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Die Auswirkungen des Covid-19 Lockdowns auf Hausangestellte in Griechenland

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Obdachlose in Athen in Zeiten der Coronakrise 
Hausangestellte, die im Haushalt ihres Arbeitgebers leben, verlieren bei einer Entlassung nicht nur ihr Einkommen, sondern auch ihre Wohnung. April 2020: Obdachlose in Athen in Zeiten der Coronakrise, picture alliance

Häusliche Arbeit in Griechenland

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die griechische Gesellschaft in ihrem Alltag in hohem Maße auf die Arbeit von migrantischen Frauen angewiesen ist. Seit den 1990er Jahren verrichten hier Migrantinnen aus Osteuropa, Afrika und den Philippinen unverzichtbare Sorgearbeit für Kinder, Kranke, Alte sowie den Haushalt griechischer Familien aus allen gesellschaftlichen Schichten. Um die hohe Nachfrage nach häuslichen Dienstleistungen zu befriedigen, werden Arbeiterinnen durch (inländische und ausländische) Arbeitsvermittlungen, Schleuser- und Menschenhandelsnetzwerke und per Mundpropaganda zu Gemeinden mit Bedarf nach Arbeitskräften gelotst. Zwar liegen keine ausreichende Daten über die genaue Zahl der Frauen, die als Hausangestellte arbeiten, vor, doch «es wird geschätzt, dass eine von zwei migrantischen Frauen in Griechenland in der Bereitstellung von Pflege- und Haushaltsdienstleistungen arbeitet», eine der höchsten Raten unter europäischen Ländern.[1]

Es besteht kein Zweifel, dass die Arbeitsbedingungen für Hausangestellte in Griechenland höchst ausbeuterisch und in vielen Fällen missbräuchlich sind. Die Migrationsverwaltung des griechischen Staats stellt unüberwindbare legislative und bürokratische Hürden auf, um Migrant*innen daran zu hindern, Rechtsstatus im Land zu erhalten.[2] Hinzu kommt das bewusst vage Arbeitsgesetz bezüglich häuslicher Arbeit, das die Interessen der Arbeitgeber denen der Arbeitnehmer*innen klar vorzieht. Es ist also keine Überraschung, dass die meisten Hausangestellten undokumentiert bleiben und somit dem Verlangen ihrer Arbeitgeber nach kostengünstigen Dienstleistungen ausgeliefert sind.[3] Selbstverständlich hat sich diese Situation in fast zehn Jahren Wirtschaftskrise im Land noch verschlimmert.

Sie stand über mir und ließ mich das gleiche Hemd zwanzigmal bügeln. Am Ende sagte ich ihr, dass ich nicht mehr konnte, dass ich gehen würde. Nicht mal ein Tier würde so schlecht behandelt werden wie ich.

Anna, im Arbeitgeberhaushalt lebende Angestellte aus Georgien[4]

Egal ob sie im Haushalt leben oder von auswärts kommen, die Berichte von Hausangestellten über ihre Erfahrungen in Griechenland zeichnen ein düsteres Bild.[5] Der fehlende Rechtsstatus von häuslichen Arbeiter*innen führt zu besonderer Prekarität, da nicht einmal grundlegende Menschen- oder Arbeitsrechte eingefordert werden können. Das trifft besonders im Fall der an ihrem Arbeitsplatz wohnenden Hausangestellten zu. Die Abhängigkeit vom Arbeitgeber beschränkt sich hier nicht auf den Lohn (mit dem sie ihre Familien zu Hause unterstützen und hohe Schulden an Arbeitsvermittlungen, Kredithaie und Schleusernetzwerke abbezahlen), sondern betrifft auch ihre Unterkunft und das alltägliche Überleben. Von Verhaftung und Abschiebung bedroht und vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten, finden sie sich jeweils in den Arbeitsbedingungen gefangen, die ihre Arbeitgeber für angemessen halten. Das kann heißen, einer gewaltigen Anzahl von Aufgaben nachkommen zu müssen, von der Pflege junger und älterer Familienmitglieder über das Kümmern um Haustiere bis hin zum Kochen, Bedienen, Reinigen, Bügeln und der Erledigung von Haushaltsarbeit in mehreren Besitzständen einer Familie. Von diesen Arbeiter*innen wird oft erwartet, dass sie an allen Stunden des Tages arbeiten, ohne Zeit für Erholung, mit nur wenigen freien Tagen und oft unter Mangel an Privatsphäre oder Rückzugsmöglichkeiten. Es wird verlangt, dass sie immer verfügbar sind, ohne aber Raum einzunehmen. Ihre Anwesenheit soll nicht auffallen. In vielen Fällen sind Frauen in derartigen Umständen auch psychologischem Missbrauch oder sogar sexueller Belästigung durch ihre Arbeitgeber ausgesetzt, die Dienst und Unterordnung um jeden Preis verlangen. Und das alles im Austausch gegen einen sehr niedrigen Lohn und ohne Krankenversicherung oder grundlegende Leistungen für Arbeitnehmer*innen wie Rente oder Krankengeld. Es ist deshalb nicht überraschend, dass viele Hausangestellte ihre Arbeitsbedingungen mit Sklaverei vergleichen.

Auswärtig lebende Hausangestellte müssen wiederum das finanzielle Überleben mit einem äußerst niedrigen Gehalt (das verwendet wird, um Miete und Rechnungen zu bezahlen, eigene Kinder zu versorgen und Geld nach Hause zu schicken) und ohne die Möglichkeit von Sozialleistungen sowie prekäre Schichtarbeit für verschiedene Arbeitgeber in oft entgegengesetzten Teilen der Stadt jonglieren. Darüber hinaus müssen sie mit dem Stress umgehen, undokumentiert zu sein, und mit dem Risiko von Bußgeldern, Schikanen und Haftstrafen durch Polizei und Staatsbeamte leben.

Die Ausgangssperre überleben

Die plötzlichen Lockdowns der Regierungen weltweit in Reaktion auf die Bedrohung durch das Covid-19-Virus haben in den betroffenen Gesellschaften neue Maßstäbe gesetzt. Der Aufruf der griechischen Regierung zur «Selbstisolation», gefolgt von Ausgangssperren, die die Bewegungsfreiheit der Menschen außerhalb ihrer Wohnstätten einschränken, sind zweifellos belastend für die Ungesichtertsten in der Gesellschaft – diejenigen ohne eigenes Zuhause und diejenigen ohne Aufenthaltsstatus. Hausangestellte in Griechenland gehören beiden Kategorien an.

Die Arbeitgeber sagten mir, dass ich nicht wiederkommen soll; sie sind wegen des Virus besorgt und sagen, dass sie mich nicht brauchen. Ich weiß nicht, wie ich überleben werde oder was passieren wird.

Ulyana, eine Hausangestellte aus der Ukraine

Viele migrantische Frauen, die hauptsächlich als auswärtige Hausangestellte tätig sind, berichten, dass der gesellschaftliche Stillstand ihren Arbeitsplatzverlust nach sich gezogen hat, weil ihre Arbeitgeber entweder Angst vor Infektion durch zusätzliche Personen in ihrem Haushalt haben oder angesichts einer möglichen Verringerung ihres eigenen Einkommens durch die Covid-19-Krise ihre Ausgaben senken wollen.[6] Im Falle der im Haushalt lebenden Arbeiter*innen wirkt eine mögliche Entlassung insofern verschärft, als dass sie zusätzlich obdachlos werden.

Weil der Mehrheit der Hausangestellten ein legitimer Rechtsstatus fehlt, sind sie für die von der Regierung zur Linderung der finanziellen Folgen der Covid-19-Krise bereitgestellten staatlichen Notfall- und Arbeitslosenunterstützungen nicht anspruchsberechtigt. Einige Frauen könnten in ihren migrantischen Gemeinschaften Unterstützung finden, durch Netzwerke freundschaftlicher Verbindungen, temporäre Gästehäuser oder informelle Gemeinschafts- und Kirchenstrukturen. Mit Blick auf den undokumentierten Status der meisten Mitglieder dieser Gemeinschaften und der begrenzten Ressourcen sind Armut und Elend jedoch ernsthafte Bedrohungen für die meisten der entlassenen Hausangestellten.

Gleichzeitig schafft die Zunahme an polizeilichen Überprüfungen und Kontrollen im öffentlichen Raum ein noch größeres Hindernis für das alltägliche Überleben aller undokumentierten Migrant*innen. Die reale Möglichkeit von Verhaftung, Internierung oder Abschiebung gestaltet die Bewältigung von alltäglichen Aufgaben wie der Anreise zur Arbeit (für diejenigen, die noch angestellt sind), der Beschaffung grundlegender Nahrungs- und Arzneimittel oder der Überweisung von Geld an Angehörige als äußerst schwierig. Der gesteigerte Stress und die psychologischen Auswirkungen des Lebens unter Ausgangssperre sind für diejenigen, die ohne Rechtsstatus leben, deutlich schlimmer.

Ich kann das Haus [des Arbeitgebers] nicht verlassen, es ist mir nicht erlaubt. Ich habe Angst, dass ich mir den Virus einfange und krank werde oder dass ich den älteren Herrn krank mache.

Rusudan, im Arbeitgeberhaushalt lebende Hausangestellte aus Georgien

Für diejenigen, die weiterhin im Haushalt lebend angestellt sind, hat die Ausgangssperre die Erfahrung extremer Isolation und den Zustand kompletter Abhängigkeit vom Arbeitgeber verschlimmert. Viele Hausangestellte sind momentan zusammen mit ihren Arbeitgeber*innen in der «Selbstisolation» gefangen, abgeschnitten von den Unterstützungs- und Freundschaftsnetzwerken, zu denen sie sonst an ihren wenigen freien Tagen im Monat Zugang haben. Viele Frauen, die als im Haushalt lebende Dienstmädchen arbeiten, beschreiben ihre freien Tage als Rettungsanker und Draht zur Außenwelt: als Motivation, es durch die Woche zu schaffen, die Tage zählend, bis sie ihre Freund*innen wiedersehen, zur Kirche gehen oder mit Landsleuten sozialisieren können. Es ist auch der Tag, an dem sie wichtige Aufgaben wie die Überweisung von Geld in ihr Heimatland, ausführen können. Das plötzliche Wegfallen dieser Strukturen kann einen sehr negativen Effekt auf die psychische Gesundheit der an ihrem Arbeitsplatz lebenden Frauen haben, ganz zu schweigen vom Wegfall der Möglichkeit, psychologischem Missbrauch oder sexueller Belästigung durch die Arbeitgeber*innen zu entgehen.

Letztendlich bedeutet ihr undokumentierter Status auch, dass Hausangestellte wenig bis keinen Zugang zur staatlichen Gesundheitsversorgung haben, sodass es für sie beinahe unmöglich ist, bei Krankheit behandelt zu werden. Aus diesem Grund und aufgrund ihrer Ausbeutung durch den privaten und staatlichen medizinischen Sektor leiden undokumentierte Migrant*innen generell unter schlechter Gesundheit. Sie müssen oft hohe Arztrechnungen bezahlen, da sie keine Krankenversicherung haben, die die Kosten übernimmt. Auch gibt es zahlreiche Berichte über Vorfälle von medizinischer Gewalt gegen Migrant*innen[7] in Form von rassistischem oder sexistischem Missbrauch beziehungsweise nachlässigen oder unethischen Praktiken durch Ärzte und medizinisches Personal.[8] Diese Faktoren machen eine ernsthafte Erkrankung für undokumentierte Menschen in Griechenland zu einer besonderen Bedrohung.

Nach Covid-19

Die Gesamtwirkung der Lockdown-Maßnahmen auf die Gesellschaft kann noch nicht vollständig eingeschätzt oder bewertet werden. Sicher ist jedoch, dass der derzeitigen Gesundheitskrise Finanzkrisen folgen werden, welche zweifellos auch die griechische Wirtschaft treffen werden. Seit der globalen Finanzkrise 2010 haben die negative Auswirkungen auf Löhne, Renten, den Zugang zur Gesundheitsversorgung und dem Sozialversicherungssystem die allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen eines Großteils der Bevölkerung stark beeinflusst. Für diejenigen, die bereits prekäre, unsichtbare Leben ohne Dokumente leben, stellt eine mögliche erneute Wirtschaftskrise eine reale Bedrohung der Überlebenschancen dar. Die Senkung der Löhne und der Anstieg der Arbeitslosigkeit wird den Weg zum Aufenthaltsrecht noch weiter erschweren. Das bedeutet, dass sich die Ausbeutung von undokumentierten häuslichen Arbeiter*innen in der griechischen Gesellschaft zweifellos verschlimmern wird, falls das bestehende Klima wirtschaftlicher Unsicherheit in den kommenden Monaten und Jahren anhalten sollte.
 

[Übersetzung von Vincenzo Döring und Lisa Jeschke für Gegensatz Translation Collective.]


[1]Danai Angeli, «Migrant Domestic Workers and Human Trafficking in Greece. Expanding the Narrative», Journal of Immigrant & Refugee Studies 15, Nr. 2(2017), S. 188.

[2]Für einen Bericht über den Widerstand des griechischen Staates gegenüber der Legalisierung von Migrant*innen, siehe Vassilis Papastergiou und Eleni Takou, Eleven Myths and Even More Truths. Migration in Greece, erste Auflage (Athen: Rosa Luxemburg Stiftung, 2014), S. 6.

[3]Angeli, «Migrant Domestic Workers».

[4]Hausangestellte, die im Haushalt des Arbeitgebers leben, müssen Vollzeit als Hausmädchen, Kindermädchen, Haushälter*innen und/oder Pfleger*innen verfügbar sein, während außerhalb lebende Hausangestellte im eigenen Zuhause leben und ihre Leistungen in einer oder mehreren der erwähnten Rollen einem oder mehreren Arbeitgebern anbieten.

[5]Für einen ausführlichen Bericht über die Erfahrung ukrainischer Hausangestellter, siehe Nikos Xypolytas, Εσωτερική οικιακή εργασία: Η συμβολή της οικογένειας και των σχέσεων αλληλεγγύης στην αναπαραγωγή της εργασίας [Im Haushalt lebende Angestellte. Der Einfluss von Familien- und Solidaritätsbeziehungen in der Reproduktion von Arbeit] (Athen: Papazisis, 2013).

[6]Natasha Blatsiou, «Οικιακές Βοηθοί με μηδενικό εισόδημα και ανασφάλιστες» [Hausangestellte ohne Einkommen und Versicherung], Kathimerini, 3. April 2020.

[7]Alexandra Tzavella, «Κηλίδες ρατσισμού πάνω στην άσπρη μπλούζα» [Rassismusflecken auf der weißen Weste], Eleftherotypia, 24. Mai 2013.

[8]Omaira Gill, «Greek hospitals deepen trauma for refugee women giving birth,» theguardian.com, 19. Dezember 2016.