Nachricht | Sozialökologischer Umbau - Klimagerechtigkeit «Bewegungen mit transformatorischem Potential»

Anna Schüler, PowerShift, über den Motor sozialer Bewegungen für Klimagerechtigkeit und die aktualisierte Karte «We will rise! Or: We will burn 2.0»

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Anna Schüler,

Anna Schüler, PowerShift
Anna Schüler, PowerShift

We will rise! Or: We will burn – 2.0- die aktualisierte Karte, erstellt von Umweltinstitut München, PowerShift und Rosa-Luxemburg-Stiftung liegt nun vor. Sie zeigt auf der einen Seite, wie katastrophal es auf einer um drei Grad heißeren Welt aussehen würde. Auf der anderen Seite präsentiert sie verschiedenste soziale Kämpfe um Klimagerechtigkeit. Warum ist es so wichtig, diese Kämpfe auf einen Blick sichtbar zu machen?

Anna Schüler: Während die eine Seite eher dystopisch aufzeigt, welche Auswirkungen die Klimakrise hat und vor allem auch, welche Gerechtigkeitskrisen dies weiter verschärft, wollen wir auf der anderen Seite zeigen: Es gibt Antworten darauf! Es gibt Möglichkeiten, diesen dystopischen Prognosen etwas entgegenzusetzen. Es gibt Bewegungen, die für eine klimagerechte Zukunft kämpfen. Vor allem wollen wir mit der Karte Bewegungen und Kämpfe darstellen, die noch zu wenig beachtet werden. Diese Bewegungen zeigen, wie breit das Spektrum der Kämpfe für Klimagerechtigkeit ist. Das sind nicht nur die klassischen Umweltbewegungen, sondern auch viele Bewegungen, die sich mit den verschiedensten Fragen sozialer Gerechtigkeit im Zusammenhang mit der Klimakrise befassen. Dazu gehört etwa die Anti-Pipeline-Bewegung in den USA und Kanada, die insbesondere von den Native Americans getragen wird. Diese Kämpfe stehen in einer ganz langen Tradition antikolonialer Kämpfe. Das heißt, die jetzigen Kämpfe um Klimagerechtigkeit reihen sich in eine lange Tradition sozialer Kämpfe ein, die schon einen extrem langen Atem haben mussten. Dafür steht exemplarisch der Satz aus der amerikanischen Klimagerechtigkeitsbewegung: "The climate crisis started in 1492." Die Klimakrise ist Ergebnis kapitalistischer Ausbeutung auf globaler Ebene.

Das Spektrum der auf der Karte dargestellten Bewegungen ist unheimlich breit …

Ja, genau, denn wir wollen zwei Sachen zeigen: Zum einen zoomen wir bei manchen Bewegungen sehr nah ran und porträtieren einzelne Gruppen mit einem wichtigen Ansatz zu einem bestimmten Thema. Dazu gehören etwa die Alarm Phones in Nordafrika, die Menschen auf der Flucht unterstützen, sich frei zu bewegen und lebend zu erreichen. Denn auch bei Bewegungen, die sich für Bewegungsfreiheit einsetzen oder Menschen auf der Flucht unterstützen, geht es um Klimagerechtigkeit. Zum anderen zeigen wir sehr breite Bewegungen, wie etwa die Anti-Pipeline-Bewegung. Diese besteht aus einer Vielzahl von Gruppen, deren Widerstand an sehr unterschiedlichen Stellen ansetzt.  

Welches Veränderungspotenzial siehst du in sozialen Bewegungen?

Die Botschaft der Bewegungen und Kämpfe ist vor allem: Die Zeit läuft uns davon. Es gibt einen enormen Handlungsdruck! Deshalb ist es so wichtig, die Bewegungen sichtbar zu machen und zu unterstützen. Deren Ziele müssen gesellschaftlich noch sehr viel stärker in den Vordergrund rücken, um tatsächlich substanziell Treibhausgase zu reduzieren und dafür zu sorgen, dass sich die Gerechtigkeitskrisen im Zusammenhang mit der Klimakrise nicht noch weiter verschärfen. Dafür braucht es vor allem auch positive Visionen. Wir haben ganz bewusst die Bewegungen und Kämpfe auf der Karte abgebildet, die transformatorisches Potential haben, etwa weil sie konkrete Vorstellungen einer anderen Ökonomie haben.

Inwiefern ist eine Karte ein gutes Instrument, um all das abzubilden?

Karten sind zugänglich und stehen für sich selbst. Man muss sich keine langen Texte durchlesen. Und die Karte begegnet einem immer wieder, wenn sie irgendwo hängt. Idealerweise findet man sie dann irgendwo, wo viele Menschen daran vorbeikommen, die bislang noch nicht so viel Berührung mit dem Thema hatten. Das kann dazu beitragen, dass Menschen die drängenden sozialen und Gerechtigkeitsfragen, die an der Klimakrise hängen, stärker wahrnehmen. Zum Beispiel wäre es toll, wenn die Karte in vielen Klassenzimmern hängen würde.

Du hast im Zusammenhang mit deiner Recherche mit vielen Gruppen weltweit gesprochen und viel recherchiert. Wie optimistisch oder pessimistisch ist die Stimmung bei denen angesichts des dramatischen Tempos, in dem die Klimakrise voranschreitet?

Das ist total unterschiedlich. Aber was immer wieder sichtbar wird, ist, dass die enorme Dringlichkeit der Krise ein zentraler Motor für die Kämpfe ist. Das hängt natürlich stark davon ab, um welche Bewegung es sich handelt und wo diese sich befindet. Die Bewegungen im Globalen Norden sind ja stark privilegiert, weil sie noch kaum von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen sind, während die Kämpfe im Globalen Süden oft existentiell sind, weil es um die eigenen Lebensgrundlagen geht. Insofern ist ja das Aufgeben und Resignieren angesichts einer empfundenen Hoffnungslosigkeit im Angesicht der Krise ein Privileg des Nordens. Es ist wichtig, dass sich die Bewegungen im Norden diese Privilegien bewusst machen und nutzen. Wir kämpfen unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und in sehr unterschiedlichen Traditionen.