Nachricht | Die Kommunen vor der Kommune 1870/71; Hamburg 2021

Menschen machen ihre eigene Geschichte

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«Die Menschen machen ihre eigene Geschichte.» Dieser Satz stimmt zu jeder Zeit und wird doch in revolutionären Situationen besonders greifbar. Wenn die Menschen auf der Straße nach den Institutionen greifen, sie zerschlagen, neue schaffen und ihre Forderungen konkret formulieren und umsetzen, dann wird die solidarische Gesellschaft sichtbar. Wenn die Revolution sich dann jedoch in der Situation sieht, sich verteidigen zu müssen, wenn sie auf der Suche nach dem Weg Fehler macht und sich in Widersprüche verwickelt, verweht oft ein großer Teil dieser begeisternden Atmosphäre. Von daher bleiben gerade die niedergeschlagenen Revolutionen in heroischer Erinnerung. Das gilt auch für die Pariser Kommune. Als Karl Marx im «18. Brumaire» den Satz von den Menschen schrieb, die ihre eigene Geschichte machen, wusste er auch, dass sie sie «[…] unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen» gestalten müssen.

Nun liegt ein Buch vor, mit dem eben diesen gegebenen Umständen nachgegangen und die Pariser Kommune in den sozialen Auseinandersetzungen ihrer Zeit verortet wird. In ihm wird sehr deutlich, dass die Pariser Kommune Teil einer Bewegung war, die in den Jahren 1870/71 Frankreich erfasst hatte und an vielen Orten zu Aufständen und zur Gründung von revolutionären Kommunen führte. Die Autoren stellen insbesondere die Entwicklungen in Lyon, Le Creusot, Marseille, Paris und in der Kolonie Algerien dar. In der Beschreibung der Vorgänge wird die Position stark gemacht, dass das Ringen um Selbstverwaltung und Autonomie zentrale Momente der Bewegung von 1870/71 gewesen sind. Die Basisbewegungen werden lebendig nachgezeichnet. Darin liegt eine große Stärke dieses Buches. Wichtig ist auch der Hinweis, dass ein Großteil der Kommunard:innen – zumal in Algerien – den kolonialistischen Rassismus noch nicht überwunden hatten.

Mit der positiven Bezugnahme auf die Basisbewegungen geht in der Publikation aber eine durchgängige Geringschätzung von Theorie einher. Das drückt sich etwa in der Feststellung aus, die französischen Bäuer:innen seien nicht rückständig gewesen, als sie die Versprechungen Napoleon III. für sich in Anspruch genommen haben. Aus dem Blick gerät auf diese Weise, worum Klassenkämpfe geführt wurden und werden – sicher nicht um die verklärte «[…] freie Vergangenheit […]» (S. 87) oder eine «moralische Ökonomie» (S. 17). Neben wertvollen Darlegungen der Geschichte der Kommunen enthält das Buch damit Unklarheiten und Angriffe gegen jede Form der Systematisierung und Konsolidierung revolutionärer Bewegungen. Auf diese Weise wird das Lernen aus den Kommunen ebenso erschwert wie die solidarische Bezugnahme aufeinander in den anstehenden Kämpfen, damit die Menschen wieder selbstbewusst ihre eigene Geschichte machen können.

Detlef Hartmann/Christopher Wimmer: Die Kommunen vor der Kommune 1870/71. Lyon – Le Creusot – Marseille – Paris; Verlag Assoziation A Hamburg 2021, 144 S., 14 EUR