Nachricht | Mexiko / Mittelamerika / Kuba - Corona-Krise Das indigene Mexiko

Zwischen Diskriminierung, Covid-19 und Großprojekten: Indigene Gemeinschaften im Zeichen des Widerstands.

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2021 ist für Mexiko ein geschichtsträchtiges Jahr: Vor 700 Jahren wurde Tenochtitlán erbaut. Vor 500 Jahren eroberte Hernán Cortés die Stadt, auf deren Gebiet die Spanier später Mexiko-Stadt gründeten. Und vor 200 Jahren wurden die spanischen Herrscher aus Mexiko vertrieben.
Das indigene Erbe bedeutet in Mexiko auch heute noch vielfach Widerstand, schreibt die diesjährige Südlink-Kolumnistin Roselia Chaca.

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Südlink, der Zeitschrift des INKOTA-Netzwerks. Zur aktuellen Ausgabe.

Statistiken sind wichtig, um Ungleichheiten und die Bedürfnisse der am meisten Benachteiligten zu ermitteln. Regierungen argumentieren gerne: Wenn ich dich nicht zähle, existierst du nicht. Viele Jahrzehnte lang geschah dies mit den Indigenen in Mexiko: Entweder wurden sie gar nicht oder sie wurden schlecht gezählt. Heute zählt die Regierung die Indigenen der insgesamt 68 verschiedenen Völker. Ihr Ziel dabei: international ein gutes Bild abgeben. Auf Grundlage der Statistiken würden schließlich Institute, Kommissionen und Programme geschaffen, die sich um die Bedürfnisse von Indigenen kümmern, so die Regierung.

Doch anstatt die 8,4 Millionen Indigenen, die in Armut, oder die 3,4 Millionen, die in extremer Armut leben, aus ihrer schwierigen Lage zu befreien, haben die Regierungen Mexikos ihnen jahrzehntelang nur mickrige oder symbolische Unterstützung gewährt, die die indigenen Gruppen zur politischen Klientel der jeweiligen Machtzirkel machten.

Roselia Chaca ist eine zapotekische Journalistin in Mexiko. Sie lebt und arbeitet in Oaxaca und ist dort zurzeit Korrespondentin der mexikanischen Tageszeitung El Universal.

In den schlimmsten Fällen brachte die Unterstützung die Indigenen dazu, ihr Land zu verlassen, das daraufhin brachlag. Viele wurden abhängig von Landbesitzern, andere wanderten in die städtischen Zentren ab, wo sie bis heute in Jobs mit mageren Löhnen beschäftigt sind, die ihnen keinen angemessenen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Bildung, Sicherheit, Unterkunft und Gesundheit ermöglichen. Allein im Gesundheitsbereich haben insgesamt 1,9 Millionen Indigene kaum Zugang zu Dienstleistungen. Damit sind sie schlechter gestellt als die 18 Millionen nicht-indigenen Mexikaner*innen, die laut den Daten des «Nationalen Rats für die Evaluierung der Sozialpolitik» (Coneval) in Armut leben.

Die Situation im Bereich der Gesundheit ist im ganzen Land katastrophal, vor allem in abgelegenen ländlichen Gemeinden. Dies zeigt sich besonders deutlich in der aktuellen Coronapandemie. In indigenen Dörfern gibt es häufig überhaupt keine Gesundheitszentren. Beatmungsgeräte für schwere Corona-Verläufe sind im näheren Umkreis nicht vorhanden. Viele Infizierte sterben in ihren Häusern, ohne überhaupt zu wissen, dass sie an Covid-19 erkrankt sind. Inmitten eines miserabel ausgestatteten Gesundheitssystems sowie sozialen und wirtschaftlichen Mangels sind die Indigenen mit einer Pandemie konfrontiert, die von der anderen Seite des Meeres kam.

Widerstand durch Rettung indigener Sprachen

Gefahr besteht aber auch ohne Pandemie: Laut dem letzten Zensus gibt es in Mexiko etwa 7,7 Millionen Sprecher*innen der insgesamt 68 indigenen Idiome. Doch die meisten sind Erwachsene, 60 Prozent der Sprachen sind im Begriff zu verschwinden. Innerhalb von 30 oder 40 Jahren könnten diese fast nur noch von Alten gesprochen werden. Wir stehen vor einem Linguizid, und das nicht nur in Mexiko. Für den zapotekischen Linguisten Victor Cata ist eine Sprache vital, wenn für jede alte Person, die stirbt, ein oder zwei Kinder geboren werden, die sie ebenfalls erlernen. Doch das ist selten der Fall. Einer der wichtigsten Widerstände der indigenen Völker ist daher die Wiederbelebung, Rettung und Förderung ihrer Sprachen. In den meisten Fällen geht der Kampf von ihnen selbst aus, mit eigenen Initiativen und vereinzelten Bemühungen von zweisprachigen Lehrer*innen, Schriftsteller*innen, Sprachförderern. Die Initiative der Regierung beschränkt sich auf eine eher bürokratische Arbeit. Der mexikanische Staat hat seinen Anteil am Verschwinden der Sprachen und reagiert darauf erst spät vom bequemen Schreibtisch aus. Der Fortbestand und die Vitalität einiger Sprachen ist den Sprecher*innen selbst zu verdanken.

Nicht nur mit ihren Sprachen leisten Indigene in Mexiko Widerstand. Sie verteidigen ihr Territorium auch gegen extraktive Projekte und Infrastrukturvorhaben. Dazu zählen Bergbau und Windenergie sowie die beiden wichtigsten Großprojekte der Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador im Rahmen der von ihr so bezeichneten «Vierten Transformation»: Der geplante Maya-Zug auf der Halbinsel Yucatán und der interozeanische Zug, der den Golf von Mexiko mit dem Pazifik verbinden soll.

Bei beiden Projekten gab es enorme Unstimmigkeiten, vor allem wegen der geringen oder komplett fehlenden Konsultation der Gemeinden durch die mexikanische Regierung. Das Kapital hingegen genießt Privilegien, die Regierung nimmt Umweltzerstörung in Kauf. Diese «Entwicklung» wird mit dem «Fortschritt» verglichen, der vor mehr als zehn Jahren im südlichen Oaxaca durch die Schaffung eines Windkorridors mit 27 Windparks und 2.000 Windkraftanlagen begann. Es kam zu Landraub und der Zerstörung von Ökosystemen. Gruppen des organisierten Verbrechens wurden in den Schutz der Projekte eingebunden, während Bäuerinnen und Bauern gegen lächerlich niedrige Entschädigungen enteignet wurden.

Die indigene Bevölkerung lebt nicht nur unter schlechten sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, sondern befindet sich auch in einem langen und historischen Kampf gegen rassistische Diskriminierung. Diese ist permanent und systematisch, wobei Frauen eine dreifache Diskriminierung erleiden: weil sie arm sind, weil sie indigen sind und weil sie Frauen sind. 

Die Regierung hat die Indigenen immer zurückhaltend beobachtet, lässt sie zählen, geht mit ihrer Hilfe hausieren, folklorisiert sie, erzählt der Welt, dass sie sie schützt und schätzt. Doch wenn sich die Gelegenheit bietet, nimmt sie die Indigenen aus und lässt sie unsichtbar werden. Und so steht für die indigenen Völker Mexikos auch das frühe 21. Jahrhundert im Zeichen des Widerstands: Sie verteidigen ihr Territorium vor transnationaler Enteignung und vor dem mexikanischen Staat und versuchen, ihre Sprachen vor der Verdrängung durch das Spanische zu retten. Die indigenen Völker in Mexiko schwimmen mit Würde gegen den Strom und wehren sich. Sie retten ihr kulturelles Erbe, obwohl dies kaum jemand wertschätzt.

[Aus dem Spanischen von Tobias Lambert].