Nachricht | Erinnern stören Jüdische Perspektiven auf die #DeutscheVereinigung

Sharon Adler im Gespräch mit Leah Carola Czollek, Leiterin des Instituts «Social Justice und Radikal Diversity»

Information

Leah Carola Czollek
Leah Carola Czollek: «Über den Holocaust wollte niemand sprechen. Und selbstverständlich auch nicht über Antisemitismus»

Sharon Adler sprach mit Leah Carola Czollek über jüdisches Leben und Antisemitismus in der DDR und in der BRD, und über die Bedeutung der Öffnung der innerdeutschen Grenzen für die jüdisch-deutsche Erinnerungskultur.

 
Sharon Adler: Du bist 1954 in Ost-Berlin geboren. Wie lebte es sich als Kind jüdischer Eltern in der DDR? Bitte erzähl uns von Deiner Kindheit und Jugend in der DDR… Konntest du, deine Familie offen jüdisch leben?

Leah Carola Czollek: Ja, das stimmt, das war 1954. Mein Vater war einer der wenigen Überlebenden, der vor den Nazis flüchten konnte und in Shanghai im Exil überlebte. Ich wuchs als Kind in der Gemeinschaft von Überlebenden auf, die bei uns zu Hause ein und aus gingen. Sie lebten in der DDR, kamen aber auch zu Besuch aus der Sowjetunion, aus Österreich und der Bundesrepublik. Dennoch hatte ich immer das Gefühl, als ob ich in einem Friedhof aufwachsen würde. Es fehlten so viele Menschen und es wurde über die Ermordeten nicht gesprochen. Es war eine Wunde, die nie geschlossen wurde. Viele der Freund*innen meiner Eltern waren im Widerstand. Meine Kindheit war geprägt von Widerstand, Jüdischkeit und einer tiefen Trauer. Das wurde mir in meiner Jugend immer bewusster. Während meine Schulfreund*innen Familien, Großeltern, Tanten, Onkel usw. hatten, waren mein Bruder und ich mit meinen Eltern allein. Es gab keine weiteren Überlebenden aus meiner Familie. Das war wie ein Stigma. Es gab einen Unterschied zwischen dem internen Kreis meiner Familie und deren Freund*innen und der Außenwelt. Intern waren die Inhalte der Gespräche anders. So habe ich beispielsweise mit meinem Vater viel über Jüdisch-Sein oder über Israel in sehr positiver Weise gesprochen. In der Außenwelt ging das nicht. In der Schule waren wir drei jüdische Jugendliche und Außenseiter, wir waren bekannt als Jüdinnen/Juden, weil unsere Eltern in der offiziellen Wahrnehmung jüdische Intellektuelle waren. Das war in der DDR nicht angesehen. Für mich bedeutete das, wie auf einem Präsentierteller zu leben. Das war nicht angenehm. In meiner Kindheit und Jugend wurde nicht viel über Emotionen gesprochen und es gab auch keine Sprache für das, was im Nationalsozialismus und was im Holocaust geschah und was gegenwärtig in der DDR passierte. Ein Sprechen darüber war nicht möglich. Meine Eltern konnten sich nicht viel um mich kümmern. Sie waren immer unterwegs und haben gearbeitet. Da war ich als Kind und als Jugendliche oft alleine. Diese Freiheit hat mir auch gut gefallen. Es gab Bücher und Musik zu Hause. Im Sommer und in den übrigen Ferien waren wir oft in Wiepersdorf.[1] Das war wie meine Höhle, mein Rückzugsort.

Wie hast du das Aufwachsen in einem vorwiegend nicht-jüdischen Umfeld erlebt?

Ich habe ein gespaltenes Leben geführt. Zu Hause war das Jüdische, in der Außenwelt ein hoher Anpassungsdruck. Man musste eine gewisse «Normalität» leben, die wenig mit mir zu tun hatte. Das hat mich früh sehr belastet, ohne dass die Erwachsenen ein Verständnis dafür hatten. Ich konnte nicht schlafen, konnte kaum essen, konnte mich schlecht konzentrieren, habe gestottert und in Tagträumen gelebt. Aufgrund meiner «Auffälligkeit» wurde ich schon früh mit Psychopharmaka behandelt, die nicht geholfen haben. Dieser Normalitätszwang stand im Zusammenhang damit, dass ich alles, was mit meinem Jüdisch-Sein zu tun hatte, in der Außenwelt nicht preisgeben durfte. So spürte ich schon früh eine tiefe Trauer über die Ermordeten. Ich hörte die Stimme meiner Großmutter, die ich ja nicht kannte, und hatte immer das Gefühl, kein Recht auf ein eigenes Leben zu haben bzw. durch besondere Leistung meine Lebensberechtigung nachweisen zu müssen. Über all das konnte ich in der DDR im nicht-jüdischen Umfeld nicht sprechen. Meine Erfahrung war, dass ich, wenn ich über den Holocaust sprechen wollte, von den nicht-jüdischen Menschen Probleme bekam. Ganz oft hörte ich, ich würde mich nur wichtig machen wollen und den Holocaust dafür benutzen. Als Erwachsene in der Bundesrepublik – im Herbst 1989 vor dem Fall der Mauer gelang es mir nach fünfjährigem Bemühen, eine Ausreisegenehmigung zu erhalten und die DDR mit meinen Kindern zu verlassen – versuchte ich, therapeutische Unterstützung zu bekommen. Da passierte das Gleiche. Über den Holocaust wollte niemand sprechen. Und selbstverständlich auch nicht über Antisemitismus.

Habt ihr am religiösen oder kulturellen jüdischen Leben in der DDR partizipiert?

Es gab eine Jüdische Gemeinde in Ost-Berlin, die vor allem für sehr gläubige Juden/Jüdinnen geöffnet wurde. Das waren wir nicht.

1985, als die DDR in immer größere wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, wurde versucht, in Wirtschaftsbeziehungen mit den USA die «Meistbegünstigungsklausel» zu bekommen. Das heißt, dass die handelstreibende DDR in den USA wie eine inländische Firma behandelt werden würde. In ihren antisemitischen Verschwörungsstereotypen haben Funktionäre der DDR angenommen, Kontakte zu den USA über den Jüdischen Weltkongress knüpfen zu können, der sich dafür interessierte, wie die DDR mit den Jüdinnen/Juden umgeht. Für uns Jüdinnen/Juden der Zweiten Generation bedeutete das, dass wir uns zu dieser Zeit offiziell in der Jüdischen Gemeinde treffen konnten. Die Gruppe hieß «Wir für uns». Für uns wurden Rabbiner aus West-Berlin und den USA eingeladen, es wurden Vortragende eingeladen und plötzlich gab es auch Bücher, zum Beispiel über den Ablauf des Schabbes. In dieser Zeit begann ich mich intensiv mit dem Judentum zu beschäftigen und zu lernen.

Dein Vater war Verlagsleiter beim «Volk und Welt Verlag», später bei «Kultur und Fortschritt». Wurden in den Verlagen neben der internationalen Weltliteratur auch Werke über das Judentum oder von jüdischen Autorinnen oder Autoren verlegt?

Der Verlag «Volk und Welt», der 1947 gegründet wurde, war der wichtigste Verlag für Belletristik und für internationale Literatur der DDR. Später wurde er mit dem Verlag «Kultur und Fortschritt» zusammengelegt, der darauf spezialisiert war, sowjetische Bücher zu übersetzen. Mein Vater war von 1954 bis 1972 Verlagsleiter. Es wurden auch jüdische Autor*innen publiziert, auch Romane über das Jüdische Leben, beispielsweise im 18. und 19. Jahrhundert in Polen oder auch Romane über Jüdinnen/Juden im Nationalsozialismus. Dieses intellektuelle Umfeld war für mich überlebensnotwendig. Die Bücher standen mir von Kindheit an uneingeschränkt zur Verfügung und sie eröffneten mir immer wieder neue Welten.

Leah Carola Czollek, geboren 1954 in Ost-Berlin, ist Sozialpädagogin, Leiterin und Mitbegründerin des Instituts «Social Justice und Radikal Diversity». Sie hat Rechtswissenschaften studiert, ist Mediatorin, Supervisorin, freiberufliche Trainerin und Dozentin an verschiedenen Hochschulen (insbesondere Soziale Arbeit, u. a. an der Alice-Salomon Hochschule und an der Fachhochschule Potsdam). Sie ist Mitbegründerin des diskriminierungskritischen Bildungskonzeptes «Social Justice und Diversity » sowie Ausbildnerin für diesen Trainingsansatz. Im Zuge dessen entwickelte sie gemeinsam mit Gudrun Perko das Konzept der «diskriminierungskritischen Sozialen Arbeit » und der «diskriminierungskritischen Beratung ».
Lehr-, Forschungs- und Publikationsschwerpunkte: Social Justice, Diversity, Gender/Queer, Interkulturalität, Interkulturelle Mediation, Dialog, diskriminierungskritische Soziale Arbeit, Beratung in der Sozialen Arbeit. Publikationen, u.a.: «Praxishandbuch Social Justice und Diversity. Theorien, Training, Methoden, Übungen», sowie «Antisemitismus als Aufgabe für die Schulsozialarbeit. Expert_innen im Gespräch».

Zum Thema Antisemitismus in der DDR. Offiziell stand Antisemitismus in der DDR unter Strafe. Die Frage ist nur, wie das in der Praxis aussah … Hast du in deiner Kindheit/Schulzeit antisemitische Erfahrungen gemacht?

Ja klar. Es gab Anfeindungen, die ich selbst erlebt habe. Wenn ich meinen Eltern davon erzählte, war meine Mutter am nächsten Tag in der Schule und regte sich darüber auf. Diese Vorfälle gab es aber so oft, dass ich irgendwann zu Hause nichts mehr erzählte.

Inzwischen gibt es ja mehrere Publikationen und Forschungen zu Antisemitismus in der DDR, auch eine Ausstellung bei der Amadeu Antonio Stiftung, und insgesamt wird hier gezeigt, dass im sogenannten antifaschistischen Staat Antisemitismus existierte. Heute kann man das nachlesen. Damals wussten wir selbstverständlich davon. Neben meinen persönlichen Erlebnissen gab es Antisemitismus auf staatlicher und institutioneller Ebene. Die Instrumentalisierung der DDR von uns war schon eine Form davon. Als ich 1954 geboren wurde, hatte mein Vater seine Familie im Holocaust verloren. Die Eltern, Schwestern und andere Verwandte wurden vergast. Er überstand die antisemitische Hetze und Pogrome der stalinistischen Jahre, in denen die Verfolgung der Überlebenden mit ihrer Nähe zum Kapitalismus und Israel in Prozesse verwickelt wurden. Stereotyp lauteten die Anklagen auf zionistische Umtriebe, auf Spionage für Israel und dem Vorwurf, sie seien bürgerliche Elemente. Auch meine Mutter, deren Verdacht sich auf den Umgang mit eben solchen Elementen und antidemokratischen Verhaltens bezog, hatte Glück, denn Stalin starb und damit war zumindest in der DDR dem Spuk ein Ende gesetzt. Jüdinnen/Juden galten in diesen Prozessen und in der stereotypen antisemitischen Wahrnehmung als wurzellose Kosmopolit*innen, als Agent*innen Israels und Amerikas. Indem ihnen Zionismus vorgeworfen wurde, warf man ihnen «bourgeoisen Nationalismus» vor. Eine öffentliche antizionistische Haltung bedeutete in den Staaten des Ostblocks eine konsequente Haltung zur Sowjetunion.

Welche Erinnerungen an Jüdisch-Sein in feministischen/queeren Zusammenhängen hast du? Gibt es Erfahrungen von BDS[2] in queeren Kreisen?

Als ich in die BRD kam, war ich erstmal nur damit beschäftigt, zu überleben. Erst als ich diesen Kulturschock verkraftet hatte und irgendwie angekommen war, knüpfte ich Kontakte. Einmal mit jüdischen Lesben, Schwulen und Trans*Personen, das war schön und unglaublich empowernd. Und ich hatte das Glück, mit Anderen gemeinsam den «Egalitären Minjan» mitzugründen, in dem feministisch-, lesbisch-, queer lebende Jüdinnen/Juden sich erstmals in Deutschland eine Sichtbarkeit erkämpft haben und zentral zur Entwicklung des Reformjudentums in Berlin beigetragen haben.

Kontakte knüpfte ich zu dieser Zeit auch mit Nicht-Jüdinnen, vor allem mit Lesben und Feministinnen. Das war teilweise schockierend. Anfang der 1990er gab es ja die BDS-Kampagne noch nicht, aber einen enormen Antisemitismus in lesbischen, feministischen Kreisen. Während wir in der DDR einen klaren Feind hatten, das war der Staat, erlebte ich in West-Berlin den Antisemitismus auch am Küchentisch. Ständig gab es die Frage danach, ob ich eine «Halbjüdin» oder eine «richtige Jüdin» wäre, ob ich religiös sei, oder auch, wie viele Personen in meiner Familie umgebracht worden waren. Oft wurde ich benutzt, um mir ihre nicht-jüdische Familiengeschichte anzuhören, und/oder, dass ihre Opas keine Nazis waren, oder eben doch. Ich wurde regelrecht vollgelabert mit ihrem antisemitischen Müll und war oft konfrontiert mit ihrer faschistoiden Sprache. Es war immer diese Täter-Opfer-Umkehrung. Ich musste mir anhören, dass ich zu sensibel, zu aggressiv und immer auch, dass ich zu intellektuell bin. Dieser Intellektuellen-Hass wurde ja auch in der DDR auf staatlicher Ebene ausgelebt. Ich war fassungslos. Das erlebte ich nicht nur am Küchentisch, sondern auch in der Lesbenszene und auch später in der Hochschule in den Theorie-Diskursen, in den Seminaren. Zu dieser Zeit war ich immer die einzige Jüdin und es fand keine Solidarisierung statt. Zum damaligen Antisemitismus ist heute der BDS dazugekommen, was die Situation für mich nicht einfacher macht.

1989 und die Entwicklung des Slogans «Wir sind das Volk» hin zu «Wir sind EIN Volk». Wie hast du den Nationalismus um das «Geeinte Deutschland» wahrgenommen, was hat das bei dir ausgelöst? Gab es andere jüdische Leute, die durch den Slogan, der sich auf ein Deutschsein bezog, alarmiert waren? Wie hast du den 9. November 1989 erlebt? Stellte die Öffnung der Mauer für dich, in deinem jüdischen Leben, eine Zäsur dar?

Den 9. November habe ich gut in Erinnerung. Da habe ich abends die Tagesschau gesehen, habe Günter Schabowski gesehen und gehört und habe nicht verstanden, was er gesagt hat. Textlich selbstverständlich schon, aber nicht inhaltlich, also die Bedeutung dessen, was er gerade verkündigt hat. Ich bin schlafen gegangen. Meine damalige Freundin arbeitete in einer psychiatrischen Institution in der Suchtabteilung. Sie rief mich nachts an und sagte, meine Patient*innen müssen heute alle irgendwie getrunken haben: Sie erzählen, dass die Mauer offen ist. Meine Freundin, die auch aus der DDR geflüchtet ist, hat sich richtig amüsiert. Erst am nächsten Tag konnte ich das Geschehen realisieren. Ich hatte das erste und einzige Mal in meinem Leben das Gefühl einer Freud’schen, narzisstischen Kränkung. So viele Menschen haben die DDR unter schwierigsten Umständen verlassen oder sind beim Fluchtversuch getötet worden oder wurden eingesperrt. Und jetzt das. Ich hatte das Gefühl, die DDR kommt mir jetzt nach. Überall hörte ich die Rufe «Wir sind das Volk» und mir wurde übel. Zum ersten Mal erlebte ich in den Tagen danach offenen Hass gegen Lesben, die Türen meines Autos wurden zugeklebt und ein großes Plakat war angebracht, auf dem stand «Wir wollen euch Lesben nicht». Meine Freundin erzählte, dass die Krankenschwestern, die nicht aus Deutschland kamen, zunehmend angepöbelt wurden.

Nicht nur als Lesbe, sondern auch als Jüdin erlebte ich den Mauerfall nicht angenehm. Der Antisemitismus, den ich in der BRD erlebte, verstärkte sich durch den Mauerfall und die Vereinigung beider Länder. Nicht weil er plötzlich aus der DDR kam, sondern weil er sich miteinander verband und dadurch verstärkte. Ich hatte damals eine Kette mit einem kleinen Davidstern. Plötzlich wurde ich überall angepöbelt – auf der Straße, in Läden, in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Über Antisemitismus wurde damals nicht geredet. Über Jüdinnen/Juden auch nicht.

Die Rufe «Wir sind das Volk» hin zu «Wir sind EIN Volk» fand ich damals schon sehr gruselig. Es war ein Gefühl, als stünde ich am Rand eines Geschehens, das nichts Gutes verhieß. Da war ich mehr als alarmiert. Und die Jüdinnen/Juden, die ich damals kannte, ebenso. Uns ekelte dieses nationalistisch-völkische Treiben.

Denken wir an die Bilder vom Oktober 1989 und Oktober/November 2019. Meinst du, dass bei den Feiern zum 30. Jubiläum der Öffnung der Mauer die jüdische Sicht damals wie heute ausreichend abgebildet wird und wurde?

Leah Carola Czollek: Ich finde dieses Datum katastrophal, damit ist unsere Geschichte weg. Man hätte auch jedes andere Datum wählen können, den 7. oder den 10. November, etc. Aber nicht ausgerechnet den 9. November, der mit der Pogromnacht 1938 am 9. November der Auftakt zum größten Pogrom gegen Juden/Jüdinnen war. Infolge dieses Ereignisses sind 6 Millionen europäischer Jüdinnen/Juden ermordet worden. Diesen Tag umzuwidmen und zu feiern, macht mich sprachlos. Zufall kann das keiner sein. Das passiert nicht einfach so. Bei der 30jährigen Feier mit dem Motto «7 Tage, 7 Orte» wurde nicht nur gefeiert. Während der Show wurde auch eine Nachricht auf Hebräisch – öffentlich gut sichtbar – übermittelt: «Es reicht mit der Besatzung!», «Land ohne Mauer». Hier wurdeAntisemitismus öffentlich abgefeiert. Bei jeder Gelegenheit, ob bei solchen Feiern oder bei Friedensdemonstrationen wird kontextlos gegen Israel gehetzt. In der DDR gab es dafür die Zeitung «Das neue Deutschland». Während es in der DDR staatlich organisiert war, ist es in der Bundesrepublik angeblich immer ein «Versehen». Von Jüdinnen/Juden wird Anpassung und Schweigen gefordert. Wir sollen den nationalistischen Taumel nicht stören.

Heute ist jüdische Vielfalt und jüdisches Leben sichtbar. Heute haben wir aber auch #Halle, die #Beschneidungsdebatte, die #AfD, #Judenhass an Schulen und Universitäten, #BDS, oder die öffentliche Zurschaustellung von Stelen mit der Asche der von den Nazis ermordeten Jüdinnen/Juden. Daran und am jährlichen «Bericht antisemitischer Vorfälle» des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus sehen wir, dass es bis heute keine wirksame Strategie auf Antisemitismus gibt. Welche Antwort, welche Strategie hast du? Was muss und was kann getan werden, um Antisemitismus entgegenzuarbeiten?

Ja, Jüdisches Leben und Jüdische Vielfalt sind heute in der Bunderepublik vorhanden. Das Zentrum ist dabei sicher Berlin. Ich frage mich aber, ob das Leben nur für uns Jüdinnen/Juden sichtbarer geworden ist. Und dass es von Nicht-Jüdinnen/-Juden nicht so wahrgenommen wird. Ich würde sagen, das Gegenteil, also dass es wahrgenommen würde, wird von parteipolitischer Seite konstruiert. So habe ich immer das Gefühl gehabt und habe es noch heute, kulturell in Ruinen zu leben. Angesichts der Geschichte und nicht nur der deutschen, sondern auch der österreichischen, polnischen, ungarischen, rumänischen etc. und des gegenwärtig erstarkenden Antisemitismus in Europa und auch global, scheint mir, dass Jüdisches Leben immer fragil und fragmentarisch ist. Auch wenn es mir sehr gut gefällt, wie vor allem die jungen Jüdinnen/Juden sich behaupten und Theaterstücke, Romane, Konzepte etc. in die Welt bringen, wie sie an der Entwicklung religiöser Vielfalt beteiligt sind, sollten wir uns nicht sicher fühlen.

Meine Strategien gegen Antisemitismus betreffen nicht nur meinen privaten Bereich, sondern auch meine Arbeit. Privat bin ich gut vernetzt. In meiner Arbeit habe ich das Glück, dass ich immer selbständig, also freiberuflich, arbeiten konnte und so auch das Thema Antisemitismus aufgreifen konnte und kann. Gemeinsam mit Gudrun Perko habe ich das Bildungs- und Trainingskonzept «Social Justice und Diversity» entwickelt, in dem der Kampf gegen Antisemitismus einen zentralen Platz hat. Darin konnte ich auch aus meiner jüdischen Sozialisation heraus eine Methode, die Mahloquet, entwickeln. Mahloquet heißt dialogisches Streitgespräch und kommt aus der jüdischen Interpretation der Schrift, der Torah. Darüber kommen wir über die Geschichte und gegenwärtige Formen von Antisemitismus ins Gespräch und vermitteln vor allem Handlungsstrategien gegen Antisemitismus. Auch in meiner Lehrtätigkeit habe ich immer die Gelegenheit Antisemitismus und Maßnahmen, Handlungsoptionen dagegen anzusprechen.

Man muss Antisemitismus als das erkennen, was er ist: Hass und Feindschaft gegen Jüdinnen/Juden, was sich verbal und durch Gewalt zeigt. Antisemitismus beschreibt ein Konzept der Welterklärung, indem die Komplexität der Welt reduziert wird. Es wird ein «Schurke» ausgemacht. Das ist einmal der Staat Israel unter den Staaten und ein anderes Mal der «Jude» als «Drahtzieher», als «Verursacher» aller Probleme. Maßnahmen gegen Antisemitismus müssen allerorts und in allen Feldern der Gesellschaft geschehen. Und zwar nicht als Pilotprojekte, sondern verstetigt. So müssen und können etwa in der Bildungsarbeit Ermöglichungs- und Reflexionsräume eröffnet werden, wo wirklichkeitsferne Reflexe des «Nie wieder» oder «Alarmiert-Seins» auf den Boden der Realität gestellt werden. Die Romantik des einfach miteinander Redens und der Ruf nach mehr Aufklärung muss durchbrochen werden. Es gibt viele Forderungen für konkrete Bereiche, wie etwa in den Schulen, die erstmal umgesetzt werden sollen. Was fehlt, sind Wirksamkeitsstudien. Und wir brauchen immer wieder neue Überlegungen, die uns aus herkömmlichen Konzepten oder Ansätzen hinausführen. Das gilt übrigens für die gesamte Antidiskriminierungsarbeit. Und dazu braucht es auch – neben der Zivilgesellschaft – einen politischen Willen.


[1] Wiepersdorf war während der DDR ein Ort des kultur- und literaturgeschichtlichen Betriebes. Siehe dazu: Frach, Friederike: Schloss Wiepersdorf. Das «»Künstlerheim» unter dem Einfluss der Kulturpolitik in der DDR, Berlin 2012.

[2] Die antiisraelische Boykottbewegung «Boycott, Divestment and Sanctions» (BDS)