Nachricht | Kapitalismusanalyse - Soziale Bewegungen / Organisierung - Klimagerechtigkeit Höllenjahrhundert oder Klimawende

Der Klimawandel ist die Folge menschlichen Handelns. Das ist schlimm, heißt aber auch: Wir können etwas tun.

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30. Dezember 2019: Foto zur Verfügung gestellt von der Regierung von Victoria, ein Hubschrauber bekämpft ein verheerendes Feuer in East Gippsland, Bundesstaat Victoria, Australien. Waldbrände in den beiden bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Australiens haben die Bewohner einer Küstenstadt am Dienstag, dem 31. Dezember, unter apokalyptischen Bedingungen gefangen gehalten. Es wurde befürchtet, dass sie viele Grundstücke zerstört und Todesfälle verursachen werden.

Vor 450 Millionen Jahren starben 86 Prozent aller Arten aus, 70 Millionen Jahre später waren es 75 Prozent, 50 Millionen Jahre darauf 80 Prozent und vor 80 Millionen Jahren noch einmal geschätzte 75 Prozent, andere Schätzungen gehen von 98 Prozent aus.

Kathrin Gerlof ist freie Autorin, Journalistin und Redakteurin der monatlich erscheinenden Zeitung "OXI Wirtschaft anders denken". Ihre Bücher erscheinen beim Aufbau Verlag Berlin

Nichts davon hatte mit dem Menschen zu tun, der trat erst später auf die Bühne. Und er ist weit gekommen. So weit, dass er seit Beginn des Industriezeitalters alle Voraussetzungen dafür geschaffen hat, seine Lebensgrundlagen so nachhaltig zu zerstören, dass er als Spezies vom Planeten verschwindet. Der Mensch ist im Holozän auf der Bildfläche erschienen und gestaltet in dem nach ihm benannten Zeitalter Anthropozän die Welt nach seinen Vorstellungen um. Dass sie mit all ihren Schätzen und Ressourcen zwar groß, aber doch endlich ist, beginnt er jetzt zu begreifen. Vom Verstehen zum Handeln ist es ein weiter Weg. Und gerade reden wir darüber, dass wir zwar möglicherweise den Weg oder die Wege finden, aber die Zeit nicht reicht, sie dann auch einzuschlagen.

Dies wäre die alarmistische und somit wenig hilfreiche Lesart einer Entwicklung, die wir wahlweise mit „Klimawandel“ oder „Klimakrise“ beschreiben. Wobei es klug ist, weil organisch damit verbunden, das Artensterben als Folge menschlichen Handelns einzubeziehen. Weltweit ist davon bereits ein Drittel aller Arten betroffen. Hierzulande haben wir zum Beispiel seit 1800 rund 80 Prozent der heimischen Vogelarten verloren. Auf 60 Prozent der Erdoberfläche ist die biologische Vielfalt so ausgedünnt, dass die Ökosysteme nicht mehr gut funktionieren.

Alarmismus aber hilft nicht, weil daraus häufig Lethargie oder, schlimmer noch, Resignation erwächst. Den Ernst der Lage zu beschreiben und zu sagen, dass wir entweder jetzt handeln müssen oder es laufen und uns somit gehen lassen können, ist kein Alarmismus. Vorausgesetzt, wir vertrauen auf das, was Wissenschaftler als Fähigkeit zur kumulativen kulturellen Evolution bezeichnen. Oder einfacher gesagt: Problembewusstsein, gemeinsame Lösungssuche, kollektiv vernünftiges Handeln. Eine Frage des Überlebens und somit längst dem Bereich des bloß Theoretischen entwachsen.

Der Beginn der industriellen Revolution ist zwar die Zäsur, aber vergessen werden sollte nicht, dass mehr als die Hälfte des durch das Verbrennen fossiler Energieträger ausgestoßenen Kohlendioxids in den vergangenen drei Jahrzehnten in die Atmosphäre gelangte.

Vor 28 Jahren präsentierten die Vereinten Nationen ihre Klimarahmenkonvention. 20 Jahre zuvor hatte der „Club of Rome“ die Grenzen des Wachstums aufgezeigt und zwölf Zukunftsszenarien beschrieben. Sechs davon formulierten bei einem „Weiter so“ verschiedene daraus resultierende Möglichkeiten des Zusammenbruchs. Die Zusammenfassung, die damals kaum jemand hören wollte und heute noch immer nicht genügend Menschen hören wollen, lautete: Wenn wir zulassen, dass unser ökologischer Fußabdruck größer wird, als es der Planet zulässt, werden wir die Folgen nicht mehr ausbügeln können. Seitdem wachsen weltweit die Bruttoeinkommen, die Bevölkerungen, die CO₂-Emissionen, die Verbräuche an fossilen Brennstoffen, steigt die Durchschnittstemperatur, erwärmen sich die Meere, schmelzen die Polkappen.

1997 wurde mit dem Kyoto-Protokoll festgeschrieben, dass eine Erwärmung der Erdatmosphäre um zwei Grad als Grenzwert zur weltumspannenden Katastrophe gilt. Die zwei Grad erreichen wir mit allergrößter Wahrscheinlichkeit, weshalb sich politisches Handeln heute eher mit der Bewältigung der Klimakrise beschäftigt und beschäftigen muss als mit ihrer Verhinderung. Verhindern lässt sie sich nicht mehr. Umso erstaunlicher ist, dass jenes Ende vergangenen Jahres verabschiedete „Klimapaket“ der Bundesregierung es mit einem Einstiegspreis von zehn Euro pro emittierte Tonne CO₂ tatsächlich schaffte, die kühnsten Befürchtungen zu überbieten. Solche Entscheidungen kommen der Leugnung des Klimawandels ziemlich nahe.

Was tun, wenn Nichtstun keine Option ist?

Lösungen müssen politisch ausgehandelt und in Verträge und Verpflichtungen gegossen werden. Weltweit und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass jene, die am meisten unter den schlimmen Entwicklungen des Klimawandels leiden und leiden werden, am wenigsten dazu beigetragen haben und beitragen. Es geht also um Umverteilung, Schuld- und Schuldenabbau und Wachstumsverzicht überall dort, wo am meisten produziert und verbraucht wird, bei gleichzeitiger Verlagerung sämtlicher Folgekosten auf ärmere Länder, beziehungsweise in staatliches Handeln, das zugleich als Zulieferer ökologisch verheerender und grenzenlos profitorientierter Unternehmensstrategien missbraucht wird.

Dass diese Lösungen allerdings überhaupt entwickelt, in Betracht gezogen und vertraglich gebunden werden, sollte von der Politik oder besser den Politiken nicht erhofft und erwartet werden. Man kann sie dazu zwingen, aber dafür braucht es eine weltweit starke und stärker werdende Klimabewegung in all ihren unterschiedlich organisierten und agierenden Facetten. Denn „Politik ist das, was möglich ist“, so hat es Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert.

Wenn man es aber der Politik überlässt, allein darüber zu bestimmen, was möglich ist, dann wird sie auch in Zukunft nicht das tun, was nötig ist. Das heißt, ihr darf nicht überlassen werden, zu definieren, was sie für machbar hält – immer die nächste Wahl im Blick. Sonst bleibt es bei zehn Euro pro emittierte Tonne CO₂ und Klimagipfeln, bei denen wider alle Vernunft allein nationalstaatliche Interessen das Maß des Verhandelbaren bestimmen.

Die gute Nachricht lautet: Diese weltweit starke und stärker werdende Klimabewegung gibt es. Sie besteht bei Weitem nicht nur aus „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“. Stattdessen nährt sie sich aus Bewegungen, Initiativen, Widerständen, Organisationen überall auf der Erde. Und sie nährt sich aus dem Sachverstand wissenschaftlicher Expertise, die noch nicht alle (niemals alle), aber ausreichend Informationen, Erkenntnisse und Vorschläge an die Hand gibt, dass die notwendige Forderung nach vernünftigem Handeln nicht als Luftschloss formuliert werden muss.

Die weltweite Klimabewegung setzt nicht, wie die Politik, auf die Selbstregulierungskräfte des Marktes, die Stärke und Fantasie des kapitalistischen Systems und die Versprechen technischen Fortschritts und neuer, grüner Deals. Weil es Märchen sind und der süß-klebrigen Melodie einer Warteschleife gleichen.

Die Wissenschaft spricht von knapp 30 Jahren, die noch zur Verfügung stehen, um den Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen zu schaffen und auf Null-Emissionen zu kommen. Noch nicht mal eine Generation. Deutschland stößt jährlich 866 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus und ist damit weltweit einer der größten Treibhausgasemittenten. Gegenwärtig besteht Politik wesentlich darin, herumzurennen, mit dem Finger auf andere zu zeigen und „Haltet den Dieb!“ zu schreien. Bei den Klimabewegungen funktioniert der billige Trick nicht mehr. Das allein ist schon Ermutigung.

Staubsturm und Brände im Tschad. Der regionale Wasserbedarf und vielleicht auch der Klimawandel haben die Oberfläche des Sees dramatisch geschrumpft, und es sind Sanddünen (Bräunungsstreifen) zu sehen, die in die dichte Vegetation um den kleinen See herum eindringen. Verstreute Brände (rote Punkte) wurden entdeckt.