Nachricht | Westasien Apokalypse mit Ansage

Die Verantwortung für die Zerstörung Beiruts tragen die korrupten libanesischen Eliten.

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Der Hafen der libanesischen Hauptstadt ist nach der verheerenden Explosion zerstört. Nach der schweren Detonation wird weiterhin nach Opfern und Überlebenden gesucht (7.8.2020). picture alliance/dpa | Marwan Naamani

Inmitten eines Corona-bedingten mehrtätigen Lockdowns ereignete sich am frühen Dienstagabend des 4. August am Beiruter Hafen nach einem Ausbruch eines Feuers und einer kleineren Explosion in einer Lagerhalle eine massive Explosion und Detonation, vergleichbar mit Stufe 3-4 eines Erdbebens. Die katastrophalen Folgen sind mindestens 157 Tote und ca. 5000 Verletzte. Bis zu 300.000 Menschen wurden obdachlos (Stand 7. August).

Charlotte Tinawi arbeitet für die Rosa-Luxemburg-Stiftung als
Referentin für Syrien, Libanon, Irak und die Türkei.

Nicht nur der Beiruter Hafen liegt in Schutt und Asche, große Teile der Stadt sind mehr oder weniger zerstört oder haben Schaden genommen, kaum ein Haushalt ist nicht direkt oder indirekt betroffen. Die Erschütterung war abgestuft in der ganzen Stadt und im größeren Umkreis spürbar, auch in nicht unmittelbarer Nähe des Hafens wurden Häuser und Wohnungen durch die Detonation beschädigt und Menschen verletzt.

Ursache der großen Explosion war nach derzeitigem Stand die nicht sachgerechte Lagerung von großen Mengen des hoch explosiven Materials Ammoniumnitrat am Hafen – jahrelang ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Das immense Risikopotential dieser Lagerung muss in Regierungskreisen von mindestens drei Legislaturperioden bekannt gewesen sein, an den entscheidenden Stellen hat sich aber offenbar über Jahre niemand dafür verantwortlich gefühlt. Der Auslöser des ursächlichen Feuers, für dessen Löschen bereits Feuerwehrkräfte in den unmittelbar folgenden Tod durch die Explosion auf dem Weg waren, ist bisher noch ungeklärt.

Die Katastrophe traf das Land im Moment eines durch Corona bereits völlig überlasteten Gesundheitssystems, einer mehr als mangelhaften öffentlichen Stromversorgung, einer galoppierenden Inflation mit astronomischen Lebenshaltungskosten gepaart mit einem bankrotten und verschuldeten Staat und einer druckunempfindlichen Regierung ohne jeglichen Reformwillen. Die Ressourcen für die unmittelbar begonnenen Aufräumarbeiten und den Wiederaufbau kamen bislang größtenteils aus der selbstorganisierten Zivilgesellschaft. Die erste Reaktion des Staates ist derweil die Verhängung eines zweiwöchigen Ausnahmezustands mit deplatziert erscheinender Militärpräsenz auf den Straßen Beiruts. Bereits einen Tag nach der Explosion gab es wütende Proteste aus der Bevölkerung gegen die Regierung vor dem Parlament in Beirut, Reaktionen der Sicherheitskräfte waren unter anderem der Einsatz von Tränengas. Für die nächsten Tage sind weitere Proteste geplant.

Ebenfalls einen Tag nach der Katastrophe konnte von diesem politischen Vakuum der Präsident der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, Emmanuel Macron, profitieren. Er nutzte die Lage der verzweifelten Libanes*innen auf den Straßen Beiruts, um sich politischen Leverage zu verschaffen und sich im Kontrast zu den passiven korrupten libanesischen Eliten als verantwortungsvoller Retter in der Not zu inszenieren. Vor Ort versprach er, französische Hilfen nicht durch korrumpierte Kanäle des libanesischen Regimes laufen zu lassen und twitterte im Anschluss an seinen Besuch «Ich liebe dich, Libanon».

Im Lichte der Wut und Empörung vieler Menschen im Libanon scheinen die konkreten Details und Hintergründe des Hergangs der Ereignisse am Beiruter Hafen derzeit zweitrangig zu sein. Unabhängig von verschiedenen Erklärungshypothesen und Spekulationen ist unstrittig, dass diese Explosion eine Qualität hatte, mit der keine Erfahrungen aus Bürgerkrieg oder israelischen Angriffen in der Geschichte des Libanons mithalten können und dass diese Katastrophe auf dem Mist der verantwortungslosen und protestresistenten Regierungen der letzten Jahre gewachsen ist. Das Ereignis trifft auf eine bereits am Boden liegende Gesellschaft mit Jahre und Jahrzehnte alten Kriegstraumata, die sich den desaströsen Folgen von Korruption, Verantwortungslosigkeit und verblüffender Kaltschnäuzigkeit politischer Eliten schutzlos ausgeliefert sieht.

In der kettenhaften Aneinanderreihung von Krisen und extremen Entwicklungen des Libanons vor allem im Laufe des letzten Jahres sind die Ereignisse vom 4. August nicht lediglich eine weitere Katastrophe von vielen. In den letzten zwei Tagen war oft die Rede davon, dass die Stadt Beirut, die zweifellos viel erlebt hat, nie wieder dieselbe sein wird. Der 4. August hat eine gesellschaftliche Retraumatisierung in Gang gesetzt, von der auch die weltweite libanesische Diaspora betroffen ist. Der bereits bestehende und durch die massive Wirtschaftskrise wieder angelaufene Brain-Drain wird nun vermutlich erneut befeuert: wer die Mittel und/oder eine zweite außer der libanesischen Staatsangehörigkeit hat, wird versuchen, das Land, dessen Regierungs(nicht)handeln Gefahr für Leib und Leben aller im Land lebenden Menschen darstellt, zu verlassen.

Dennoch ist die wachsende Wut der Bevölkerung gegen die politische Elite im Land auch Ausdruck einer kaum abzusehenden aber so nötigen grundlegenden Veränderung im Land. Den Grundstein dafür sahen viele Menschen im Libanon in den Protesten im Oktober 2019, deren Dynamik trotz zunehmender Erschöpfung in den letzten Monaten noch nicht versiegt ist. «Bereitet die Schlingen vor» oder «wir werden Euch töten» sind einiger der Slogans, die derzeit in den sozialen Medien kursieren und die absolute Ablehnung des politischen Systems und der politischen Elite symbolisieren.  Der Weg von dieser grenzenlosen Wut zu politischer Veränderung ist allerdings sicher noch weit und angesichts der massiven Zerstörung momentan schwer vorstellbar.