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Sinnsuche in einer Diktatur

Information

Zerbombtes Haus in Aleppo im Jahr 2013
Aleppo, 2013 Foto: Joud Hassan

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Zehn Jahre sind vergangen.

Wer kann das glauben? 

Vor zehn Jahren erhoben die Syrer*innen ihre Stimme gegen das Schweigen, das die omnipräsenten Statuen des Präsidenten dem Land aufgezwungen hatten. In diesem historischen Moment zerrissen sie die Totenstille mit ihren Rufen nach Sinn.

Es gibt Menschen, die diese Geschichte vergessen oder sie entstellen wollen. Sie müssen wir immer wieder an die Anfänge der Revolution erinnern. In der Diktatur der Steingesichter, wo der Sinn schon vor langer Zeit verloren gegangen war, begann der Aufstand mit dem Schrei der Unterdrückten nach eben diesem Sinn. 

Zuerst zogen die Tapferen aus, das Monster zu bekämpfen und ihm den Sinn zu entreißen, den es mit seinen Zähnen gepackt hatte. Ihr Mut diente dann den Opportunist*innen als Steigbügel, während sich die Feiglinge in der Rolle der weisen Analyst*innen gefielen und das Ergebnis aus sicherer Entfernung abwarteten.

Omar Alasaad ist ein syrischer Schriftsteller und Journalist, der aktuell in Paris lebt. Er arbeitet für verschiedene arabischsprachige Zeitungen und Webseiten. Unter anderem hat Alasaad den Artikel «Popular Collision – New Forms for Alternative Media in Syria during the Revolution» in: Syria Speaks: Art and Culture from the Frontline (2014, Saqi Books UK) veröffentlicht.


Übersetzung: Mirko Vogel, Mahara

2

Zehn Jahre sind vergangen, was zu einer regen Produktion von Texten über den «Konflikt» oder den «Krieg» Anlass gibt. Aber der Versuch der Neutralität, der aus diesen Begriffen spricht, passt nicht zu dem Massaker, das noch immer stattfindet. Wir, die Opfer, sind noch immer da und können die Gräueltaten des Regimes mit unseren Augen bezeugen.

Wir sind uns ganz sicher, dass der Kampf nicht vorbei ist. Wir haben ihn ins Feld der Diskurshoheit verlagert und werden nicht müde, eine empathielose Welt daran zu erinnern, was sich hinter der Formel «ein seit zehn Jahren andauernder Konflikt» verbirgt: Unser von Fassbomben verbranntes Fleisch. Unsere blaue Haut nach Giftgaseinsätzen. Unser Blut, dass die Straßen rot färbt. Unsere toten Körper, an denen sich die Fische des Mittelmeers gütlich tun.

Dieser «seit zehn Jahren andauernde Konflikt», das sind wir: verletzt, tot, inhaftiert oder exiliert. Wir, unsere Niederlagen und unser ständiger Kampf dafür, die wahre Geschichte erzählen zu dürfen, was mit uns geschah, als wir Freiheit und Sinn forderten. Ein Gutes hatten dieser «andauernde Konflikt» allerdings. Wir haben gelernt, an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Wir haben gelernt, der Übermacht mit Spott zu begegnen, damit sie uns die Geschichte und den Sinn nicht ein weiteres Mal stehlen können.

3

Zehn Jahre sind vergangen, sagt uns der Blick in den Spiegel. Der Schrecken, den wir erlebt haben, kriecht im weißen Haar wie Ameisen in unsere Köpfe.

Die vergangenen zehn Jahre verfolgen uns bis unter die Dusche, wenn wir die Folternarben an unseren nackten Körpern berühren, oder das Wasser an einer Stelle spüren, wo noch immer ein Splitter im Gewebe steckt, weil die Ärzt*innen ihn nicht herausoperieren konnten.

Die vergangenen zehn Jahre legen sich abends neben uns aufs Kopfkissen, wenn wir denn eins besitzen, und schenken uns Albträume. Hinter unseren geschlossenen Lidern sehen wir Straßensperren des Militärs und das Blitzen von Explosionen. Wenn Uniformierte bei Sonnenaufgang in unser Haus stürmen, reißen wir die Augen auf.

Liebe Welt, wachst Du auch jeden Morgen mit einer Panikattacke auf?

Ein Rebell fragt in einem Moment der Verzweiflung: «Ist das der Sinn, den wir gesucht haben?» Dann schluckt er zwei Tabletten eines Antidepressivums, hängt seine Erinnerung in den Schrank und macht sich auf den Weg zum Sprachkurs. Vielleicht ist diese Sprache ja der Schlüssel zum Sinn?

4

Zehn Jahre sind vergangen, das merken wir, wenn wir die Kinder unseres Viertels ansehen. Als sie klein waren, haben wir ihnen bei Festen immer Süßigkeiten geschenkt. Mittlerweile sind sie Kommandanten und Kämpfer geworden. Die Mütter bewerfen sie jetzt mit Reis und Rosen, wenn sie unverletzt von einer Schlacht heimkehren, und tun es auch dann noch, wenn sie im Sarg nach Hause kommen.

Wenn wir um sie trauern, vergessen wir dann für welche Seite sie gekämpft haben? Zeigte ihr Gewehr auf uns oder auf unsere Feinde?

Sind in diesem verwüsteten Land nicht alle Gewehre auf uns gerichtet?

Die wahre Geschichte ist unsere einzige Waffe. Wie ein Zauberspruch schützt sie uns vor dem Vergessen und erinnert uns an die Gerechtigkeit.

War es nicht die Gerechtigkeit, um deren Willen wir nach Sinn gesucht hatten?

5

Zehn Jahre sind vergangen. In dieser Zeit sind unsere Häuser über unseren Köpfen eingestürzt – im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

Eine meiner Freundinnen hat nach dem Tod ihres Vaters ihr Medizinstudium abgebrochen. Sie wollte Ärztin werden und seine Krankheiten heilen. Dann zerfetzt ihn eine Bombe, die ein «unidentifiziertes Flugzeug» abgeworfen hatte, wie es in Verlautbarungen des Regimes immer so schön heißt. Sie beweinte ihren kindlichen Glauben an die Macht der Ärzt*innen und hatte danach keine Verwendung mehr für die Medizin. Sie studiert nun Geschichte, vielleicht hilft ihr das ja, zu verstehen was passiert ist.

Viele Freund*innen folgten ihrem Vorbild und begannen Philosophie, Politik- und Sozialwissenschaft oder Psychologie zu studieren. Sie wollten sich selbst und ihre Familien verstehen, jeden ihrer Wünsche prüfen und jedes ihrer Worte durchdenken. Jedes Lachen und jeden Alptraum wollen sie hinterfragen, und alle historischen und gegenwärtigen Allianzen analysieren. Mit dem so erworbenen Handwerkszeug wollten sie dann die Gewalt des Mörders mit dem Aufstand der Opfer vergleichen. Sie wollten verstehen, was in Syrien geschehen war, nachdem die Menschen dort nach Sinn gerufen hatten. Aber diese Erklärungsversuche sind keine Salbe für unsere Wunden, die wir lecken wie alte Katzen in der Nacht.

Suchen die Katzen nach Sinn wie wir, indem sie ihre Wunden lecken?

6

Zehn Jahre sind vergangen, was ein überflüssiger politischer Analyst zum Anlass nimmt, überflüssige politische Analysen zum Besten zu geben. Das Problem läge in der Struktur des syrischen Staates begründet, doziert er. Er schafft es, einen nüchternen Ton zu wahren, während er diesen Mist von sich gibt. Ein anderer Analyst, der bis jetzt weder Position bezogen noch irgendetwas Sinnvolles zum Thema gesagt hat, fühlt sich von den Leichenbergen ermutigt, auf den Zug aufzuspringen: Das Problem bestünde in der Unfähigkeit, die richtigen Bündnisse einzugehen, sagt er.

In solchen Momenten merken wir, dass die Statuen noch immer über das Land herrschen. Dass es kein Fehler war, auf die Straßen zu gehen und aus tiefster Kehle nach Sinn zu schreien. Sollte uns dieser narzisstische Mist, mit dem uns einige bewerfen, nicht in unserer Sinnsuche bestärken?

7

Zehn Jahre sind vergangen. Wir können Fotoalben mit den Schicksalsschlägen dieses Jahrzehnts füllen: Hier, der wurde auch zu Tode gefoltert. Und den haben die Monster entführt, die sich als Gottes Werkzeuge sehen. Und der hier, der ist jetzt in der geschlossenen Psychiatrie.

Die vergangenen zehn Jahre merken wir auch in den versteinerten Gesichtern unserer Freund*innen, die wir nur noch auf Bildschirmen sehen, weil uns das Exil über die ganze Welt verstreut hat. Zwischen uns liegt mittlerweile viel mehr als ein paar Stunden Zeitverschiebung.

Wir merken die vergangenen zehn Jahre an den Kindern, die in Sprachen von der Liebe sprechen, die wir nicht verstehen. Wir sehen sie in den Augenwinkeln, wo Tränen auf ein Wiedersehen mit Vermissten noch in diesem Leben warten.

Das ist also die Antwort des Regimes auf unsere Frage nach dem Sinn.

8

Zehn Jahre sind vergangen, in denen unser Land sich nur in einer einzigen Disziplin hervorgetan hat: im Kämpfen. So wurde es zum bevorzugten Reiseziel für Söldner aller Herren Länder, während unsere Kinder an der Front spielten und zu Soldat*innen heranwuchsen.

Wie zwei Mannschaften kämpfen wir um unser Land, und tragen unsere Feindschaft mit uns, wohin uns das Exil auch verschlägt. Beim El Clásico des Fußballs heißt es Barcelona gegen Real Madrid, beim El Clásico des Kriegs heißt es Syrien gegen Syrien. Im selben Boot sitzen die verfeindete Kämpfer*innen nur, wenn sie über das Mittelmeer flüchten.

Ob sie wohl in der Fremde einen gemeinsamen Sinn finden werden?

9

Zehn Jahre sind vergangen. Der nüchterne Politologe wirft ab und an einen Blick in die Unterlagen, während er seine geliebten Vergleiche anstellt. Unsere Fragen zu Gräueltaten von Rebell*innen können ihn nicht aus der Ruhe bringen. «Das ist normal, so etwas passiert im Krieg», sagt er. Wenn wir ihn dann ungläubig anstarren, erinnert er uns an die Guillotinen und Galgen vergangener Revolutionen. Daraufhin werden wir still und bedauern, während wir ihm weiter zuhören, unsere mangelnde geschichtliche Bildung und wie wenig wir von der Soziologie der Gewalt verstehen.

Wenn der Tyrann uns knechtet, liest er uns lange Kapitel aus einem Buch über die Psychologie der Diktatoren vor. Wenn wir ihm sagen, dass wir eine Demokratie anstreben, warnt er uns vor ihrer Instabilität. Wenn wir von sozialer Gerechtigkeit sprechen, verweist er auf die vielen, die sich für sie aufgerieben haben ohne die Früchte ihres Kampfes zu ernten.

Während er seine Gelehrsamkeit ausbreitet, die uns den Blick mehr verstellen als dass sie uns neue Perspektiven eröffnet, erfährt er, dass sein Sohn erschossen wurde. Um ihm unser Mitgefühl auszusprechen sagen wir ihm: «Das ist normal, so etwas passiert im Krieg. Wir sind Deine Kinder. » Wir hatten gehofft, dass ihn seine eigenen Worte trösten würden, aber er hört uns nicht zu. Barfuß stürmt er hinaus auf die Straße um nach einem Sinn für diesen Schicksalsschlag zu suchen.

Vielleicht können wir den Sinn barfuß leichter finden?

10

Zehn Jahre sind vergangen. Immer wieder erheben sich Stimmen, die versuchen, die Geschichte zu entstellen. Sie wollen den Mut der Opfer nicht anerkennen und erklären sie darum kurzerhand zu Täter*innen.

Seit zehn Jahren leben wir von unseren Erinnerungen. Wir können die Geschichte nicht vergessen, für die wir mit unserem Fleisch und Blut, mit den Verlust von geliebten Menschen und mit dem Exil bezahlt haben.

Doch bevor Syrien zusammenbrach, bevor die Söldner*innen und die Fundamentalist*innen einfielen, bevor die Feigen den Mutigen die Schuld zuschoben, da hätte eine sinnvolle Antwort auf die Frage der Unterdrückten die Katastrophe verhindern können. Ging es bei dem Kampf nicht von Anfang an um Sinn?