Nachricht | Deutsche / Europäische Geschichte - Rassismus / Neonazismus - Europa - Afrika Eine andere Lesart Achille Mbembe’s

Wie lässt sich der Angriff auf diesen postkolonialen Denker erklären?

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Achille Mbembe picture alliance / dpa | David Harrison

Der Philosoph und Historiker Achille Mbembe ist in die Kritik geraten. Ihm wird vorgeworfen, er relativiere den Holocaust und setze Israel mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime gleich. Damit wird einem wegweisenden Denker zur Geschichte und Kontinuität des Rassismus, der wesentliche Beiträge zu einem Verständnis von historischer wie gegenwärtiger gesellschaftlicher Gewalt und Ausschließungspraxis leistet, vorgeworfen, er verwische in seiner Darstellung jegliche Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Rassismus.

Wie lässt sich ein solcher Angriff erklären, der die akademische Arbeit und das politische Verständnis Achille Mbembe’s verkürzt und aus dem Zusammenhang reißt?

Dorothee Braun ist Büroleiterin im Ostafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dar es Salaam, Tansania.

Eine an Erfahrungen kolonialen Unrechts und den Bedingungen der Dekolonisierung ansetzende Wissensproduktion unterscheidet sich von europäischen Perspektiven auf das Thema, in denen der Holocaust als Inbegriff des Genozids gilt. Das ist in Deutschland eher unbegreiflich, stellt für uns Deutsche doch das Ausmaß der Bestialität, der ideologischen Begründung, der bürokratischen und industrialisierten Vernichtungsmaschinerie einen Präzedenzfall ohnegleichen dar. Vom Standpunkt Anderer betrachtet, der sich auf der jeweils eigenen Gewalterfahrung gründet, rückt mit der mitunter zutiefst intimen Verortung von Opfern und Tätern auf einem gemeinsamen Raum eine andere Dimension ins Zentrum: die Befassung mit den Tätern, des Wiederherstellens einer gemeinsamen Welt.

Nun hat in Deutschland die Auseinandersetzung mit den Täter*innen auf Ebene der Gesellschaft und ihren Institutionen Jahrzehnte verzögert stattgefunden. Fraglich ist ob sie ausreichend untersucht ist. Wir wissen viel über die Traumata der Opfer. Wir wissen, dass unbearbeitete, nicht überwundene traumatische Erfahrungen, bei der zweiten oder dritten Generation von Holocaust-Überlebenden in rätselhafter und zum Teil sehr belastender Symptomatik wieder zum Ausdruck kommen können. Forschungen zur transgenerationellen Weitergabe traumatischer Erfahrungen befassen sich jedoch meist mit den Nachkommen der Überlebenden. Die Weitergabe des NS-Erbes an die nachfolgenden Generationen, deren Auseinandersetzung mit den Täter-Eltern, mit Scham und Schuld, mit Größenwahn, Hass und ungeheurer Destruktivität findet weniger Aufmerksamkeit. Studien zu den Folgewirkungen des Holocaust in der eigenen Gesellschaft haben zudem auch Kriegserfahrungen, Flucht und Vertreibung aufgriffen. In unbewussten Identifikationsprozessen sehen die Forscher*innen das Schlüsselelement, das die Generationen miteinander verknüpft.

Die Psychoanalyse liefert einen wesentlichen theoretischen Rahmen in der Arbeit Achille Mbembe’s. Ihre Aufgabe ist es menschliches Verhalten unter Berücksichtigung rationaler und bewusster, wie vor- und unbewusster seelischer Vorgänge zu erklären. So gründet Mbembe auch in seinem Text «The Society of Enmity», der 2016 in Radical Philosophy erschienen ist – einem der Texte, an dem sich die derzeitige Diskussion um den Historiker und Philosophen entfacht – seine Analyse unter anderem auf Erkenntnisse der Psychoanalyse und deren gesellschaftskritische Annahmen. Dabei verschränkt er zwei Ebenen miteinander: Die der Konstituierung des Subjektes mit der Analyseebene politisch-ökonomischer wie historischer Bedingungen. Sein Ausgangspunkt ist die über Jahrhunderte andauernde weltweite Erfahrung von Gewaltherrschaft, Vernichtung, Ausgrenzung und Entwertung.

Unlösbare Konflikte verleiten Konfliktgegner*innen ihre jeweilige Gruppenidentität als einheitlich und im vermeintlichen Gegensatz zur Identität der feindlich Anderen zu konstruieren. Dabei kommt

die Unterscheidung zwischen Freund und Feind, zwischen zugehörig, bedrohlich oder radikal anderem ohne das Unbewusste nicht aus. Mbembe führt dies mit der Darstellung kolonialen Unrechts ein. Die Entfesselung zum Teil unbewusster Anteile, von Fantasien, Wünschen oder Trieben in einer die eigene Existenz bedrohenden, unverständlichen Welt ruft in den Vertreter*innen der kolonialen Eroberung letztlich den permanenten Reflex zur Unterscheidung, zur Abgrenzung, zur Projektion hervor.

Das Apartheidsystem steht exemplarisch für die mit den kollektiven Ideenwelten einer idealisierten Gemeinschaft einhergehenden Einheits- und Reinheitsphantasmen, das letztlich nur gewaltsam durchgesetzt nichts dulden kann, was anders oder abweichend wäre. Doch im Zwang sich abzugrenzen wird der Andere zur abstoßenden Figur des eigenen Selbst. Dabei werden nicht nur die eigene Machtposition, sondern ebenso die Affekte, Fantasien und Narrative verinnerlicht, die das eigene, auf den Anderen bezogene Handeln begleiten. In den Vorstellungswelten über die feindlich Anderen verbinden sich daher historisch und gesellschaftlich produzierte Formen des Abgewerteten, Unterdrückten, des Illusorischen und Verdrängten mit abgewehrten Anteilen des eigenen Selbst. 

Das koloniale Trauma zeichnet sich hingegen durch die Identifizierung mit dem (weißen) Täter und die Übernahme der westlichen Repräsentation des schwarzen Daseins als Böses und Amoralisches aus. Die koloniale Situation führt in ein Dilemma, in eine Doppeldeutigkeit des eigenen Daseins geworfen zu sein, in der die Anerkennung des dämonischen Eigenen permanent erzwungen, zurückgewiesen und dennoch unentrinnbar ist.

Im Kern geht es also um die Frage, wie sich historische Erfahrungen von Abwehrbewegungen gegen bedrohlich erscheinende Andere in uns als Subjekte eingeschrieben haben und einschreiben. Wenn Mbembe dabei Personengruppen sowie auch Unrechtsregime neben einander stellt, dann nicht, wie die Kritiker behaupten, aus Gründen der Relativierung von Antisemitismus und Schoah. Vielmehr ist es ein Aufruf unsere Verstricktheit zu hinterfragen, uns Klarheit über indirekte strukturelle und historische Formen von Verantwortung zu verschaffen, die zu Unrecht, Ausbeutung und asymmetrischen Herrschaftsverhältnissen beitragen und diese zementieren. Wir sind dabei weder nur Täter oder nur Opfer sondern Zuschauende, Teilnehmende, Erben, Privilegierte. Unsere Verstrickungen sind vielfältig, widersprüchlich und veränderbar. Aus dem inneren Dialog, der die eigene Position, die eigenen Interessen und Haltungen im Hinblick auf bestehende Machtverhältnisse und aktuelle wie historische Gewalt und politischem Unrecht befragt, kann Einspruch, kann kollektive Solidarität erwachsen.

Angesichts einer Diskussion, die so bitter und unversöhnlich gegen einen kritischen Wissenschaftler aus dem Globalen Süden geführt wird, sollten wir uns fragen, weshalb der Blick eines Anderen, wenn wir ihn denn bemerken, so verstörend auf uns wirkt?

Liegt die Ursache darin begründet, dass Mbembe in seinem Text selten ein Subjekt benennt, sondern – indem das Subjekt eine Leerstelle bleibt – uns alle anspricht? Und zwar auch da, wo er die Äußerung aggressiver oder verdeckter Feindseligkeit als Folge einer aus der Kontrolle geratenen Profitakkumulation und alles durchdringenden Digitalisierung interpretiert?

Oder liegt es daran, dass Mbembe das Wagnis eingeht, die psychoanalytische Theorie Freuds und Lacans auf gesellschaftliche Phänomene anzuwenden – und damit das Unbewusste, einschließlich der schwer erträglichen Anteile unseres Selbst an die Oberfläche zerrt, das schon immer Gegenwehr provoziert hat? Und damit unsere innere Bereitschaft und Fähigkeit hinterfragt, den uns fremden Anderen in unserer Verschiedenheit als souveränes Gegenüber anzuerkennen?

Wie dem auch sei, aus der Ferne betrachtet erscheint die Kritik an Achille Mbembe wie reaktives Armschleudern aus dem Zusammenhang herausgerissener Sätze, oder einer einseitigen Verortung. Philosophie, Psychoanalyse und Postkolonialismus werden zusammengerührt und damit die Chance vertan, das eigentlich Aufklärerische, das zur Introspektion aufrufende Moment zum Sprechen zu bringen und die Einladung zum Dialog anzunehmen.

Literatur

Bohleber, W. [1997]: Trauma, Identifizierung und historischer Kontext. Über die Notwendigkeit, die NS-Vergangenheit in den psychoanalytischen Deutungsprozeß einzubeziehen, in Psyche, 51, 958-995
Elbe, I. [2020]: Postkolonial gegen Israel, in mena-watch
Fanon, F. [2018]: Alienation and Freedom, BLOOMSBURY ACADEMIC, London; first published in 2015, LA DÉCOUVERTE, Paris
Kreuzer-Haustein, U. [2013]: Die Beziehungsgeschichte von DPV und DPG 1945 bis 1967: Offene und verborgene Auseinandersetzungen mit der NS-Geschichte; in Psyche – Z Psychoanal 67, 2013, 715–734
Mbembe, A. [2016] : The society of enmity, in Radical Philosophy
Rothberg, M. [2019]: The implicated subject. Beyond victims and perperators. Standford University Press, Standford