Nachricht | Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Deutsche / Europäische Geschichte - Osteuropa - 8. Mai 1945 Das kurze Gedächtnis

Wie es wurde, was es ist – Splitter aus der deutschen Nachkriegsgeschichte

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«Wir verachten euch nicht!» Nazi-Kampagne gegen «Wehrmachtsausstellung»
Rund 3000 Rechte folgten am ersten Adventswochenende 2001 dem Aufruf der NPD, gegen die erneuerte, zweite Ausstellung «Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges. 1941 –1944» des Hamburger Instituts für Sozialforschung zu demonstrieren. «Wir verachten euch nicht!» Nazi-Kampagne gegen «Wehrmachtsausstellung», Antifaschistisches Infoblatt

Die Salons lügen, die Gräber sind wahr. Aber ach! die Toten, die kalten Sprecher der Geschichte, reden vergebens zur tobenden Menge…

Heinrich Heine: «Die französischen Zustände», 1832

Kein Innehalten, kein Gedanke an Versöhnung. 2020 marschierte Deutschland mit Nato- und EU-Partnern militärisch fast dorthin, wo die Naziwehrmacht vor 75 Jahren gescheitert ist. Gestoppt wurden die «DEFENDER-Europe 20»-Manöver nicht durch eine geschichtsbewusste deutsche Regierung und ebensolche europäischen Nato- und EU-Mitgliedstaaten, gestoppt wurden sie durch den Corona-Virus.

Kerstin Kaiser leitet das Regionalbüro Russland der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau.

Wie durch ein Brennglas ist aus Zeit, Ort und Konzeption dieser Manöver ein roter Faden deutscher Nachkriegsgeschichte erkennbar. Zielstrebig folgte man ihm auf dem Weg, wenn auch nicht ohne Windungen und Wendungen. Niemals hätte er nach zögerlichem Beginn so erfolgreich werden können, ohne die nachdrückliche Förderung durch die Westalliierten, vor allem aber durch die allmächtigen USA. So erfolgreich, dass heute auf Kritik an dem Fakt, dass wieder deutsche Soldaten bewaffnet an der Grenze zu Russland stehen, die Mehrheitsantwort schlicht lautet: «So what!»

Damit hat sich ein Kreis geschlossen: Am 9. Mai 1955, dem zehnten Jahrestag des Siegs über den Faschismus, nahm die Bundesrepublik Deutschland zum ersten Mal am Ministertreffen der Nato teil (Beitritt 3 Tage vorher). So erfüllte sich ein Teil der US-Nachkriegsplanung, die spätestens nach Stalingrad begann und bereits im November 1945 ein Kriegsszenario mit Atombomben auf 20 ausgewählte Ziele in der Sowjetunion durchspielte.*

1. Die 1945 von Bertolt Brecht so genannte «bleiche Mutter Deutschland», die «unter den Befleckten» auffalle, sitzt längst nicht mehr «besudelt unter den Völkern». Im Gegenteil. Endgültig seit 1990 sitzt sie dort als europäische Großmacht, belehrend und fordernd. Sie lässt sich loben und manchmal feiern für ihre vorbildliche, international anerkannte Erinnerungs- und Geschichtspolitik. Sie pflegt intensiv einen Mythos, der nach schwerer Geburt heute fast Staatsräson ist.

Alles daran zweifellos auch Richtige oder Lobenswerte musste jedoch in heftigen gesellschaftlichen, politischen und bildungspolitischen Debatten gegen konservative, restaurative und revanchistische Strömungen erkämpft werden. Diese Geschichte wird gerne verschwiegen, am liebsten soll sie vergessen gemacht werden. In Richtung Aufarbeitung kam von den (west-)deutschen Eliten nichts Bedeutendes und nichts von selbst.

Einige Stichworte aus der endlosen Reihe von Namen und Ereignissen, die über Jahrzehnte Anlass zum Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit und deren Fortwirkungen in die Gegenwart waren und die selbst für Zeitzeugen wohl schwer zu erinnern sind:

Da ist die sogenannte 131-er-Regelung für Beamte, die zu massenhafter Wiedereinstellung nationalsozialistischer Beamter führte. Weiter der Braunschweiger Remer-Prozess 1952 und der Frankfurter Auschwitz-Prozess, die Verjährungsdebatte um NS-Verbrechen, die Verfolgung von Eichmann und Barbie; Kiesinger-Ohrfeige, Filbinger-Todesurteile, Historiker-Streite, Holocaust-Film und Holocaust-Denkmal; J. Fests Hitler-Biografie und M. Walsers Frankfurter Rede, in der er von der «Instrumentalisierung unserer Schande» und auch der «Moralkeule», zu der Auschwitz sich nicht eigne, spricht. Bereits 1985 die Rede von Bundespräsident Weizsäcker zum 8. Mai 1945, in der das Datum erstmals offiziell als Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bezeichnet wird. Dann die Wehrmachtsausstellung und die Geschichtsaufarbeitung nazi-verbandelter Institutionen wie Deutsche Bank, Geheimdienste oder Auswärtiges Amt. Verschleppte Entschädigung sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter, verweigerte Rehabilitierung der Deserteure bis 2002, der sog. Kriegsverräter sogar bis 2009, oder auch die bis heute von keiner deutschen Regierung akzeptierten Entschädigungsforderungen Griechenlands… Hart umstritten in der Bundesrepublik war – im Unterschied zur DDR – auch die Anerkennung antifaschistischen Widerstands als Widerstand und nicht als Hochverrat an Deutschland oder gar als Terrorismus. In den ersten Jahren der BRD galt das selbst für die Attentäter des 20. Juli 1944, deren Anführer Hitlers Kriegspolitik bis zur Schlacht von Stalingrad im Wesentlichen mitgetragen hatten und die heute hoch angesehen sind.

Auf diesen steinigen Wegen gewannen Erinnerungs- und Geschichtspolitik an gesellschaftlicher Akzeptanz – gegen den erklärten Willen der einen und heimliche Wünsche der anderen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Eliten West-Deutschlands. Sie halfen die Flecken auf Deutschlands Ansehen zu säubern und wurden dann mit der Zeit in eine Art zivilgesellschaftlich-politisches «Reservat» geschickt. Dort sind sie heute fest verankert und einigermaßen finanziert als Teil einer Erinnerungskultur. Aus diesem Reservoir wird geschöpft, wenn es dem Ansehen Deutschlands dient, für Sonntags- und Gedenkreden im In- und Ausland. Die reale deutsche Europa- und Außenpolitik aber fühlt sich spätestens seit 1989 endgültig entfesselt von der Vergangenheit.

Ein Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit Deutschlands, wie ihn sich westdeutsche Eliten und ein großer Teil der Bevölkerung wünschten, konnte dank immer wieder aufkommenden Widerstands nicht gezogen werden. Die durchgängige, auch militärische Frontstellung gegen UdSSR und «Ostblock», heute via Nato gegen Russland, war aber der wohl gern gezahlte Preis für die nun vollständige Westintegration und die Etablierung Deutschlands als eine der Führungsmächte. Seit 1945/49 bis heute verbinden sich so alte deutsche Interessen mit neuen imperialistischen Gelüsten.

2. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte wundert es nicht, dass es einen Bereich gibt, der der Aufarbeitung und dem Gedenken in der Bundesrepublik unerbittlich entzogen wurde. Bis heute. Es sind die Opfer der Völker der Sowjetunion im Vernichtungskrieg der faschistischen Wehrmacht gegen den «jüdischen Bolschewismus», das sind die ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten.

Gegen alle Fakten zur Kriegsführung der Wehrmacht wurde die Legende von der «sauberen Wehrmacht» aufrechterhalten. «Schuldhaft verstrickt» (Ursula von der Leyen) war sie, das schon, aber eben kein systemischer Faktor der Nazi-Geopolitik jenseits aller Normen und Werte.

Erstmals und erst in den neunziger Jahren brachte die Ausstellung «Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944» die systematische und strategisch geplante Einbindung des Militärs im Osten einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein.

Hannes Heer, Verantwortlicher für diese erste «Wehrmachtsausstellung», nennt einige heute kaum vorstellbaren Mittel der Weißwaschung der militärischen Todesmaschine in der frühen BRD:

«… die Adenauer-Regierung nutzte die Chance, um die Wehrmacht mit ihren … zehn Millionen allein an der Ostfront eingesetzten Soldaten, zu amnestieren. Und die Westalliierten wurden gezwungen, das zu akzeptieren …» (Neues Deutschland, 31.8.2019). Eisenhower, ehemals Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa und später Nato-Oberbefehlshaber, stellte 1951 öffentlich fest, dass der deutsche Soldat seine Ehre nicht verloren habe und dass es eine scharfe Trennung zwischen Hitler und seiner kriminellen Gruppe und der Wehrmacht gebe (Ebenda).

Kritik an dieser Sicht auf Geschichte wurde vielfach unterdrückt. Bücher – z.B. von Heinrich Böll oder Siegfried Lenz, Erich Maria Remarque – erschienen nicht, vollkommen umformuliert oder in der Übersetzung verfälscht, wie «Das Tagebuch der Anne Frank». Filme, die an die Nazi-Diktatur und Wehrmachtsverbrechen erinnerten, wurden umsynchronisiert («Casablanca»), verboten oder aus dem Wettbewerb genommen.  Wie «Nacht und Nebel», der erste dokumentarische Nachkriegsfilm über KZs und Naziterror von Alain Resnais. Er wurde bei den Festspielen in Cannes 1956 abgesetzt, auf Intervention der Bundesregierung. Die deutsche Botschaft gab damals zu bedenken: Dessen Vorführung könne «die Stimmung vergiften» und dem Ansehen der Bundesrepublik schaden, da der normale Zuschauer nicht in der Lage sei, «sich den Unterschied zwischen den kriminellen Anführern des Nazi-Regimes und dem heutigen Deutschland klar zu machen». Selbst die französische Bürokratie sah in Resnais' Film eher ein Hindernis: Man solle ihn ausschließen, falls zu vermuten sei, dass seine Vorführung «Handelsrepressalien seitens unseres besten Kunden nach sich ziehen» könne. Dieser «beste Kunde» war West-Deutschland (Welt, 25.1.2011).

Vor allem diese erste Wehrmachtsausstellung provozierte heftigste Auseinandersetzungen. Gegen sie mobilisierten Konservative und Neonazis, oft im Bündnis. Es gab Anschläge auf Ausstellungsräume. Bundeswehr-Soldaten war es zeitweise verboten, die Ausstellung in Zivil oder Uniform zu besuchen. Offiziere der Bundeswehr durften an Veranstaltungen im Zusammenhang mit ihr nicht teilnehmen.

Ja, heute werden offiziell Fakten und Zahlen zu Opfern genannt, auch wieder bei allen Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus: 27 Millionen Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion starben im Krieg. 5,7 Millionen Angehörige der Roten Armee gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft, wo etwa 3,3 Millionen von ihnen an Hunger, Kälte, Krankheiten, Zwangsarbeit zugrunde gingen oder erschossen wurden. Aber der «Echoraum», in dem alle diese Zahlen und Fakten wirken, wurde längst renoviert, neue Möbel mit alten arrangiert. Darin sitzt die einst vor Scham erbleichte Mutter Deutschland, perfekt geschminkt auf einem komfortablen Sessel. Im Bunde selbst mit einigen, die sie vor 1945 mit Krieg und Vernichtung überzogen hatte, nutzt sie das kurze Gedächtnis der Heutigen: Denn so können aus Opfern Täter, aus Kriegsdrohungen Friedensangebote und aus Versöhnung Kampfansagen gemacht werden. Es ist Orwellscher Neusprech, nach dem Motto: Wer die Macht über Geschichte hat, bestimmt auch Gegenwart und Zukunft.

Diesem Anspruch folgt die Erklärung des Europäischen Parlaments vom 19. September 2019 mit dem Titel: «Bedeutung der Erinnerung an die europäische Vergangenheit für die Zukunft Europas». Per Beschluss soll aus dem vielzitierten kollektiven europäischen Gedächtnis getilgt werden, dass die UdSSR und die Rote Armee die Hauptlast des Krieges und des Sieges über den Faschismus in Europa getragen haben. Das verkleinert nicht die Bedeutung der Opfer und Leistungen anderer. Die Kodifizierung der Geschichte jedoch, wonach der Krieg ein Gemeinschaftswerk Hitlers und Stalins gewesen sein soll, verfolgt unter den heutigen Bedingungen Europas ganz andere Ziele als die Klärung historischer Fakten.

3. Nach Jahrzehnten harter neoliberaler Politik reagieren Konservative aller Schattierungen in der EU auf wachsenden Druck populistischer wie neofaschistischer Strömungen und Parteien in ihren Ländern mit einer autoritären Wende. Sie experimentieren mit alten konservativen und neuen populistischen Konzepten und militärischen Auswegen aus Krisen und Spannungen.

Auf solchen Wegen wurde vor 100 Jahren in der «Zwischenkriegszeit» der Faschismus an die Macht gebracht – nicht nur, aber besonders barbarisch in Deutschland –, mit verheerenden Folgen weltweit. Dieser Zusammenhang darf nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein und der Politik verschwinden, wenn Demokratie und Frieden in Europa eine Chance haben sollen.  
 


* Karl-Heinz Roth: Atombomben auf Moskau, Taschkent, Leningrad; Mitteilungen / Dokumentationsstelle zur NS-Sozialpolitik. H.9/10 1985