Nachricht | Anden - Corona-Krise 78 Tage Einsamkeit

Die Pandemie in Ecuador und die Auswirkungen für das RLS-Büro in Quito.

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Foto: Iván Castaneira

Nach 78 Tagen Lockdown schaltete die Covid-Ampel Anfang Juni in Quito von Rot auf Gelb. Wie in den meisten lateinamerikanischen Staaten wurden die Beschränkungen zu früh aufgehoben: Die neue Normalität droht, das Gesundheitssystems erneut zu überlasten.

Dabei ist Ecuador schon jetzt weltweit eines der Länder mit den meisten Corona-Toten pro 100.000 Einwohner*innen. Da bei vielen Toten aber gar kein Test gemacht wurde, sind sicher noch mehr Menschen an den Folgen des Virus gestorben, als offiziell bestätigt. Dabei hatte die Regierung relativ früh drastische Maßnahmen verhängt und am 17. März den Notstand ausgerufen. Trotzdem traf das Virus vor allem die Hafenstadt Guayaquil wie eine unsichtbare Bombe. Im April brach dort das Gesundheitssystem zusammen. In den Krankenhäusern lagen Schwerkranke auf den Fluren, Tote wurden tagelang nicht abgeholt, viele Familien mussten im tropischen Klima ihre gestorbenen Angehörigen vor ihre Häuser auf die Straße legen – in Plastikplanen oder Decken gewickelt. Im April starben dort über fünfmal mehr Menschen pro Woche als in den Vorjahren.

Inzwischen sind die dramatischen Szenen aus den Medien verschwunden. Dafür kommen immer mehr Korruptionsfälle ans Licht, teilweise bereicherten sich Politiker*innen und Krankenhausangestellte seit Jahren mit Hilfe von überteuerten Aufträgen. Die Folge: Den ohnehin schlecht ausgestatteten Krankenhäusern fehlte es erst recht an Material. Diese etablierten Korruptionsnetzwerke sahen in der Pandemie ihre Chance, sich weiter zu bereichern. Die eiligen Großbestellungen für Schutzkleidung, Desinfektionsmittel und Medikamente boten die Gelegenheit. Ein besonders prominentes Beispiel: Bei einer Durchsuchung fand die Polizei kistenweise medizinische Masken und Covid-Schnelltests im Haus des Expräsidenten Abdalá Bucaram. Ein 24-jähriger Jungmillionär und Freund der Familie versuchte, im Privatjet zu fliehen, stürzte aber hinter der Grenze in Peru ab.

Mit dem Verschwinden der dramatischen Bilder drängten aber nicht nur die Unternehmen, die Wirtschaft wieder hochzufahren. Nach 78 Tagen war der Lockdown auch ohne offizielle Erlaubnis von vielen schon aufgehoben. In Ecuador hängt das Einkommen von über der Hälfte der Familien vom informellen Sektor ab. Sie mussten wieder arbeiten, in kleinen Geschäften durch Gittertüren verkaufen, putzen gehen oder an den Ampeln betteln. Und während im März eine Prominentenhochzeit den Virus explosionsartig verbreitete, ist inzwischen unter denjenigen, die nicht im Homeoffice arbeiten können, die Zahl der Neuinfektionen am höchsten.

Ohne Zweifel trifft die Pandemie auch den Staatshaushalt und die Sozialversicherung hart. Aber die Regierung versucht die Auslandsschulden weiter zu bedienen. Sie möchte im Schatten der Krise Privatisierungen und Einschränkungen im Arbeitsrecht durchdrücken, die schon vorher geplant waren. In einem Gesetz, das «Gesetz zur humanitären Hilfe» heißt, ist zwar auch vorgesehen, dass während des Ausnahmezustands niemandem Wasser, Strom oder Telefon abgestellt werden darf. Gleichzeitig wird den Unternehmer*innen aber erlaubt, ihre Angestellten in Zwangsurlaub zu schicken oder die Arbeitszeit und damit den Lohn um 50 Prozent zu kürzen. Gleichzeitig ließ der Präsident die Treibstoffsubventionen weitgehend kürzen, ein Schritt der noch im vergangenen Oktober einen Aufstand ausgelöst hatte und daraufhin zurückgenommen werden musste. Bei der Ankündigung der Maßnahmen gab es zwar einige Proteste von Student*innen und den in Ecuador schwachen Gewerkschaften. Die Indigenenverbände, die im Oktober die Proteste getragen hatten, beteiligten sich aber nicht. Sie versuchten, ihre Basis auf dem Land zu schützen. Dennoch breitet sich das Virus auch dort zunehmen aus, wenn auch nicht so explosionsartig wie in Guayaquil im April.

Die Arbeit des Büros in Quito

Nach 78 Tagen Lockdown durften auch nicht lebenswichtige Büros wieder Präsenzarbeit aufnehmen – mit Hygieneprotokoll. Im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Quito, in dem vor dem 17. März zwölf Kolleginnen mit mir arbeiteten, sind wir jetzt an manchen Tagen wieder zu dritt. Manchmal sprechen wir auch wieder ohne elektronische Hilfsmittel miteinander, wenn es länger dauert aber nur mit Maske und auf der Terrasse.

Montags um 10 Uhr treffen wir uns weiterhin alle im Zoom-Meeting. Die Frage «Wie geht´s?», eigentlich eine Floskel, auf die niemand eine Antwort erwartet, hat eine neue Bedeutung gewonnen. Bisher ist niemand aus dem Team angesteckt, aber manche Kolleginnen und ein Kollege wohnen mit ihren Eltern oder Großeltern zusammen. Risikogruppen. Viele kennen Erkrankte. Eine Kollegin berichtete von einem befreundeten Arzt, der in Guayaquil gestorben ist. Die Pandemie traf in Ecuador die Ärzt*innen und Pfleger*innen unvorbereitet und schlecht ausgerüstet.

 Wir sind privilegiert. Unser Einkommen wird weiterbezahlt und wir können im Homeoffice arbeiten. Für viele im informellen Sektor aber drohte mit dem Lockdown der Hunger. Die staatlichen Hilfen reichen nicht aus, um alle betroffenen Familien zu ernähren, also verließen viele trotz Verbot ihre Häuser. In meiner Nachbarschaft ist jetzt ein Maurer krank. Er hatte angefangen wieder zu arbeiten, bevor es offiziell erlaubt war. Die halbe Nachbarschaft machte Covid-Schnelltests, 30 Dollar das Stück, drei positiv. Der Test ist unzuverlässig, aber ein PCR-Test kostet zwischen 80 und 120 Dollar. Wegen Geschichten wie dieser ist das «Wie geht´s?» jeden Montag eine ernstgemeinte Frage.

Im Zoommeeting erzählen Kolleginnen von Familienangehörigen, denen wegen der Corona-Kkrise gekündigt wurde. Und für viele der Aktivist*innen, Journalist*innen, Forscher*innen, Buchhalter*innen, Koordinator*innen oder Moderator*innen in den Projekten, die wir unterstützen, sind die Honorare, die wir zahlen, ein großer Teil ihres Einkommens – jetzt wichtiger denn je. Auch deshalb wollten wir unsere Arbeit nie stoppen, trotz Ausgangssperre.

Um zumindest Hunger zu verhindern, haben sich überall in der Region Solidaritätsinitiativen gebildet, die Lebensmittelpakete verteilen. Um diese Organisierung sichtbar zu machen und zu unterstützen, haben wir sie auf einer Landkarte von Ecuador versammelt, mit Adresse und Kontonummer, soweit vorhanden.

Nach dem Vorbild gibt es inzwischen auch in Kolumbien eine Landkarte der Solidaritätsinitiativen. Dies ist eines der Projekte, mit denen wir auf die Krise reagieren. Ein anderes: Untersuchungen zu den Gesundheitssystemen in der Region, die immer schlecht ausgestattet waren, aber durch die Ausrichtung auf privaten Gewinn, auf Prestigeprojekte statt gute Ausstattung für alle, und wegen Korruption dem Virus wenig entgegenzusetzen haben.

Die Ampel steht auf Gelb, auf den Straßen fahren fast schon wieder so viele Autos wie vor dem Lockdown. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen steigt nicht. Noch nicht. Aber in Quito sind die Krankenhäuser voll ausgelastet und eine Untersuchung des Imperial College London sagt, dass Ende Juli im ganzen Land kein Bett mehr frei sein wird, wenn nicht wieder schärfere Maßnahmen eingeführt werden. Die Frage «Wie geht´s?», jeden Montagmorgen in die Runde, wird noch lange eine bange Frage bleiben.