Nachricht | Zadoff: Geschichte Israels, München 2020

Differenziert und lesenswert

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Einen landesgeschichtlichen Überblick auf rund 140 Seiten zu einem kontrovers betrachteten Gegenstand wie der Geschichte Israels zu geben, ist anspruchsvoll. Naom Zadoff ist in der notwendigen Verknappung eine überzeugende Darstellung gelungen, differenziert in der politischen Bewertung und anregend gerade durch den häufigen Einsatz von Zitaten und Beispielen aus Lyrik, Belletristik, Film und Musik.

In den ersten beiden Kapiteln werden die Entstehungsgeschichte des Zionismus sowie die Staatsgründung 1948 nach der Katastrophe der Shoah ebenso nachgezeichnet wie die damit einhergehende Flucht und Vertreibung von rund einer dreiviertel Million Palästinenser*innen, der Nakba. Terroristische Gewaltverbrechen auf beiden Seiten an Zivilist*innen, wie etwa alleine im April 1948 in Deir Jassin und am Skopus Berg, fallen in diese Phase, aber auch der innerjüdische Kampf zwischen dem sozialistisch geprägten Mehrheitsflügel des Zionismus unter Israels erstem Ministerpräsidenten David Ben Gurion und der der revisionistischen Minderheit um Menachem Begin.

Im dritten Kapitel («Vom Schmelztiegel zur Mosaikgesellschaft») werden die Spannungsverhältnisse zwischen religiösen und säkularen Israelis einerseits, zwischen den jahrzehntelang dominierenden europäisch geprägten Aschkenasim sowie den aus dem Irak, dem Jemen, Marokko und anderen arabischen Ländern einwandernden Misrachim anderseits dargestellt. Parallel dauerte es in einem schmerzhaften Prozess lange, bis die Leiden der Holocaust-Überlebenden, die anfangs etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten (S. 70), artikuliert und gehört werden konnten. Auch die Kibbuzim, die in den ersten Jahrzehnten der israelischen staatlichen Existenz das Bild des Landes in Europa und den USA stark beeinflussten, obwohl nie mehr als eine/r von 15 Israelis in ihnen lebte, werden in einem Spannungsfeld zwischen «Nationalismus und Sozialismus» dargestellt. Der vierte Abschnitt («Territorium und Grenzen 1967 bis 1977») beschreibt die Unsicherheit in der israelischen Gesellschaft Mitte der 1960er Jahre und die übersteigerte Euphorie nach dem Sieg im Sechstagekrieg: «Der Messias ist gestern in Israel angekommen […]. Dieses Mal trug der Messias Uniform.»(1). Rasch folgten «erste Risse im Konsens» (S. 88) nach dem Abnutzungskampf mit Ägypten 1968 bis 1970 und wachsende Zweifel: «Wenn wir spazieren gehen, dann sind wir zu dritt – Du und ich und der nächste Krieg.»(2)

Der auch auf israelischer Seite sehr verlustreiche und traumatisch nachwirkende Jom-Kippur-Krieg 1973 bereitete zwar einerseits dem Friedensabschluss von 1977 mit Ägypten indirekt den Weg, verstärkte aber auch den Prozess des Niedergangs des linken Lagers und mündete 1977 in den Sieg des rechten Lagers unter Menachem Begin. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, dominiert seitdem die israelische Rechte die Politik Israels, einer Rechten noch dazu, die sich im Laufe dieser Zeit erheblich radikalisiert hat.

Das fünfte Kapitel («Verschwindende Grenze und Polarisierung der Gesellschaft 1977 - 1995»), das die erste Intifada der Palästinenser*innen ab 1988 und den Oslo-Friedensprozess der neunziger Jahre einschließt, endet nicht zufällig mit der Ermordung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin durch einen jungen rechtsradikalen Israeli in einem aufgeheizten Klima, an dessen Entstehung zwei damalige Anführer des Likud, Ariel Sharon und Benjamin Netanyahu, ihren unseligen Anteil hatten. Der folgende Wahlkampf wurde, was Zadoff auslässt, auch unter dem Eindruck von schweren Selbstmordattentaten in Jerusalem und Tel Aviv, denen über 60 Menschen zum Opfer fielen, zu Gunsten der rechten Parteien entschieden und brachten erstmals Netanyahu an die Macht.

Bis weit in die 1980er Jahre hinein war Israel ein Land mit einer vergleichsweise geringen sozial-ökonomischen Ungleichheit. Das änderte sich ab den 1990er Jahren rasant und radikal. Vor diesem Hintergrund sind die großen Protestaktionen des Jahres 2011 zu sehen, die jedoch relativ schnell erlahmten und es nicht vermochten, soziale und ökonomische Gleichheit als zentrales Thema der israelischen Politik zu etablieren.

Das sechste Kapitel («Gemeinsam und getrennt. Araber und Juden seit dem Jahr 2000») kommt zu dem Ergebnis, dass trotz der andauernden Besatzung palästinensischer Gebiete und der schleichenden Aushöhlung des demokratischen Charakters Israels als deren Folge, die Zadoff sehr deutlich benennt, die Geschichte des Staates Israel auch eine Erfolgsgeschichte ist. Sichtbar wird dies etwa in den beeindruckenden wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen und dem generell hohen Lebensstandard. Gleichzeitig sieht der Autor die beiden Gesellschaften aber mittlerweile auf paradoxe Weise «untrennbar aneinander gebunden» (S.136), verstärkt noch durch die Auswirkungen der aktuellen Corona-Pandemie und des Klimawandels. Ihre Zukunft müsse folglich eine gemeinsame sein.

Noam Zadoff: Geschichte Israels. Von der Staatsgründung bis zur Gegenwart; C.H. Beck Verlag, München 2020, 144 Seiten, 9,95 EUR

(1) Zitiert aus der Tageszeitung Maariv, Zadoff, S. 86f.

(2) Hanoch Levin 1968, zitiert nach Zadoff, S. 88.

Hintergrundinformationen auch auf der Website des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung.