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Wachsmuth: NS-Vergangenheit in Ost und West, Berlin 2008

Malte Thießen, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, rezensiert für H-Soz-u-Kult

Wachsmuth, Iris: NS-Vergangenheit in Ost und West. Tradierung und Sozialisation. Berlin: Metropol Verlag 2008, 322 Seiten, 21 EUR.

Er schreibt einleitend: "Während Erinnerungen von Zeitzeugen seit langem große Aufmerksamkeit genießen, sind Erinnerungen in Familien ein jüngerer Untersuchungsgegenstand. Nach den Studien von Angela Keppler wurden Formen und Funktionen des "Familiengedächtnisses" in den letzten Jahren vor allem mit den Veröffentlichungen der Projektgruppe um Harald Welzer bekannt. Das Buch "Opa war kein Nazi", in dem die wichtigsten Ergebnisse des Projekts zusammengefasst wurden, sorgte auch jenseits der fachinternen Diskussion für großes Aufsehen. Trotz gelegentlicher Kritik von geschichtswissenschaftlicher Seite ist diese Arbeit nach wie vor die zentrale Referenz, wenn es um familiäre Erinnerungen an die NS-Zeit geht.
Mit ihrer Dissertation möchte Iris Wachsmuth neue Blicke auf das Familiengedächtnis zum "Dritten Reich" werfen, die über bisherige Ansätze hinausreichen. In Anlehnung an Gabriele Rosenthal und Fritz Schütze wählt sie dafür eine biografieanalytische Perspektive, in der sich unbewusste Prozesse der Weitergabe, Verdrängung oder Gesprächsblockaden erfassen lassen."
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Abschließend urteilt er: "Iris Wachsmuth schlägt also einige neue Schneisen in das Dickicht der familiären Erinnerungen. Einen gemischten Eindruck hinterlässt
allerdings der betont aufklärerische Tenor in einigen Kapiteln. Wachsmuths Plädoyer für eine Befreiung des Individuums aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, für eine Auseinandersetzung mit Familienerinnerungen im Dienste von Demokratiefähigkeit und politischer Bildung ist pädagogisch zweifellos ehrenwert. Dennoch steht dieser etwas plakative Appell im Kontrast zu ihrer Auseinandersetzung mit den Quellen, wie man mit Erleichterung feststellt. Denn Wachsmuth gelingt eine differenzierte Analyse familiärer Erinnerungen, die wegen der umfangreichen Belege aus den Interviews stets nachvollziehbar bleibt und einige neue Anstöße gibt."