Nachricht | Kunst / Performance - Migration / Flucht - Corona-Krise Corona-Sounds – Unbeachtete Stimmen wahrnehmen

Wie klingt eine Pandemie? Eine Soundcollage von Marie Gippert und Gamze Kafar in drei Sprachen.

Information

Autor/innen

Marie Gippert, Gamze Kafar,

Corona-Sounds – Unbeachtete Stimmen wahrnehmen

Stille ist es, was vielen Menschen zuerst einfällt, wenn sie an die Sounds (die Klänge und Geräusche) der Pandemie denken. Die Pandemie und der Lockdown haben offensichtlich Einfluss auf die öffentliche Klanglandschaft, darauf was gehört wird und was nicht.

Move and be still
Recognise positionality and reciprocity
Find feedback as a gesture of touch

Listening for everything
Everything is valid
Tune into which you cannot hear

Ask a question of what you hear
Let sound become a language (without grammar)
Let listening become a conduit (without words)

Stay
Care
Converse


«A Manifesto for Careful Listening (listening for everything)», Listening Across Disciplines)

Die Art und Weise wie wir unsere (akustische) Umgebung wahrnehmen, ist stark von dem kulturellen Kontext geprägt, in dem wir aufwachsen. Sound und das Wissen, das wir durch Sound erlangen, werden (wenn überhaupt) im Gegensatz zu Visuellem nur als Hintergrund oder begleitendes Element wahrgenommen.

Die Dominanz des Visuellen lässt sich auf das Zeitalter der Aufklärung zurückführen. Damals wurde das Sehen, im Gegensatz zu den anderen «primitiven» Sinnen, als «höherer» Sinn charakterisiert. Diese «Sichtweise» beeinflusst nach wie vor unsere Wahrnehmung der Umwelt. Wer und was gehört und (akustisch) repräsentiert wird, ist sehr selektiv und durch ungleiche Machtverhältnisse geprägt. Folglich überhören wir viele Aspekte unserer akustischen Umgebung.

Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, eine alternative Klanglandschaft der Pandemie zu erstellen. Sounds und Stimmen, die bereits vor Beginn der Pandemie wenig Beachtung fanden, sind jetzt noch weniger zu hören. Als ein Fragment aus Informationen und (ungehörten) Stimmen ist die Audiocollage eine Einladung zum Zuhören, wie unterschiedlich die Pandemie erlebt wird, und zum Reflektieren unserer (nicht-Zu)Hörgewohnheiten; und somit ein Ausgangspunkt für Veränderung.

Wir empfehlen zunächst die Soundcollage (vorzugsweise mit Kopfhören) anzuhören, zu versuchen Bedeutungen zu erschließen und im Anschluss die Hintergrundinformationen zu den Protagonist*innen zu lesen.

Weiter unten folgt eine Verschriftlichung und Übersetzung der Redebeiträge in Deutsch (Englisch und Türkisch als PDF zum Download).

Corona-Sounds – Unbeachtete Stimmen wahrnehmen

Mitwirkende

Marie Gippert, Gamze Kafar,

Dauer

19:09

Wie klingt eine Pandemie?
[Soundcollage, 19.09 Min., 2020]

Transkription: Sounds und Stimmen

Vogelgezwitscher

U-Bahngeräusche

Katleen: «Es war, wie in eine andere Welt zurückzukommen. Weißt du: Lockdown, Klopapier. Hm, die Zahlen, nicht glauben zu können, dass da wirklich, wirklich was passiert.»

Straßenmusik

Önder: «Okay ich kann nicht sagen, dass Corona mich super produktiv gemacht hat, aber einige Monate lang habe ich Videos aufgenommen. Morgens um vier im Morgengrauen bin ich rausgegangen bis acht oder neun, in goldenem Licht. Mit dieser Motivation habe ich einige Dinge gemacht.»

Marktgeräusche

Mehmet: «Der Markt hatte natürlich geschlossen in dieser Zeit. Nur Nahrungsmittel und Getränke konnten verkauft werden. Für Leute wie mich war die Arbeit vorbei, mein Einkommen auf null gesunken. Zum Glück hatte ich etwas Geld zur Seite gelegt und wenn du den ganzen Tag zu Hause bist, gibst du nicht so viel aus. Daher konnte ich managen.»

U-Bahngeräusche

Johanna: «Es gab eine Form von staatlicher Unterstützung, natürlich, wie für alle Solo-Selbstständigen. Allerdings konnten das natürlich nur diejenigen Leute bekommen, die in Deutschland leben, hier angemeldet sind und Steuernummern haben und so weiter. Wir haben in unserer Branche aber eine unglaublich hohe Zahl an Menschen, die durch alle Raster der sozialen Hilfssysteme durchfallen. Jetzt kriegen die von nirgends Geld, das heißt, die müssen illegal weiterarbeiten.»

Verkehr- und Krankenwagengeräusche

Johanna: «Wir haben ja so einen Berufsverband, da bin ich auch sehr, sehr aktiv. Und wir haben von unserem Berufsverband einen Nothilfefond gegründet, genau für diese Leute. Wir haben schon fast 150.000 € ausgeschüttet. Wir könnten jetzt gut 500.000 € ausschütten, haben wir aber nicht.

Musik auf dem Markt

Katleen: «Natürlich konnte ich nicht mehr unterrichten. Ich habe meine Arbeit verloren. Ich habe 23 Jahre in einem Kinderzirkus gearbeitet. Das ist vorbei. Dann habe ich in einer Schule in Lichtenrade gearbeitet. Das ist vorbei. Weil, ich meine, ich bin 71 und ich kann mich diesem Risiko leider nicht aussetzen.»

Vogelgeräusche

Özge: «Ja am meisten macht mir glaube ich so das Finanzielle zu schaffen. Und dass halt alles online ist. Da ist so für mich, ich schätze halt, persönliche Begegnungen mehr als halt immer, immer online. Und das find ich schon ziemlich anstrengend. Ja daher macht sich so ein bisschen diese Vereinsamung, also diese Isolation – also halt auch immer zu Hause – schon echt bemerkbar. Also ich fühl mich da schon so ein bisschen eingeengt. Aber ich mache mir da nicht mehr so allzu viele Gedanken, weil es ist halt so. Also eine Akzeptanz hat sich auch schon breit gemacht.»

Gemeinsames Singen vor einem Senior*innenwohnheim

Mehmet: «Ich war für drei Monate im Gefängnis. Zwei Mal habe ich an einem Meditationscamp teilgenommen, Vipassana, kennt ihr das? Zehn Tage lang redest du nicht, es ist ein ganz anderer Rhythmus. Einen Moment lang habe ich gedacht, dass ich wieder so etwas begegne. Aus dem Gefängnis kannst du nicht raus, du kannst keine Leute treffen, dich nicht unterhalten etc. Damit hatte ich das Gefühl eine alte Waffe rauszuholen.»

Önder: «In der Türkei oder auch allgemein vor Corona habe ich gern allein zu Hause Zeit verbracht. Aber zu wissen, dass du, wenn du willst, Leute treffen kannst und gemeinsam gute Zeit verbringen kannst, ist etwas Schönes. Dass das nicht möglich ist, ist natürlich schlecht. In den eigenen vier Wänden haben wir immer die gleiche Routine. Und dann Dunkelheit, Kälte und ein bescheuerter Winter.»

Weihnachtsglocken und Schritte

Johanna: «Das ist bei dem zweiten Lockdown, indem wir uns jetzt befinden, auch viel schlimmer als beim ersten Mal. Alles ist dunkel und die Zahlen gehen unendlich hoch. Die ganze Welt ist in 'ner Pandemie und alles ist schlecht und oh Gott, wo soll das hingehen? Und da sehe ich auch jetzt wie viele Leute in meinem engeren Bekanntenkreis oder auch Kollegenkreis zu Depressionen neigen. Das war mir vorher gar nicht so klar. Corona ist da schon auch so ein Brennspiegel.»

Supermarktgeräusche

Özge: «Aber ich hab auch keinen erreicht, bzw. manche haben das dann nicht mehr gemacht. Also manche haben das während Corona nicht mehr gemacht, oder halt gar nicht mehr gemacht. Mit dem Warten bei jedem Termin vergehen halt einfach auch diese Wochen. Ist halt so eine irrationale Angst, die man dann halt entwickelt: Was ist, wenn es halt dann zu spät ist? Es ist ja so, dass man für den medikamentösen Abbruch auch nicht ewig Zeit hat. Das geht bis zur neunten Woche, bei manchen Ärzten sogar noch weniger. Da war halt eine Deadline, sozusagen.»

Straßenbahngeräusche

Özge: «Es ist sowieso schon super anstrengend, weil einfach Isolation, sich allein fühlen, keine Routine haben ein unglaublich negativer Faktor sind bei Depressionen. Und für mich war das halt so, dass die Schwangerschaft und die Abtreibung unglaublich meine Depressionen auch getriggert haben. Und ich dann wirklich in einer depressiven Phase war, danach halt auch.»

Straßenbahnfahrgeräusche

Katleen: «Natürlich mache ich mir Sorgen um sie wegen der Situation in den USA. Zum Glück ist bislang niemand von ihnen krank geworden und ich bete, dass sie nicht krank werden. Aber es ist nur so dass, weißt du, zwei sind in Kalifornien und Kalifornien hat so viele Probleme zur Zeit wegen der Feuer und allem. Es ist, es ist ein Albtraum, der sich in den USA abspielt, insbesondere in Kalifornien. Aber natürlich tut es mir weh und ich mache mir Sorgen um sie … Und ja danke, dass ihr mich das fragt, denn ich glaube nicht, dass Leute sich vorstellen können wie es ist, soweit weg zu sein, nichts machen zu können und nur zu beobachten wie es vor deinen Augen schlechter wird. Und ja, ich hoffe einfach, bete, dass sie beschützt sind.»

Mehmet: «Ich habe das Gefühl, dass ich es irgendwie bewältige, aber wenn sie es bekommen … Meine Mutter hatte eine Herzoperation vor ein paar Jahren. Am meisten mache ich mir natürlich Sorgen um sie. Abgesehen davon bin ich besorgt um all die Menschen in Risikogruppen. Aber am meisten denke ich an meine Familie.»

Vogelgezwitscher; Regen- und Krankenwagengeräusche

Önder: «Meine Mutter hat letzten Frühling überlegt herzukommen. Okay, es ist noch nicht 15 Jahre oder so her, aber natürlich vermisst man sich. Sie konnte nicht kommen. Und jetzt, wann wird sie kommen können, wie wird es sich entwickeln?»

Geräusche am Kanalufer

Mehmet: «Naja, in so einer schwierigen Phase haben sich auch Gefühle von Solidarität verstärkt.
Ich habe angefangen viel häufiger und länger mit alten Freund*innen, alten Freund*innen in der Türkei zu reden, Sorgen zu teilen. Und das hat unsere Beziehungen auch gestärkt. Ehrlich gesagt, hatte ich nie wirklich Heimweh, seit ich hier hergekommen bin. Aber während der Corona-Zeit bin ich unglaublich emotional geworden: Ich vermisse es, Türkisch zu sprechen, ich vermisse meine alten Freund*innen sehr. Naja, mit alten Freund*innen zusammen zu sein, fühlt sich wie zuhause an …»

Geräusche am Kanalufer

Önder: «Während Corona haben wir angefangen Age of Empires zu spielen. Das sind Freunde, mit denen ich in Internetcafés gegangen bin, als ich noch zur Schule ging. Jetzt leben alle an verschiedenen Orten:einer lebt in Kanada, einer in UK, einige in der Türkei, und ich eben hier. Nachts spielen wir Computerspiele. Das war vor Corona nicht so. Ja eigentlich bin ich unsozialer geworden, aber  gleichzeitig hat sich eine neue Form von sozialem Miteinander gebildet. Soziales Miteinander, naja wir können es auch anders nennen, aber ich betrachte es als eine neue Form sozialen Miteinanders.»

Vogelgezwitscher; Gesetzgebung zu Abtreibung

Özge: «Also diese psychischen Folgen gerade auch bedingt durch Corona sind halt überhaupt nicht in, also man hört und sieht nichts von ihnen erstmal, und wenn, dann halt immer nur im Zusammenhang mit diesen Lebensschützern, die dann irgendwie die psychischen Folgen nach Abbrüchen irgendwie als Rechtfertigung dafür sehen, diese zu kriminalisieren. Und das ist, also unglaublicher Quatsch. Es ist aber auch wichtig zu sehen, einfach zu sehen, dass Menschen mit Vorbelastungen, die sowieso Depressionen haben, oder einfach, und mit ich meine, während Corona haben ja alle Menschen einfach weniger Möglichkeiten, mit Stress umzugehen, wir müssen das halt neu lernen quasi mit so einer Art Stress umzugehen. Dann ist es umso wichtiger, dass man einfach die Möglichkeiten hat, sich da Hilfe zu holen, oder irgendwie darüber sprechen zu können. Und einfach so dieses, diese Kreuzung zwischen alldem, Abtreibung sowie schon als so ein Tabuthema und dann noch Corona dazu. Dann so eine medizinische Lage, also was beide angeht, was Schwangerschaftsabbrüche und psychische Hilfe angeht, ergibt es einfach so eine unglaublich schwierige Situation durch alles zusammen.»

Protestgeräusche: in Solidarität mit dem Recht auf Abtreibung in Polen

Johanna: «Auch bei uns, in unserer Branche gibt es natürlich Online-Working. Und es gibt auch einige Kolleginnen, die das sehr gut umgesetzt haben und die gemerkt haben, dass sie daran Freude finden. Und es gibt auch Kunden und Kundinnen, die das annehmen und gut finden. Aber es gibt viele so wie mich, die werden mit dieser Arbeit nicht wirklich warm. Und ich hab auch ein Problem hier bei mir zu Hause. Ich wohne in einer Wohngemeinschaft. Viele haben ja auch Familie. So und das ist ganz, ganz anderes Arbeiten, dieses Online-Sessions anbieten, weil wir sind ja eine Branche in der Sexarbeit, wo es auch um ganz viel körperliche Nähe geht. Und in der Regel haben wir uns diese körperliche Nähe ja auch bewusst ausgesucht als Beruf. Und ich merke das fehlt mir total. Wenn ich da irgendwie online mit jemandem was machen sollte. Ich komme da gar nicht so rein. Sagen wir es mal realistisch, es kommt eben nicht das Geld zusammen, was man zum Leben braucht.»

Katleen: «Und ja, ich habe diese Ausstellung gemacht mit 38 Fotos und ich hatte eine großartige, großartige Vernissage. Natürlich war es eine Menge Stress wegen Corona, das kannst du dir vorstellen. Aber ich habe es gemacht und ich, ich war sehr glücklich, weil ich es gemacht habe. Denn einige Leute, weißt du, einige Leute sind in die Ferien gefahren, aber das waren meine Ferien, diese Ausstellung. Und ich konnte eine Performance vorführen und etwas vorlesen, ein paar Gedanken, die ich in den USA aufgeschrieben hatte. Und dann sollte die Finissage am Wahltag sein, am 3. November, aber sie wurde abgesagt, weil am 3. November der zweite Lockdown begann, der halbe Lockdown, indem wir uns gerade befinden. Ich war sehr wütend, vor allem, weil in Leipzig diese Demonstration von 20.000 Menschen erlaubt wurde, und ich denke nicht, dass das fair ist.»

Protestgeräusche: gegen Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus

Önder: «Dies ist ein ganz anderes Land, ein schwieriges Land, die Kultur ist ganz anders und alles ist ohnehin schwierig für jemanden von woanders. Es ist leicht, dass es dich verrückt macht, aber Corona hat es noch schwieriger gemacht, multiplied by ten.»

Weihnachtskirchenläuten

Johanna: «Ich bin ja sehr, politisch sehr aktiv. Der Berufsverband, das muss man mal positiv sagen: unglaublich viele neue Mitglieder, wir vernetzen uns jetzt auch politisch sehr, sehr stark. Das heißt, da haben wir ganz ganz, ganz viel gewonnen, was wir unter normalen Umständen so nicht geschafft haben. Das nehmen wir auch alles mit in das Jahr 2021. Das nehmen wir alles mit in unsere zukünftige Arbeit, wenn hoffentlich wieder Normalität eingekehrt ist.»

Musik in einer U-Bahnstation

Katleen (Gedicht):

«Always the same thing
Is this just a bad dream?
Masked men are everywhere
Not the time to get scared
Gotta keep those hands clean
No this ain’t no bad dream
This is called reality
I don’t think it’s fit to me
Where is the rainbow I can ride
To get me on the other side»

Protestgeräusche: organisiert von Migrantifa, sechs Monate nach dem rassistischen Attentat in Hanau

Protagonist*innen

  • Johanna ist seit 25 Jahren Sexarbeiterin und politisch sehr aktiv. Johanna ist ihr Künstlername, durch die nach wie vor starke Stigmatisierung des Berufs haben die meisten ihrer Kolleg*innen einen Künstlernamen. Sie ist 52 Jahre alt.
  • Katleen ist eine 71-jährige Künstlerin, die vor über 20 Jahren nach Berlin gekommen ist. Sie ist Bauchtänzerin, Fotografin und Performerin.
  • Mehmet lebt seit ungefähr drei Jahren in Berlin. Er hatte ein Kleidungsgeschäft, das er kurz vor Beginn der Pandemie geschlossen hat. Zurzeit verkauft er verschiedene Produkte auf dem Markt.
  • Önder ist Fotograf, der aufgrund seiner Arbeit die Türkei verlassen musste.  Er lebt in Deutschland im Exil.
  • Özge lebt seit anderthalb Jahren in Berlin. Sie ist 28 Jahre alt und gerade wieder Masterstudentin. Nebenberuflich unterrichtet sie Deutsch als Fremdsprache.

Epilog

Wir haben zu einer alternativen Praxis des (Zu-)Hörens eingeladen: zu einer Reise tiefen Zuhörens, Begegnungen, Erschließen von Bedeutungen, Momenten des (Nicht-)Verstehens, verschiedenen Gefühlen und Reflexion. Erfahrungen in gesprochener Sprache zu teilen eröffnet einen gemeinsamen akustischen Raum, indem Ideen, Gedanken und Gefühle vom Klang der Stimme sowie dem Hören von sich selbst und einander begleitet werden. In Interviews stellten wir einige offene Fragen, um einen Raum zu schaffen, in dem Menschen als die Erzähler*innen ihrer Geschichten ihre Erfahrungen teilen können.

Einige der gerade gehörten Stimmen waren vielleicht schon vorher bekannt, aber durch die Pandemie haben sie neue Bedeutungen erlangt. Für eine Person, die in ein anderes Land migriert ist, ändert sich die Bedeutung von Distanz. Durch die Angst, wohlmöglich einige ältere Familienmitglieder nicht wiedersehen zu können, wird räumliche Entfernung schmerzvoll(er). Abtreibungen, die in Deutschland (sowie in vielen anderen Ländern auch) ohnehin eingeschränkt sind, wurden nun noch schwieriger. Begrenzter Zugang und mangelnde Unterstützung haben Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit sowie auf sexuelle Selbstbestimmung. Das Sozialsystem erreicht nicht alle Menschen. Viele Sexarbeiter*innen, deren Arbeit noch immer stark stigmatisiert ist, konnten keine staatliche finanzielle Unterstützung erhalten. Andere Berufe wie beispielsweise der Verkauf auf dem Markt sind unmöglich online zu verrichten. Während Digitalisierung dazu beitragen kann, lange Distanzen zu überbrücken, fehlen dabei Intimität und Nähe, was einen großen Einfluss auf soziales Leben und psychische Stabilität haben kann. Auch Aktivismus hat sich teilweise in den virtuellen Bereich verschoben bzw. dort weiter ausgebreitet. Dennoch fanden trotz der verstärkten Einschränkungen des öffentlichen Bereichs zahlreiche Proteste auch auf den Straßen statt.

Wir haben auch Sounds und Stimmen im öffentlichen Raum aufgenommen, von Protesten sowie von alltäglichen Situationen. Einige der Sounds, wie zum Beispiel die in der Metro sowie im Supermarkt, werden gewöhnlich als «Hintergrundgeräusche» wahrgenommen. Doch für viele von uns sind sie eine gemeinsame, häufig tägliche Erfahrung. Zudem sind dies Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenkommen, ohne sich dabei zu begegnen. Räume, die von einer Hierarchie geprägt sind, darüber was gesehen und gehört werden soll.

Die Pandemie bringt diverse Emotionen und Visionen mit sich: Ängste, Einsamkeit, Unsicherheiten, Sehnsüchte, Depression, sowie Hoffnungen, Widerstand und Solidarität. Die allgemeine Situation, individuelle Lebensbedingungen und Persönlichkeit bringen geteilte und verschiedene Erfahrungen hervor.

Mit der Soundcollage haben wir versucht, einige ungehörte und überhörte Stimmen hörbar zu machen, ohne dabei über «die Anderen» zu sprechen. Wir wollen die Menschen die Akteur*innen ihrer Geschichten sein lassen. Der fragmentarische Charakter ist eine Einladung zur Reflexion: über unsere Hörgewohnheiten, sowie die Grenzen von (Re-)Präsentation, über die verschiedenen Geschichten, sowie deren Auswahl. Natürlich ist es unmöglich, alle Geschichten in einer Darstellung zu präsentieren, aber unser Ziel ist es, zu einer alternativen Praxis des (Zu-)Hörens im alltäglichen Leben anzuregen, die Ignoranz überwindet und Verständnis schafft, gegen Wohltätigkeit und für Gleichberechtigung und Solidarität.

Mit großem Dank an:

Johanna, Katleen, Mehmet, Önder und Özge für die Teilnahme, sowie Deniz, Fiona, Lisa, Rafia und Stefanie für ihre Unterstützung.

Die Sounds wurden von Juli bis Dezember 2020 in Berlin aufgenommen.
 

Marie Gippert und Gamze Kafar (Text und Fotos)