Nachricht | Zwei Publikationen zur Nahostpolitik der DDR

Kritische Würdigung zweier Neuerscheinungen

Drei Jahrzehnte nach Mauerfall und deutscher Vereinigung sieht sich die Öffentlichkeit erneut mit zahlreichen Publikationen konfrontiert, die die DDR-Realität widerzuspiegeln suchen und zumeist als Schwarz-Weiß-Abrechnung mit der «SED-Diktatur» daherkommen. Zwei Sachbücher widmen sich der Nahost- und Israelpolitik und damit einem besonders brisanten Kapitel deutscher Zeitgeschichte.

Der US-Historiker Jeffrey Herf charakterisiert seine umfangreiche Studie als «Geschichte der antiisraelischen Politik und Aktivität des ostdeutschen Staates und der westdeutschen linksextremen Organisationen» (S. 16). Recherchen in ost- und westdeutschen sowie US-amerikanischen Archiven führten nicht nur zu bereits bekannten Fakten, sondern auch zu bisher kaum reflektierten Dokumenten, konzentriert auf die Jahre 1967 bis 1989. In der Tat bildete der Sechstagekrieg eine Zäsur in der Israelpolitik der osteuropäischen Staaten, die 1967 mehrheitlich ihre Botschafter aus Tel Aviv abberiefen. Gleichermaßen gravierende Einschnitte in der Haltung der DDR-Führung zu Israel stellten freilich die Jahre 1956 und 1985 dar. Bedauerlicherweise räumt der Autor den weniger konfrontativen Phasen ostdeutsch-israelischer Beziehungen während der ersten Nachkriegsjahre und nach 1985 kaum Platz ein.

Angelika Timm ist Nahostwissenschaftlerin und Israel-Expertin. Sie war von 2008 bis 2015 Leiterin des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv.

Merklich unterbelichtet bleiben die für die DDR wichtige Einbindung in die Außen- und Nahostpolitik der Sowjetunion sowie das deutsch-deutsche Verhältnis. Im Streben nach internationaler Anerkennung suchte sich der ostdeutsche Staat stets als Pendant zur BRD zu profilieren und deren Hallstein-Doktrin zu durchbrechen, darin tatkräftig unterstützt durch die UdSSR. Im Waffenexport freilich war die DDR bestenfalls teilsouverän. Selbst wenn die Lieferung militärischer Güter nur drei Prozent der Rüstungsexporte der Staaten des sowjetisch dominierten Warschauer Vertrages in die Nahostregion ausmachte (S. 17), konnte schweres Kriegsgerät kaum ohne Auftrag bzw. Zustimmung Moskaus an Syrien, Irak oder die PLO vermittelt werden.

Kritisch zu hinterfragen ist gleichermaßen die Behauptung Herfs, «im Gegensatz zur Politik der Vergangenheitsbewältigung in Westdeutschland» hätten Ost-Berlin und die radikale westdeutsche Linke versucht, «den Juden und dem Staat Israel möglichst großen Schaden zuzufügen» (S. 481); die DDR habe den jüdischen Staat als «Nachfolger von NS-Deutschland deklariert» (S. 482). Die Realität ist vielmehr eine andere: Juden und Jüdinnen wurden in der offiziellen DDR-Politik und in der ostdeutschen Öffentlichkeit vornehmlich als Opfer wahrgenommen und dargestellt; jüdischem Leben kam – ähnlich wie in der BRD – eine Alibifunktion zu. Als «Nachfolgestaat des Dritten Reichs» galt der SED-Führung nicht Israel, sondern die Bundesrepublik mit Politikern wie Hans Globke oder Theodor Oberländer.

Die Aussage, die DDR habe sich ob ihrer Waffenlieferungen an arabische Staaten bzw. ihrer Unterstützung militanter palästinensischer Organisationen «de facto im Krieg mit Israel» (S. 481) befunden, ist zumindest kontraproduktiv. Nahezu alle nahöstlichen Feindstaaten Israels waren im untersuchten Zeitraum Empfänger von Waffensystemen, die in den USA oder Westeuropa produziert wurden. Der Prämisse des Autors folgend müssten somit alle Militärexporte in die arabische Welt oder an Israel zwischen 1967 und 1989 – jedoch auch aktuelle Lieferungen – als Zeugnisse «unerklärter Kriege» mit den jeweiligen nahöstlichen Kontrahenten gewertet werden.

Herfs Frage, «ob das ostdeutsche Regime womöglich die zweite antisemitische Diktatur im Deutschland des 20. Jahrhunderts» (S. 24) gewesen sei, liegt ob ihrer ideologieträchtigen Voreingenommenheit außerhalb wissenschaftlicher Erörterung. Die suggerierte Gleichsetzung «DDR - Nazi-Deutschland» entbehrt nicht nur jedweder historischen Grundlage. Sie impliziert auch die Relativierung der NS-Verbrechen an den europäischen Juden bzw. stellt Realität und Schrecken der Schoah infrage. Derartige Intentionen seien dem US-Historiker nicht unterstellt. Nachweisbar ist auch, dass es nach 1945 im ostdeutschen Staat durchaus AntisemitInnen und nicht hinnehmbare antisemitische Vorkommnisse gab. Zu letzteren gehörten u.a. Grabschändungen und die durch DDR-Medien kolportierte Gleichsetzung israelischer Kriegsführung, z.B. im Libanonkrieg 1982, mit dem mörderischen Vorgehen von Teilen der Wehrmacht.

Zum «Antisemitismus der DDR» sei im Übrigen auf die repräsentativen Befragungen verwiesen, die seitens des American Jewish Committee, des Bielefelder Emnid-Instituts und anderer Einrichtungen unmittelbar nach Eingliederung der DDR in die BRD durchgeführt wurden. Sie ergaben, dass antisemitische Stereotype in Westdeutschland Anfang der 1990er Jahre offensichtlich weitaus stärker verbreitet waren als im deutschen Osten.(1)

Sollte Herf mit den achtenswerten Ergebnissen seiner Studie beabsichtigt haben, Waffenexporte in Krisenregionen generell in Frage zu stellen, so sei dem prononciert zugestimmt. Der DDR hätte es im gleichen Sinne mit Blick auf die deutsche Geschichte und ihre Deutung gut angestanden, auf jegliche Militärhilfe für Nahoststaaten zu verzichten und ihre Beziehungen zu den Akteuren in der Region zu diversifizieren. Dem entgegen standen freilich die Prägungen des Kalten Krieges bzw. die harten Realitäten der internationalen Bipolarität.

Die 2015 an der Universität Leipzig verteidigte Dissertation von Lutz Maeke untersucht die Palästina- und PLO-Politik der DDR, gegliedert in die Zeitabschnitte 1949 - 1972, 1973 - 1978 und 1979 - 1990. Der Autor bettet das Thema solide in die Nahost- und Außenpolitik des ostdeutschen Staates ein. Wie bei Herf fehlen allerdings auch in seiner Studie die wesentlichen innenpolitischen Beweggründe, erlangten politisch-propagandistische Elemente, z. B. das Werben um staatliche Anerkennung oder die Beschwörung «internationaler Solidarität», doch nicht selten eigenständige Bedeutung.

Neuigkeitswert hat die detaillierte Analyse ostdeutscher Politik gegenüber Teilorganisationen der PLO und die Darstellung des Konzepts «der doppelten Deutschlandpolitik Jassir Arafats» (248ff). Bereits fünf Jahre, bevor 1973 ein PLO-Büro mit halboffiziellem Status in Ost-Berlin eröffnet wurde, nahm «das erste PLO-Büro in Europa» seine Tätigkeit in Bonn auf (S. 92f).

Anders als Herf bezieht Maeke in seine Betrachtungen die politischen Entwicklungen vor Ort ein, so die Ausnutzung der Palästinenserfrage durch arabische Regimes. In diesen Kontext gehörte das zeitweilig gespannte Verhältnis zwischen syrischer Regierung und PLO-Führung; es beeinflusste infolge des Primats der Syrien-Beziehungen das Verhältnis DDR – PLO. Waffen aus der DDR an Syrien hätten sich zudem laut Maeke nicht nur gegen Israel gerichtet, sondern seien wiederholt auch gegen die PLO eingesetzt worden (S. 222f, 326).

Beide Publikationen basieren auf umfangreichen Primär- und Sekundärquellen in deutscher und englischer Sprache. Verweise auf arabische oder israelische Dokumente hätten die wertenden Schlussfolgerungen verifizieren, vielleicht auch modifizieren können. Es obliegt der weiteren Forschung, die offen gebliebenen themenrelevanten Fragen sachlich zu benennen und zu beantworten - auch um die zu Recht kritisierte einseitige Positionierung der DDR im Nahostkonflikt nicht mit einem teilweise verzerrten Schwarz-Weiß-Bild des ostdeutsch-israelischen Verhältnisses bzw. der Beziehungen zwischen PLO- und DDR-Führung ideell zu konterkarieren.

(1) Vgl. insbesondere Jodice, David A. (1991): United Germany and Jewish Concerns. Attitudes Toward Jews, Israel, and the Holocaust, New York; Golub, Jennifer (1994): Current German Attitudes Toward Jews and other Minorities, New York.

Jeffrey Herf: Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche radikale Linke, 1967-1989. Wallstein Verlag, Göttingen 2019, 518 S., 39,00 Euro

Lutz Maeke: DDR und PLO. Die Palästinapolitik des SED-Staates. Studien zur Zeitgeschichte, Band 92, De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2017, 549 S., 79,95 Euro

Diese Rezension erschien zuerst in der Zeitschrift WelttrendsDas außenpolitische Journal (Heft 164, Juni 2020).

Hinweis: Mario Keßler hat im Online-Magazin «Das Blättchen» vom 30. März 2020 das Buch von Lutz Maeke ebenfalls besprochen (zum Text).