Nachricht | Krieg / Frieden - Westasien - Corona-Krise - Westasien im Fokus Erst der Krieg, dann das Virus

Covid-19 in Syrien

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Idlib, Nordwestsyrien: In einem Flüchtlingslager werden Informationsblätter zum Coronavirus verteilt. Ahmad Alahmad/ Kids Paradise

«Allein die Stille durchstreift jetzt die Straßen und Gassen von Damaskus, unterbrochen nur durch die Geräusche marschierender Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet wie für ein Feuergefecht mit dem Virus. Die Ausgangssperre wurde vor einigen Tagen verhängt, und Polizeipatrouillen, die von Milizionären der ‚Nationalen Verteidigungskräfte‘ verstärkt wurden, begannen, Jagd auf all jene zu machen, die gegen die Verordnung verstießen. Wir hören keinen Lärm mehr außer den Gesprächen dieser Soldaten und dem Bellen streunender Hunde, die jetzt mehr Freiheit genießen als Menschen auf den Straßen der Hauptstadt.»

So beschreibt Karam Mansour aus Damaskus Anfang April dieses Jahres die Atmosphäre in der Stadt während der nächtlichen Ausgangssperre.

Die Maßnahme war am 25. März verhängt worden, drei Tage, nachdem Syrien offiziell den ersten Fall einer Covid-19-Infektion gemeldet hatte. Bis dahin hatte das Assadregime noch erklärt, das Land sei «coronafrei». Dennoch waren bereits Mitte März «präventiv» Schulen und Universitäten geschlossen worden, die Arbeitszeit in der öffentlichen Verwaltung wurde auf 40 Prozent reduziert und größere Sport- und Kulturveranstaltungen wurden abgesagt.

Indizien für Covid-19-Infektionen

Harald Etzbach ist Historiker und Politikwissenschaftler und arbeitet als Übersetzer und Journalist. Er publiziert hauptsächlich zu Themen Westasiens und Nordafrikas und zur US-amerikanischen Außenpolitik.

Zu diesem Zeitpunkt häuften sich schon Meldungen über Covid-19-Infektionen unter Angehörigen iranischer Milizen im Osten Syriens. So waren bereits Anfang März nach Angaben des Netzwerks DeirezZor 24 sechs Erkrankte (vier Iraker und zwei Iraner) in ein Krankenhaus der iranischen Milizen in al-Mayadeen eingeliefert worden. Mitte April berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) unter Berufung auf lokale Quellen von 116 Infektionsfällen unter Angehörigen iranischer Milizen in Syrien, 40 Milizionäre sollen zu diesem Zeitpunkt aufgrund einer Covid-19-Erkrankung in Krankenhäusern behandelt worden sein. Als eine Reaktion darauf wurden syrische und russische Militäreinheiten aus der Umgebung der Stützpunkte proiranischer Milizen bei Bustan al-Qasr in Aleppo abgezogen.

Auch andere Indizien verweisen auf ein umfangreicheres Infektionsgeschehen bereits im März und April. So wiesen die pakistanischen Gesundheitsbehörden Mitte März darauf hin, dass einige infizierte pakistanische Staatsbürger Heimkehrer aus Syrien seien. Ende des Monats wurden dann in der irakischen Stadt Kerbela elf Personen positiv auf das Coronavirus getestet. Die Infizierten hatten zuvor eine Pilgerreise zu einem schiitischen Schrein in Syrien unternommen. In Damaskus halten sich zudem seit längerer Zeit Gerüchte über eine Welle von Lungenentzündungen, und aus der südlichen Provinz Suweida berichten Journalisten, dass Bestattungsrituale im Falle von Menschen, die an Lungenentzündungen gestorben sind, zum Teil in Sanitätsfahrzeugen abgehalten werden. Außerdem seien Familien von Verstorbenen angewiesen worden, tiefere Gräber als üblich auszuheben.

Das Coronavirus Resource Center der Johns Hopkins Universität meldete für Syrien Anfang Juli 293 Covid-19-Infektionen (die meisten in Damaskus und Umgebung), über 11.000 Personen befinden sich in Quarantäne. Allerdings gibt es nach Angaben des syrischen Gesundheitsministeriums bisher lediglich neun Todesfälle (Stand 2. Juli). Tatsächlich dürfte die Dunkelziffer jedoch weitaus höher liegen, zumal Tests für das Virus nach wie vor nicht ausreichend verfügbar sind. Auch die Tatsache, dass das Regime erneut über einen zumindest partiellen Lockdown in den von ihm kontrollierten Gebieten diskutiert, nachdem die nächtliche Ausgangssperre nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen Ende Mai aufgehoben worden war, ist ein Indiz dafür, dass das Infektionsgeschehen im Land intensiver ist, als offiziell zugegeben wird. Offiziell bestätigt wurde Ende Juni ein Corona-Ausbruch im al-Musawa-Krankenhaus in Damaskus, der zu Quarantänemaßnahmen für 40 Ärzt*innen, Pfleger*innen und Student*innen im Krankenhausgebäude führte.

Gesundheitssystem in Trümmern

Bereits vor dem Beginn der Revolution 2011 und dem darauf folgenden Krieg lagen die Standards des syrischen Gesundheitssystems unter denen vieler anderer Länder in Westasien und Nordafrika. Nach neun Jahren Krieg und der gezielten Zerstörung von Krankenhäusern und andere Gesundheitseinrichtungen liegt das Gesundheitssystems des Landes nun aber endgültig in Trümmern. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie der London School of Economics (LSE) sind von den 111 öffentlichen Krankenhäusern in Syrien nur noch 58 voll funktionsfähig, die anderen funktionieren nur teilweise (27) oder sind völlig zerstört (26). Im ganzen Land gibt es nur noch 325 Intensivbetten bei einer Bevölkerung von etwa 17 Millionen Menschen. Zugleich haben nach einem UN-Bericht vom März dieses Jahres bis zu 70 Prozent der Ärzt*innen und Gesundheitsarbeiter*innen das Land verlassen. Eine Untersuchung der Organisation Physicians for Human Rights spricht von 595 Angriffen auf insgesamt 350 verschiedene Gesundheitseinrichtungen zwischen 2011 und Februar 2020, 536 von diesen 595 Angriffen gehen dabei auf das Konto der syrischen Regierung und ihrer Verbündeten. 923 Ärzt*innen und andere Gesundheitsarbeiter*innen wurden getötet, 827 von ihnen von der syrischen Regierung und ihren Verbündeten.

In den Gefängnissen

Eine Masseninfektion mit Covid-19 könnte sich in den syrischen Gefängnissen ereignen. Über 90.000 Inhaftierte soll es zurzeit geben, wahrscheinlich sogar erheblich mehr. Ehemalige Gefangene berichten, dass zum Teil bis zu 80 Menschen in einer Zelle zusammengepfercht werden. Unter solchen Bedingungen könnte sich das Virus mit rasender Geschwindigkeit verbreiten. Zwar hat das Assadregime Ende März vor dem Hintergrund der Coronakrise und mit der Absicht, die internationale Öffentlichkeit zu beruhigen, eine Art Amnestie erlassen, doch galt diese offensichtlich nicht für politische Gefangene. Aktivist*innen berichten, dass tatsächlich weniger als 100 Gefangene entlassen wurden, die alle aufgrund gewöhnlicher krimineller Delikte in Haft gewesen waren. Vermutet wird daher sogar eine bewusste Strategie des Assadregimes, eventuelle Masseninfektionen in den Gefängnissen zu nutzen, um sich politischer Gegner zu entledigen. Angesichts der befürchteten Katastrophe veröffentlichte eine Gruppe von 43 Menschenrechtsorganisationen einen Appell, indem sie ungehinderten Zugang zu syrischen Gefängnissen für die Weltgesundheitsorganisation und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz forderten.

Spaltung des Landes: der Nordosten

Weiter kompliziert wird die Situation durch die faktische Spaltung des Landes in verschiedene militärisch-politische Einflusszonen. Das Assadregime kontrolliert mit Unterstützung seiner Verbündeten das Zentrum, den Süden und die Küstengebiete. Der Nordosten (die Gouvernements ar-Raqqa, Deir ez-Zor und al-Hasakah) befindet sich mit US-Unterstützung unter der Kontrolle der kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF), die Türkei beherrscht einen breiten Streifen syrischen Territoriums entlang ihrer Grenze, und im Nordwesten (Idlib und der nördliche Teil des Gouvernements Aleppo) gibt es einen Rückzugsort der syrischen Opposition.

Die einzigen bisher bekannten Coronafälle außerhalb der vom Regime kontrollierten Gebiete gab es im Nordosten. Anfang April starb in einem Krankenhaus in Qamischli ein 53-jähriger Mann aus al-Hasakah an Covid-19. Der Fall zeigt, wie das Assadregime selbst die Coronakrise für eine Zwecke instrumentalisiert: Das Regime besteht darauf, dass alle Abstrichproben aus dem Nordosten zur Überprüfung an Labore in Damaskus geschickt werden. Das positive Testergebnis war der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zwar rechtzeitig mitgeteilt worden, die kurdischen Selbstverwaltungsbehörden erfuhren davon jedoch erst elf Tage später. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits zwei Mitglieder der Familie des Erkrankten infiziert. Das Regime verhinderte außerdem die Lieferung medizinischer Hilfsgüter in die Region und die Einrichtung eines Covid-19-Testlabors durch die WHO. Am 19. Mai schließlich erklärte der russische UN-Botschafter, dass sein Staat alle Versuche, den Grenzübergang al-Yarubiyah zwischen Syrien und dem Irak wieder zu öffnen, blockieren werde. Die Öffnung des Grenzübergangs würde die Lieferung medizinischer Hilfsgüter in den Nordosten Syriens ohne Zustimmung des Regimes in Damaskus ermöglichen.

Idlib und der Nordwesten

Obwohl es im Nordwesten (Idlib und Nord-Aleppo), der letzten Region, die sich noch in der Hand der Aufständischen befindet, bisher keine bestätigten Fälle von Covid-19-Infektionen gibt, ist die Lage dort dramatisch. Nicht nur, dass die seit März bestehende – von Russland und der Türkei vermittelte – Waffenruhe zunehmend durch Angriffe von Regimetruppen und zum Teil auch russische Bombardements gebrochen wird, die elenden Lebensbedingungen der über eine Million Geflüchteten und Vertriebenen machen selbst die grundlegendsten Vorsichts- und Hygienemaßnahen unmöglich. Soziale Distanzierung ist in den Zeltlagern und Massenunterkünften schlicht eine Illusion. Es herrscht Wassermangel, Seife oder Desinfektionsmittel gibt es so gut wie gar nicht. Zudem wurden seit der Offensive Russlands und des Assadregimes vom Dezember 2019 nach Angaben der WHO in der Region 84 Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen zerstört oder schwer beschädigt oder waren gezwungen, ihren Betrieb einzustellen.

Aktuell liegt die Notfallversorgung der Bevölkerung der Region in den Händen des lokalen Gesundheitsdirektorats und verschiedener medizinischer NGOs. Zusammen haben sie eine Covid-19-Task Force aufgestellt und einen Notfallplan entwickelt. Dieser umfasst die Einrichtung von drei medizinischen Zentren, in denen die vorhandenen Intensivbetten und Beatmungsgeräte zusammengefasst werden sollen, den Aufbau kommunaler Quarantänezentren für Verdachtsfälle und eine öffentliche Aufklärungskampagne. Die WHO hatte Covid-19-Tests erst verspätet in die Region geschickt und zunächst Gesundheitseinrichtungen des Regimes beliefert, da «der Nordwesten kein Land» sei. In dieser Situation haben lokale Gruppen von Technikern und Ingenieuren begonnen, mit zum Teil einfachsten Mitteln selbst Testgeräte und Beatmungsgeräte zu bauen, denn zurzeit ist nur ein Labor in der Provinz in der Lage, Covid-19-Tests auszuwerten.

Das Regime instrumentalisiert die Krise

Das Assadregime fordert unterdessen die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, angeblich, um gegen die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie wirksamer vorgehen zu können. Tatsächlich sind jedoch medizinische Hilfsgüter von den Sanktionen gar nicht betroffen – auch nicht vom jetzt von den USA beschlossenen «Caesar-Act», der sich gegen ausländische Unternehmen und Personen richtet, die das Assad-Regime unterstützen oder mit ihm Geschäfte machen. Es war das Regime selbst, das zusammen mit seinen Verbündeten planmäßig und in großem Umfang die medizinische Infrastruktur des Landes zerstört, der Bevölkerung Hilfsgüter vorenthalten und aktiv Hilfsleistungen verhindert hat. Wer nach der Ursache für das in der Coronakrise möglicherweise noch tiefer werdende Leid der syrischen Bevölkerung sucht, muss seinen Blick daher nicht auf die Sanktionen richten, sondern auf den Präsidentenpalast in Damaskus.