Nachricht | Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Osteuropa - Mitteleuropa - 8. Mai 1945 Bleibt wachsam!

Joanna Gwiazdecka sprach in Prag mit Miroslav Prokeš zum Jahrestag des 8. Mai 1945

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Miroslav Prokeš (rechts) bei der Verlegung von Stolpersteinen
Miroslav Prokeš (rechts) bei der Verlegung von Stolpersteinen

Joanna Gwiazdecka: Herr Prokeš, sie sind ein Mensch mit vielfältigen Interessen, politisch links und sehr aktiv, so zum Beispiel in der Umwelt- und Klimaschutzbewegung. Sie bieten aber auch ganz besondere Reiseführungen durch Prag und in Terezín (Theresienstadt) an, wo die Geschichte dieser Orte mit der Geschichte ihrer eigenen Familie zum Ausdruck kommt. In Prag und Jihlava befinden sich Stolpersteine für Familienangehörige von Ihnen. In Theresienstadt wurden ihre Eltern vier lange Jahre gefangen gehalten. Die Geschichte Ihre Familie haben Sie selbst erst spät erfahren. Warum haben ihre Eltern so lange darüber geschwiegen? 

Miroslav Prokeš: Wie viele andere überlebende Juden (die vier Eltern waren aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden) hatten sie nach der Befreiung befürchtet, dass sich so etwas wiederholen könnte, so dass sie sich entschieden, mit dem Judentum gleich Schluss zu machen, um ihre (noch nicht geborenen) Kinder davor zu schützen: «Unsere Kinder sollen nie wieder das erleben, was wir durchmachen mussten!»

Miroslav Prokeš ist Präsident der Naturfreunde Tschechiens und Mitglied der Kommunistischen Partei Böhmens und Mährens.

Joanna Gwiazdecka ist Leiterin des Regionalbüros der Rosa-Luxemburg-Stiftung für Tschechien, Slowakei, Ungarn in Prag.

Sie haben ihren jüdischen Nachnamen Porges ins tschechische Prokeš geändert, uns neugeborene Kinder mit tschechischen Vornamen katholisch getauft (mein Vorname Miroslav kommt von Frieden, etwa wie Friedrich). Bis ich achtzehn Jahre alt war, habe ich nie etwas erfahren. Und dann? Nur ganz wenig. Es ist also leicht zu verstehen, dass ich mich hauptsächlich als Mensch verstehe. 

Ihre Eltern haben sich in Theresienstadt kennengelernt und sich ineinander verliebt. Das erinnert mich an ein Buch Marek Edelmans: «Und im Ghetto wurde auch geliebt …» In seinem letzten Zeugnis berichtete einer der Aufstandsführer im Warschauer Ghetto ausdrücklich von menschlichen Gefühlen, die die Bosheit dieser Zeiten mildern oder sogar überwinden halfen. Edelman betonte ausdrücklich, dass er nie nach der Liebe im Ghetto gefragt wurde …

So will ich Sie fragen. Wie sah das Alltagsleben in Theresienstadt damals aus? Wie versuchten Ihre Eltern, sich und anderen Gefangenen diese schwere Zeit zu erleichtern …

Mein Vater hatte Jura studiert und an der Karlsuniversität in Prag promoviert, aber zuerst hatten tschechische Faschisten (1938), dann deutsche Nationalsozialisten seinen Berufsanfang und seine Karriere verhindert. Sein Hobby war Musik, er hatte auch Orchester-Dirigent studiert. Das hat sein Leben in Theresienstadt gerettet. Die Nazis wollten das Ghetto Theresienstadt der ganzen Welt als eine Musterstadt für Juden mit eigener Selbstverwaltung zeigen: «Hitler hat die Stadt den Juden gewidmet, sie spielen dort Musik, Theater oder Fuβball.» Meine Eltern organisierten dort Theater, mein Vater schrieb dort ein tschechisches Kabarett «Lacht mit uns!» – die Häftlinge waren in Stande, noch Witze über ihre Situation zu machen. Er hat die Musik komponiert, die Regie für das Stück geführt und obendrein die Hauptrolle gespielt. Meine Mutti (aus Jihlava) spielte die weibliche Hauptrolle. Dadurch haben sie sich kennengelernt und noch im Ghetto geheiratet. Sie hatten aber riesiges Glück, das alles zu überleben, denn die Hälfte der Schauspielerinnen und Schauspieler wurde später in Auschwitz ermordet.

Was bedeutete die Befreiung im Mai 1945 für die Häftlinge in Theresienstadt?

Selbstverständlich hat man vielfach über die politischen und öffentlichen Aspekte der Befreiung gesprochen. Ich möchte hingegen nach den ganz einfachen menschlichen Dimensionen fragen, wie die Gefangenen dieses Ereignis erlebt haben. Welche Gedanken hatten damals ihre Eltern und deren Freunde?

Sie waren der Roten Armee in jeder Hinsicht dankbar, die sowjetischen Soldaten hatten auf Befehl von Marschall Iwan Konew in Theresienstadt noch am letzten Kriegstag (8. Mai) etwa 20.000 überwiegend (aber nicht nur) jüdischen Häftlinge befreit und damit vor dem sicheren Tod gerettet.

Wie sah die Rückkehr ins normale Lebens aus? Wie hat man damals über die Befreiung gesprochen?

Meine Eltern hatten eine offizielle Hochzeit in Prag und bekamen eine kommunale Wohnung, wahrscheinlich von geflohenen oder ausgesiedelten Prager Deutschen. Sie erzählten über einige Fälle, bei denen sowjetische Soldaten in Prag nach Armbanduhren suchten: «Dawaj tschassy!». Aber solch geringer Preis für ein vor den Nazis gerettetes Leben war doch ganz niedrig, nicht wahr?

Mein Vater nahm mich später (1961) nach Dresden mit, zeigte mir die dortigen Trümmerberge und war sehr froh, dass Prag dieses Schicksal erspart geblieben war.

Wie schätzen Sie die heutige politische und wissenschaftliche Debatte um die Befreiung ein. Ist dieser Jahrestag in Tschechien wichtig geblieben?

Während er für Menschen meiner Generation immer wichtig geblieben ist, haben viele jüngere Menschen heute immer weniger Kenntnisse davon und zeigen auch kein größeres Interesse mehr, es sind ihnen Jahreszahlen gleichermaßen als Schulstoff, so wie das Mittelalter oder die Kreuzzüge. Sie, aber auch die mittlere Generation, sind zudem stärker beeinflusst von der der rechten Propaganda, so als sei die Befreiung nur der Anfang der sowjetischen Besatzung gewesen. Aber das ist trotz alledem kein Vergleich zu den Diskussionen in anderen Ländern, die damals Verbündete Hitlers gewesen waren oder deren Bevölkerung nachweisbar an den deutschen Massenmorden an den Juden beteiligt gewesen waren. Ich denke jetzt an Kroatien, Estland, Lettland, Litauen, Ungarn, Rumänien und auch die Ukraine: «Hitler und Stalin (oder Ribbentrop und Molotow) waren die Alleinschuldigen, alle anderen waren nur die Opfer.»

Kann man die Beseitigung des Denkmals für Marschall Konew als ein Zeichen für die neue historische Orientierung deuten?

Ja, ganz klar, eindeutig. Es ist eine groβe Schande, die da jetzt auf die Stadt Prag zurückfällt. Der vorgeschobene Vorwurf, dass Marschall Konew auch die sowjetische Invasion in die ČSSR im August 1968 vorbereitet habe, ist völlig aus der Luft gegriffen. Nach einem Besuch in Prag im Frühling 1968 hatte er sich gegen eine Invasion geäuβert. Und die moderne Legende, wonach Prag sich selbst von der deutschen Besatzung befreit habe, grenzt an Größenwahnsinn.  

Sie arbeiten als Lehrer und Reiseführer viel mit jungen Menschen zusammen. Was würden Sie der jüngeren Generationen als wichtigste Übermittlung aus Ihren Erfahrungen weitergeben …

Meine Eltern hatten leider Recht: Solche Grausamkeiten können sich auch heute wiederholen. Hass wächst wieder, diesmal weniger gegen Juden (seit 1918 hat es im Gebiet des heutigen Tschechiens nur im geringen Maße Antisemitismus gegeben), aber sichtbar gegen die Minderheit der Roma-Menschen. Im heutigen Tschechien reicht Fremdenhass von den nichtexistierenden muslimischen Immigranten, über Russen, Chinesen, US-Amerikaner, bis zu den Deutschen. Und Kommunisten sind sowieso verachtungswürdige Menschen, was ich als eine Art «politischen Rassismus» bezeichnen würde. Mit Julius Fučík würde ich den Menschen zurufen: «Bleibt wachsam!»