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Bekenntnisse einer widerwilligen Verhandlungssüchtigen – oder: Warum ich immer und überall auf Klimaaktivismus beharre und andere es ebenso tun sollten.

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Tetet Lauron,

Tetet Lauron

Ich weiß ganz ehrlich nicht, wie ich auf die Frage reagieren soll, wie lange ich denn die Klimaverhandlungen bereits „verfolgt“ oder an wie vielen COPs, den UN-Klimakonferenzen, ich schon teilgenommen habe. Sollte ich stolz darauf sein, zu den „Profis“ zu gehören, oder mich in Zeiten von „Flugscham“ doch eher zurückhalten, weil ich mit meinem CO₂-Fußabdruck durch all die Flüge zu diesen hochrangigen Treffen zur globalen Klimaerwärmung beitrage – und das, obwohl ich gerade mal den Status einer Beobachterin innehabe?

Tetet Nera-Lauron ist eine philippinische Klimaaktivistin, sie engagiert sich unter anderem im „People’s Movement on Climate Change“ und bei „Climate Justice Now!“. Nera-Lauron ist außerdem für die Rosa-Luxemburg-Stiftung tätig. Übersetzung: Cornelia Gritzner.

Ganz sicher habe ich an viel zu vielen COPs teilgenommen (die nächste UN-Klimakonferenz in Glasgow wird bereits meine zwölfte sein!), ohne dass ich sagen könnte, dass ich die komplexe internationale Klima-Diplomatie wirklich durchblicke. Auch verstehe ich nicht, wie es sein kann, dass der Klimawandel trotz der schönen Reden auf der Weltbühne, zur Dringlichkeit des Handelns in dieser Klimakatastrophe, nach einem Vierteljahrhundert der Klimaverhandlungen ein noch größeres Problem darstellt als zuvor. Und nicht zuletzt bin ich nicht in der Lage, zu erklären, warum mein Herzschlag stets einen Moment aussetzt, wenn ich erlebe, wie Verhandlungsführer*innen aus Entwicklungsländern sich derart ins Zeug legen, um die reichen Nationen dazu zu drängen, ihre Verantwortung einzugestehen. Ihre Verantwortung dafür, dass sie im Rahmen einer jahrhundertelangen Kolonialgeschichte am stärksten zu diesem Problem beigetragen haben und im Kontext aktueller neoliberaler und ungerechter Handels- und Investitionsabkommen weiter dazu beitragen – und deshalb auch für die massive Zerstörung der Lebensgrundlagen und des Lebens vieler Menschen, besonders im globalen Süden, geradezustehen haben.

Immer wieder haben mir die wenig ambitionierten und ungerechten Ergebnisse der COP-Treffen das Herz gebrochen, in dem Wissen nämlich, dass Verhandlungen ohne ehrgeizige Ziele, die der Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit der Klimakrise gerecht werden, das Leben und die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen, besonders im globalen Süden, einem noch größeren Risiko aussetzen – über den tagtäglichen Kampf hinaus, den wir bereits heute im Angesicht von Armut, dem Fehlen von Land und Arbeitsplätzen sowie der Verletzung von Menschenrechten führen müssen. Ich verspüre eine enorme Wut, wenn ich sehe, dass Unternehmen nun als der „Schlüssel“ zur Lösung der Klimakrise gefeiert werden, obgleich sie Menschen im Zuge ihres ungebremsten Profitstrebens und der massiven Extraktion von globalen Ressourcen ausbeuten und unterdrücken und deshalb diejenigen sind, die die Verantwortung für diese immense und existenzielle Bedrohung tragen.

Ich habe unzählige Male mit Aktivist*innen diskutiert, ob die internationale Diplomatie und die Vereinten Nationen effizient genug sind, um den aktuellen globalen Herausforderungen gewachsen zu sein, ob wir zur kontinuierlichen Legitimierung beitragen und durch unseren „Einsatz“ eher eine falsche Illusion der Hoffnung wecken und ob wir unsere Kraft nicht lieber für die Organisierung und Mobilisierung von unten einsetzen sollten.

Die Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen haben sich einer Doppelstrategie des „Innen wie außen“ verschrieben („innen“ bezeichnet recht simpel definiert Lobbying/Advocacy-Arbeit für politische Reformen, während „außen“ für Mobilisierungen und Protestaktionen, also das Handeln sozialer Bewegungen steht). Ich selbst habe ganz bewusst versucht, zu vermeiden, in diesem „Innen“-Bereich zu arbeiten, weil ich immer das Gefühl hatte, dass das eher Leuten vom Fach und Nerds vorbehalten bleiben sollte.

Gleichzeitig bin ich jedoch auch zu der Überzeugung gelangt, dass wir als Linke mehr Verständnis und Wertschätzung für die Kämpfe um einen transformativen Wandel entwickeln sollten. Es geht nicht um eine Wahl zwischen „innen“ und „außen“, sondern darum, dass die Linke versteht, dass diese beiden Räume untrennbar miteinander verbunden und sowohl Lobby- als auch Kampagnenarbeit vonnöten und für die Sache zentral sind.

Im zwischenstaatlichen Bereich ist Lobby-Arbeit erforderlich, weil die Gemeinschaften, die am stärksten von der Klimaungerechtigkeit betroffen sind, ebensolche Reformen einfordern, etwa die Bereitstellung von Finanzmitteln für Anpassungsmaßnahmen oder den Ausgleich von Verlusten und Schäden. Es liegt in der Verantwortung der Zivilgesellschaft, diese Forderungen von der Basis aufzugreifen – speziell im Fall jener Menschen, die gar keinen Zugang zu solchen politischen Räumen haben. Es ist essenziell, dass die Zivilgesellschaft ganz genau hinschaut und die Erwartungen an die politische Führung hochhält, denn solche Verhandlungen sind oft ein Kampf um Kompromisse, vergleichbar mit einem Kuhhandel. Die Zivilgesellschaft hat hart dafür gekämpft, in diesen Räumen gehört zu werden. Unsere Beteiligung – als Beobachter*innen, die Zugriff auf Dokumente und Delegationen haben und Inputs und Interventionen einbringen können – wurde uns nicht auf dem Silbertablett serviert. Und selbst jetzt, wo sich der Spielraum für politische Einflussnahme immer weiter verengt, sollten wir auf diese Möglichkeit nicht freiwillig verzichten, da es andere gibt, die diesen Raum liebend gerne an unserer statt einnehmen würden.

Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass der Planet im Zuge dieser internationalen Diplomatie der Staatsoberhäupter weltweit so lange weiterbrennen wird, wie sich die politischen Rahmenbedingungen nach geopolitischen, wirtschaftlichen und Unternehmensinteressen richten. Und genau hier sollten wir ansetzen und diesen Sachverhalt der Weltgemeinschaft näherbringen, wir uns am Aufbau starker Bewegungen von unten beteiligen, die eine Welt erschaffen, die besser, gleicher und gerechter ist.

Die Bevölkerung hält bereits Lösungen für die Klimakrise bereit, und zwar solche, die zugleich der globalen Ungleichheit ein Ende setzen würden. Beim Klimawandel geht es letzten Endes um politische Ökonomie, weshalb die Antworten auch über rein technische Debatten zur Reduzierung des CO₂-Anteils in der Atmosphäre oder die Begrenzung der Klimaerwärmung auf einen bestimmten Wert hinausgehen müssen. Klimagerechtigkeit geht einher mit einem holistischen, intersektionalen und multidimensionalen Kampf, der uns in die Lage versetzt, eine bessere Welt für die Menschheit und den Planeten zu denken.

Die Vereinten Nationen stehen vor schweren Herausforderungen, und ein weiteres Versagen in dieser Angelegenheit könnte dazu führen, dass sie als Institution an Relevanz einbüßen und die Menschen sich erheben und ihre Hoffnung anderswo schöpfen.