Nachricht | International / Transnational - Migration / Flucht - Südostasien Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind?

Ein neuer Sammelband über viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel

Dieser Sammelband erscheint zu einem Zeitpunkt, der geprägt ist von Unsicherheit und Veränderung. 2020 ist ein Jahr, das viele Menschen vor neue, ungeahnte Herausforderungen gestellt hat. Unter anderem hat die COVID-19-Pandemie Ausgrenzungsmechanismen gegen asiatische Deutsche offener denn je dargelegt. Der Rassismus besteht zwar schon lange, doch wurden diese Ressentiments in den vergangenen Jahren durch die Mehrheitsgesellschaft und auch durch die Politik heruntergespielt – es seien doch positive Vorurteile. Neben verbalen Attacken wurden teilweise auch physische Übergriffen auf asiatisch-aussehende Personen verübt, da sie als Ursache und Träger*innen des Corona-Virus angesehen wurden.

Für Viet-Deutsche der eineinhalben, zweiten und dritten Generation gehörten Aussagen wie «Wann geht ihr zurück in die Heimat?», «Du sprichst aber gut Deutsch!» oder Fremdzuschreibungen als asiatisch gleich chinesisch allerdings schon vor der Pandemie zu ihrem Alltag, obwohl sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Stilisiert zum «Bildungswunder» oder «Vorzeigemigrant» ist in Mainstream-Diskursen relativ wenig über die Kehrseite der vietnamesischen «Erfolgsgeschichten» bekannt. Dazu gehören eben jene Ausgrenzungserfahrungen, aber auch Konflikte und Druck seitens der eigenen Familien.

Psychische Belastungen aufgrund von Kriegstraumata und den widrigen Umständen der Migration werden bei Migrant*innen durch neuere Studien vermehrt nachgewiesen. Diese führen häufig zu Spannungen innerhalb der Familien und belasten oft das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern (Röttger-Rössler und Lam 2018). Doch diese Konflikte blieben bisher meistens unsichtbar, da es im vietnamesischen Kulturkontext unüblich ist, offen über Emotionen oder psychische Erkrankungen zu sprechen, schon gar nicht außerhalb der Kernfamilie. Diese kulturellen Grenzen werden gerade durch die zweite und dritte Generation Viet-Deutscher auf den Prüfstand gestellt. Geprägt durch das deutsche Bildungssystem und ihr soziales Umfeld, sind sie eher dazu bereit, ihre individuellen Erfahrungen zu teilen und Konflikte offener anzusprechen. Was letztendlich die beste Lösungsstrategie ist, wird von den Akteur*innen kontinuierlich ausgehandelt und kontextabhängig entschieden. Es gibt kein Richtig oder Falsch.

Dieser Sammelband bietet rare Einblicke in die Lebensrealitäten von Viet-Deutschen, insbesondere der eineinhalben, zweiten und dritten Generation. Der Titel «Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind? Viet-deutsche Lebensrealitäten im Wandel» ist angelehnt an das Gedicht «Quê hương là chùm khế ngọt» von Đỗ Trung Quân, welches Anfang der Neunziger Jahren in Vietnam vom Komponisten Giáp Văn Thạch zu einem populären Lied umgeschrieben wurde. Wie der Titel schon andeutet, stehen Fragen zu Identität und Herkunft im Mittelpunkt des Sammelbands. Weitere wichtige Themen sind Bildung, Kultur, Rassismus und intergenerationale Konflikte. Der Band besteht sowohl aus Beiträgen, die auf Forschung zu den vietnamesisch-deutschen Communities beruhen, als auch aus persönlichen Gesprächen und Essays.

Die komplette Einleitung und die Verlagsankündigung als PDF: