AGRA umgehend beenden. Entsprechend müssen auch ihre staatlichen Subventionen im Agrarsektor umgelenkt werden. Sie dürfen mit ihrem gegenwärtigen Fokus auf Hybridsaatgut und synthetische Düngemittel nicht länger die Profitinteressen des Agribusiness bedienen, sondern müssen dafür genutzt werden lokal verankerte resiliente landwirtschaftliche Systeme aufzubauen. Hierfür müssen flächendeckend landwirtschaftliche Beratungsservices wiederaufgebaut werden, wie sie im Zuge von Strukturanpassungsprogrammen in den letzten Jahrzehnten zerstört wurden. Zudem ist eine stärkere Regionalisierung der Märkte notwendig. Dafür müssen direkte Stadt-Land-Beziehungen aufgebaut werden. Es braucht zum Beispiel den unterstützenden Aufbau von Infrastruktur zum Transport der bäuerlichen Erzeugnisse in die Städte, die Bereitstellung von Lagerkapazitäten für Frischeprodukte als auch die staatliche Förderung zum Aufbau von Bauernmärkten dort.

Die Orientierung am Konzept der Agrarökologie sollte hier handlungsleitend sein. Die Agrarökologie ist ein auf den Menschen ausgerichtetes System nachhaltiger Landwirtschaft, das indigenes Wissen mit modernster Wissenschaft verbindet, die Natur bestmöglich nutzt, um gesunde Gemeinschaften zu schaffen, und eine soziale Bewegung stärkt, die sich der Industrialisierung der Landwirtschaft widersetzt.