Nachricht | Ungleichheit / Soziale Kämpfe - Geschlechterverhältnisse - Feminismus - Klimagerechtigkeit Stimmen, die bislang wenig Gehör finden

There is no climate justice without gender justice: feministische Perspektiven für mehr Klimagerechtigkeit

Information

Autorin

Nanna Birk,

Zwei Mütter und Kinder außerhalb einer Schule, Bacolod City, Western Visayas, Philippinen. CC BY-ND 2.0, Brian Evans

Überall auf der Welt erheben feministische Aktivistinnen* ihre Stimmen und ergreifen große oder kleinere Maßnahmen für Klimagerechtigkeit sowie Frauen- und Menschenrechte. Ihre Proteste sind laut und divers. Häufig sind es Feministinnen*, indigene Aktivistinnen*, Women of Color, Trans*-Menschen, die Klimagerechtigkeitsproteste in ihren Gemeinden auch anführen. Das zentrale Anliegen bleibt dabei gleich: Der Klimawandel darf nicht als allein stehende Krise behandelt werden. Er ist vielmehr ein Symptom unserer wachsenden Industriegesellschaften und von deren Umgang mit unserer Erde.

Nanna Birk arbeitet für den Verein LIFE Bildung Umwelt Chancengleichheit e. V. Dort setzt sie sich unter anderem mit internationalen Gender-Aktivistinnen* für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der internationalen Klimapolitik ein.

Daher müssen Gesellschaften und ihre strukturellen Aspekte, inklusive ihrer Geschlechterverhältnisse, im Mittelpunkt von klimapolitischen Maßnahmen stehen. Frauen und Männer sind keine homogenen Gruppen. Auch ist das Geschlecht weder unveränderlich noch binär. Dennoch prägt es entscheidend gesellschaftliche Rollen und führt zu weltweit anhaltenden traditionellen hierarchischen Geschlechterdifferenzen. Diese Ungleichheiten haben unter anderem auch systematische unterschiedliche Wahrnehmungen bezogen auf den Klimawandel zur Folge. Natürlich spielt dabei nicht nur Gender eine Rolle, sondern es überschneidet sich mit anderen sozialen Dimensionen wie Klasse, „race“, Alter, Behinderung. All diese Faktoren führen bei Menschen zu potenziellen Benachteiligungen oder Privilegien und wirken sich auch auf deren Fähigkeit aus, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Weltweit haben Frauen eingeschränktere Rechte und eingeschränkteren Zugang zu Ressourcen und Macht sowie zu eigenen Entwicklungsmöglichkeiten. Auch in der Klimapolitik finden ihre Stimmen bislang wenig Gehör. Anhaltende globale Ungerechtigkeiten, patriarchale Strukturen, die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit, systematische Barrieren und unterschiedliche Bedürfnisse von Frauen und Männern führen zu politischen, ökonomischen und sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern.

Sprechen wir über die Klimakrise, drücken sich diese Ungleichheiten so aus, dass Frauen überproportional die negativen Auswirkungen des Klimawandels erleben. Allen voran besonders marginalisierte Frauen* ohne Zugang zu öffentlicher Infrastruktur oder an besonders betroffenen Orten des Klimawandels, wie Küstenregionen. Meist sind sie es, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Dennoch ist es falsch, Frauen generell als vulnerabler (verletzbarer) zu stereotypisieren. Denn ihre Vulnerabilität wird durch ungleiche Geschlechterverhältnisse in Bezug auf Verteilung von Macht, Ressourcen und Reichtum konstruiert.

Ein Blick auf den lebensnotwendigen Bereich der Landwirtschaft verdeutlicht es. Klimawandelbezogene Verletzlichkeiten hängen von Anbaupraktiken, Saatgut, Zugang zu Land, Wasser, zu landwirtschaftlichen Geräten, Düngemitteln, Krediten usw. ab. Doch Frauen und Männer haben nicht den gleichen Zugang und das gleiche Wissen über diese Dinge. Dabei sind viele Kleinbäuerinnen* Frauen. Wenn klimapolitische Maßnahmen aufgesetzt werden, die nur auf verbesserte Technologien von Betrieben setzen, kann das die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern weiter verstärken. Anhaltende Geschlechterverhältnisse führen auch dazu, dass Ernteausfälle, Naturkatastrophen und Konflikte, klimawandelbedingte Krankheiten, Wasser oder Energiearmut sich unterschiedlich auf Frauen und Männer auswirken. Wird Gender bei klimapolitischen Maßnahmen nicht berücksichtigt, können sich bestehende Ungleichheiten weiter verschärfen und bereits erzielte Fortschritte für eine gerechtere Gesellschaft werden wieder zurückgedreht.

Laut einer ILO-Studie aus dem Jahr 2018 leisten Frauen und Mädchen weltweit täglich 12,5 Milliarden Stunden unbezahlte Fürsorge- und Pflegearbeit, was zu massiven ökonomischen Ungleichheiten führt. Durch die Klimakrise wird das Aufkommen für Nahrungsmittel, Wasser, Holz erschwert und Krankheiten werden sich verschlimmern. Das wiederum wird den Arbeitsaufwand für diese unbezahlten Sorgetätigkeiten stark erhöhen, was sich einseitig negativ auf die Zeit und Anpassungsfähigkeit von Frauen* auswirkt.

Blicken wir auf die Teilhabe und Möglichkeiten zur Mitwirkung an klimapolitischen Prozessen und Entscheidungen, sind Frauen weltweit und besonders in den Bereichen Energie und Verkehr unterrepräsentiert. Nur zwölf Prozent der weltweiten Umweltministerien wurden 2015 von Frauen geführt. Frauen* mit lokalen Erfahrungen, Indigene usw. erhalten häufig noch nicht mal Informationen über anstehende lokale klimapolitische Maßnahmen oder Beteiligungsmöglichkeiten, auch wenn es ihnen offiziell zusteht. Mit der Folge, dass ihre Perspektiven und Bedürfnisse oftmals nicht berücksichtigt werden. Sollen nachhaltige Entscheidungen getroffen werden, müssen direkt vom Klimawandel Betroffene fester Bestandteil von Entscheidungsprozessen zum Klimawandel werden.

Die Unterschiede gehen aber über die Betroffenheit hinaus und finden sich auch in den unterschiedlichen Präferenzen bei Klimaschutzmaßnahmen wieder. Ferner prägen anhaltende Ideale von Weiblichkeit und Männlichkeit auch gesellschaftliche Konsumgewohnheiten, zum Beispiel wie wir uns ernähren oder mobil sind, was wiederum Auswirkungen auf unsere individuellen Klimabilanzen hat.

Reden wir über Gender, dreht es sich häufig mehrheitlich um Frauen. Aber natürlich haben auch Männer* besondere Verletzlichkeiten, die berücksichtigt werden müssen. Entscheidend ist aber, dass wir über die Anerkennung dieser Genderunterschiede hinauskommen und unseren Blick auf die strukturellen Aspekte lenken, um diese Strukturen zu transformieren.

Wenn wir Klima- und Geschlechtergerechtigkeit ernst meinen, brauchen wir dringend auch eine neue Form des Miteinanders. Dazu gehört eine gerechtere Verteilung von Sorgearbeit sowie politischer, ökonomischer und sozialer Macht. Und dazu gehört ebenso die Anerkennung von feministischen Klimagerechtigkeitskämpfen. Eine intersektional feministische Perspektive kann dabei helfen, diese zu finden und eine ambitionierte und transformative Klimapolitik zu schaffen.