Nachricht | Südasien - Corona-Krise - Ernährungssouveränität Indiens Lieferketten unter Druck

Weitere Kommerzialisierung der Landwirtschaft durch Corona-Krise befürchtet

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Bäuerin bei der Reisernte (Bihar, Indien). Indiens Lebensmittelhandel zeichnet sich durch eine Vielzahl an kleinen Produzierenden aus, die ihre Ware zunächst an staatlich kontrollierte Märkte in ihrer Umgebung verkaufen. CC BY-NC 2.0, IWMI via flickr

Indiens landwirtschaftlich Beschäftigte leiden unter den Unwägbarkeiten durch die Corona-Pandemie. Die Agrarindustrie könnte von der Situation profitieren.

Die Ankündigung war für viele Menschen in Indien ein Schock: Mindestens drei Wochen Stillstand hatte die Regierung angekündigt. Premierminister Narendra Modi von der wirtschaftsliberalen hindunationalistischen Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP) ordnete Ende März den landesweiten Lockdown an – eine strenge Ausgangs- und Kontaktsperre für 1,3 Milliarden Menschen. Für den Landwirtschafts- und Transportsektor waren zunächst keine Ausnahmen vorgesehen.

Nadja Dorschner arbeitet im Asienreferat der Rosa-Luxemburg-Stiftung und beschäftigt sich unter anderem mit Ernährungssouveränität und der Transformation globaler Handelsstrukturen.

Zur finanziellen Unterstützung einer dreiviertel Milliarde Menschen, die in Indien von der Landwirtschaft leben, stellt die Regierung Sofortüberweisung an betroffene Bäuer*innen in Aussicht. Diese sind Teil eines Programms, das kurz vor den Parlamentswahlen 2019 ins Leben gerufen wurde. Denn Indiens Landwirtschaft befand sich aufgrund von Landnahme, Verschuldung und niedrigen Preisen bereits vor der Corona-Pandemie in einer tiefgreifenden Krise.

Die Projektmanager des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Neu-Delhi, Vinod Koshti und Tauqueer Ali Sabri, äußern sich allerdings skeptisch zur Umsetzung dieses Programms. Kleinere landwirtschaftliche Betriebe und Bäuer*innen, die von Subsistenzwirtschaft lebten, könnten oftmals die formalen Bedingungen zur Registrierung in den Regierungsprogrammen nicht erfüllen. Sie kritisieren außerdem, dass das Programm weitere Akteure entlang der Lebensmittellieferketten außer Acht lasse. «Menschen, die vom Verkauf, Handel oder Transport der landwirtschaftlichen Produkte leben stehen vor dem Ruin. Ihre Chancen auf staatliche Förderung sind gering», beklagt Sabri.

Wie lange der Lockdown in Indien andauert, kann derzeit niemand vorhersagen. Allerdings sind in den letzten Wochen zunehmend Lockerungen für diejenigen in Kraft getreten, die Indiens Lebensmittelversorgung sicherstellen. Koshti berichtet allerdings, dass die Ausstellung von Passierscheinen nur schleppend funktioniere. «Die Polizei kann nicht zwischen Bäuer*innen und normalen Bürger*innen unterscheiden und bestraft daher teilweise willkürlich alle, die sich auf der Straße aufhalten. Das wird zunehmend zum Problem bei der Gemüseernte.»

Der Ausbruch des Corona-Virus fällt mitten in die Erntesaison für verschiedene Getreidesorten und Hülsenfrüchte, die in Indien aufgrund der klimatischen Bedingungen nur im Winter angebaut werden können. In den kommenden Wochen wird es darauf ankommen, die Ernte trotz des Mangels an Arbeitskräften und den momentanen Lücken in den Lebensmittellieferketten einzubringen und zu vertreiben. «Bäuerliche Erzeuger*innen können nicht isoliert arbeiten», meint Tauqueer Sabri. «Sie sind in eine Vielzahl unterschiedlicher Lieferketten eingebunden.»

Indiens Lebensmittelhandel zeichnet sich durch eine Vielzahl an kleinen Produzierenden aus, die ihre Ware zunächst an staatlich kontrollierte Märkte in ihrer Umgebung verkaufen. Von dort werden die Lebensmittel über diverse Zwischenhändler weiterverkauft, bis sie bei den Konsumierenden ankommen. Der Transport entlang dieser Lieferkette ist durch den Lockdown massiv behindert. Außerdem kommt es zu Engpässen bei der Anlieferung von Erntemaschinen und Benzin sowie für Saatgut und Düngemittel, um die Aussaat der Sommersorten vorzubereiten.

Ungeachtet dessen ist die allgemeine Versorgungslage in dem südasiatischen Land stabil. Im letzten Jahr konnten ertragreiche Ernten eingefahren werden und die staatlichen Lebensmittellager sind mit Weizen, Reis und Linsen gut gefüllt. Damit kann zwar keine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung sichergestellt werden, aber zumindest die Versorgung großer Teile der Bevölkerung mit haltbaren Lebensmitteln. Dass die Versorgung weiterhin funktioniert liegt wohl auch daran, dass sich in den letzten Jahren zunehmend Vertriebswege außerhalb der staatlich kontrollierten Lebensmittelmärkte etabliert haben. Dazu zählen beispielsweise die gesicherte Abnahme der Ernte durch weiter vermarktende Unternehmen im Rahmen sogenannter Vertragslandwirtschaft oder privatwirtschaftliche Großmärkte. In der momentanen Situation werden vor allem kleinere bäuerliche Erzeuger*innen benachteiligt, die keinen Zugang zu alternativen Vertriebswegen haben.

In den nächsten Wochen könnte vor allem die Versorgung mit Obst, Gemüse und Molkereiprodukten unter den Lücken in den Lieferketten leiden. Bisher zeichnet sich das an leicht steigenden Preisen in den Großstädten ab, während die Erzeuger*innen in ländlichen Regionen ihre Ware zu billigeren Preisen abgeben müssen, um nicht auf ihrer Ernte sitzen zu bleiben. Koshti und Sabri sind aber davon überzeugt, dass eine Hungerkrise nicht befürchtet werden müsse. Not drohe allerdings all jenen, deren Einkommen durch die Krise weggebrochen ist.

Die Arbeitslosenquote hat sich in Indien seit Ende März von 8 auf 23 Prozent erhöht, wobei in Indien ohnehin mehr als 90 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung im informellen Sektor beschäftigt sind. Besonders diese Menschen sind von Hunger bedroht, weil sie meist keine finanziellen Rücklagen haben. Die Regierung steht jetzt vor der Herausforderung diese Menschen zu versorgen. Es werden offene Küchen organisiert und aus den staatlichen Lebensmittellagern werden Reis, Weizen und Linsen nach Vorlage von Lebensmittelkarten zu subventionierten Preisen verkauft. Es verfügen aber bei weitem nicht alle Bedürftigen über solche Lebensmittelkarten und gerade für Migrant*innen kommt es häufig zu Problemen bei der Inanspruchnahme, weil die Lebensmittelkarten ortsgebunden sind. Ebenso herausfordernd ist die Versorgung der vielen Wanderarbeiter*innen, die sich zu Beginn des Lockdowns an ihre Heimatorte zurückbegeben haben und dort zunächst in Quarantänelager mussten. Medienberichten zufolge erhielten diese Menschen teilweise nicht einmal eine Mahlzeit pro Tag.

Problematisch ist auch, dass die Corona-Krise gesellschaftlich auf dem Rücken religiöser Minderheiten ausgetragen wird. Davon sind vor allem Muslim*innen betroffen. Sabri erzählt, dass etwa in der muslimischen Gemeinschaft Neu-Delhis viele Leute kleine Läden und Restaurants betrieben. Ihre Geschäfte und Verkaufsstände würden zum Teil boykottiert, seitdem sich in einigen Medien verbreitet habe, dass es im Rahmen einer Feierlichkeit in einem mehrheitlich muslimischen Viertel der indischen Hauptstadt vermehrt zu Ansteckungen mit COVID-19 gekommen sei.

Besorgniserregend finden die RLS-Projektmanager außerdem, dass die Corona-Krise zur weiteren Konsolidierung der Marktmacht von Einzelhandelskonzernen und der Agrarindustrie in Indien führen könnte. Agrarökonom*innen empfehlen die nächste Erntesaison der indischen Landwirtschaft auf die Produktion von Lebensmitteln zu konzentrieren. Die staatlichen Speicher müssten wieder aufgefüllt werden, um langfristig Ernährungssicherheit gewährleisten zu können. Das könnte ein aggressives Vordringen der Agrarindustrie auf den Lebensmittelmarkt zur Folge haben.

Bereits im letzten Jahr hat die Regierung Schritte unternommen, um die landwirtschaftliche Produktivität in Indien zu steigern. Die Regelungen für die Nutzung gepachteter Flächen wurden geändert, um mehr Kapazitäten für die Landwirtschaft zu erschließen. Die Bewirtschaftung dieser Flächen wird staatlich durch den Zugang zu vergünstigtem Saatgut, Düngemittel und anderen Produktionsmitteln gefördert. Die Reformen drohen aber auch die Landkonzentration immer weiter zu Ungunsten kleinbäuerlicher Erzeuger*innen zu verschieben. Bereits jetzt besitzen 36 Prozent der Bäuer*innen in Indien kein eigenes Land und 56 Prozent weniger als einen Hektar.

Insgesamt verstärkt die Corona-Krise die Trends hinzu kapitalistisch-orientierter Landwirtschaft in Indien. Es ist zu befürchten, dass sich Landnahme und die Technologisierung der Landwirtschaft intensivieren und die Einkommensmöglichkeiten für kleinbäuerliche Erzeuger*innen weiter beschränken werden. Die Projektmanager aus Neu-Delhi meinen: «Die Bewegungen für Agrarökologie und Ernährungssouveränität in Indien könnten in die Defensive geraten und bedürfen daher besonders jetzt unserer Solidarität und Unterstützung.»