Nachricht | Brasilien / Paraguay - Sozialökologischer Umbau - Green New Deal - Klimagerechtigkeit Wasserstoff – ein sauberer Energieträger?

Neue Pläne für den brasilianischen Energiesektor reproduzieren Umweltschäden und Rechtsverletzungen

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5 Windräder stehten auf einem sandigen Hügel.
Zur Produktion von grünem Wasserstoff wird u.a. Windenergie eingesetzt. Foto: Instituto Terramar

Während global nach Alternativen gesucht wird, die Wirtschaft zu «entkarbonisieren» und vermehrt auf erneuerbare Energien umgestellt wird, sehen sich indigene und traditionelle Gemeinschaften im globalen Süden bereits mit deren sozialökologischen Folgen konfrontiert. So zeigen sich die negativen Auswirkungen der Produktion von Windenergie auf die Ökosysteme und die ansässige indigene Bevölkerung beispielsweise in der Küstenzone von Ceará im Nordosten Brasiliens. Die Thematik gewinnt angesichts des geplanten Auf- und Ausbaus von Produktionsanlagen für «grünen Wasserstoff» neue Relevanz. Denn zur Erzeugung des so genannten «grünen Wasserstoffs», der als Multitalent für die Energiewende gehandelt wird, sollen Wind- oder Solarenergie eingesetzt werden.

Wasserstoff selbst ist keine Energiequelle, sondern ein Energieträger. Zu seiner Herstellung, der Spaltung von Wasser in seine Bestandteile (Elektrolyse), muss Strom eingesetzt werden. Als «grün» wird Wasserstoff bezeichnet, wenn er mit Hilfe von erneuerbaren Energien erzeugt wurde. Auf seiner Basis soll die Energiewende auf den Verkehrs-, Industrie- und Wärmesektor erweitert werden.

Über die Implikationen des Ausbaus von Anlagen zur Gewinnung von «grünem Wasserstoff» im Nordosten Brasiliens sprachen wir mit Rogéria Rodrigues. Sie ist Kunstpädagogin, Umweltaktivistin und seit 2002 Koordinatorin im Instituto Terramar, das Gemeinschaften in der Küstenregion Ceará begleitet und sich für die Einhaltung ihrer sozialen Rechte und den Schutz des Ökosystems einsetzt.

Das Interview führte Elisangela Soldateli Paim, Koordinatorin des lateinamerikanischen Klimaprogramms der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Der Nordosten Brasiliens ist unter anderem für sein Potenzial zur Erzeugung von Wind- und Sonnenenergie bekannt. Im Kontext der internationalen Klimadebatte und der so genannten Politik der «Entkarbonisierung der Wirtschaft» wird zusätzlich die Chance gesehen, die Region in ein Zentrum der Produktion und des Exports von «grünem Wasserstoff» zu verwandeln, um die Auslandsnachfrage zu decken. Wie bewertet ihr von Terramar diese Entwicklung?

Die meisten Umweltprobleme, die mit dem Klimawandel zusammenhängen, haben direkte Auswirkungen auf Bevölkerungsgruppen mit weniger Zugang zu Grundrechten. Unsere Meinung zu einer solchen «Entkarbonisierung der Wirtschaft» ist, dass wir nicht nur Alternativen heranziehen können, die auf die Reduzierung von CO2-Emissionen ausgerichtet sind. Vielmehr müssen wir gleichzeitig darüber nachdenken, wie wir auf faire und verantwortungsvolle Weise echte ökologische Nachhaltigkeit schaffen können. Das heißt eine Nachhaltigkeit, in der beispielsweise Gemeinden in entlegenen Gebieten nicht die Zielscheibe für große Wirtschaftsunternehmen sind. Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden auf von den Regierungen festgelegten Entwicklungsleitlinien beruht. Die Landesregierung, die die Wirtschaft von Ceará ankurbeln will, hat beispielsweise seit den 1990er Jahren die Umsetzung von Großprojekten gefördert – darunter Projekte zur Entwicklung des Massentourismus, der Garnelenzucht und eben auch des Baus von Windparks. Hervorzuheben ist auch speziell das Projekt Portuário do Pecém, das sich durch die Implementierung von sozial-ökologisch extrem schädlicher Industrie und Wärmekraftwerken enorm auf die Küstenzone von Ceará auswirkt. Die Umsetzung dieser Projekte hat die Spekulationen auf Land und Grundstücke erhöht, die zudem seit Beginn der Pandemie deutlich zugenommen hat.

Im Falle von Windkraftprojekten sind wir der Meinung, dass es sich um keine saubere Energie handelt, wenn die Anlagen auf dem Land der traditionellen Bevölkerung gebaut werden und diese stark betreffen. Zum Beispiel durch die Absenkung und Versalzung des Grundwassers; die Sperrung der Wasserstraßen, die die Ernährungsgrundlage für das Leben am Meer darstellen; die Desorientierung und den Tod von Zugvögeln und Fledermäusen, die für das ökologische Gleichgewicht wichtig sind. Und die rasche Verdunstung von Dünengrundwasserleitungen, die durch die Abflachung der Dünen verursacht wird. Die Anwohner*innen berichten auch über Risse an Hausstrukturen aufgrund des Transports schwerer Maschinen; über Erdarbeiten an Lagunen und Anbaugebieten, von denen sie ihre Nahrung beziehen, oder über die Zerstörung der Vegetation, die die indigene Bevölkerung mit Nahrung und Wasser versorgt. Dazu kommen soziale Auswirkungen: Anstieg der Prostitution, Jugendschwangerschaften, Drogenabhängigkeit unter Jugendlichen, Beschränkung der Bewegungsfreiheit der Menschen in ihrem Lebensraum, etc.

Es sind diese Art von Windkraftprojekten, die – zusammen mit Photovoltaik-Anlagen –die Energie zur Erzeugung von Wasserstoff liefern sollen. Daher ist es schwierig zu sagen, dass es sich dabei um «grünen Wasserstoff» handeln wird – angesichts all der Auswirkungen auf die traditionellen Gebiete, die ich gerade beschrieben habe. Darüber hinaus sollten wir den Nachhaltigkeitsaspekt auch in Bezug auf die Technologie selbst beurteilen, die zur Umwandlung dieser angeblich grünen Energie in Wasserstoff angewandt wird. Also hinsichtlich der im Elektrolyseprozess verwendeten Menge an Wasser sowie den Bedingungen für die Entsorgung dieses Wassers.

Wie steht Ihr zur brasilianischen Energiepolitik? Und welche Überlegungen gibt es zur Einbeziehung von Wasserstoff?

Die Internationale Organisation für erneuerbare Energien (IRENA) prognostiziert, dass bis 2025 sechs Prozent des weltweiten Energieendverbrauchs mit Wasserstoff zusammenhängen wird. In Brasilien beziehen wir auf Grund unserer Energiepolitik derzeit allerdings 53,9 Prozent der Energie aus nicht-erneuerbaren und nur 46,1 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Das zeigt, wie weit wir davon entfernt sind, die Vereinbarungen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen einzuhalten, und vor welch großer Herausforderung wir stehen, unsere Energiematrix zu überdenken.

Das Thema grüner Wasserstoff ist ein sehr neues Thema in Brasilien und wird bisher fast ausschließlich von Unternehmen, einigen Regierungsinstitutionen und vereinzelten sozialen Organisationen geführt. Es gibt zwei einschlägige Regierungsdokumente: eins vom Ministerium für Bergbau und Energie (MME) und eins vom Ministerium für Wissenschaft und Technologie (MCT). Beide unterstreichen die Notwendigkeit eines wachsenden Anteils erneuerbarer Energien zur Verringerung der Umweltauswirkungen, insbesondere der Verbrennung fossiler Brennstoffe und befassen sich mit der Aufnahme von Wasserstoff in die brasilianische Energiematrix. Gleichzeitig werden sowohl seitens der Regierung als auch seitens der Privatwirtschaft Studien zur Verbesserung der Infrastruktur zur Erzeugung von Wasserstoff gefördert und mehr in Technologien investiert.

Während diese konkreten Vorschläge zur Aufnahme von grünem Wasserstoff in die brasilianische Energiematrix existieren, vernehmen wir in der öffentlichen Debatte bisher grundsätzlich kaum ernsthafte Bedenken hinsichtlich der negativen Umweltauswirkungen der Energieproduktion, auch nicht was die nicht-erneuerbaren Energien angeht. So deuten die Zahlen des Energieausbaus in Brasilien beispielsweise auf eine signifikante Zunahme des Verbrauchs von fossilen Brennstoffen und Uran hin, ohne dass man sich darum sorgen würde, damit einen großen Teil der Bevölkerung – insbesondere die traditionellen Gemeinden – den damit einhergehenden Umweltschäden auszusetzen. Wenn wir also die nationalen Regierungspläne, die Wind- und Solarenergie auszubauen, kritisieren, versucht man meistens, uns zum Schweigen zu bringen, weil wir uns für die Erhaltung der Ökosysteme und des Lebensstils dieser Bevölkerungsgruppen einsetzen. Wir weisen immer wieder darauf hin, dass eine nachhaltige Entwicklung nur mit sozialer Gerechtigkeit sowie mit Technologien und sozial- und umweltverträglichen Produktionsformen funktioniert, die der Bevölkerung zugänglich sind.

Sind Projekte zur Erzeugung von «grünem Wasserstoff» in der nordöstlichen Region Brasiliens, insbesondere in Ceará, geplant? Welche Akteure und Interessen stehen dabei im Vordergrund?

Ja, diese Pläne gibt es. In einem kürzlich veröffentlichten Artikel der Tageszeitung Diário do Nordeste wurde der Beauftragte für wirtschaftliche Entwicklung und Arbeit des Bundesstaates Ceará, Maia Júnior, zitiert, dass nun auch jene Energieformen nach Ceará kämen, die in Folge des Ausstiegs aus dem Erdöl Marktanteile gewinnen sollten – wie beispielsweise der grüne Wasserstoff. Im Februar habe er eine Absichtserklärung mit dem australischen Unternehmen Energix unterzeichnet, in Pecém eine Anlage für diesen Kraftstoff zu bauen. Mit einer Investition von 5,4 Milliarden Real. Eine zweite Anlage werde ebenfalls verhandelt und die Vereinbarung könne bis Ende des Monats unterzeichnet werden. Laut dem Sekretär haben mindestens zehn Gruppen, die daran interessiert sind, im Bundesstaat Ceará in grünen Wasserstoff zu investieren, Gespräche mit der regionalen Regierung aufgenommen.

Wir verstehen, dass grüner Wasserstoff als eine nachhaltige Technologie zur Reduzierung der CO2-Emissionen wahrgenommen wird. Das geplante Förderungsmodell folgt letztlich allerdings demselben Weg wie alle anderen Energieförderungsmodelle auch. Das heißt, es berücksichtigt nicht die Rechtsverletzungen, die die betroffenen Bevölkerungsgruppen in Zusammenhang mit der Erzeugung von Windenergie erleiden, die dieser neuen Brennstoffzellentechnologie zu Grunde liegen soll. Während die Industrie und die Landesregierung in Ceará also große Erwartungen in die Produktion dieses grünen Wasserstoffs setzen, betrachten wir die Ausweitung der On- und Offshore-Windenergieanlagen sowie die Pläne für weitere Photovoltaikparks mit Sorge. Mindestens vier Genehmigungsanträge für maritime Windkraftanlagen liegen derzeit dem brasilianischen Umweltinstitut (IBAMA) vor. Der Punkt ist, dass diese Projekte in Gebieten der nicht-industriellen, traditionellen Subsistenzfischerei umgesetzt werden sollen. Und es gibt keine Studien zu den Auswirkungen auf die empfindlichen marinen Ökosysteme mit reichhaltiger Tier- und Pflanzenwelt, die sich entlang fast des gesamten Küstengebiets von West-Ceará ziehen.

Rogéria Rodrigues ist Kunstpädagogin, Umweltaktivistin und seit 2002 Koordinatorin im Instituto Terramar, das Gemeinschaften in der Küstenregion Ceará begleitet und sich für die Einhaltung ihrer sozialen Rechte und den Schutz des Ökosystems einsetzt.

Inzwischen haben sich große Unternehmen das Feld der erneuerbaren Energien als Instrument zur Kapitalakkumulation angeeignet, legitimiert durch den Verweis auf die Klimawandeldebatte. Was versteht Ihr von Terramar als «erneuerbare Energien»?

Unserer Meinung nach gibt es im Bereich der erneuerbaren Energien keine tatsächlich saubere Energie. Wir sagen das so, weil jede einzelne dieser Technologien bestimmte Komponenten erfordert, die meistens aus dem Bergbau stammen und deren Produktion mit der Ausbeutung bestimmter Bevölkerungsgruppen einhergeht. Aus Sicht von Terramar müssen wir über eine menschenorientierte Energiewende nachdenken, in der die Bevölkerung Zugang zu den Technologien hat und die Produktion auf der Mikroebene selbst steuert. Wir müssen ein solidarisches und demokratisches Modell anstreben, das die Menschen einbezieht, sie zu Subjekten werden lässt und ihnen die Freiheit und Souveränität gibt, in ihren traditionellen Gebieten zu leben. Letztendlich dürfen wir nicht vergessen, dass all diese Produktionsmodelle der aktuellen Energiematrix in ihrer direkten Ausgestaltung Umweltrassismus implizieren. Es gibt zum Beispiel keine wohlhabenden Menschen oder Menschen mit einer beträchtlichen Kaufkraft, die aus ihren Wohngebieten umgesiedelt werden oder deren kulturelles Erbe und Lebensgrundlage von großen Windkraftunternehmen verletzt werden. Stattdessen betreffen all diese Projekte die traditionellen Gebiete, die dadurch zu Konfliktgebieten werden.

Fälle von Rechtsverletzungen und territorialer Enteignung von traditionellen Gemeinschaften im Rahmen von Projekten erneuerbarer Energie in Ceará sind gut dokumentiert. Wie ist es angesichts der potentiellen Ausweitung von Solar- und Windenergieparks zur Versorgung der Wasserstoffproduktionskette möglich, den bestehenden Widerstand – insbesondere auch auf internationaler Ebene – zu artikulieren?

Für uns vom Instituto Terramar gibt es kein spezielles Rezept dafür, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Wir müssen über die menschliche Existenz an sich nachdenken, denn den Weg können wir nur finden, indem wir ihn gehen. Obwohl unser Team recht klein ist, sind wir sehr engagiert und bemüht, den Informationsfluss ständig aktuell zu halten. Wir erachten den Zugang zu Wissen und Informationen darüber, welche Projekte es gibt und wie sie und ihre Technologien sich auf die jeweiligen Gebiete auswirken, als sehr wichtig. Wissen zu vermitteln, bedeutet, Menschen zu befähigen. Der Erfahrungsaustausch und die Netzwerkarbeit zwischen betroffenen Gebieten und Partnern bringt neue Hoffnung und bietet den Bewohner*innen der Gemeinden eine Möglichkeit, stark zu bleiben – trotz all der Bedrohungen, Nöte und Rechtsverletzungen.

Eine Strategie, die wir für gesund halten, ist, angesichts solcher Rechtsverletzungen nicht zu schweigen. In diesem Sinne sind Kampagnen und an Justiz- und Menschenrechtsorgane gerichtete Klagen von zentraler Bedeutung. Die Küstenbevölkerung steht vor der Herausforderung, auf internationaler Ebene anklagende Strategien zu entwickeln, die Druck auf den Staat und diejenigen Investoren ausüben, die in bestimmten Gebieten dieses Szenario der Hoffnungslosigkeit erzeugen. Es ist zu betonen, dass die Erstellung akademischer Studien die Existenz und Bedeutung dieser Ökosysteme als Grundlage für die Herstellung ökologischer Lebensmittel stärkt. Immerhin stammen 80 Prozent der Fische auf den urbanen Märkten aus der nicht-industriellen Kleinfischerei und der größte Teil des Trinkwassers im Bundesstaat Ceará kommt aus den Grundwasserspeichern dieses Küstengebiets. Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren und sollten an eine Revolution glauben, die von den Kleinbäuer*innen, Fischer*innen, Quilombo-Bewohner*innen und Indigenen ausgeht, den Lebensstil dieser Bevölkerungsgruppen stärkt und Umweltgerechtigkeit schafft.