Nachricht | Erinnern stören Unermüdliche Kämpferin gegen Antisemitismus und Rassismus

Sharon Adler im Gespräch mit Anetta Kahane, Vorstandvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung

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Anetta Kahane
Anetta Kahane: «Das, was in der DDR und auch nach der Wende nicht stattgefunden hat, waren aktive Auseinandersetzungen der Tätergeneration und deren Nachfahren mit dem Nationalsozialismus.»Copyright Foto: Sharon Adler/Pixelmeer

Sharon Adler sprach mit Anetta Kahane über jüdisches Leben und Antisemitismus in der DDR und in der BRD, und über die Bedeutung der Öffnung der innerdeutschen Grenzen für die jüdisch-deutsche Erinnerungskultur.
 

Sharon Adler: «30 Jahre Mauerfall – Demokratie ist kein Geschenk des Schicksal» – in deinem Kommentar zum 9. November beschreibst du, warum du bei der Formulierung «Schicksalstag der Deutschen» Bauchschmerzen bekommst. Warum geht deiner Meinung nach – 30 Jahre nach der «Vereinigung» - der Gedanke der Verantwortung für die drei mit diesem Datum verknüpften Ereignisse (9. November 1918, 9. November 1938, 9. November 1989) verloren, wenn man sie mit dem Wort «Schicksal» belegt?

Anetta Kahane: Mein Bauschmerz besteht darin, dass der 9. November 1938 weggeschummelt und ausgeblendet wird. Das ist eine Frage des Eskapismus und des sich nicht verantwortlich Fühlens. Zeitgeschichtliche Themen in Bezug auf den Holocaust und den 9. November 1938 erleben heute auf eine ganz merkwürdige Weise durch den Druck von der AfD und diesen ganzen Geschichtsrevisionisten eine Renaissance. Was die DDR betrifft, gibt es natürlich auch eine Gegenbewegung. Das, was in der DDR und auch nach der Wende nicht stattgefunden hat, waren aktive Auseinandersetzungen der Tätergeneration und deren Nachfahren mit dem Nationalsozialismus. Insofern glaube ich, dass das einer der Gründe ist, warum die AfD im Osten so stark ist.

Ist der 9. November ein Schicksalstag oder nicht? Ich meine, er ist es nicht. Denn die Pogrome wurden von Menschen gemacht und nicht vom Schicksal. Dies ist die erste Generation, die mit Erinnerung ohne Zeitzeugen auskommen muss, und deshalb müssen wir über die Zukunft der Erinnerung nachdenken. Diese Zukunft ist jetzt. Dass der Widerstand und die Abwehr gegen Themen wie dem Holocaust und dem 9. November so groß ist, zeigt, wie stark die Muster sind. Denn in der Abwehr steckt eine Energie, die verteidigt, oder sich damit nicht auseinandersetzen will, weil es zu den eigenen Mustern oder Narrationen zählt. Insgesamt finde ich, dass die Präsenz der AfD und die Wahlerfolge etwas zum Ausdruck bringen, was immer da war. Und was sich jetzt nur politisch artikuliert. Das Potential für populistische bis rechtsextreme Einstellungen beträgt im Osten bis zu 30 Prozent. Im Westen ist es ungefähr die Hälfte.

In deinem Buch «Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten» erzählst du von deinem Leben als Jüdin in der DDR und von deinem Kampf gegen Rechtsextremismus und Judenhass nach der Wende. Du schreibst: «Es wird (…) ein langer Weg werden, denn mit dem Thema Antisemitismus umzugehen ist fast noch schwieriger als mit Rassismus.» Warum, denkst du, ist das so?

Rassismus zeigt sich ganz eindeutig in einer Abwertung von People of Color. An Abwertung verbaler, nonverbaler oder diskriminierender, gewalttätiger Art. Das System des Antisemitismus funktioniert ganz anders als Rassismus. Da geht es um Dämonisierung. Antisemitismus ist die älteste Verschwörungstheorie der Welt. In ihrem Kern sagt sie: Der Jude ist schuld. Was ich mir wünsche, ist, dass die Leute, die sich (zu Recht) über Diskriminierung Gedanken machen, nicht auch in diese Falle gehen, zu sagen, die gesamte Unterdrückung kommt aus dem Kapitalismus und der Kapitalismus ist personifiziert, da stecken die Juden dahinter. So direkt sagen sie das nicht, aber es gibt immer auch ein Element des Antisemitismus in dieser sehr simplen Erklärungsmaschinerie, die sich mit Rassismus auseinandersetzt. Und deswegen ist das Ineinandergreifen von Antisemitismus und Antirassismus ein großes Ziel der Stiftung, und dass sich die Leute, die gegen Rassismus und die, die gegen Antisemitismus arbeiten, an dieser Stelle einig werden. Oder sich zumindest gegenseitig verstehen und solidarisieren.

Anetta Kahane, geboren 1954 in Ost-Berlin, wuchs als Kind von im Nationalsozialismus emigrierten und nach Ost-Berlin zurückgekehrten Juden in der DDR auf. Sie studierte Lateinamerikanistik und arbeitete als Übersetzerin. Als erste und einzige Ausländerbeauftragte des Magistrats von Ost-Berlin warnte sie vor den Gefahren des Rechtsextremismus. 1991 gründete sie die RAA e.V. (Regionale Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule) für die neuen Bundesländer und 1998 die Amadeu Antonio Stiftung. 2002 wurde sie für ihr Engagement gegen Rechtsextremismus und für Zivilcourage mit dem Moses-Mendelssohn-Preis des Landes Berlin ausgezeichnet. Anetta Kahane ist Autorin des 2004 bei Rowohlt erschienenen Buches «Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten», in dem sie über den Antisemitismus in der DDR berichtet. 2018 hat sie gemeinsam mit Dr. Martin Jander, Enrico Heitzer, und Patrice G. Poutrus das Buch «Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR. Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der DDR» herausgegeben. 2020 war sie mit Dr. Martin Jander Mitherausgeberin des Buchs «Gesichter der Antimoderne. Gefährdungen demokratischer Kultur in der Bundesrepublik Deutschland».
Mehr Infos: www.amadeu-antonio-stiftung.de

Mit dem Antrag «Aufruf zur Aufnahme sowjetischer Juden in der DDR» hast du das jüdische Leben in der Bundesrepublik wesentlich verändert. Während der «nachholenden Revolution» als Mitglied der AG «Ausländerfragen» am Zentralen Runden Tisch warst du maßgeblich mit verantwortlich für diesen Antrag, der am 12. Februar 1990 ohne Gegenstimmen angenommen wurde. Etwa 200.000 Menschen konnten kommen, ein weithin sichtbares Zeichen der Anwesenheit von Jüdinnen und Juden …

Ich muss bei dieser Frage lächeln, weil das eins dieser Dinge ist, auf die ich ein bisschen stolz bin. Die Initiative ging vom Jüdischen Kulturverein aus, einer der wenigen jüdischen Vereine, die es auch schon in der DDR gab. Wir hatten am Runden Tisch der AG Ausländerfragen eine Beschlussvorlage für die Aufnahme von Juden aus der Sowjetunion formuliert, die aufgrund von Antisemitismus ihr Land verlassen wollten. Die Erklärung der Volkskammer vom 12. April 1990 mit der Bitte um Entschuldigung war eine Sternstunde, da ging mir das Herz auf. Enthalten war die Anerkennung der Schuld der DDR an den Verbrechen der Nationalsozialisten und eine Erklärung mit der Bitte um Entschuldigung an die in der DDR lebenden Juden für die Art und Weise, wie sie behandelt worden waren, und für den Umgang der DDR mit Israel. Das war so ein Moment, wo ich dachte: «Wow! Vielleicht wird das doch noch was!» Die Erklärung ist im Wesentlichen von Konrad Weiß verfasst worden und noch ein paar anderen Leuten aus der christlichen Bürgerrechtsbewegung, und der Beschluss über die Aufnahme der Juden aus der Sowjetunion ist über unseren Runden Tisch gekommen. Es wurde relativ bald beschlossen, dass die Deutsche Vereinigung stattfinden sollte und innerhalb des sogenannten Einigungsvertrages wurde dann mit der Regierung Kohl verhandelt. Dort wurde explizit die Regelung der Volkskammer für die Aufnahme der Juden aus der Sowjetunion NICHT aufgenommen. Kohl war dagegen, der wollte das nicht. Das war ein ganz großer Rückschlag. Im Einigungsvertrag wurde aber immerhin die Erklärung der Volkskammer, der Beschluss über die Aufnahme der Juden aus der Sowjetunion als Anhang angenommen.

Und immer mehr Juden aus der Sowjetunion kamen und haben Asyl beantragt. Sie wollten dableiben und erklärten: «Wir halten das nicht mehr aus, wir kommen jetzt einfach.»

Ich wurde in der Zeit Ausländerbeauftragte des Berliner Magistrats. In dieser Funktion habe ich mich mit dem Berliner Senat zusammengesetzt und wir haben überlegt, ob man nicht über eine Länderinitiative sowas machen kann. Es gab vorher schon mal eine andere Initiative, die Aufnahme der «Boatpeople of Vietnam» und die nannten sich «Kontingentflüchtlinge». Irgendeiner kramte das hervor und sagte: So eine Regelung gab’s schon mal. Denen habe ich gesagt, dass das so nicht geht, dass wir die Entscheidung darüber, wer verfolgt oder nicht verfolgt wird, nicht deutschen Beamten überlassen können. Das ist vollkommen inakzeptabel. Ich meine, die müssen einfach mit dem Nachweis einreisen können, dass sie Juden sind. Und darauf wurde gesagt: Okay, Kontingentflüchtlinge brauchen keine Einzelfallprüfung. Wir waren ja eine Doppelregierung und haben das gemeinsam in die Bundesinnenministerkonferenz reingegeben. Die Bundesinnenminister haben sofort Ja gesagt, vor allem die im Westen, und dann haben die Ministerpräsidenten einen Beschluss gefasst, und auf diese Weise war es dann geltendes Recht, ohne dass es dafür ein Gesetz gab.

Der entscheidende Satz des Beschlusses lautete: «Eingedenk der Tatsache, dass bei der Judenverfolgung und -vernichtung durch den deutschen Faschismus die ganze Welt zugesehen hat, rufen wir auf, die deutsche Schmach der Vergangenheit nicht zu wiederholen.»

Ja, so hieß es – großartig. Alle russischen Juden aus der Sowjetunion, die ab 1990 gekommen sind, sind über diese Regelung gekommen. Wenn wir die nicht hätten, würde Deutschland heute ganz anders aussehen. Wir hätten diese ganzen tollen jungen Leute nicht, die jetzt die nächste Generation sind. Es gibt aber auch immer noch wahnsinnig viele Ungerechtigkeiten. Zum Beispiel die Rentenversorgung für die eingewanderten Juden, die den Spätaussiedlern[1] nicht gleichgestellt werden. Wenn in Deutschland die Rede davon ist, dass jüdisches Leben wieder aufblüht, muss ich lachen. Vor allem, weil die Regierung Kohl die Einreise explizit nicht wollte, und es auch am Anfang beim Zentralrat gewisse Bedenken gab. Es war nicht so einfach, die Juden aus der Sowjetunion aus der DDR in die Einheit rüber zu retten.

In dem Buch «Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR. Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der DDR-Zeitgeschichtsforschung» schreibst du in «Wirkung eines Tabus: Juden und Antisemitismus in der DDR»: «Der Massenmord an den Juden war nie ein Thema in der DDR. Jüdisches Leben wurde unsichtbar gemacht (…).» Wie seid ihr, die Juden in der DDR, damit umgegangen?

Es gibt ein englisches Wort, was das ganz gut beschreibt, Gaslighting. In dem Film «Gaslight» mit Ingrid Bergman, den ich sehr liebe, geht es um eine Frau, die von ihrem Mann in den Wahnsinn bzw. in den Selbstmord getrieben werden soll. In diesem Film wird wunderbar beschrieben, wie man jemanden durch das Ausreden und Leugnen von Wahrnehmung in den Wahnsinn treiben kann. Das war so ziemlich mein Lebensgefühl in der DDR und auch das von anderen Juden. Die in ihren Familien von der Shoa gehört haben und von Familienmitgliedern, die ins Gas gehen mussten oder «anders» ermordet wurden. «Anders» handelte immer von Tod und Verschollen- oder Umgekommen-Sein. In unserer Familie wurde darüber gesprochen, in anderen jüdischen Familien nicht mal das. Wir als Zweite Generation sind aufgewachsen mit diesem Trauma der Eltern und der Unmöglichkeit, darüber in der Öffentlichkeit in irgendeiner Weise zu reden. Und wenn doch, wurde uns gesagt «Ihr nehmt das falsch wahr, das sind doch alles Genossen, das kann doch gar nicht sein.» Es gab einfach eine ganz große Diskrepanz zwischen der Wahrheit und dem, was die Ideologie gesagt hat.

2010 wurde im Centrum Judaicum in Berlin das Buch zur Ausstellung «Das hat’s bei uns nicht gegeben – Antisemitismus in der DDR» der Amadeu Antonio Stiftung vorgestellt. Du hast darüber gesprochen, wie es sich als Kind jüdischer Eltern in der DDR und als junge Frau lebte, und wie (ambivalent) das Verhältnis zum Jüdischen im Kommunismus war …

… Judentum war eine Religion und Religion Opium fürs Volk. Und Religion ist reaktionär. Also ist Judentum reaktionär. Darauf wurde das reduziert, und auf «wir sind die Heimstadt für Juden in der DDR, wer in die Synagoge gehen will, kann das auch», und «wir stellen Synagogen zur Verfügung, wir stellen sogar die Gemeindevorsitzenden.» Es sind ja etliche Gemeindevorsitzende entweder bei der Stasi gewesen, oder sie waren gar keine Juden, die Partei hat sie eingesetzt. Insofern war schon alles recht kontrovers und manipuliert. Die Gemeinden waren sehr kontrolliert, aber die meisten Juden in der DDR waren keine Gemeindemitglieder, sondern so wie meine Eltern Rückkehrer aus Lagern oder aus dem Widerstand, die über die Kommunistische Partei dahin bestellt wurden, die DDR aufzubauen. Das waren ungefähr 3000 Gemeindemitglieder, 3000 jüdische Immigranten. Das Leben in der DDR war für Juden ambivalent. Auch für die Kinder. Die meisten Kinder hatten ein ähnliches Problem wie ich, denn man kann nicht mit so einer belasteten Geschichte unbelastet durchs Leben gehen. Allerdings muss ich sagen, dass die Juden in der DDR, ich habe das auch bei Victor Klemperer nachgelesen, nach dem Holocaust das Bedürfnis hatten, irgendwie ein einigermaßen sicheres und wohlständiges Leben zu führen. Die waren zwar alle beseelt von dem Gedanken des Sozialismus, aber wollten auch endlich ankommen, Kinder haben und Karriere machen.

Es ist nur wenigen Leuten gelungen, in ihren Karrieren in die erste Reihe vorzudringen, weil sie dann doch «befleckt» waren durch den Vorwurf des Kosmopolitismus, das ist ein anderes Wort für «Jude» gewesen, oder durch den Vorwurf der Westimmigration, oder durch den Vorwurf des Zionismus. Es gab in den 50er Jahren antisemitische Verfolgungswellen in der DDR und bei der sehr Israelfeindlichen Haltung in der DDR flammte das auch immer wieder auf, sodass die meisten von diesen Juden, die durchaus führende Positionen hätten einnehmen können, dann immer irgendwo hängengeblieben sind. Das Misstrauen und die Distanz waren groß. Wir, auch die Kinder, waren in gewisser Weise privilegiert, aber auf der anderen Seite zu einem extrem hohen Preis, weil wir nie Teil der Gesellschaft werden konnten. Das kann man nur werden, wenn man darüber reden kann, was in einem vorgeht. Die Väter der Kinder in meiner Klasse waren alle in der Wehrmacht oder Schlimmeres, mein Vater war im Widerstand. Der Dialog zwischen den Kindern war problematisch.

Die «Wende». Wie hast du den Abend des 7. Oktober, den Herbst 1989 und die Abkehr, die Veränderung des Slogans «Wir sind das Volk» hin zu «Wir sind EIN Volk» wahrgenommen, gab es andere jüdische Leute, durch den Ruf, der sich auf ein Deutschsein bezog, alarmiert waren?

Alle. Die Nacht des 7. Oktober war insofern sehr bedeutungsvoll, weil es ja der Tag der Republik war, der 14. Jahrestag. Gorbatschow war in Berlin, es gab überall Demonstrationen, die Polizei hat Leute festgenommen. Auflösung war überall, aber noch mit vielen Repressionen. Es war klar, dass irgendetwas passieren wird. Honecker saß im Palast der Republik, rund um den Palast haben sich Leute versammelt und «Gorbi, Gorbi» gerufen. «Wir sind EIN Volk» kam erst später. «Wir sind das Volk» meinte die Negation von «ihr und wir». «Ihr» hieß damals die Regierung, «die oben», das polizeistaatliche Regime. Wir dachten uns: WIR sind doch das Volk! Nicht ihr! Wir sind die Bevölkerung. People of the Power, We the People. Das änderte sich dann erst später, als der 4. November vorbei und die Mauer geöffnet war und die ersten Gedanken in Richtung Einheit kamen. Der Geist dieses Aufbruchs in Richtung von «Wir emanzipieren uns von der Vorherrschaft eines Staates, der uns unmündig macht», hin zu «Wir sind eine völkische Gemeinschaft, wir sind EIN Volk». Da war dieser Dreiklang: Wir, Volk, Deutsche. Bald gab es dann auch schon Propaganda von den Republikanern [2] und es bekam diesen nationalen Touch und dieses Deutschtum. Ich habe mit sehr vielen Leuten gesprochen und alle Juden, die ich kannte, einschließlich meines Vaters und seiner Freunde, haben das natürlich sofort gesehen.

Das «toxische Wir»?

Ja, genau das ... Ich bin kurz nach dem Mauerfall mit meiner Tochter über die Bornholmer Straße nach West-Berlin gegangen. Wir haben uns in die U-Bahn gedrängt und sind in den Westen gefahren. Auf der anderen Seite stand ein Lastwagen von Türken, die Obst verschenkt haben. Die waren so lieb, sie wollten irgendwas tun. Und diese deutschen Arschlöcher haben das Obst genommen und zu den Türken gesagt: «Ausländer raus, verpisst euch, jetzt sind wir da.» Das erste, was sie denen gesagt haben war: «Gib her und hau ab.» Das «toxische Wir» drückte sich darin aus. Damit hat das sofort einen verbalen Ausdruck gefunden. Das ist auch ein Gaslight-Gefühl gewesen. Ich habe das immer so empfunden, aber es hat ja keiner so richtig gesagt, oder wenn dann eher aus Versehen. Ich habe ja in der DDR nicht mit Leuten verkehrt, die ausgesprochene Rassisten waren. Aber das «toxische Wir» war schon auch sehr verbreitet.

An dem Attentat auf die Synagoge in Halle an Yom Kippur 2019, an der Beschneidungsdebatte, an der AfD, an Judenhass an Schulen und Universitäten, an BDS, am «Bericht antisemitischer Vorfälle» der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus sehen wir, dass es noch lange keine Antwort auf Antisemitismus gibt. Wie beurteilst Du vor diesem Hintergrund die Entscheidung der Bundesregierung zu Kürzungen und Streichungen von Projektmitteln für die Förderperiode des Bundesprogramms «Demokratie leben!»?

Zivilgesellschaft ist jetzt gerade nicht besonders in Mode. Weltweit spricht man von «shrinking spaces for civil society». Das liegt zum einen an Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, aber es liegt auch daran, dass staatliche Institutionen das zu unbequem finden. Die Finanzierung von Aktionsforen, die wir seit 17 Jahren machen, ist gefährdet. Das Ministerium hat uns gerade [3] mitgeteilt, dass sie kein Geld mehr haben und das leider nicht mehr finanzieren können. Und viele Initiativen hängen da auch dran. Und das ist eine sehr bedrückende Situation, gerade für die Leute, die vor Ort sehr tapfer gegen diese ganzen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten stehen. Die kann man doch als Bundesprogramm nicht einfach so im Regen stehen lassen.

Die großen Wörter zum Thema Antisemitismus lauten ja immer: «Wir bemühen uns, wir kämpfen darum, dass es doch geht». Aber wenn die Ministerialbürokratie Sachzwängen unterlegen ist fallen die großen Worte von «Staatsraison» und «Das ist ganz wichtig» alle weg.


[1] 1990, noch vor der Wiedervereinigung, hat die DDR Jüdinnen und Juden aus der früheren Sowjetunion aufgenommen. Maßgeblich beteiligt daran war Anetta Kahane. Sie initiierte als Mitglied der Arbeitsgruppe «Ausländerfragen» am «Zentralen Runden Tisch» den Antrag «Aufruf zur Aufnahme sowjetischer Juden in der DDR», der am 12. Februar 1990 ohne Gegenstimmen angenommen wurde.
Nach der Wiedervereinigung wurde die Einwanderung unter dem Begriff «Kontingentflüchtlinge» fortgesetzt. Die «Kontingentflüchtlinge» erfahren eine finanzielle Benachteiligung dadurch, dass sie bis heute anders als Spätaussiedler*innen keine Rentenansprüche aus ihrer beruflichen Tätigkeit in der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland geltend machen können.

[2] Die Partei «Die Republikaner» wurde 1983 von ehemaligen CSU-Mitgliedern gegründet. Aufgrund ihrer Nähe zu rechtsextremen Parteien und ihrer rechtsgerichteten Propaganda vor den Wahlen 1989 wurde sie von 1992 bis 2006 vom Verfassungsschutz überwacht.

[3] Das Interview wurde im November 2019 geführt.